Wie viele kleinbürgerlichen Großstadthaushalte haben auch wir eine Putzfrau (ok, zur Zeit ist es ein Putzmann). Ich war anfangs dagegen, fühlte mich irgendwie nicht wohl bei dem Gedanken, unseren Haushaltsdreck nicht selber weg zu machen. „Meine Leute“ gehen eher selber putzen, als dass sie andere bei sich putzen lassen. Es fühlte sich an wie Ausbeutung. Aber das hieß in der Realität: Viel blieb dann doch an meiner Frau hängen. Wie das angeblich bei vielen Paaren so ist. Meine Frau wollte also unbedingt einen Putzmenschen, wir arbeiten beide, unser beider Jobs sind ziemlich fordernd, und ich sah schließlich ein, dass die Wahl nicht war, auszubeuten oder nicht, sondern meine eigene Frau auszubeuten und oder jemanden Fremden, – oder eben doch in irgendeinem Lebensbereich deutlich kürzer zu treten. Wir fanden also Menschen, die alle 2 Wochen zu uns kamen, um die Grundreinigung zu machen.

Die ersten Putzmenschen, die uns halfen, waren allesamt Studentinnen aus südamerikanischen Ländern. Doch sie waren alle nur kurz da, aus unterschiedlichen Gründen (Studium beendet, weggezogen, jemanden kennengelernt, usw.). Und dann fanden wir Maria. Maria, die im wirklichen Leben nicht Maria heißt, erzählte uns gleich zu Anfang, dass sie früher ein Alkoholproblem gehabt hätte, und putzte, um sich selber in der Spur zu halten. Sie hatte kaputte Zähne und redete viel auf uns ein, naja, vor allem auf mich, denn wegen meiner Arbeitszeiten hatte ich dann „in der Praxis“ deutlich mehr mit ihr zu tun, als meine Frau. Die meisten Male gab sie mir ungefragt Ratschläge (was ich hasse). Aber irgendwie war sie zugleich schwer in Ordnung. Wir mochten uns. Und so wuchs mit der Zeit eine echte Beziehung.

Hinzu kam, dass meine Frau mit Marias Arbeit deutlich zufriedener war als mit den Putzkünsten aller anderen Menschen zuvor. Das hatte etwas mit Marias Haltung zu tun: Sie war zwar formal „angestellt“ bei uns, doch ihre Haltung war zu 180% die einer Selbständigen: Sie schlug von sich aus immer neue Sachen vor, was sie noch putzen könnte, brachte eigene Putzmittel mit, usw. – Wir verließen dann meistens einfach die Wohnung und überließen ihr alles. So schien es für uns alle am besten zu sein: Wenn sie freie Bahn hatte und alles ganz genau so machen konnte, wie es für sie richtig war. Dass Maria zwischendrin lange Pausen macht und auf unserem Balkon ein paar Zigarretchen paffte, obwohl meine Frau fanatische Nichtraucherin ist: Drauf geschissen. Dass sie ab und an ihre Telefonate von unseren Festnetzanschluss aus erledigte: Schon okay. Von Maria (wie auch von einigen meiner Kunden, bei denen es ähnlich war) lernte ich, dass nicht alle Menschen Putzjobs hassen, obwohl die Bedingungen in der Branche im Allgemeinen wirklich katastrophal sind. Es gibt z.B. Firmen die systematisch pleite gehen, um sich Gehälter zu sparen. Und die sich danach unter anderem Namen einfach neu gründen. Die ehemaligen Angestellten bleiben auf ihrem Verdienstausfall sitzen. Die Leute werden rumgeschubst wie nochmal was, die Gehälter und Bedingungen sind unter aller Sau. Aber Maria erweckte den Eindruck, ihre eigene Herrin zu sein. Wir empfahlen sie einigen unserer Freunde, wo sie dann ebenfalls regelmäßig putzte.

Weil ich Maria regelmäßig traf, durfte ich über die Jahre einiges von ihr erfahren: Dass sie 3 Kinder hat, die sie alleinerziehend groß gezogen hat. Dass sie auf ihren jüngsten Sohn schrecklich stolz ist, weil der die Mittlere Reife geschafft hat und jetzt in der Ausbildung ist. Dass ein anderer Sohn schonmal im Gefängnis war. Dass sie Riesenkämpfe mit dem Sozialamt hat, als sie umziehen sollte, weil ihre Wohnung zu groß sei für das, was in München gezahlt wird. Maria war eine sogenannte „Aufstockerin“, die sich längst damit abgefunden hatte, ihr Leben lang mit dem Sozialamt zu tun zu haben. Aber ihren Job als Putzkraft machte sie eben dennoch völlig geschäftsmäßig. Alles an ihr fühlte sich dabei wie eine Unternehmerin an. Einschließlich dessen, dass sie nicht bei Menschen putzte, die sie schlecht behandelten oder ihr irgendwie komisch kamen. – Irgendwann fühlte sich Maria nicht mehr an wie eine Putzkraft, sondern eher wie ein Mitglied in unserer großstädtischen Wahlgroßfamilie. Das zeigte sich z.B. daran, dass sie einmal in den Sommerferien 1 Woche auf unseren Sohn aufpasste, als wir mit den Urlaubstagen so gar nicht hinkamen und dringend jemanden brauchten, der uns half, so dass wir arbeiten konnten. Sie sagte: „Ich mache das gerne!“

Eines Tages war sie dann mehr durch den Wind als es sonst immer wieder mal vorkam, wenn sie etwa Stress „mit dem Amt“ oder mit einem Kunden hatte, der sie dann doch nicht so gut behandelte, wie es zunächst den Eindruck machte. Sie erzählte von ihrem Ex-Freund und seinen Problemen, dass sie wieder Kontakt hätten und sie sich um ihn Sorgen machte. Beim nächsten Mal dann die Horrorstory: Sie hatte einen Anruf von ihm bekommen, bei dem sie seine Stimme am Telefon kaum verstehen konnte, fuhr zu seiner Wohnung (sie hatte einen Schlüssel von ihm) und fand ihn tot vor. Sie hatte ihm am Telefon beim Sterben zugehört. Danach war Maria glaube ich noch einmal bei uns und meldete sich dann krank. – Wir hatten Verständnis, machten uns zugleich auch Sorgen um sie (u.a. die Sache mit ihrem früheren Alkohol-Problem geisterte durch unseren Hinterkopf). Wir meldeten uns bei ihr und versuchten den Drahtseilakt: Keinen Druck aufzubauen und Verständnis zu zeigen, dass sie abgetaucht war, Hilfe anzubieten, zugleich auch darum zu bitten, einfach in Kontakt zu bleiben. Per Anrufen auf die Mailbox. Per SMS. Immerhin war sie ja mittlerweile „Familie“. Maria antwortete nicht mehr.

Seit der Zeit haben wir dann immer wieder mal versucht, den Faden wieder aufzunehmen. Immer seltener. – Und irgendwann haben wir dann jemanden anderen engagiert, um uns beim Putzen zu unterstützen. Aber es war eben etwas anderes als ein reiner „Ersatz bei einer Tätigkeit“. Es fühlte sich einfach nur komisch an. Nicht gut.

Neben unserer Sorge um sie gab es zugleich auch ein Ärgernis: Sie hatte noch unseren Haus- und Wohnungsschlüssel. Aber es kam uns schäbig vor, zu viel Druck wegen einer Rückgabe zu machen, bei jemandem, der womöglich ziemlich am Boden war. Einmal traf meine Frau sie auch zufällig in der Fußgängerzone, sie wirkte „ganz normal“. Meine Frau war so perplex, dass sie es nicht schaffte, sie anzusprechen. Am Tag darauf schickte sie ihr eine Whats-App-Nachricht. Darauf blockierte Maria sie. Sie wollte ganz offenbar keinen Kontakt zu uns. Warum wussten wir nicht, denn bis zuletzt war unsere Beziehung nach unserem Empfinden richtig gut, eben eine gewachsene Sache.

An dieser Stelle wäre die Geschichte normalerweise zu Ende. So eine Art „Ghosting“ mit einem mulmigen Gefühl, mit gemischten Empfindungen von Traurigkeit, Besorgtheit und Ärger.

Nun sind wir aber kurz vor dem Umziehen. Das heißt auch: Unsere Wohngesellschaft erwartet den Schlüssel von uns zurück. Und wir fühlen uns nicht gut, wenn jemand einzieht und jemand, den dieser Neumieter nicht kennt, hat einen Schlüssel zu seiner Wohnung. – Also versuchten wir es noch einmal: Ich schrieb Maria zwei lange SMS an ihre beiden Mobilfunknummern, Tenor: „Wir sind Dir nicht böse, wir wollen Dich auch nicht nerven, aber wir brauchen einfach den Schlüssel, weil das sonst teuer für uns wird.“ – Keine Antwort. – Ich fuhr dann irgendwann bei ihrer Wohnung vorbei und stellte fest: Ihr Name ist nicht länger bei den Klingelschildern.

Langes Hin- und Her-überlegen. Was machen wir? Den Schlüssel einfach nachmachen, nichts sagen? Reinen Tisch machen, möglicherweise Ärger mit der Hausverwaltung bekommen und gegebenenfalls den Austausch der Schließanlagen im ganzen Haus bezahlen? Wir entschlossen uns schließlich zur Polizei zu gehen, im Versuch, alles möglichst glimpflich zu klären, Ziel: Einfach den Schlüssel zurückbekommen, ohne Anzeige oder sowas. Keine Ahnung, ob das überhaupt geht, aber fragen kann man ja mal.

Also war ich heute bei der Polizei. Dort erfuhr ich: Maria ist letzten Dezember verstorben. Der Todesgrund blieb unklar.

Liebe Maria im Himmel,

ich weiß, dass Du ein großartiger Mensch warst. Ich weiß auch, dass ich trotz all unserer Gespräche viel zu wenig über Dich weiß. Ich weiß, dass ich mir etwas vormache, wenn ich schreibe, dass Du zu unserer Familie gehört hast. Wäre ich dann nicht viel früher bei Dir vorbeigefahren oder hätte ich dann nicht schon viel früher die Polizei eingeschaltet – und nicht erst dann, als ich den Schlüssel von Dir brauchte? Ich weiß nicht einmal, wie alt Du genau geworden bist, nur dass Du wohl kaum die 60 erreicht hast. Ich bin traurig über Deinen Tod. Ich bin traurig über den Kontaktabbruch und dass ich wahrscheinlich nie erfahren werde, was genau war. Auch, dass wir keine Chance bekommen haben, „dabei zu sein“, als es für Dich schwieriger wurde. Aber vielleicht wolltest Du uns auch schützen oder verschonen. Oder es war Scham im Spiel. In meiner Fantasie – weil ich mich damit besser fühle – hast Du Dir die letzten anderthalb Jahre einfach mal mehr rausgenommen vom Leben. Und auf uns „Kunden“ geschissen. Und Dir ein möglichst schönes Leben gemacht. Das wünsche ich Dir: Dass es so gewesen ist. Denn dieses Leben ist sicher vieles, aber es ist eins ganz bestimmt nicht: Es ist nicht fair.

Lass es Dir jedenfalls jetzt immer gut gehen. Und wenn Du auf Deiner Wolke sitzt und Deine Zigarreten paffst, schick ab und zu einen Rauchkringel zu uns runter. Nur so als Zeichen.

Denn wir vermissen Dich.

 

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