Wenn wir über „unbeabsichtigte Nebenfolgen“ sprechen, so denken wir meist zuerst wenn nicht sogar ausschließlich an „Kollateralschäden“ menschlichen Handelns. Wenn nicht sogar an Katastrophen, die mit besten Absichten herbeigeführt wurden.

Was wir dabei vergessen (weil es vermeintlich ethisch wie politisch irrelevant ist), ist, dass es auch positive Nebenfolgen gibt, die niemals von irgendwem beabsichtigt waren – und die sich dennoch einstellen.

Das ist eigentlich erstaunlich, denn die gesamte biologische Evolution kann als Resultat von solchen positiven, unbeabsichtigten Nebenfolgen betrachtet werden: „Mutationen“, die sich dann, ex post, als ziemlich glückliche „Fügungen des Schicksals“ herausstellen, weil sie plötzlich ziemlich nützlich sind. –  Das stimmt natürlich nicht ganz. Denn in Wirklichkeit ist alles noch viel „schlimmer“, denn es sind ja in der biologischen Evolution eben gerade keinerlei Absichten im Spiel: Wir alle, ja alles „höhere Leben“ ist das Resultat von Kopierfehlern bei der Reproduktion des genetischen Codes.

Mir erscheint es dennoch als eine charmante Sichtweise, die menschliche Geschichte ebenfalls als eine Reihe solcher „Fügungen“ zu betrachten: Wir tun etwas. Und hinterher kommte etwas Gutes heraus. Aber halt etwas ganz anderes als das von uns Beabsichtigte.

Es mag also ein nicht zu übersehender Unterschied zwischen biologischer und gesellschaftlicher Evolution sein: Dass es in der Gesellschaft Absichten gibt und in der Biologie nicht. Dass aber Gutes absichtslos entsteht, aus unserer menschlichen Perspektive sozusagen „aus sich heraus“, das lässt sich dennoch in beiden Evolutionen beobachten.

Für mich ist z.B. auch die Entstehung der Demokratie im antiken Athen so eine „absichtslose Entwicklung“. Beschäftigt man sich mit der Vorgeschichte dieser Entstehung, mit ihren konkreten historischen Zwischenschritten, so gewinnt man den Eindruck: Die Athener wollten ganz konkrete gesellschaftliche Probleme lösen, mit denen sie sich damals eben herumschlugen. Dass sie dabei nebenher neuartige Institutionen erfanden, die auch noch ganz anderes leisten als das, was sie mit ihnen zu lösen beabsichtigten, ist heute für uns hochgradig brauchbar und nützlich. – Weit über das von den antiken Athenern beabsichtigte Anwendungsfeld hinaus.

Wenn wir gemein (und historisch ungerecht) sind, können wir sagen: Die attische Demokratie hat ihre eigenen Erfindungen niemals richtig verstanden. Erst rückblickend – also uns heute – zeigt sich deutlicher, warum sie funktioniert hat, worauf es bei ihr ankam, was sie leistete.

Und was wir heute mit diesen unbeabsichtigten Erfindungen anfangen können, das ist noch einmal eine ganz andere Frage.

Nicht aber, welche unbeabsichtigten positiven Nebeneffekte wir mit unseren eigenen, heutigen demokratischen Lösungsexperimenten auslösen. Denn wäre das die Frage, so wären sie eben nicht mehr „unbeabsichtigt“.