Nur damit ich es selber nicht vergesse: JEDER Mensch ist ein Wunder und hat Respekt und Empathie verdient.

Das mag uns – vor allem, wenn wir zugleich auch selbstempathisch sind und auch mit uns selber respektvoll umgehen – überfordern:

Es ist völlig unproblematisch anzuerkennen, dass uns Empathie Kraft kostet. Dass es so etwas wie einen „empathy dry out“ gibt. Was wir in Anbetracht des stinknormalen, allgemeinen, menschlichen Überfordert-Seins mit dem alltäglichen Empathiebedarf durchaus tun können: Wir können nach sozialen Formen, Verfahren und Institutionen suchen, die es uns spürbar ERLEICHTERN, diesem „sozialen Imperativ“ gerecht zu werden. Die es uns also leichter machen, selbstempathisch zu sein und zugleich respektvoll mit anderen umzugehen.

Eine dieser „Erleichterungen“ ist paradoxerweise der Live-Kontakt. Es ist für uns Menschen wesentlich leichter, empathisch mit anderen Menschen zu sein, wenn wir ihnen LIVE begegnen, von Angesicht zu Angesicht, als wenn die „Begegnung“ rein virtueller Art ist. Das Gleiche gilt, zweitens, für Situationen, in denen Machtgleichheit aka „Augenhöhe“ im Spiel ist: Machtgleichheit fördert unsere Fähigkeit zu doppelter Empathie: Mit uns selbst und zugleich mit dem Anderen. Und dann gibt es da, drittens, ja auch noch die Sache mit der faireren Verteilung von Empathiebedarfen und Empathieleistungen zwischen uns. Denn einige von uns können sich mangelnde Eigenempathie nur deswegen leisten, weil andere so viel bringen (und diesen Mangel kompensieren). Und andere von uns können sich mangelnde Empathie mit Anderen nur deswegen leisten, weil auch dieser Mangel von Dritten kompensiert wird. Darüber sollten wir mal dringend sprechen. Und auch das verlangt nach institutionellen Veränderungen und Umstellungen in unserer Gesellschaft. Doppelt empathisches Verhalten wird deutlich leichter für alle, wenn alle an ihm aktiv beteiligt sind. „Abnehmende Einstiegs-Kosten“ beim Einstieg in empathisches Verhalten könnte man das nennen. In einer Gesellschaft, in der nicht nur einige wenige die ganze Empathiearbeit leisten, sondern alle gemeinsam „ihren Anteil bringen“, fällt es jedem einzelnen Mitglied dieser Gesellschaft deutlich leichter, diesen Anteil auch tatsächlich zu bringen.

Ein wichtiger Grund, aus dem uns gerade der Live-Kontakt doppelseitige Empathie leichter macht, ist, dass wir BIOLOGISCH darauf ausgelegt sind: Unsere Körperreaktionen und die Wahrnehmbarkeit dieser Körperreaktionen erleichtern es uns, gut miteinander umgehen zu können. Es gibt eine nur sehr schwer unterdrückbare „körperliche Authentizität“, die gelingende Interaktionen zwischen uns begünstigen. Aber eben nur dann, wenn wir auch körperlich anwesend sind. Wenn wir überhaupt mitbekommen können, was das, was wir tun, beim Anderen alles auslöst. Und umgekehrt: Wenn der Andere mitbekommen kann, was das, was er sagt und tut, bei uns alles auslöst.

Wir Menschen sind eine soziale Spezies und darauf angewiesen, dass wir voneinander mitbekommen, was bei uns jeweils gerade alles so los ist. Unsere Biologie unterstützt das. Aber eben leider nur im Live-Kontakt, was in einer Großgesellschaft, die sich ausschließlich virtuell und/oder bürokratisch vernetzt, zunehmend problematisch ist. Wir sind kurz gesagt, „biologisch nicht darauf ausgelegt“, in so großen Gesellschaften zusammen zu leben, wie wir es nun aber faktisch schon seit Jahrhunderten tun. Auch und vor allem deswegen haben wir so große „gesellschaftliche Probleme“ miteinander.

In der virtuellen Welt miteinander empathisch und respektvoll umzugehen ist daher – rein menschlich gesehen – etwas viel verlangt:

Wenn wir also die menschlichen Wirkung und die menschlichen Voraussetzungen von Empathieverhalten gleichermaßen im Blick haben, werden wir uns nach INSTITUTIONELLEN LÖSUNGEN für das Problem der Stärkung unserer empathischen Möglichkeiten umschauen: Welche Institutionen uns helfen, „auf gute, produktive, konstruktive Weise zusammen zu kommen“ – und welche Institutionen das weniger tun.

Die Wissenschaft vom Menschen und vom guten zwischenmenschlichen Umgang, kurz: die Wissenschaft von der bewussten Gestaltbarkeit guter Beziehungen ist möglicherweise die Königsdisziplin dessen, „was wir heute wissen können“. Ich jedenfalls bin mittlerweile ziemlich überzeugt, dass zwar vieles am heute Wissbaren wichtig und spannend ist, dass aber kein Wissen so wichtig ist wie das Wissen darüber, wie wir selber „funktionieren“ oder „ticken“. Vor allem in der Interaktion. Vor allem in unserem Miteinander.

Das nenne ich: „Psychologische Aufklärung“. Obwohl vielleicht „Dialogologie“ oder „Beziehungswissenschaft“ ein besserer Ausdruck für das wäre, was ich damit bezeichnen möchte. Ob diese „Disziplin“ aber wirklich ein Gegenstand von harter, valider Wissenschaft sein kann, daran habe ich manchmal so meine Zweifel. – Aber vielleicht überzeugt mich in diesem Punkt ja noch irgendwann ein empathischer Freund, bei dem ich gut andocken kann, vom Gegenteil.

Bis dahin halte ich mich an die erkennbar erfolgreichen BeziehungsPRAKTIKER dieser Welt. Ich weiß nicht, ob deren Arbeit den harten Kriterien wissenschaftlicher Forschung standhält, aber ich weiß aus eigener Anwendung, dass deren Vorgehensweisen in meinem persönlichen und beruflichen Alltag für mich funktionieren. – Und das reicht mir. Bis auf Weiteres.

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