Die politische Krise unserer Gesellschaft ist vor allem auch eine Vertrauenskrise: Bürger misstrauen ihren gewählten Politikern. Und sie misstrauen einander wechselseitig. Zur Lösbarkeit des letzteren Punkts: wie fördern wir systematisch das Vertrauen zwischen Bürgern mit völlig unterschiedlichen Milieus, Lebenssituationen, Meinungen, Ängsten, Wünschen, habe ich schon so viel salbadert, dass ich mir das hier spare.

Vertrauen zwischen Menschen entsteht normalerweise in der Unmittelbarkeit der Begegnung und in der Notwendigkeit konstruktiver Zusammenarbeit. „Notwendigkeit“ heißt hier wiederum, dass es für alle unmittelbar einsichtig ist, dass man aufeinander eingehen muss, damit man selber nicht in einer für einen unmittelbar fühlbaren Not landet.

Politisches Vertrauen schaffen: Was nicht funktioniert

Generell ist also Unmittelbarkeit ein gutes Mittel, eine Vertrauenskrise zu bewältigen. In der Unmittelbarkeit fällt uns das auch (relativ) leicht. Man könnte auch sagen: Hardwaretechnisch sind wir Menschen dafür ausgestattet, Vertrauen zueinander herstellen zu können. Wir sind eine soziale Spezies, die u.a. auch auf „Kooperationsfähigkeit“ voreingestellt ist. Wenn wir vorsätzlich Vertrauen beieinander hervorrufen und stabilisieren wollen, müssen wir in unmittelbaren Begegnungen daher „nur“ zwei Verhaltensweisen an den Tag legen: Wir müssen auf den anderen eingehen. Und wir müssen in unserem Handeln konsequent sein.

Das alles gilt wie gesagt nur in der Unmittelbarkeit. Wenn wir uns „live“, „physisch“ begegnen. – Gewählte Politiker scheinen das auch zu spüren, daher setzen sie in den letzten Jahren sehr stark auf „Bürgerdialoge“. Sie treffen sich mit ausgewählten oder sich freiwillig meldenden Bürgern und gehen mit ihnen in unmittelbaren Kontakt, versuchen sich als „zuhörend“ zu inszenieren und erklären ihnen im unmittelbaren Kontakt ihre Politik. Oft lassen sie sich dabei auch filmen.

Das Problem ist aber nun, dass das, was im Privaten sehr gut funktioniert, zwischen Politikern und Bürgern nicht funktioniert. Politiker könnten sich diese Aktivitäten komplett sparen, denn entweder hat das eine Null-Wirkung in Sachen Lösung der Vertrauenskrise, oder es geht sogar nach hinten los.

Warum ist das aber so? – Meines Erachtens liegt es daran, dass Vertrauen zwischen Menschen durch gezieltes Empathie-Verhalten gewonnen wird. Durch beständige und zuverlässige Signale des „Du bist mir wichtig“ oder „I really care about you“.

Empathie und Macht schließen sich aber wechselseitig aus. Wenn eine uns an Macht überlegene Person versucht, sich uns „empathisch“ zuzuwenden, dann erleben wir das nicht als Empathie, wir erleben das als arrogant und gönnerhaft. Wir haben dann eben gerade nicht den Eindruck, gehört zu werden oder dass uns Interesse entgegen gebracht wird. Wir haben den Eindruck, dass hier jemand um seine Macht kämpft, und uns zu diesem Zweck benutzt. Wir fühlen uns instrumentalisiert. Als Teil einer bloßen Inszenierung. Politiker verstehen bisher zu wenig, dass das, was sie als Empathiesignal, als Signal des „Auf-die-Bürger-Zugehens“ meinen, bei den Bürgern nicht als ein solches Signal ankommt. Auch gar nicht als solches Signal ankommen kann.

Es sind also nicht Fehler der Politiker in und während diesen Formaten, dass sie also in diesem Verhältnis irgendetwas falsch machten und deswegen in „Bürgerdialogen“ nicht das Vertrauen der Bürger zurückgewännen. Sondern es ist einfach so, dass diese Formate strukturell ungeeignet sind, das zu leisten, was sich gewählte Politiker von ihnen zu versprechen scheinen. – Was im Privaten, wenn Augenhöhe gegeben ist, sehr gut funktionieren würde, funktioniert in der Politik nicht, gerade weil den Politikern Macht übertragen wurde. Und es funktioniert auch deswegen nicht, weil ich als einzelne Person nicht zu Millionen völlig unterschiedlicher Menschen eine authentische, menschlich glaubwürdige Beziehung aufbauen kann. Keiner von uns kann das. Das wäre aber die Voraussetzung, damit die ständig abgehaltenen „Dialoge“ zwischen gewählten Politikern und Bürgern die Wirkung erzielen würden, die mit solchen Formaten beabsichtigt sind.

Politisches Vertrauen schaffen: Was funktioniert

Dabei ist die Vertrauenskrise unseres politischen Systems keineswegs unbewältigbar. Es braucht nur etwas völlig anderes, um das Vertrauen der Bürger in das System zurückzugewinnen. Und es wird nur deswegen bisher nicht praktiziert, weil es „out of the box“ ist, außerhalb des bisherigen Denken und institutionalisierten Handelns. Wir könnten auch sagen: Es ist einfach ungewohnt für uns.

Die gewählte Politik kann das Vertrauen der Bürger dadurch zurückgewinnen, dass es ihnen etwas zutraut. Und das heißt, dass es den Bürgern – in dafür geeigneten institutionellen Formen – reale Macht rücküberträgt. Es ist die konsequente Unterstellung von grundsätzlicher Demokratiekompetenz auf Seiten der Bürger, die Vermeidung von Lehrer- und Erzieherrollen seitens der gewählten Politik, die heute dazu geeignet ist, Vertrauen herzustellen und die Vertrauenskrise unserer Gesellschaft systematisch zu bewältigen.

Wenn gewählte Politiker sich ganz bewusst der unmittelbaren bürgerschaftlichen Kontrolle aussetzen, also aus dem „Erklärbär-Modus“ aussteigen („wir müssen unsere Politik den Bürgern nur besser nahebringen“), und stattdessen sich dem beugen, worauf sich die Bürger untereinander einigen können, gewinnen sie das Vertrauen der Bürger zurück.

Es mag für gewählte Politiker heute noch weitgehend absurd erscheinen, aber die Bürger können sich – geeignete Gesprächsformate vorausgesetzt – untereinander sehr viel leichter auf etwas einigen, als das gewählte, ihren Parteien verpflichtete Politiker können. Und auch viel leichter, als Politiker und Bürger das untereinander können.

Den Bürgern diesen Gesprächsraum zu verschaffen, in dem sie sich zunächst untereinander begegnen, austauschen und beraten und dann, also mit der geballten Kraft des bereits aggregierten Bürgerwillens in Kontakt gehen, sich den Bürgern nicht mehr „einzeln“ stellen, sondern ihrem erarbeiteten Verbund, das erfordert, aus Politikersicht, großen Mut: „Wer weiß, was dann auf mich zukommt..?“

Vor allem auch deswegen, weil gewählte Politiker in ihrem Alltag die Bürger gerade nicht oder nur sehr selten als „politikkompetent“ erleben. Es erscheint gewählten Politikern also völlig kontraintuitiv oder sogar gefährlich, das zu tun, was sie tun müssten, um das Vertrauen der Bürger zurückzugewinnen und die Vertrauenskrise unserer Gesellschaft zu lösen.

Aber es hat ja auch nie jemand behauptet, dass es keine mutigen Handlungsweisen erforderte, das Vertrauen von Menschen zu gewinnen.

 

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