In unserem Umgang mit unseren Kindern scheint es viel darum zu gehen, dass wir sie „nicht brechen“. Es geht dann dabei darum, dass sie „intakt“ bleiben, während sie Dinge lernen, von denen wir Erwachsene glauben, dass sie sie eben dringend lernen müssen.

Ich frage mich gerade, ob es nicht noch bessere Bilder dafür gibt, was im Guten wie im Schlechten zwischen uns Erwachsenen und unseren Kindern geschieht. Auch das Bild vom „Brechen“ scheint mir diese Vorgänge eher noch zu sehr einseitig aus der Erwachsenenperspektive zu begreifen.

Wenn wir davon ausgehen, dass unsere Kinder keine „leeren Gefäße“ sind, die „gefüllt werden müssen“, sondern dass sie von Anfang an „voll“ sind, auf jeden Fall voller Eigenimpulse und Eigengerichtetheit (autononome, zugleich fundamental von uns Abhänge „Systeme“), dann ist es eher so, dass wir unsere Kinder durch unser Verhalten ihnen gegenüber mehr oder weniger verwirren können.

Viele von uns sind am Ende all ihrer „Erzogenheiten“ (wobei wir auch infrage stellen können, ob „erzogen werden“ in unserem Leben jemals wirklich aufhört) jedenfalls ziemlich verwirrt: Sie haben den Kontakt zu ihren Eigenimpulsen sehr weitgehend verloren. Sie wissen nicht mehr, was sie selber wollen.

Und das kommt so: Wenn ein Kind an seine Erwachsenwelt herantritt, von der es im Grunde „angemessene Spiegelung“ erwartet, wird es – wenn man die kindliche Eigengerichtetheit beachtet – mit völlig unpassenden Reaktionen seitens uns Erwachsenen konfrontiert.

Wir Erwachsene haben nämlich oft – ob bewusst oder unbewusst – irgendwelche „Erziehungsziele“ im Kopf, Bilder davon, wie das Kind zu seinem eigenen Wohl und dem der Gesellschaft werden soll oder werden muss. Daher „ziehen“ wir es in diese Richtung. Oft mit Drohungen oder Versprechungen.

Welche Probleme genau haben unsere Kinder mit uns Erwachsenen? Aus ihrer eigenen Perspektive? In ihrem eigenen Erleben?

Nun ist es wichtig zu verstehen, wie sich solche Vorgänge im Erleben der Kinder gestalten. Was genau daran für sie „schlimm“ ist. Oder was genau daran für sie eigentlich so problematisch ist. – Mir kommt es zunehmend so vor, dass daran eben nicht vor allem das schlimm ist, was wir Erwachsene oft glauben: Dass da ein starker Impuls von uns kommt, der sich im Grunde von unseren eigenen, von Erwachsenenbedürfnissen herleitet und in ihnen wurzelt. – Damit können Kinder in den allermeisten Fällen sehr gut umgehen. Wie auch anders? Sie werden ja in eine Welt hineingeboren, die voller solcher Erwachsenenimpulse und Erwachsenenbedürfnisse ist. Würden Kinder DAMIT nicht gut klar kommen, hätten wir alle ein Riesenproblem. Ein unlösbares Problem. Aber so ist es menschseidank nicht.

Problematischer ist ein anderer Aspekt: Kinder sehnen sich nach angemessener Resonanz ihrer Eigenaktivitäten. Und greifen damit bei uns oft ins Leere. Manchmal einfach deswegen, „weil wir nicht richtig da sind“. Wir sind also gerade müde, abgearbeitet, Sorgenbeladen, in Gedanken. Wir sind nicht „geistesgegenwärtig“. Das ist traurig für Kinder. Aber auch damit kommen sie in der Regel gut klar, wenn es auch häufig genug andere Momente gibt, in der wir voll bei ihnen sind, mit ihnen mitgehen, sie mitnehmen, auf sie eingehen. Mit ihnen spielen.

Doch wenn wir – mit den Bildern von einem guten Menschen, einem guten Erwachsenen im Kopf – an unseren Kindern herumerziehen, dann entgeht uns in der Regel zweierlei, was bei uns Kindern bereits angelegt, was „da“ ist. Und das ist dann tatsächlich fatal, bzw. sehr verwirrend für unsere Kinder: Dass wir sie uns „schlechter“ denken als sie in der Realität sind.

Denn was ERSTENS angelegt ist, sind eben Eigenimpulse zum Ausprobieren, Wachsen, Lernen-Wollen. Kinder sind von Anfang an wahre Lernmaschinen. Jedes Spiel, jedes Interesse, jedes vermeintlich sinnlose Herumgestochere und Herumgezicke birgt für sie tausend Lernerfahrungen, mit der sie ihre Umwelt antesten, schmecken und sich ihren Reim auf die Reaktionen machen, die sie damit hervorrufen. Kinder SIND Selbstwirksamkeit, von Anfang an. Wenn wir sie nicht verwirren.

Und ZWEITENS sind unsere Kinder von Anfang an hochkooperativ: Kinder wünschen sich glückliche, zufriedene Erwachsene um sie herum. Durchaus aus Eigennutz: Denn es geht es den Erwachsenen selber gut, sind diese auch in der Lage, auf sie deutlich besser einzugehen. Wir haben dann deutlich mehr Spaß miteinander, erfüllendere Erfahrungen. Kinder können dann mit und von Erwachsenen viel besser lernen, wenn es diesen Erwachsenen für sich selbst gut geht. Wenn sie mit sich in Kontakt sind. Wenn diese Erwachsenen selbst „unverwirrt“ sind.

Das bedeutet wiederum: Kinder haben kein Problem damit, dass wir Erwachsene Bedürfnisse haben, dass es uns z.B. wichtig ist, dass das Kind aufmerksam links und rechts schaut, bevor es über die Straße geht. – Ist der Impuls, der von uns kommt, klar und stark genug, respektieren Kindern ihn ganz automatisch.

Viel verwirrender als solche „Konfrontation“ mit Erwachsenenbedürfnissen ist für Kinder, wenn ihre eigenen Bedürfnisse und Ausprobier-Impulse, sie umzusetzen und ihnen gerecht zu werden, konsequent ignoriert und missverstanden werden. – Wenn wir Erwachsene bei unseren Kindern also überhaupt nicht wahrnehmen, was bei ihnen vor sich geht. Was sie gerade „eigentlich“ tun.

Zusammenfassend: Unsere Kinder haben kein Problem damit, dass wir Erwachsene „voll“ sind. Voller Bedürfnisse. Unsere Kinder haben ein Problem damit, dass wir denken, sie selber seien „leer“. Dass wir ihre Fülle ignorieren. Dass wir nicht auf sie eingehen. Dass wir unangemessen auf sie eingehen. Dass wir keine Freude an der Freude unserer Kinder an sich selbst haben. Dass wir ihre ersten, zweiten, dritten und vierten Schritte bei ihrem Selbstwirksamkeitserleben nicht spiegeln und nicht verstärken.

Unsere Kinder haben ein Problem damit, dass wir sie überhaupt nicht richtig wahrnehmen. – Aus welchen Gründen auch immer.

Aus Sicht der Kinder sind Vorgänge misslingender Kinder-Erwachsenen-Interaktion daher wahrscheinlich weniger so, als ob wir Erwachsene Mauern wären, an denen sie sich als Kinder wie Wellen brechen, sondern eher so, dass sie selber Flüsse sind, die niemals in unser Meer finden, sondern ständig immer wieder ins Leere laufen. Es kommt kein „Spiel“ zustande, obwohl sie uns beständig Spielangebote machen. Und ziemlich intelligente Angebote dazu. Aus der Kind-Eigenlogik heraus betrachtet.

Die Kunst, das, was von unseren Kindern kommt, von ganz alleine, wahrzunehmen und zugleich mit sich selbst in guter Resonanz zu sein; die Kunst, Kinderbedürfnisse und Erwachsenenbedürfnisse nicht als grundsätzlichen Widerspruch zu sehen, sondern als sich ständig veränderndes Zusammenspiel, diese Kunst beherrschen bisher nicht ganz so viele erwachsene Menschen.

Kinder erleben also ständig: sich merkwürdig, sich ziemlich verrückt verhaltende Erwachsene. Erwachsene, die nicht auf das antworten, was bei ihnen da ist. Erwachsene, die sie gar nicht richtig wahrnehmen. Erwachsene, die glauben, sie seien gar keine richtigen Personen: Mit eigenen Gefühlen, Bedürfnissen, Gedanken, Plänen, Impulsen, Ethiken. Von Anfang an. Und daher sind wir alle als Erwachsene dann so verwirrt. Wir alle haben die harte Schule durchlaufen, wie wir mit solchen mächtigen, aber eben auch mächtig verwirrten Wesen dealen und klar kommen können.

„Erziehungsergebnisse“

Begegnen wir aber, gelegentlich, einem Menschen, der als Kind viel von Erwachsenen umgeben war, die auf ihn beständig eingegangen sind, ohne dabei ihre eigenen Bedürfnisse zu unterdrücken, zu verleugnen, sich also vor diesem Kind selbst als „Personen“ ungreifbar zu machen, begegnen wir, gelegentlich, einem Menschen, der als Kind in seiner eigenen Verfassung verstanden und verstärkt wurde, dann merken wir sofort den Unterschied:

Wir haben dann einen Menschen mit klaren Impulsen (bei allen natürlichen menschlichen Ambivalenzen und Gleichzeitigkeiten) vor uns. Jemanden, der mit sich selber umgehen kann. Und jemanden, der oft bass erstaunt ist, was für Probleme all wir anderen mit uns selber und mit unseren Mitmenschen haben. Also wie viel Drama im menschlichen Leben möglich ist, das er selbst gar nicht kennt.

Wenn einen solchen Menschen noch etwas verwirrt, dann dass wir Anderen so derart verwirrt sind. Dass wir so gar nicht wissen, wohin mit uns. Oder dass wir voller lauter Scheinimpulse sind, die völlig hohl und fragil sind, weil sie aus unpassenden Spiegelungen stammen: Aus Erziehungsbildern, wie wir werden sollten.

Für sich selber ist ein solcher Mensch meist sehr klar, sehr reich. Und daher orientieren sich dann meist sehr viele sehr verwirrte andere Menschen an ihm. Zumindest versuchen sie das. Sie kennen es ja nicht anders. Denn „Orientierung an sich selbst“ ist für sie zu einem leeren, bedeutungslosen Ausdruck geworden. Sie haben keinen Spaß mehr mit sich. Sie haben keine Freude mehr an sich. – Und bei dem Ausmaß heutiger allgemeiner Verwirrtheit kann dann auch einem für sich selbst unverwirrten Menschen gelegentlich zu viel werden.

Ich durfte mit der Zeit einen Haufen von Lösungsansätzen für dieses „Problem“ kennen lernen. Allein, ich habe den Eindruck, diese Lösungsansätze verwirren die meisten Menschen eher noch mehr, als dass sie für sie irgendetwas klären. All dass sie sich selbst mit ihrer Hilfe entwirren, entwickeln und neu klären könnten.

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