Lange Zeit war ja die ganze abendländische Wissenschaft geprägt vom Vorbild der Physik. Sie war sozusagen „Paradigmengebend“. Noch Kant baute einen Großteil seiner Philosophie unter dem Eindruck der Erfolge der neuzeitlichen Physik auf.

Diese Dominanz des naturwissenschaftlichen Denkens hat sich in unserer Gesellschaft, außerhalb des wissenschaftlichen Felds, bis heute gehalten: Seine Präferenz für Kontrollier- und Beherrschbarkeit. Seine Forderung nach „wiederholbaren Experimenten mit reproduzierbaren Ergebnissen“. Seine Liebe zu „exakten Messungen“ und zum „sicher Wissbaren“. Seine Abstraktion vom Wissenschaftler als Teil der Wissenschaft. Ihre Idealisierung der Wissenschaft „unter Laborbedingungen“, bei denen der Wissenschaftler hinter dem Glas ist, während das Geschehen im Glas ist: alles hübsch fein säuberlich getrennt, so als ließe sich alle Subjektivität aus der Wissenschaft entfernen, so wie sich störende Partikel aus einem Reinraum entfernen lassen. Kurz: Seine fehlende Selbstreflexivität. Oder: Seine „Objektivität“.

Ab und an kann man als Wissenschaftsphilosoph den Eindruck haben, dass daher Psychologie und Soziologie das Potential haben, nach und nach in die Rolle zu kommen, die die Naturwissenschaften lange Zeit hatten und unter ihnen eben besonders prominent die Physik. – Vielleicht kommt aber auch eher der Informatik diese Rolle zu, obwohl fast alle Physiker, mit denen ich arbeiten durfte, mittlerweile auch oder vor allem als Informatiker tätig sind.

Aber auch Psychologie und Soziologie sind sehr in unserer zufälligen, vorübergehenden Gegenwart verhaftet und tun sich allem Anschein nach schwer, über das zufällig Gegebene hinaus zu denken und zu forschen. – Lieber tun sie das Gegenteil: Sie nehmen das Heutige und erklären es für das Allgemein-Menschliche. Es ist fast so, als wären die meisten heutigen Psychologen und Soziologen brave Hegelianer, die sich gehorsam an die Sätze aus der Vorrede zu den „Grundlinien der Philosophie des Rechts“ halten:

„Das was ist zu begreifen, ist die Aufgabe der Philosophie, denn das was ist, ist die Vernunft. Was das Individuum betrifft, so ist ohnehin jedes ein Sohn seiner Zeit, so ist auch die Philosophie ihre Zeit in Gedanken erfaßt. Es ist ebenso töricht zu wähnen, irgendeine Philosophie gehe über ihre gegenwärtige Welt hinaus, als, ein Individuum überspringe seine Zeit, springe über Rhodus hinaus. Geht seine Theorie in der Tat drüber hinaus, baut es sich eine Weltwie sie sein soll, so existiert sie wohl, aber nur in seinem Meinen – einem weichen Elemente, dem sich alles Beliebige einbilden läßt.“

Solange sich Soziologie und Psychologie derart am naturwissenschaftlichen Wissenschaftsparadigma verschluckt haben und sich auf diese Weise zu strukturell konservativen Beiträgen zu unserer Gesellschaft machen, wird man sich anderweitig umsehen müssen, nach Wissenschaften, die auch gesellschaftlich stilbildend wirken können.

Deutlich vielversprechender als paradigmenbildende Wissenschaften in einem Zeitalter, in dem wir davon ausgehen, dass wir selbst es sind, die sich ihre „Welt“ erschaffen, sind z.B. die Geschichtswissenschaften und die Ethnologie.

Oder, in einem Wort: Die vergleichende Anthropologie. Denn unabhängig davon, ob sie Menschen und menschliches Zusammenleben in unterschiedlichen Zeiten (Geschichtswissenschaften) oder an unterschiedlichen Orten (Ethnologie) untersuchen, zeigen uns diese Wissenschaften sehr eindrucksvoll, was sich aus der menschlichen Substanz alles machen lässt. Was wir alles mit ihr anfangen können. Und einiges davon ist ziemlich überraschend. Also zumindest für mich ist es das immer wieder.

Durch den gesellschaftlichen Vergleich oder durch die Spiegel, die uns andere Gesellschaften vorhalten, können wir uns selber besser wahrnehmen. – Und wenn es zutrifft, dass die Fähigkeit zur Selbstwahrnehmung unter modernen Bedingungen eine absolute Notwendigkeit ist, um nicht zu sagen: eine Grundtugend, dann sind gerade Geschichtswissenschaften und Ethnologie ausgesprochen „moderne“ oder eben „nützliche“ Wissenschaften.

Genauso wie die Moderne Gesellschaft einen beständigen Selbstempathiebedarf erzeugt, erzeugt sie auch einen beständigen Selbstreflexionsbedarf. Und wer könnte ihr diesen Bedarf decken, wenn nicht der Spiegel „anderer Gesellschaften“?

Wir erfahren uns selbst nur in Unterschieden. Und auch wenn die Moderne Gesellschaft eine ganz unglaubliche Fülle an Unterschieden erzeugt und bereit hält, so hat sie eben heute kein „Außen“ mehr, an dem sie sich als Gesamtes reiben und spiegeln könnte.

Wenn es dieses „Außen“ heute noch gibt, dann wären es wir selbst. Genauer: Dann wäre dieses Außen unser ungelebtes Leben, das, was unserem Unbewussten schlummert und was zugleich doch „wir selber“ sind. Also diejenigen Teile von uns, denen wir in unserer Gesellschaft jeweils bislang nur wenig Beachtung geschenkt haben. Weil unsere Aufmerksamkeit, weil unser Bewusstsein nun einmal ziemlich begrenzt ist.

Vergleichende Anthropologie triggert diese unbeachteten Anteile und macht sie dadurch unserem Bewusstsein leichter zugänglich.

Mich wundert es so betrachtet nicht im geringsten, dass einer der spannendsten, lebendigsten und innovativsten Menschen, den ich in den letzten Jahren kennen lernen durfte, eine Technik-Anthropologin war, die bereits für die unterschiedlichsten großen und kleinen Unternehmen gearbeitet hatte. Und weiter arbeiten wird. In ihrer eigenen, spannenden, beständigen Entwicklung.