Ich übe ja seit ein paar Jahren meinen absoluten Traumjob aus: Ich lebe davon, dass ich anderen Menschen widerspreche. Naja, eigentlich nicht ihnen. Sondern Meinungen, die sie über sich selber haben. Oder über die Welt um sie herum. Oder über die Beziehung zwischen sich und ihrer Welt.

Würde ich nicht widersprechen, bräuchten meine Kunden keinen Widerspruch, wäre ich als Coach überflüssig. Dann könnte ich sagen: „Jep. Alles gut. Weiter so!“ Oder, noch friedlicher: „Es ist wie es ist, sage ich Dir.“ – Und manchmal mache ich das sogar. Wenn es eben so ist. Wenn das einzige Problem, das meine Kunden haben, darin besteht, dass sie glauben, ein Problem zu haben.

Wenn man wie ich also in den lieben langen Tag den verschiedensten Menschen auf die verschiedenste Weise widerspricht, und dafür auch noch bezahlt wird, dann wird man sich recht schnell einer Merkwürdigkeit bewusst: Widerspruch kostet gar keinen Mut (wie ich immer gedacht hatte), sie kostet Beziehung.

Ich brauche also keinen Mut, um meinen Kunden zu widersprechen, ich brauche eine intakte Beziehung zu ihnen. Eine Beziehung, in der sie sich von mir im Großen und Ganzen verstanden fühlen, in der klar ist, dass ich nicht mein zerbrechliches Ego auf ihre Kosten befriedige. Dass ihre Gefühle und Bedürfnisse wahrgenommen werden. Dass ihre Erfahrungen und ihre Fähigkeiten und Leistungen gewürdigt werden. Widerspruch braucht also, kurz gesagt: Freundlichkeit. Und vielleicht ist es sogar einfach Liebe.

Sollte dieses schmeichelhafte Selbstbild, das ich mir da gerade von meiner Tätigkeit mache, zutreffen, dann wäre ich also so etwas wie ein „Widerspruchs-Profi“. Denn wenn ich nicht an irgendeinem Punkt widerspreche, dann habe ich – bei aller Empathie, die ich vielleicht manchmal, an meinen guten Tagen aufbringe – keinen Mehrwert für meine Kunden. Einzige Ausnahme: Wenn die Empathie bereits der Widerspruch ist und der Widerspruch vom Kunden bereits als Empathie empfunden wird.

Und ist die Beziehung da, ist die Beziehung gut, dann wird dieser Widerspruch tatsächlich spürbar geschätzt. Er wird dann nicht als „Angriff“ empfunden. Sondern mitunter als „Befreiung“. Oder als „Erweiterung“. Oder als „Bereicherung“.

So sind zumindest meine bisherigen Erfahrungen.

 

 

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