Ich habe ja früher selbst einmal an den politischen Rationalismus geglaubt: Daran, dass es in der Politik um den Sieg „des besseren Arguments“ ginge und nicht um die Schaffung geeigneter Rahmenbedingungen für gute private Beziehungen durch die vorsätzliche Nutzung guter politischer Beziehungen.

Der politische Rationalismus ist ein Kind des Platonismus. Allerdings ein illegitimes Kind. Denn Platon selbst war ganz offensichtlich kein „politischer Rationalist“ in diesem Sinne: Er glaubte gerade nicht daran, dass sich bessere Argumente im öffentlichen Diskurs durchsetzen könnten. – Dennoch hat sich der Platonismus in der abendländischen Gesellschaft so weit verbreitet und so sehr durchgesetzt, dass heutzutage viele Menschen bewusst oder unbewusst „politische Rationalisten“ sind. Zumindest verhalten sie sich so, als wären sie welche: Sie argumentieren, bis die Schwarte kracht, ohne Rücksicht auf ihren Gesprächspartner. Und vor allem ohne Rücksicht auf die Qualität ihrer Beziehung zu ihm.

Was ist das Problem mit dem politischen Rationalismus? Eine weitere Art, dieses Problem auf den Tisch zu bringen, besteht in dem Hinweis darauf, dass der politische Rationalismus unbewusst stets eine VORMODERNE Kommunikationssituation voraussetzt: Eine Situation, in der gute, belastbare Beziehungen einfach gegeben sind und als selbstverständlich vorausgesetzt werden können.

Unter der Voraussetzung einer intakten Beziehung ist Argumentation möglich. Besteht diese Beziehung aber nicht, geht Argumentation nach hinten los. Es ist die Beziehung selbst, die es uns ermöglicht, „unsere Meinungen zu ändern“. Und dabei nicht irgendeine Beziehung, sondern eine wertschätzende Beziehung, in der unser Wert und unsere Würde durch einen expliziten und beständigen Aufwand gewahrt werden, wenn wir unsere Meinung ändern. Beziehungen, in denen eine Meinungsänderung fraglos keine „Niederlage“ darstellt, sondern eine Leistung. – Solche Beziehungen zwischen den Bürgern können heute, in der modernen, liberalen, differenzierten Gesellschaft nicht mehr einfach vorausgesetzt werden. Solche Beziehungen existieren – vielleicht – im Privaten. Aber gerade nicht in der Politik. Nicht ohne unser aktives, vorsätzliches, institutionalisiertes Zutun. Gute Politik in der Moderne ist, mehr noch als in der Antike, eine beständige Beziehungsarbeit aller.

Ich halte daher meine eigene frühere Einschätzung, meinen eigenen politischen Rationalismus heute für eine der größten Gefahren für menschliche Gesellschaften. Denn dort, wo geglaubt wird, dass Beziehungen für Politik unwichtig oder gar schädlich seien, dort wird eben gar nicht erst in die Stiftung und Schaffung und Erhaltung guter politischer Beziehungen investiert. Doch erst sie ermöglichen „rationalen Austausch“, „Einigung“ und „gemeinsames Entscheiden mit Blick auf die Fakten“.

Es wird meines Erachtens Zeit, dass wir um guter Politik willen die nächste Stufe der Aufklärung zünden: Die psychologische Aufklärung. Die Aufklärung über uns selbst. Wie wir Menschen in Wirklichkeit funktionieren. Und was illusorische, naive, vormoderne Bilder von uns sind, von denen einige deutlich zu pessimistisch sind und einige deutlich zu optimistisch.

Nun hat dieser Text selbst etwas performativ Lächerliches: Denn ich argumentiere hier ja ganz offensichtlich gegen den politischen Rationalismus (der einigen von uns lieb und teuer ist) und für die vorsätzliche Schaffung und Institutionalisierung bürgerschaftlicher Beziehungen. – Und das tue ich OHNE eine Beziehung zu den Lesern dieses Textes.

Meine eigene Beziehungsfähigkeit ist, wie die jedes Menschen, ganz offensichtlich begrenzt. Beziehungsfähigkeit ist demokratisch verteilt, niemand von uns verfügt über mehr oder weniger von ihr. – Und gerade diese menschliche Begrenztheit unser aller Beziehungsfähigkeit gibt ein starkes Argument dafür, uns allen in der Politik unmittelbare Beziehungen miteinander zu verschaffen.

Ganz offensichtlich habe ich meinen Glauben an das „Handeln aus Einsicht“ noch nicht ganz aufgegeben. Ganz offensichtlich bin ich auch heute noch ein „politischer Rationalist“. Und das gegen meine bessere Einsicht. Gegen all meine Erfahrung mit Gesprächen auf der Grundlage von gegebenen und fehlenden guten Beziehungen.

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