Menschheitsgeschichtlich gesehen sind 2200 Jahre natürlich so gut wie nichts. Nur eine kurze Episode und eine kurze Unterbrechung in der Geschichte menschlich-gesellschaftlicher Evolution.

Nichtsdestoweniger ist diese Unterbrechung in der Demokratiegeschichte erklärungsbedürftig: Also warum es vom Ende der Attischen Demokratie (262 v. Chr.) eben etwas über 2200 Jahre gedauert hat, bis die Demokratie wieder neu entdeckt und wiederaufgenommen wurde: In den 1970er-Jahren haben sowohl James Fishkin in den Staaten als auch Peter Dienel in Deutschland den Faden wieder aufgenommen. – Übrigens völlig unabhängig voneinander. Die Wiederentdeckung der Demokratie in beiden Ländern lag nur wenige Monate auseinander.

Der griechische Weg

Aber es dauerte eben etwas. Um sich klar zu machen, warum es überhaupt zu dieser kurzen Unterbrechung kam, reicht es auch nicht, auf die Gründe hinzuweisen, aus denen die antike Demokratie kollabiert ist. Zwar hat die Art und Weise, wie dieses Scheitern der Demokratie verarbeitet wurde, Folgen für die abendländische und später für die ganze Menschheitsgeschichte gehabt, angefangen mit Platons Anti-Demokratismus, über Aristoteles‘ rückblickende Bewertung der Demokratie bis hin zur augustinisch-römisch-christlichen „Lösung“. Aber strukturell betrachtet erklärt das alles nicht, warum sich dieser undemokratische Weg überhaupt breit machen und durch zwei Jahrtausende hindurch das gesellschaftliche Feld bestimmen konnte.

Für einen analytischen Zugang müssten wir z.B. die Vorgeschichte der Demokratie würdigen, also die Besonderheit der Griechen, die im Unterschied zu allen anderen Kulturen um sie herum nach dem Bronzezeitalter keine Monarchien mehr ausbildeten. Dass es bei den Griechen kein Königtum gab, war ganz entscheidend dafür, dass die Probleme überhaupt auftreten konnten, als deren Lösung sich dann eine immer weitergehende Demokratisierung der Gesellschaft entpuppte.

Dann gibt es da noch jenen Tatbestand und jene gesellschaftliche Mechanik, dass, obwohl die antike griechische Kultur noch ganz eindeutig eine Kriegerkultur war, es sich historisch zweifelsfrei erwiesen hat, dass permanente äußere Kriege und innerer Zusammenhalt über demokratische Verfahren und Institutionen sich wechselseitig ausschließen.

Der römische Weg

Man sieht das auch sehr klar an der römischen „Demokratie“ (die nie wirklich eine wirkliche Demokratie war) und der Art und Weise, wie die „Diktatur“ in diese Gesellschaft Einzug gehalten hat und sich dann nach und nach über das „Casarentum“ in eins abendländisches Kaiser- und Königtum ummünzte. – Demokratiegeschichtlich ein echter Backslash. Aber es waren eben die Erfordernisse der Kriegsführung, die diese nachhaltige Entdemokratisierung des Abendlandes ermöglichten. Kriegerische Erfordernisse, aus denen heraus die Demokratie für Jahrhunderte kaltgestellt war und als gesellschaftliche Option nicht einmal mehr ansatzweise infrage kam.

So wurden bezeichnenderweise die ersten Diktatoren Roms allesamt „rei gerundae causa“ berufen.Und dieser Grund: „zur Kriegsführung“ blieb auch in der Geschichte der römischen Republik statistisch der häufigste Berufungsgrund für einen Diktator, bis hin zu Gaius Julius Cäsar selbst, der dann „Diktator auf Lebenszeit“ wurde, bevor sein Nachfolger Augustus das „Cäsarentum“ begründete und damit der Republik endgültig den garaus machte. – Dieser Weg führte überhaupt erst dazu, dass sich später das Christentum unter Augustinus sich mit dem römischen Staat verbünden konnte; eine Verbindung, die dann zu jener gesellschaftlichen Konstellation führte, die daraufhin anderthalb Jahrtausende für den abendländischen Raum prägend blieb.

Aus beidem: 1) Der Art und Weise des Scheiterns der attischen Demokratie und den tieferen Gründe für dieses Scheitern, und 2) der Art und Weise sowie den tieferen Gründen des Wiederaufkommens eines „Königtums“ im Abendland – aus beidem können wir ablesen, dass Demokratie auf eine konstitutive Weise Frieden braucht, um sich selbst etablieren und stabilisieren zu können.

Und das paradoxerweise, obwohl ihr erstes Entstehen in der griechischen Antike alles andere als friedlich war. Und mehr noch: Die Demokratie führte nicht dazu, dass die Athener nach außen friedlicher wurden, ganz im Gegenteil. Nur nach innen hatte man mit der Demokratie Formen und Verfahren gefunden, die die ständigen Bürgerkriege beendeten und einen dauerhaft friedlichen Zusammenhalt zwischen den athenischen Bürgern stifteten.

Unser Weg

Das hat zwei Konsequenzen: Wir sehen so betrachtet deutlicher, dass die ständigen innereuropäischen Kriege zwischen „Fürsten“ und „Königen“, auch zwischen dem „Kaiser“ und dem „Papst“, sowie die späteren Konfessionskriege und die Kriege gegen verschiedene außereuropäische Invasoren dazu führten, dass Demokratie lange Zeit für die abendländische Gesellschaft keine Option waren. Ja, man muss entschiedenen Diktatoren geradezu dazu raten, beständig Kriege anzuzetteln, wenn sie sich im Sattel halten wollen. Denn nichts verhindert Demokratie so zuverlässig wie die Erfordernis einer „starken Führung“, die „die Truppen vereint“ und „in die Schlacht führt“. Aristokratie und Krieg sind engstens miteinander verknüpft.

Umgekehrt bedeutet die Rückkehr der Demokratie seit den 1970er Jahren aber dann auch einfach, dass die Gesellschaft endlich friedlich genug geworden ist, um überhaupt wieder an Demokratie zu denken. Um Demokratie für eine echte, gesellschaftliche Option zu halten.

Ist Demokratie aber – unter heutigen, unkriegerischeren Bedingungen als in der Antike – erst einmal stabil genug, etabliert genug, so arbeitet die Demokratie selbst aktiv gegen das Aufkommen „kriegerischer Bedarfe“, also gegen das, was sie selber destabilisiert.

Wir können heute davon ausgehen, dass Demokratie von alleine Kriege dauerhaft verhindern kann, weil sie die Konflikte sozusagen „wegarbeitet“, bevor sie jenen Hitzegrad annehmen, an dem wieder Rufe nach einem Tyrannen laut werden.

Das aber bedeutet, dass wir begreifen, dass wir – anders als die attischen Griechen – bereits in einer Gesellschaft leben, die kein Außen mehr hat.

Rein logisch und auch rein demokratietheoretisch bedeutet das, dass wir auf einen Zustand zulaufen, in dem ein demokratischer Weltstaat sich uns als ein naheliegendes Erfordernis darstellt.

Rückblickend gesehen wird dann die Zeit vor 1970 nur eine relativ unbedeutende Episode in der Menschheitsgeschichte gewesen sein. Ein – vielleicht notwendiger, vielleicht unausweichlicher – Backslash, bevor sich die logische Tendenz zur Demokratie durchsetzte. Ganz so wie es nach Solon einen Peisistratos gab. Und ganz so wie die Tyrannei der Peisistratiden dazu führte, dass es zu den Kleisthenischen Reformen kam: Zum entscheidenden Schritt auf dem Weg zur athenischen Demokratie, zur großflächigen Institutionalisierung des Losverfahrens und zur Einführung der politischen Praxis der Isegorie.

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