Ich durfte in meinem Leben Teil von einigen „Protestbewegungen“ sein: von Protest gegen Bildungsreformen, Protest gegen Umweltzerstörung, Protest gegen Helmut Kohl ganz persönlich, Protest gegen Kriege, und bestimmt hab ich dabei noch einiges vergessen.

Wenn ich meine dabei gemachten Erfahrungen würdige, ergibt sich für mich folgender Eindruck:

Es ist ein großes Problem, dass sich die allermeisten Protestbewegungen selbst nicht als Teil des Systems begreifen, sondern felsenfest daran glauben, „außerhalb des Systems“ zu stehen.

Dabei sind Protestbewegungen sehr wichtige, stabilisierende Bestandteile des Systems, das sie adressieren, „gegen“ das sie protestieren. Sie sind nicht draußen, sondern drinnen. Sie sind Teil des Spiels. Das System braucht Proteste.

Nur stellt sich das eben, solange man Teil einer Protestbewegung ist, für einen meist ganz anders dar.

Protestbewegungen bewegen nur höchst selten etwas in diejenige Richtung, in die sie etwas bewegen wollen. Der Protest muss wirklich sehr allgemein und sehr massiv werden, damit das der Fall ist. Und das ist naturgemäß selten. Die meisten Menschen haben eben auch noch was anderes zu tun, als ihr Leben ganz und gar dem Protest zu verschreiben. – Das aber ist für „gelingenden Protest“ in der Regel nötig.

Zudem gewöhnt sich die Gesellschaft recht schnell an Proteste. Sie verlieren schnell ihren „Ereignischarakter“, über den in übergreifenden Medien und selbst in social media berichtet wird, zumindest über die Protest-Bubble hinaus. Proteste zu einem „beständigen Ereignis“ zu machen, das beständig Aufmerksamkeit bekommt, ist so gut wie unmöglich. Ereignischarakter und Beständigkeit schließen einander wechselseitig aus.

Auch aufgrund dieses Zusammenhangs „radikalisieren“ sich manche Protestbewegungen, im verzweifelten Versuch, weiterhin „genügend“ Aufmerksamkeit zu generieren. Im Klartext heißt das: Sie nutzen Gewalt, um den Ereignischarakter zu erhalten.

Doch das stützt das System noch mehr als der herkömmliche Protest. Gewalthafter Protest kanalisiert Aufmerksamkeit nicht auf das Anliegen einer Protestbewegung, sondern auf die Frage, „wie wir diese Verrückten wieder in die Gesellschaft eingliedern können“. Bzw. „Wie wir diese Störung dauerhaft beseitigen können“. – Ähnliche Mechanismen gelten übrigens auch für Protest im Allgemeinen (- Und es gilt sogar für etablierte Parteien; alle „Parteien“ können als fest institutionalisierte Protestbewegungen betrachtet werden). Bei gewalthaftem Protest verschärft sich dieser Mechanismus lediglich. Dennoch kann man feststellen, dass der Einsatz von Gewalt nachweislich kontraproduktiv für die Ziele von Protestbewegungen ist. Friedliche Proteste sind statistisch gesehen erfolgreicher.

Insgesamt betrachtet sind Proteste aber aus all diesen Gründen (begrenztes Engagement, Entsensationalisierung) daher exakt genauso wirksam wie „Märsche durch die Institutionen“. Nämlich: Gar nicht. Keines der beiden Mittel bewirkt das, was es ursprünglich bewirken sollte. Denn Systeme sind geradezu dazu gemacht, sich gegen solche Störungen zu immunisieren. Jedes auch nur halbwegs gut etablierte System, das seinen Namen verdient, arbeitet so etwas im laufenden Normalbetrieb weg.

Wirksame Änderungen sind stets machtbehaftet. Und sie führen stets zur Änderungen von Institutionen, sie belassen es nie bei Einzelmaßnahmen.

Das ist auch der Grund, warum „Demokratie“ so eine „radikale“ Staatsform ist: Demokratie ermöglicht es allen Bürgern, an institutionellen, also bleibenden Veränderungen des Systems beteiligt zu sein. Die Demokratie nutzt sozusagen beständig die Bürger zum Zweck eines beständigen Selbstumbaus. Demokratische Systeme sind daher „in sich selbst“ paradox. Es sind ganz besondere Systeme: Systeme, die sich selbst beständig umbauen können. – Es gibt in der ganzen Natur nichts vergleichbares.

Es ist die ganz besondere Koppelbarkeit zwischen „Menschen“ einerseits und „Gesellschaft“ andererseits, die von der Demokratie permanent benutzt wird, um permanente Selbstrevolution überhaupt möglich zu machen.

Die Demokratie nutzt den Umstand aktiv, dass Menschen und Gesellschaft einander wechselseitig „äußerlich“ sind. Das ist bei „Protest“ nicht der Fall (auch wenn es uns als gerade Protestierenden eben meist so erscheint, als sei das anders).

Analytisch gesprochen sind Menschen Protestbewegungen überlegen, was ihren „systemverändernden Impact“ angeht. Allerdings nur dann, wenn Menschen im Kern der Gesellschaft, dort wo „die Macht“ ist, tatsächlich „vorkommen“.

Ohne diese „Menschlichkeit im Herzen des Staates“ sind Gesellschaften unfähig, sich selbst zu reformieren. Und – wie alle Erfahrung zeigt – kann Protest diesen Mangel an Selbstreformfähigkeit keineswegs ausgleichen. Nicht mal ansatzweise.

Man könnte auch sagen: Durch Demokratie werden Gesellschaften überhaupt erst im Vollsinne des Wortes „handlungsfähig“.

 

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