Ich bin mir grade nicht mehr sicher, ob es an der Oberfläche des Textes deutlich sichtbar ist, und ich bin grade zu faul, um in meinen Bücherkeller zu gehen und nochmal nachzusehen, aber eines der Argumente, die Thomas Hobbes für seinen Staat in Anspruch nimmt, besteht mindestens unter der Hand darin, dass ohne einen solchen Staat jeder Mensch in der Lage sei, jeden anderen Menschen zu töten, und sei es notfalls im Schlaf, – und dass daher ausnahmslos jedem Menschen ein Interesse an einem solchen Staat unterstellt werden könne.

Als Teilzeit-Hobbesianer kann man heute einen Schritt weiter gehen: Nicht nur ist jeder Mensch potentiell eine tödliche Bedrohung für jeden Menschen, sondern jeder Mensch ist auch jedem Menschen in gewisser Hinsicht überlegen. Und das gar nicht zwingend an Fähigkeiten. Sondern vielmehr gerade in dem, was das „Ureigenste“ jedes Menschen ist. Denn jeder Mensch hat Probleme, sich selbst überhaupt wahrnehmen zu können. Daher entstehen bei jedem von uns beständig neue „blinde Flecke“, was uns selber angeht. Und von außen gesehen hat jeder von uns gewisse Vorteile, genau diese blinde Flecke wahrzunehmen. – Der gute alte Spruch mit dem Balken und dem Splitter bringt das ganz gut auf den Punkt, auch wenn ich mich schon frage, warum in jenem Spruch noch nach dem „Warum“ gefragt wird… 😉

Wir alle sind uns allen also darin überlegen, dass wir von den Wahrnehmungen anderer von uns und Rückmeldungen anderer über uns fundamental abhängig sind. Für jeden von uns kann jeder andere Mensch etwas leisten, was wir selbst für uns nicht leisten können, dessen wir zugleich aber dringend bedürfen, wenn wir nicht zugrunde gehen wollen.

Neben Hobbes‘ potentieller Bedrohlichkeit alles Zwischenmenschlichen besteht also auch noch eine sehr reale Abhängigkeit alles Zwischenmenschlichen, eine Art „psychischer Bedürftigkeit“.

Die Überlegenheit, die das jedem von uns jedem anderen gegenüber verschafft, ist aber zugleich eben keine Überlegenheit, auf der sich „Hierarchien“ aufbauen ließen. Sie ist eher „zirkulär“. Und eben auch fundamental auf Augenhöhe angewiesen. Denn in Hierarchien lassen sich blinde Flecke so verdammt schlecht zurückspiegeln, dass dort jeder in seiner psychischen Bedürftigkeit allein bleibt und langsam vor sich hinsiecht.

Kommunikationsformen, die diese psychische Bedürftigkeit relativ direkt adressieren, der provokative Kommunikationsstil etwa, nutzen diese Überlegenheit systematisch aus: Dass wir von außen oft deutlicher wahrnehmen können, „was Sache ist“, als die betreffende Person von innen, die sich gerade, vorübergehend, in sich selber verheddert hat. – Doch diese Kommunikationsformen begründen keine Hierarchie. Sie sind vielmehr demokratisch: Nur weil ich Dir gerade überlegen bin, heißt das noch lang nicht, dass Du nicht umgekehrt mir im nächsten Moment überlegen bist; oder vielmehr: wir uns gleichzeitig.

Erkennt man an, dass Menschen einander auch deswegen brauchen, weil andere uns immer wieder mal darin überlegen sind, dass sie uns selber deutlich besser wahrnehmen können als wir uns selbst – und umgekehrt –, dann kann man rein strukturell nichts mit dem autoritären Staat Hobbesianischer Prägung anfangen. Dann begreift man, dass ein demokratischer Staat eine anthropologische Anforderung ist. Dass alle Menschen darauf angewiesen sind, dass es eine spürbare Demokratie gibt, um ein gutes und erfülltes Leben haben zu können.

Um das plausibel zu finden, muss man allerdings zugleich annehmen, dass „Demokratie“ im Kern ein Beziehungsgeschehen ist, dass Demokratie aus der aktiven Schaffung von unmittelbaren Beziehungen zwischen uns als Bürgern besteht. Beziehungen, in denen wir uns auf unsere immer neu entstehenden blinden Flecken unmittelbar und in aller unhierarchischen Freundlichkeit Rückmeldung geben können.

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