– Ich danke Ilan Siebert für all die vielen Gespräche, für alle seine von meinen abweichenden Meinungen, für seine Klarheit und Offenheit und für seine Bereitschaft, trotz oder wegen all unserer Meinungsverschiedenheiten mit mir in Kontakt zu sein.

Ich hätte das oft gern anders, aber nüchtern betrachtet, kam die Demokratie durch Tyrannen zustande, die sich selbst entmachtet haben.

Tyrannen setzten die Demokratie, die Herrschaft der Bürger über sich selbst durch, sie schufen die Institutionen, die es den Bürgern ermöglichten, miteinander selber ihre Gesetze zu machen und ihre gemeinsame, „staatliche“ Macht wirksam zu steuern und zu kontrollieren.

Wir nennen sie nur deswegen nicht „Tyrannen“, weil der Inhalt ihrer Tyrannei eben nicht dieses oder jenes war, sondern eben die Ermächtigung der Bürger selbst, weil sie auf tyrannische Weise Demokratisierungsschritte gingen. Man hat ihnen das durchaus auch übel genommen.

Und zwar nicht nur die Aristokraten, denen man dadurch ihr liebstes Spielzeug: den Bürgerkrieg weggenommen hat, sondern auch die Bürger selber, die dann oft lieber diesen „guten König“ gehabt hätten, als derart in die Verantwortung genommen zu werden und sich fortan selbst beherrschen zu müssen. – Doch meist gab es diese politische Zurückhaltung der Bürger nur ganz am Anfang. Aus reiner Gewohnheit des Beherrscht-Werdens. Nachdem die Bürger aber einmal auf den politischen Geschmack gekommen waren, wollten sie meist nichts anderes mehr haben. Sie gewöhnten sich überraschend schnell an ihre politische Aufgabe, an ihre politischen Pflichten.

Es gibt eine Parallele zu solchen Vorgängen in einigen unserer heutigen Unternehmen: Alle Unternehmen zumindest, die ich bisher kennen lernen durfte, die wirklich neue Wege gingen, trieben diese Selbstreformen von der Herrschafts-Position aus. Mit anderen Worten: Die Demokratisierung von Unternehmen wurde, wo immer sie glückte und nachhaltig war, „top-down“ initiiert.*

Auch in der Wirtschaft gibt es also „Tyrannen, die sich selbst entmachten“. Und vielleicht sind ihre Gründe, aus denen heraus sie das tun, gar nicht mal so unähnlich zu denen, die auf staatlicher, gesamtgesellschaftlicher Ebene zu Demokratisierungen führen: Man fühlte sich von der Herrschaft systematisch überfordert, man erkannte, dass das keine persönliche, individuelle Überforderung war, sondern eine, die jedem auf dieser Position so geht. Man hatte auch keine Lust mehr, ständig mit der Anspruchshaltung verantwortungsloser „Mitarbeiter“ konfrontiert zu sein und hatte es viel lieber mit Mitunternehmern zu tun, die schon untereinander Lösungen und Vermittlung suchten und das Wohl des Ganzen in ihre eigenen Ansprüche von sich aus aktiv miteinbezogen. – Und manchmal war der Grund auch einfach: Man wollte sich selber nicht zu einem „Arschloch“ entwickeln, merkte aber, dass man ohne demokratische Reformen genau da landen würde. Unausweichlich.

Demokratie entsteht nicht aus sich heraus. Sie entsteht, wenn Probleme anders nicht mehr lösbar sind. Und wenn Menschen in Herrschafts-Positionen das einsehen, dass die Probleme anders nicht mehr lösbar sind. Und wenn sie erkennen, dass sie auch selbst davon profitieren, wenn alle gleichermaßen an der Macht sind und die gemeinsame Macht gemeinsam kontrollieren. Wenn die Aussicht auf Entlastung und die Lösungsperspektive durch Demokratie bei Tyrannen selbst also die Angst vor Kontrollverlust und Privilegienverlust überwiegt. Wenn Tyrannen ganz offensichtlich nicht mehr glauben, dass es das Beste ist, was einem Staat passieren kann, dass sie sie selber als Herrscher haben dürfen. Dass sie aber auch nicht glauben, dass es besser wäre, wenn jemand anderer nun Tyrann wird, wenn sie also nicht einfach „abdanken“ oder „das Szepter übergeben“, sondern wenn sie einen systemischen, institutionellen Blick haben und daher eben auch nach systematischen, dauerhaften Lösungen für das Problem suchen, das sie empfinden.

Natürlich kann man versuchen, die gleichen Probleme auch anders, sozusagen „traditionell“ zu lösen: Durch beständige rituelle Machtkämpfe zwischen Aristokraten und ihren Parteien zum Beispiel. Oder durch institutionalisierte personelle Wechsel in der Machtposition einer Gesellschaft, durch zeitliche Begrenzung der „Amtszeiten“.

Demokratien kommen aber dann zustande, bzw. haben überhaupt eine Chance zu entstehen, wenn diese anderen Lösungen ganz offensichtlich nicht mehr funktionieren. Wenn nach einer grundsätzlicheren, dauerhafteren Lösung gesucht wird.

Und wenn eben auch die Tyrannen selbst, gleich wie sie zufällig an die Macht gekommen sein mögen, bemerken, dass Demokratie für sie große Vorteile birgt. Dass sie an ihrer eigenen Entmachtung ein lebendiges Interesse haben. Nicht so, dass andere Tyrannen an die Macht kommen (die dann etwa nach ihrer „Machtergreifung“ mit ihnen „abrechnen“), sondern so, dass alle Bürger an die Macht kommen und fortan die gewählte Politik alle gemeinsam kontrollieren.

Kurz: Demokratie entsteht, wenn sich Tyrannen willkürlich ihren Bürgern unterwerfen. Wenn sie Institutionen schaffen, die gewährleisten, dass auch alle zukünftigen Berufspolitiker sich vor dem Bürgerwillen rechtfertigen müssen und ihm zuverlässig unterworfen sind.

Tyrannen, die sich selbst entmachten, machen – aus Gründen – institutionell ernst mit dem Slogan, dass Berufspolitiker nur Dienstleister der Bürgerschaft sind. Sie sorgen dafür, dass es Institutionen gibt, die garantieren, dass die Dienstleistung erbracht wird und dass sie wirklich Dienstleistung bleibt und nicht „aus Versehen“ in Herrschaft kippen kann.

Und dadurch gewöhnen sie die Bürgerschaft an die Macht. Und wie wir an allen bisherigen demokratischen Beispielen in der Geschichte menschlicher Gesellschaften sehen können, gewöhnen sich die Bürger sehr schnell daran, Macht über und Verantwortung für das Gemeinsame zu haben.

 


* Ich hoffe, die Betreffenden nehmen es mir nicht übel, wenn ich sie hier als „Tyrannen“ bezeichne, aber ich denke dabei an Menschen wie Detlef Lohmann (Allsafe Jungfalk), Ricardo Semler (Semco), Götz Werner (dm drogeriemarkt), Bernd Oesterreich (OOSE Innovative Informatik eG), Uwe Lübbermann (Premium Cola), Hermann Arnold (Haufe-Umantis AG) und eben Gernot Pflüger (CPP Studios).

Ich schaue bei dieser Labelung – vielleicht anders als wir es sonst oft tun – nicht auf den INHALT ihrer „tyrannischen Politik“, sondern auf die FORM. Und ähnlich wie bei politischen Größen wie Solon, Kleisthenes, Ephialtes und Perikles sehe ich dabei: Sie haben die Demokratie in ihren Gesellschaften auf tyrannischem Wege eingeführt und vorangetrieben. Der Inhalt ihrer Politik war demokratisch, die Form ihrer Politik tyrannisch. Die einen haben ihre Mitarbeiter systematisch ermächtig, zu Mitunternehmern zu werden. Die anderen haben ihre Mitbürger systematisch ermächtigt, zu Mitregierenden zu werden. „Systematisch“ heißt in beiden Fällen: Durch institutionelle Reformen, die demokratische Beteiligung an Entscheidungen dauerhaft garantieren. Sie führten in ihre Gesellschaften Institutionen ein, die nicht nur sie selbst entmächtigten, sondern zugleich dazu führten, dass Tyranneien in diesen Gesellschaften auch in Zukunft nur mehr schwer möglich sind, unabhängig von ihrer eigenen Person.

All diese Beispiele können uns zu denken geben, wenn wir über das Wo und das Wie der weitergehenden Demokratisierung unserer Gesellschaft sprechen.