Schon vor ein paar Jahren, hab ich mir die Frage gestellt, ob wir Männer prinzipiell zur Empathie nicht begabt sind.

Über ein paar Zwischenschritte bin ich dann irgendwann auf die Sichtweise gestoßen, dass „Männlichkeit“ im Kern durch ein konsequentes Anti-Empathie-Training erworben wird, bzw. dass Männlichkeit überhaupt in einem beständig fortgesetzten Abtrainieren von Empathieverhalten besteht. – Mit dem Ziel, der Gesellschaft hinreichend viele „Krieger“ zur Verfügung zu stellen. Männlichkeit ist ganz generell ein Artefakt einer Kriegerkultur, die beständigen Bedarf an konsequent abgehärteten Menschen hat, die eben dringend „echte Männer“ braucht.

Vorsätzlich unernsthaft ausgedrückt kann man sagen, dass die Ergebnisse männlicher und weiblicher Zurichtung in einer solchen Kultur folgendermaßen aussehen:

Bedürfnispyramide ♀                                          Bedürfnispyramide ♂

  Etwas Glamour                                                         Status

Abwechslung & Anregung                                  Status Status Status

GuterKontakt GuterKontakt GuterKontakt       Status Status Status Status Status

Der Männertherapeut Björn Süfke spricht in diesem Zusammenhang von einer konsequenten „Außenorientierung“ von Männern, die man vielleicht noch treffender als eine konsequente Orientierung am nicht- oder außer-menschlichen Teil des menschlichen Lebens bezeichnen kann: An messbaren Größen, an „der Natur“, an abstrakten Performanceeinheiten, an Tabellen, Ranglisten, Karten, etc.

Nachdem die „natürliche Orientierung“ konsequent abgetötet wurde: wie geht es mir gerade/wie geht es Dir gerade? – Was brauche ich gerade?/Was brauchst Du gerade?, ist genügend Raum da, um sich an anderem orientieren zu können. In den meisten Fällen ist das ein verklausuliertes Regelsystem, das durch „Autorität“ abgesichert und dem durch überlegene Gewalt Geltung verschafft wird. Kurz: Durch Hierarchie und durch Kriege.

Für Männer geht es daher so gut wie immer um die Frage: „Wer soll hier gerade herrschen? Wessen Gesetz hat hier gerade Gültigkeit?“

Die wunderbare Einfachheit der Männer

Männlichkeit ist so betrachtet ein System, das sich selber füttert: Es schafft die Bedarfe, als dessen Lösung es sich dann selbst präsentiert: Weil es Kriege gibt, brauchen wir Krieger. Weil wir Krieger züchten, gibt es Kriege.

Im ganz normalen zwischenmenschlichen Alltag erzeugt Männlichkeit allerdings gewisse Probleme. Große gesellschaftliche Probleme. Probleme, um die sich dann, gemäß der traditionellen Geschlechterordnung, in den allermeisten Fällen „die Frauen“ zu kümmern haben.

Menschliche Komplexität ist nämlich im Ergebnis dann etwas, das viele von uns Männern gar nicht mehr richtig wahrnehmen können. Sie existiert für uns nicht. Daher haben wir oft auch gar nicht den Eindruck, dass wir mit unserem fröhlichem oder gar nicht mal so fröhlichem Kriegertum etwas kaputt machen würden.

Für uns Männer ist alles Menschliche „ganz einfach“. Wir sind in erhöhtem Maße für einen Vorgang anfällig, den man „sich Menschen einfach denken“ nennen könnte.

Daher muss ich meine frühere Ansicht, dass Kriegsführung vorsätzlich der Komplexitätsreduktion dient, möglicherweise überdenken. Denn dieser Vorgang würde ja voraussetzen, dass die menschliche Komplexität überhaupt wahrgenommen und dann eben durch Aufteilung in Parteien, Wir-gegen-die, Mobilisierung der Truppen und Kräfte gezielt reduziert wird.

Wahrscheinlicher erscheint es daher, dass wir nicht einmal wissen, was wir zerstören. Weil uns der Zugang zu einem komplexeren Erleben und Zusammenleben von Anfang an verwehrt wird. – Als Ergebnis unseres „Männlichkeitstrainings“ fühlen wir uns eben außerhalb von Parteien, Unternehmen und anderen Heerlagern nicht mehr wohl. Wir fühlen uns dort überfordert, halt- und orientierungslos. Und deshalb zetteln wir dann einfach den nächsten Krieg an. Was ist schon dabei?

Wenn wir also wirklich sagen wollen, dass wir Männer – in der Tendenz – von menschlicher Komplexität überfordert sind, so können wir zugleich auch festhalten, dass das „Absicht“ ist. Absicht in dem Sinne, dass wir es bisher so wollen, dass wir Männer als sozial inkompetente Sturmtruppler durch die Welt laufen. Immerhin ist das Männlichkeitstraining immer noch in vollem Gange. Ganz genauso wie die entsprechende Frauenzurichtung übrigens.

Das ist dann allerdings die Außenperspektive. Aus männlicher Innenperspektive macht einfach nichts anderes „Sinn“, als sich eben mit anderen Männern zusammenzufinden und dann gemeinsam gegen andere Männer zu kämpfen, die sich ebenfalls zu diesem Zweck zusammengerottet haben. + Gegen Frauen, die diese Art von Spielen: Krieg als Lebensform gerne mitspielen wollen.

Es kann natürlich sein, dass wir das irgendwann satt haben. Also wir Männer meine ich. Das dürfte dann der Fall sein, wenn wir feststellen, dass es für uns doch etwas noch Spannenderes und Herausfordernderes gibt als sich in den jeweils nächsten Krieg zu stürzen.

Eine ganz miese Kiste

Wie vielleicht durchscheint: Ich gehe davon aus, dass es allen Menschen so ziemlich gleich schlecht geht in einer Welt, die so funktioniert. Auch wenn das keiner hören möchte. Weder zur Frau noch zum Mann erzogene Menschen haben sonderlich Freude an dieser „Nachricht“.

Allerdings hätten wir alle ein großes Problem, wenn es es sich anders verhielte: Würden wir wirklich in einer Welt leben, in der es ein riesengroßer Spaß wäre, z.B. ein Mann zu sein, während Du als Frau die Arschkarte gezogen hast. Und sind Männer zur Anti-Empathie erzogen und fühlen sich großartig dabei: Woran könnten Frauen dann wohl appellieren bei uns Männern? Würde man dann wirklich setzen auf das Mitgefühl von ausgemachten Unempathen? – Macht irgendwie wenig Sinn.

Ein solcher Versuch müsste gerade dann ins Leere laufen, wenn wir davon ausgehen, dass es uns Männern fanstastisch gut geht, mit dem was wir sind. Mit dem, wozu wir gemacht wurden und wozu wir uns jeden Tag weiter machen.

Bliebe also noch die Alternative, dass die Frauen dieser Welt dann eben „um Gerechtigkeit kämpfen müssen“. Dass sie sich also auf den alten Amazonenmythos besinnen und „männlicher werden als die Männer“, um den Kampf gegen sie bestehen und gewinnen zu können. Frauen sagen dann: „Mann sein, das ist ja so toll. Das machen wir jetzt auch!“ – Darauf würde jemand wie ich antworten: Viel Spaß dabei!

– Das gleiche Prinzip gilt auch umgekehrt: Kommen wir Männer nun auf die Idee, wir seien in dieser Welt irgendwie unterprivilegiert und die Frauen dieser Welt hätten es ja so viel besser als wir: Welche Chancen hätten wir wohl, diese „Ungerechtigkeit“ gegen die Interessen von ca 51% der Menschheit gerade zu rücken?

Nein, es macht nicht viel Sinn, gesellschaftlichen Fortschritt als Trade-Off zwischen zwei sich feindselig gegenüberstehenden Menschengruppen zu denken. Das Resultat solcher Konzeptionen ist ebenso vorhersehbar wie unerquicklich: Ein beständiges Hin- und Her zwischen zwei festen Fronten, ganz so wie im I. Weltkrieg zwischen Frankreich und Deutschland: Die Verluste sind hoch und grausam. Fortschritte gibt es so gut wie keine.

Ich glaube, es macht deutlich mehr Sinn, sich auf den Komplexitätserhalt in Menschen zu konzentrieren, die wir aufgrund ziemlich äußerlicher Merkmale als „Junge“ oder „Mann“ bezeichnen.

Dazu muss man sich aber für „die Innenperspektive“ von Männern interessieren: Nicht, wie wir äußerlich erscheinen und uns äußerlich (mit ziemlich viel Aufwand) zu geben versuchen. Sondern dafür, wie sich Mann-Sein für uns gestaltet, wie wir es erleben, „wie es sich in Wirklichkeit anfühlt, ein Mann zu sein“.

Kurzgesagt: Man kann unterstellen, dass es auch noch einen „Menschen hinter der Männlichkeit“ gibt. Und der ist deutlich differenzierter und komplexer als die Show, die wir von Männern erwarten. Es ist sehr bequem, auf diese Show einzuprügeln. Den Mann hinter der Show bringt das nur leider keinen Schritt weiter. Denn geprügelt wurde er auch schon vorher. Das ist er bereits gewohnt. Genau so wurde er ja, was er heute ist.

Und Menschen, die mit ihrer eigenen, inneren Komplexität noch in einem halbwegs guten Kontakt sind, können auch mit der Komplexität anderer Menschen, sowie mit zwischenmenschlicher Komplexität deutlich besser umgehen. Wenn „Männer“ Zugang zu ihrem inneren Reichtum haben, brauchen sie keine Kriege mehr, um die Leere zu kompensieren, die ihrem eigenen Empfinden nach in ihrem Inneren herrscht.

Das allerdings, was mir hier als Möglichkeit vorschwebt, für uns Männer, das wird für jeden Einzelnen von uns ein recht harter Weg.

 

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