Im Spiegel sind gerade zwei typische öffentliche Beiträge zu bestaunen. „Typisch“ sind sie, weil sie das Kampfparadigma, in dem sich unsere Gesellschaft ohnehin schon die ganze Zeit über befindet, weiter befeuern.

Die Autoren dieser Beiträge würden das vermutlich anders sehen. Sowohl der Autor des Rufs nach „Widerstand“. Als auch die Autorin, die wiederholt dazu aufgerufen hat, dass sie uns gerne „kämpfen“ sehen will.

Warum beruhigen mich solche Aufrufe nicht im geringsten? Warum freut mich so etwas kein bisschen? Warum bin ich nicht erleichtert oder vielleicht sogar begeistert zu hören, dass da draußen andere sind, die „kämpfen“ wollen? Denn das ist ja „mein“ Milieu, das da zu den Fahnen ruft. Ein Milieu, das möglicherweise genau deswegen solche Aufrufe verfasst, weil es (auch) Menschen wie mich vor Schaden beschützen möchte.

Der Grund ist wohl: Ich sehe wenig Sinn in der noch weiteren Verschärfung irgendwelcher Gegensätze zwischen uns Menschen. Kämpfe führen aber immer zu solchen Verschärfungen. Und was passiert in Kämpfen immer als erstes? Menschen, die vermittelnde Positionen einnehmen, Menschen, die Kontakt zu beiden „Lagern“ halten, gehen in solchen Bürgerkriegen immer als erste drauf. Wenn es hart auf hart kommt, beschützt sie keiner. Sondern sie stehen auf beiden Seiten im Verdacht, „Verräter an der guten Sache zu sein“. „Lauwarm“. „Nicht engagiert genug“. „Saboteure“. „Der schlimmste Abschaum, der dem Bösen am meisten hilft, überhaupt erst an die Macht zu gelangen“. Kurz: Beide Seiten in Kämpfen halten alle Menschen, die vermitteln wollen, für noch schlimmer als die Menschen auf der schlimmen anderen Seite, die bekämpft werden soll.

Und das ebenfalls aus gutem Grund: Solche Menschen bedrohen nämlich das Kampfparadigma selbst. Sie stellen den Sinn des Kampfes, den Sinn von Grüppchen- und Lagerbildung infrage. Es ist wie in der U-Bahn, wenn sich zwei Streihanseln in die Haare geraten. Gehst Du dazwischen, ganz allein, dann hast Du beide gegen Dich. Erst machen Sie Dich platt und danach wieder einander. Oder sie gehen danach, mit an Dir heruntergekühltem Mütchen, gemeinsam ein Bier trinken.

Das Bild, das Menschen, die uns für „Kämpfe“ begeistern wollen, haben, ist immer das gleiche: Schlechte Dinge passieren deswegen, weil sich nicht früh genug ein Widerstand aufgebaut hat, um schlechte Menschen davon abzuhalten, Macht zu erwerbern und mit dieser Macht schlechte Dinge zu tun. – Man muss nun ganz dringend durch Kampf dafür sorgen, dass die Bösen von der Macht vertrieben werden und dadurch einfach „die Guten“ ans Ruder kommen.

Systemische Überlegungen zur Problematik von Macht und wie sie sich auf menschliche Beziehungen auswirkt, sucht man bei Menschen, die zu Kampf und Widerstand rufen vergeblich. Also etwa, dass sowohl Machterleben als auch Ohnmachtserleben uns Menschen zuverlässig korrumpiert, egal zu welchen gesellschaftlichen Gruppen wir zufällig gehören. Oder dass Machtasymmetrien empathische Beziehungen strukturell unmöglich machen. Oder dass Parteibildungen für gute Beziehungen, für gute Entwicklungen und sogar für gesellschaftliche Innovationen stets schädlich und niemals förderlich sind. – Alles aus benennbaren Gründen, die leicht einzusehen will. Wenn man eben systemisch auf Machtkämpfe schaut. Und nicht schon längst mittendrin ist. Wenn man selber nicht längst schon Konfliktpartei ist, tief verstrickt im Freund-Feind-Paradigma. Das Problem verschärfend, zu dessen Lösung man eigentlich beitragen will.

Wer mittendrin steckt, kann nicht mehr sehen und will meist auch gar nicht mehr sehen, dass der Mensch, dessen „böse“ Bestrebungen er bekämpft, „nebenher“ auch noch vieles andere ist als eben nur jenes Feindbild, dass man sich von ihm machen muss, um Kampf für eine sinnvolle Tätigkeit zu halten. Oder vielleicht sogar für eine ethische Pflicht.

Dass das Ziel: Gute Beziehungen nicht durch Aktivitätsformen erreicht werden kann, die gute Beziehungen unmöglich machen oder sogar vorhandene gute Beziehungen zerstören, sollte eigentlich leicht einzusehen sein. – Aber all das interessiert Kämpfer für die gerechte Sache eben nicht. Sie wollen keine gute Beziehungen. Obwohl die Vision, für die sie sich derart gewalttätig einsetzen, sich bei näherem Hinsehen stets als eine Welt entpuppt, in der plötzlich gute Beziehungen herrschen. Entweder weil der böse Feind endlich vernichtet ist. Oder weil er eben durch Gewalt zur Vernunft gebracht wurde.

Die Realität des Kämpfens sieht dagegen so aus: Kampf zieht Kampf nach sich. Ganz gleich, wer gerade „obenauf“ ist, ganz gleich wer gerade „siegt“: Der Verlierer wartet gedemütigt irgendwo auf seine Chance auf „Rache“. Und dann „geht der Kampf weiter“.

Man könnte, wenn man das will, heute wissen, dass alles Kämpfen völlig idiotisch ist. Dass es für uns heute darum geht, gemeinsam Institutionen zu schaffen, die ALLE Kämpfe zwischen uns unnötig und überflüssig machen. Die die Gesellschaft in einen kooperativen und empathischen Kontakt mit sich selber bringen. Und „die Gesellschaft“, das sind eben auch WIR ALLE. Folglich müssen die gesuchten Institutionen UNS ALLE in einer Form in Kontakt miteinander bringen, in der Empathie zwischen uns allen überhaupt stattfinden kann. In den Kampfparteien begegnen sich hingegen immer nur Gleichgesinnte. Der Zusammenschluss der Einen ist in „Parteien“ zugleich der Ausschluss der Anderen. Man schließt sich ja gerade „gegen die Anderen“ überhaupt erst zusammen. Das ist die Natur des Kampfes. Gute Soldaten kennen daher durchaus Empathie. Aber eben immer nur „mit ihrer eigenen Truppe“.

Die Lüge, der alle braven Soldaten anhängen, ist aber ebenfalls stets die gleiche: Dass es auf der Welt nur solche ausschließende Zusammenschlüsse geben könne. Dass eben überhaupt keine menschliche Einheit möglich sei, die sich nicht gegen eine andere menschliche Einheit herausbildet. Dass „für uns“ zugleich immer heißen muss: „gegen die“.

Wir können heute längst wissen, wenn wir das wollen, dass es durchaus solche Institutionen gibt, die genau das leisten. Dass wir sie jederzeit gemeinsam aus der Taufe heben und gemeinsam betreiben können. Aber niemand, der glaubt, dass Kampf eine sinnvolle Aktivität ist, wird je auch nur nach solchen Institutionen suchen oder fragen. Sie machen ihm ja seinen Kampf kaputt. Sein ganzes „Engagement“. Sein ganzes Heldentum.

Ich habe mich von unzähligen Menschen, denen ich über die Jahre begegnen durfte, nach und nach überzeugen lassen: Die Zukunft gehört jenen Menschen, denen es bereits heute gelingt, keine Feinde mehr zu haben.

Und daher wünsche ich allen heutigen „Kämpfern“ vor allem anderen eins: Eine handfeste, sie tief demoralisierende Sinnkrise. Einen niederschmetternden Zweifel am Sinn ihres Kampfes. Damit auch ihnen endlich wieder die Zukunft gehört.

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