In Konfliktsituationen glauben wir oft, es käme jetzt auf die richtigen Worte an. Das mag auch nicht ganz falsch sein. Worte sind sicherlich nicht ganz unwichtig. Viel wichtiger scheinen mir aber unsere Körpersignale zu sein.

Es ist so, als ob unser natürliches Konfliktsystem folgendermaßen ticken würde: „Lasse reden – an ihren Taten kannst Du erkennen, was sie im Schilde führen, ob sie auf Deiner Seite sind oder ob Du kämpfen oder fliehen musst…!“

Vor allem in der provokativen Schule kann man diese Lektion sehr gut lernen, weil man dort bewusst und gezielt Worte einsetzt, die ohne solche körperlichen Signale extrem verletztend wirken würden. Wann immer man sich dort nur auf die Sprache verlässt und das Körperliche vernachlässigt (sowohl wahrzunehmen als auch zu adressieren), dann fliegt einem das bei der provokativen Arbeitsweise schneller als bei anderen Vorgehensweisen um die Ohren.

Es geht bei den überdeutlichen Körpersignalen des Wohlwollens (die nur möglich sind, wenn man dem anderen tatsächlich wohl will) im Kern um körperlich vermittelte Beziehungsbotschaften. Man macht sozusagen nicht dem „Kopf“, dem „bewussten Selbst“ des Anderen klar, dass man mit ihm ist und nicht gegen ihn, sondern seiner „Seele“, seinen eher unwillkürlichen, unbewussten Anteilen.

Bedrohlich bzw. entspannend in Konfliktsituationen ist also vor allem das Jenseits-der-Worte. – Natürlich können auch Worte verletzten oder entspannend sein. Aber das, was unseren Worten ihr eigentliches Drohpotential, ihre Kraft und ihre Macht verleiht, ist die Erfahrung körperlicher Macht, die wir alle bereits gemacht haben. Mindestens als Kinder, als wir alle von halb-göttlichen, übermächtigen Riesen umgeben waren, die uns an körperlicher Kraft unendlich überlegen waren. Und von deren Wohlwollen uns gegenüber wir zunächst vollkommen abhängig waren.

Diese allgemeine Erfahrung, die alle Menschen unweigerlich machen, „sitzt uns in den Knochen“. Unser Körpergedächtnis weiß ganz genau, was „Macht“ ist, wie sie sich ausdrückt und wie sie sich auswirkt. Wir alle erinnern uns an die Ohnmachten unserer Kindheit.

David Graeber hat darauf hingewiesen, dass das auch für staatliche Macht und gesetzliche Autorität gilt: Am Ende ist es die physische Überlegenheit des Polizei- und Militärapparats, die dafür sorgt, „dass Gesetze eingehalten werden“ und „der Wille der Regierung umgesetzt wird“.

Macht ist körperlich. Sie ist handfest. Sie ist nichts Mystisch-Rätselhaftes. Und: Jeder von uns kennt sie, weil jeder von uns sie schon am eigenen Leib erfahren hat.

Für unser alltägliches Miteinander heißt das, dass wir, wenn wir dort „gute Konflikte“ haben wollen, unsere Macht-Erfahrungen wechselseitig besser nicht triggern und aktivieren. Also dass wir es zum einen dem Anderen verzeihen, wenn er sie bei uns doch einmal triggert (was ein großer Unterschied dazu ist, wenn ein Mensch das andauernd tut). Und dass wir selbst in Konflikten konsequent körperliche Wohlwollenssignale aussenden. Sehr bewusst. Mit klarem Blick für die Körpersprache unseres Konfliktpartners. Und – da es oft wirklich hilfreich ist – auch gerne mit Nachdruck, betont, überdeutlich, etwas übertrieben

Außer natürlich, wir wollen gerade dringend Eskalation. Dann ist allerdings davon abzuraten, körperlich präsent und nicht-angreifend zu sein.

Der beste Weg, den ich kenne, damit einem das nicht aus Versehen doch einmal passiert, also dass man deeskalierende Wirkungen ausübt, besteht darin, niemals seinen eigenen Stress im Blick zu behalten und sich niemals gezielt sich selber zuzuwenden, sich liebevoll zu beruhigen und zu umsorgen, wann immer dieser eigene Stress für einen zu groß wird. Sich auch niemals Hilfe zu holen, niemals die eigene Bedürftigkeit zu zeigen und sich niemals von anderen Menschen umsorgen zu lassen. Wer bewusst die Übung von Praktiken der Selbstliebe vermeidet, hat gute Chancen, sehr wirksam zu vielen großartigen Eskalationen beizutragen.

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