Es gibt einen unschlagbaren Wettbewerbsvorteil, einen Wachstumsvorteil in der innergesellschaftlichen Evolution, der heute vielen noch nicht voll bewusst zu sein scheint:

Rechnen Sie mit (für Sie unsichtbarer) Vielfalt. – Individuen, die davon ausgehen, dass die gesellschaftliche Umwelt sehr viel vielfältiger, größer, verschiedener ist, als sie sich in ihrem Bewusstsein spiegelt, haben heute ganz andere Möglichkeiten, als Individuen, die glauben, dass ihr Bild von der Welt mit der Welt, „wie sie da draußen ist“, identisch sei.

Doch was heißt das praktisch? Und: Wie kommt man überhaupt dahin? Wie gelangt man in den Genuss dieses Wettbwerbsvorteils? Wie entkommt man dem Gefängnis des eigenen Bewusstseins?

Eine Möglichkeit besteht darin, dass man sich eigeninitiativ beständig freundlich mit dieser Vielfalt konfrontiert. Da ich das selber praktiziere, kann ich dazu nur sagen: Das hat bei allem, was schön und inspirierend daran ist, zugleich auch gewisse masochistische Züge.

Eine weitere Möglichkeit besteht darin, sich auf freundliche Weise mit anderen Gesellschaftsformen auseinanderzusetzen, sowohl in Zeit als auch in Raum. Auch das führt dazu, dass unsere interne Vielfalt wächst, die wir brauchen, um für die für uns unsichtbare äußere Vielfalt offen zu sein. Um überhaupt Chancen zu haben, sie wahrnehmen zu können. Geschichte oder Ethnologie zu studieren ist sozusagen die intellektuelle Variante von unmittelbarer Konfrontation mit der gegebenen Vielfalt.

Dann gibt es natürlich auch noch „die politische Lösung“, wobei wir DANN nicht mehr in Wettbewerbs-Kategorien denken, sondern eher in den Begriffen gesellschaftlicher Evolution bzw. Co-Kreation: Wir können dafür sorgen, dass wir alle mit der gegebenen Vielfalt konfrontiert werden. Dass wir ALLE regelmäßig unsere „sozialen Bubbles“ verlassen, die wir ja schon auch brauchen, um nicht verrückt zu werden. („Wer für alles offen ist, ist nicht ganz dicht“). Es gibt wahrscheinlich menschliche Grenzen, was wir gleichzeitig an Vielfalt verarbeiten können. Auch deswegen, also aus reiner Menschlichkeit, bilden wir ja überhaupt solche Bubbles, solche Milieus aus.

Und dann gibt es da noch die „religiöse bzw. spirituelle Lösung“: Wenn wir davon ausgehen, dass unser Bewusstsein Grenzen hat, die der Vielfalt der heutigen sozialen Welt nicht gerecht werden, und wenn wir auch davon ausgehen, dass unser Bewusstsein durchaus so seine Probleme hat, sich nicht selbst völlig für seine Öffnung zu verschließen, sich also nur noch mechanisch zu reproduzieren, ohne irgendwelche Entwicklungen, dann kommen wir zu einem einfachen Bild: Ein winzig kleiner Kreis (unser Bewusstsein) in einem sehr viel größeren Kreis (die soziale Umwelt). Nun fragt sich unser Bewusstsein wie einstmals die mutigen Seefahrer der Antike und des Mittelalters: Was ist da draußen? Wenn wir hinausfahren, stürzen wir dann über den Rand der Welt? Oder vielleicht fragen wir auch einfach nur: Was erwartet uns eher da draußen? Monster oder Schätze? Ist es wirklich das Risiko wert?

Und die öffnende Annahme besteht dann einfach in: stinknormaler menschlicher Neugier.

Menschen, die Angst haben, schließen sich in ihre Milieu-Häuser ein. Gut gesichert mit Überwachungskameras, wenn nicht gleich mit Stacheldraht. Menschen, die neugierig sind, entdecken die unglaubliche Vielfalt da draußen. Lauter noch unentdeckte Welten. – Und manchmal sind wir eben einfach beides: ängstlich und neugierig zugleich. Und möglicherweise ist genau das das heutige Äquivalent davon, was man früher mal „eine realistische Welthaltung“ genannt hat.

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