Leichte Irritierbarkeit hat im Grunde nur Nachteile: Ständig ist man abgelenkt. Ständig bringt einen irgendwas, was irgendwem gerade einfällt zu tun oder nicht zu tun, aus dem eigenen Tritt. – Es ist so, als hätte man kein eigenes Gewicht und wäre vielmehr so etwas wie ein Blatt im Wind der Anderen, oder eine Art Gummipuppe, die von ihnen herumgewirbelt wird, mal hierhin, mal dorthin.

Schon beim alten Platon werden daher in seinem „Theaitetos“ eher diejenigen Menschen gelobt, die sind wie „Öl“, beständig fließend, nicht starr und unveränderlich, aber eben auch nicht sprunghaft und ohne eigene Substanz. Im Zuge der antiken Präferenz „für die Mitte“ kommen also die leicht Irritierbaren nicht sonderlich gut weg:

„… so wisse denn, daß unter (144) allen, mit denen ich jemals bekannt geworden, und ich habe schon sehr Viele um mich gehabt, ich noch nie einen so bewundernswürdig wohl geartet angetroffen. Denn daß einer, welcher schnell auffaßt, wie schwerlich ein Anderer, zugleich so ausgezeichnet gleichmütig ist, und überdies beharrlich mehr als jeder Andere, solche habe ich nicht geglaubt daß es gebe, auch sehe ich nicht, daß es deren sonst gibt. Sondern die Scharfsinnigen wie dieser, und von schnellem Verstande und gutem Gedächtnis, pflegen auch zum Zorn sehr reizbar zu sein, und werden hin und her gerissen wie Schiffe, ohne Ballast, sind auch von Natur mehr heftig als beharrlich. Die Gesetzteren aber zeigen sich wiederum gewissermaßen träge zum Lernen und gar sehr vergeßlich. Dieser aber schreitet so leicht und sicher und mit Erfolg zu allen Kenntnissen und Untersuchungen, und mit solcher Ruhe, wie sich das Öl ganz geräuschlos ausgießt, daß zu bewundern ist, wie er in diesem Alter dergleichen Dinge auf solche Art behandeln kann.“

Mich als extrem leicht irritierbaren Menschen reizt ja sowas ungemein („Überraschung!“). – Es reizt mich dazu, doch einmal nach zu schauen, ob leichte Reizbarkeit nicht doch ein paar unterschätzte Vorteile hat. Ebenso wie z.B. eine ausgeprägte Ängstlichkeit.

Hier also meine ersten, sprunghaft-spontanen Überlegungen zur „Leichten Irritierbarkeit als Tugend“:

Seismographen-Eigenschaften

Leichte Irritierbarkeit bedeutet auch: Der eigene innere Zeiger schlägt schneller aus und weiter aus als bei vielen anderen Menschen. Und das bei allem möglichen, was man dann für „Besonders“, „Auffällig“, „Unstimmig“, „Überraschend“ und „Ereignishaft“ hält. Man lebt dann automatisch in einer überaus spannenden Welt, in der Langeweile schwer zu haben ist. – „Irgendwas ist immer“.

Besonders gilt das für „Energien“: Man nimmt also leichter „Fremdenergien“ in den eigenen Körper auf und da sitzen sie dann wunderbar und verlangen von einem, dass man irgendwie darauf „reagiert“. Irgendwas muss man also mit ihnen anfangen. Und das bedeutet eben auch: Man ist tendenziell in einem Dauer-Alarm-Zustand. Das eigene System schreit das eigene Bewusstsein ständig an: „Tu was! Mach was! Unternimm was!“. Und das eben auch dann, wenn „eigentlich“ für einen selber gerade alles cool ist und man für sich das schönste Leben haben könnte.

Wir könnten also auch sagen: Leichte Irritierbarkeit bedeutet, dass man an seine (soziale) Umwelt unmittelbarer angebunden ist als mit einer schwereren Irritierbarkeit, mit der man vieles, was vor sich geht, erst mal lange Zeit überhaupt gar nicht wahrnimmt.

Man ist „connected“. Und das ist durchaus auch ein Problem. Für einen selber. Aber eben auch für die eigenen Beziehungen zu anderen Menschen.

Denn wohin soll man sich seinen eigenen Alarmismus stecken? Man ist in einer ständigen Tendenz zu Kassandra-Verhalten gefangen, andere darauf hinzuweisen, was gerade schief läuft, was gerade problematisch ist, was gerade unstimmig ist. – Solche „Unruhestifter“ sind für schwerer Irritierbare oft auch anstrengend, wenn sie für sie nicht eher anregend, unterhaltsam und abwechslung-stiftend sind.

Das Problem hat dann wohl doch eher der Leicht-Irritierbare. Denn er erreicht mit seinem Herumgespringe und Herumgezicke nur höchst selten, was er damit erreichen will: Seinen Stress los zu werden und andere zu einem veränderten Verhalten zu bewegen, das ihn dann weniger irritiert.

Zudem ist bei leichter Irritierbarkeit kein Land in Sicht: Gleich hinter dem eben bewältigten Titanic-Eisberg lauert ja immer schon der nächste Eisberg.

Der Nutzen leicht irritierbarer Menschen für andere ist also leicht zu benennen: Sie sind wir Seismographen, die soziale Erdbeben lange vor ihrer eigentlichen Gewalt ankündigen. Man kann sich also darauf einstellen und vorbereiten, wenn man will. – Und vielleicht bleiben die Beben ja auch einfach aus?

Für die leicht irritierbaren Menschen selber ist ohnehin – so oder so – ein spannendes Leben garantiert: Die nächste Irritation lauert immer schon hinter der nächsten Lebensecke.

Es gibt also Schlimmeres.

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