Ich halte es für keine ganz schlechte Lebensphilosophie, unser menschliches Leben als Improvisationstheater aufzufassen.

Diese Auffassung hat nicht Folgen dafür, wie wir unsere gesellschaftlichen Institutionen gestalten (und wie nicht). Also nicht nur politische Konsequenzen.

Die Auffassung unseres Lebens als Improtheater hat auch Folgen für unseren Alltag. Also auch ethische Konsequenzen.

Denn ein nicht ganz unwichtiger Bestandteil der Impro-Philosophie, ein Bestandteil, ohne den keine gemeinsame Improvisation jemals gelingt, ist die Grundhaltung:

SAG JA!

„Sag Ja!“ – Was heißt das? Was ist damit gemeint?

Im Kontext von Improvisationstheater heißt das, dass wir einen erlernten, starken Grundimpuls überwinden, von dem wir uns sonst oft beherrschen lassen: Den Grundimpuls anderen zu widersprechen. – Also erst einmal, aus Prinzip, aus Reflex dagegen zu gehen. Aus jenem Reflex heraus, der uns Dinge sagen lässt wie: „Aber hast Du schon daran gedacht, dass…“

Hinter diesem Grundimpuls zum unmittelbaren Widerspruch steckt in der Regel eine gute Absicht: Wir wollen die Dinge „ins Gleichgewicht bringen“ – Doch leider wirkt sich dieser Grundimpuls nicht so aus, wie von uns beabsichtigt: Durch unseren Widerspruch bestärken wir unsere Mitmenschen darin, bei dem zu bleiben, was die Welt (unserer Meinung nach) aus dem Gleichgewicht bringt. Denn für unsere Mitmenschen stellt sich der Vorgang genau umgekehrt dar: WIR bringen aus ihrer Sicht die Welt durch unser Verhalten aus dem Gleichgewicht. Und nun müssen SIE ihre Anstrengungen verdoppeln, die Welt wieder ins Lot zu bringen. Um so stärker wir also widersprechen, um so mehr bestärken wir sie in dem Verhalten, von dem wir sie abbringen wollen. Die soziale Variante von „Jede Kraft erzeugt eine Gegenkraft.“

Auf diese Weise kommt zwar auch jede Menge Theater zustande. Aus der Sicht des Improtheaters ist das, was so zustande kommt aber schlechtes, langweiliges Theater. Die ewigen Kämpfe, in die wir so miteinander geraten, mögen sich in ihren Waffen und Rüstungen abwechseln. Aber sie sind recht vorhersehbar. Eine ewige Wiederkehr des Gleichen. Ohne Fortschritte. Ohne wirkliche Veränderungen. – Von den beständig unguten Gefühlen, die wir bei dieser Art des Theaters haben, ganz zu schweigen.

Im Improtheater trainieren wir uns daher stattdessen einen anderen Reflex an, vorsätzlich:

Egal, was uns unsere Mitmenschen entgegenbringen, egal, was sie sagen oder tun, wir umarmen erst einmal, was da Menschlich-Allzumenschliches auf uns zukommt. Wir stoßen es nicht unmittelbar vor den Kopf. Wir behaupten uns nicht. Wir kämpfen nicht um Status. Denn wenn wir das tun, ist das „WIR“, ist das gemeinsame Stück bereits verloren: Das WIR des Improtheaters entsteht dann überhaupt erst gar nicht.

Wohl entsteht auch durch unser unmittelbares „Nein!“ ein sozialer Zusammenhang. Und auch dieser soziale Zusammenhang kann stark und leidenschaftlich sein. Aber es ist dann eben der soziale Zusammenhang von Konfliktparteien in einem Krieg.

Fehlende Abgrenzung?

Für die notorischen Nur-Ja-Sager, Nicht-Nein-Sagen-Könner unter uns könnte die vorsätzliche Haltung des Improtheaters ein tödlicher Reflex sein. – Wenn es bei ihm bliebe.

Denn die Sag-Ja-Philosophie des Improtheaters schließt Negationen keineswegs aus. Die Improphilosophie beginnt nur nicht mit ihnen. Sie greift die Energie auf, die da kommt und macht etwas mit ihr, anstatt reflexartig dagegen zu gehen und die Kraft, der sie begegnet, brechen zu wollen. – Improtheater ist sozusagen Tai-Chi im Zwischenmenschlichen.

Ein „Nein“ im Impro-Stil, in der antrainierten Impro-Haltung sieht dann z.B. so aus:

Eine Chefin kommt Freitag nachmittags an den Platz einer Mitarbeiterin:

„Könntest Du noch eben schnell … – Es ist sehr wichtig, dass das heute noch rausgeht!“

Mitarbeiterin, hat eine für sie wichtige Verabredung, die sie canceln müsste, würde sie diesen Auftrag annehmen:

„Ja stimmt, hab ich mir auch schon gedacht, dass das heute noch gemacht werden muss. Sonst können wir den Zeitplan ja gar nicht halten… (kurze Pause) …es ist nur… (wird emotional, mit erstickter, erkennbar um Fassung bemühter Stimme) ich pack das heute einfach nicht mehr… …gibt es denn irgendwas, wie wir…?“

Oder:

Eine Chefin kommt Freitag nachmittags an den Platz einer Mitarbeiterin:

„Könntest Du noch eben schnell … – Es ist sehr wichtig, dass das heute noch rausgeht!“

Mitarbeiterin, hat eine für sie wichtige Verabredung, die sie canceln müsste, würde sie diesen Auftrag annehmen:

„Ja! – (steigert allmählich die emotionale Intensität bis ins leicht Aufbrausende) Ist das denn IMMER noch nicht gemacht? Ich fasse es einfach nicht! Seit Wochen arbeiten wir darauf hin und niemand hat daran gedacht, sich darum zu kümmern!? Das ist WICHTIG! Sonst geht uns das ganze Projekt auf Grundeis! (Pause, Wirken lassen, dann, deutlich ruhiger:) Aber weißt Du, wenn ich da jetzt noch schnell drüber hudere, da hab ich echt kein gutes Gefühl… …dafür ist das echt zu wichtig. Und ich bin jetzt, am Freitag Abend auch schon etwas mit den Nerven runter…“

Oder:

Eine Chefin kommt Freitag nachmittags an den Platz einer Mitarbeiterin:

„Könntest Du noch eben schnell … – Es ist sehr wichtig, dass das heute noch rausgeht!“

Mitarbeiterin, hat eine für sie wichtige Verabredung, die sie canceln müsste, würde sie diesen Auftrag annehmen:

„Ja! Mensch, gut dass Du damit ankommst, dass müssen wir wirklich heute noch fertig machen. (Pause) Es ist nur so: Ich muss jetzt sofort weg. Ist leider völlig unaufschiebbar bei mir. Sonst würde ich mich auf jeden Fall jetzt gleich noch dran setzen. Was machen wir da jetzt nur…?“

Impro als Lebensphilosophie zu haben, bedeutet also, dass wir uns unsere erlernte sturschädlige Negativität abtrainieren und unseren Kampfreflexen nicht nachgehen.

Und dass wir zugleich ganz genauso unsere erlernte Harmoniesucht nicht unser Verhalten beherrschen lassen. Dass wir nicht einfach „Ja und Amen“ sagen, wenn es für den anderen schwierig wird. Dass wir also auch unseren Flucht- und Unterwerfungsreflexen nicht nachgehen.

Denn beides: Kampf und Flucht/Unterordnung sind beides jeweils nur unterschiedliche Formen eines Verhaltens, mit dem wir aus der Beziehung gehen. Mit dem wir die Beziehung verlieren. Mit dem gar keine gute Beziehung mehr möglich ist, eine gute Beziehung, die wir dafür brauchen, um das Improspiel gemeinsam in Gang zu halten.

Wir negieren also gleichermaßen Kampf und Unterwerfung, um ein „Wir“ zu erhalten, in dem unsere Individualität nicht untergeht, ein Wir, in dem wir unsere Verschiedenheit nicht ersticken und unterdrücken. Ein Wir, in dem wir verschieden bleiben und uns dennoch beständig miteinander verbinden. Auch deswegen ist Impro ein so ganz besonderes Theater, wenn wir es gemeinsam auf unsere Bühne bringen.

Eine Energiefrage

Was Impro aber neben etwas Training immer auch braucht, ist Energie. Denn wenn wir gerade überarbeitet sind, müde sind, über alle Maßen gestresst sind, verlieren wir unsere natürlichen-kultivierten Improvisationsfähigkeiten. Dann werden wir stets reflexartig kämpfen oder gehorsam sein.

Impro als Lebensphilosophie ist darauf angewiesen, dass wir in den meisten Situationen noch eine gewisse Grundspannung haben, eine leichten Überschuss an Kraft, den wir in ein gelingendes Beziehungsgeschehen stecken. Dass wir für uns das Ja und das Nein und seine Trennbarkeit klar haben. Das ist ein Aufwand. Das kostet Kraft und die muss für uns noch verfügbar sein. Positiv gesagt: Wenn dieser kleine Überschuss verfügbar ist, ist Impro immer möglich.

Damit zeigt sich die Improhaltung im Grunde auch als eine Variante, wenn nicht sogar als die natürliche Ausprägung eines empathischen Beziehungsverhaltens. Denn auch empathisches Verhalten braucht diese Grundkraft. Und auch empathisches Verhalten besteht in diesem Ja und Nein, das nicht als Widerspruch aufgefasst wird.

Ein doppeltes JA!

Wie kann das aber sein? Dass „Ja und Nein“ keine Widersprüche sind. d.h. dass sie von niemandem in der Situation als solche erlebt werden?

Der „Trick“ bei dem ganzen ist wohl, dass jenes „Nein“ als das erkennbar gemacht wird, was es eigentlich ist: Ein weiteres Ja. Ein gleichzeitiges Ja. Ein Ja auch zu mir selbst.

Impro ist damit – wie wir in unserem konstruierten Beispiel gesehen haben – keineswegs festgelegt auf diese oder jene konkrete Reaktion. Eher ist es eine allgemeine Form, aus der alle möglichen konkreten Verhaltensweisen hervorgehen können. Impro besteht im Kern aus einer Art „Doppeltem JA!„: Aus einem Ja! zu dem, was Menschliches von Außen auf uns zukommt und aus einem ebenso fetten JA! zu dem, was Menschliches von Innen auf uns zukommt.

Im Improvisationstheater praktiziert eine beständige doppelte Bejahung von Außen- und Innenimpulsen und die spontane Reaktion aus dieser doppelten Bejahung heraus. – Und nur weil es besser funktioniert, zeigen wir äußerlich zunächst das Ja zu dem von Außen auf uns zukommenden Impuls. Nehmen wir ihn erkennbar offen in Empfang und Bejahen diesen Außenimpuls überdeutlich und offensiv.

Ich signalisiere also in der Impro-Lebensphilosophie wann immer ich kann: „Ja! Du bist mir nicht egal! Deine Gefühle, Bedürfnisse, Wünsche, Vorschläge sind wichtig!

Und ich handele zugleich in guter Verbundenheit mit mir selbst. Mit meinen Gefühlen und Bedürfnissen. Mit meinen Innenimpulsen.

Genau aus dieser Spannung, die aus dieser doppelten Bejahung hervorgeht und die wir oft nehmen als ein: „Das geht aber doch gar nicht! Ich muss mich hier doch jetzt ENTWEDER für Dich und gegen mich entscheiden ODER für mich und gegen Dich!“, genau aus dieser Spannung gehen neue spontane Impulse hervor. Aus der Situation der doppelten Bejahung heraus, die wir bewusst, die wir vorsätzlich erzeugen.

Genau darum ist Impro so überraschend, so innovativ. Ohne die Spannung, die das doppelte JA! in uns erzeugt, könnte Impro niemals so erfrischend sein. Ohne die reflexartige Bejahung des Anderen und die zeitlich nachgelagerte Bejahung „meines Inneren“, die jedoch noch in der gleichen Situation erfolgt, könnte die Improphilosophie nichts Neuartiges hervorbringen.

Für gelingende zwischenmenschliche Kooperation ist Impro stilbildend: Wo immer aus der Zusammenarbeit von Menschen Neues hervorgeht, ist das Impromuster am Werk: Die Beziehungspartner bejahen sich wechselseitig erkennbar und offensiv – Und bringen auf diese Weise Eigenimpulse ins Geschehen ein, die keine Abwehr erzeugen, keinen Kampf, keine Flucht, keine Unterwerfungen.

Überall dort, wo Menschen gemeinsam neuartige Lösungen finden, ist die Improphilosophie am Werk (-  mag sie nun bewusst sein oder nicht, mag sie nun so oder auch völlig anders genannt werden).

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