Ich habe grade „eine zweite Phase“, in der ich mich erneut mit dem Umstand auseinandersetze, dass einige Reaktionen bei mir relativ häufig auftreten, die von anderen mit dem Label „hochsensibel“ versehen werden.

Eine Box, eine Schublade, ein Label für jeden Menschen

Nun habe ich damit so meine Probleme: Erstens mag ich – aus einer ganzen Reihe von Gründen, von denen der erste die menschliche Vielschichtigkeit und Veränderlichkeit ist – ganz generell keine Labels und „Persönlichkeitstypologien“. Alle, die ich kennen gelernt habe, sind aus meiner Sicht irreführend und unterkomplex. Sie werden der inneren Vielfalt keines einzigen Menschen gerecht.

Zudem verdecken uns Persönlichkeitskonzepte die Vorgänge, die mehr in der zwischenmenschlichen Interaktion als „in uns“. Und diese Vorgänge, aus denen wir „fixe Persönlichkeitsmerkmale“ ableiten, sind für uns ohnehin sehr schwer beobachtbar. Wir selbst verzerren das Feld des Beobachtbaren ganz fundamental, wenn es um andere geht. Und andere verzerren das Feld des Spürbaren ganz fundamental, wenn es um uns selber geht. Da die Beobachtung und die Gefühle sich immer „in Begegnung“ ergeben, müssten wir eigentlich damit beginnen, die Qualität von Begegnungen Aufmerksamkeit zu schenken, – Und eben nicht „personalen Eigenschaften“ von uns selbst oder von anderen Menschen. Die Achtung auf „persönliche Reaktionen“ sind nur Mittel oder Werkzeuge, um in zwischenmenschlichen Situationen gemeinsam bessere Handlungsmöglichkeiten zu finden. Wir machen daraus aber gewohnheitsmäßig „mehr“: Wir substantialisieren diese situativen Reaktionen: wir machen aus ihnen generelle Aussagen über uns selbst oder zu Aussagen über andere Menschen. In der Philosophie nennt man das: „Unzulässige Verallgemeinerungen über den Geltungsbereich hinaus“.

Nun ist dieses ganze „Personalisieren“ so verbreitet in unserer Gesellschaft und vielleicht neigen wir alle sogar „von Natur aus“ dazu (etwa, weil es für uns früher überlebenswichtig war, menschliche Gegenüber schnell „einschätzen“ und daraus Handlungsstrategien ableiten zu können). Das bedeutete dann: Die Aversion gegen personale Substanzialisierungen („Person XYZ ist Eigenschaft ABC“), die bei mir häufig aber eben auch nicht immer auftritt, hat wohl nur geringe Chancen, jemals große Verbreitung zu finden. Zu lustvoll und „interessant“ ist für uns das Spiel mit den personalen Zuschreibungen. Zu sehr kommt es auch der Neigung unseres Gehirns zu einer „ökonomischen Arbeitsweise“ entgegen.

Das sind also so meine grundsätzlichen Problemchen mit dem Label der „Hochsensibilität“: Dass es ein Label ist. Und dass Label, wenn es um Menschen geht, ebenso unvermeidlich wie problematisch sind. – Und natürlich, dass brauchen wir nicht zu verschweigen, haben Labels für die Gelabelten (egal ob von sich selbst oder von anderen) durchaus auch Vorteile. Sogar Vorteile, die sich systematisch ausbeuten lassen.

Das gesagt habend…

Nun stehe ich zugleich auf dem Standpunkt, dass „die Wahrheit“ vor allem etwas sehr Körperliches ist. Dass es für uns stets nur um „menschliche Wahrheiten“ gehen kann, da alles, was wir Menschen überhaupt als Wahrheit erkennen können, von Anfang bis Ende „menschenförmig“ ist. (Modernisierte Variante des homo-mensura-Satzes des Protagoras).

Und da sitze ich nun also auf meinen körperlichen Reaktionen, die beständig auftreten und versuche mir so meinen Reim auf sie zu machen – und aus ihnen irgendetwas „abzuleiten“. Und vielleicht ist schon diese ganze Ableiterei ein vermeidbares Problem in sich selbst.

Das, was unser Körper von uns will, und das was wir daraus machen, das ist schon wieder ein ganz eigenes Thema.

Der Körper hat also recht. Egal, ob uns das gerade ins Konzept passt oder nicht. Egal, ob wir gerade bereit sind, unsere Konzepte an das, was da „körperlich aufploppt“ anzupassen oder nicht. – Und wir sind als Menschen frei, diese „Hinweise des Körpers“ auch einfach zu ignorieren. Und sozusagen „körperblind, körpertaub“ unterwegs zu sein.

Nur: Wenn wir wirklich die Wahl haben, uns dem Menschlich-Körperlichen zuzuwenden oder uns davon abzuwenden, was bekommen wir jeweils, wenn wir das tun? Was ergibt sich? Und das in völlig verschiedenen Situationen? Wann ist was dran? Wann ist was hilfreich für uns?

Oder ist es gerade umgekehrt: Wenn wir uns abwenden entstehen systematisch ganz andere Situationen als wenn wir uns dem Menschlich-Körperlichen (in seiner ganzen Individualität und Situatitivät) zuwenden? Was ist Anfang, was ist Ende? Was ergibt sich aus was?

In diese Zirkel kann man nur springen und dann hoffen, dass man irgendwie schwimmt. Dass man in ihnen irgendwie „Unterschiede zu machen“ versteht. Nein genauer: Mensch ist schon immer in diesen Zirkeln. Mensch schwimmt schon immer. Und mensch macht schon immer Unterschiede in diesem ganzen endlosen, anfangslosen Spiel.

Und vielleicht ist mein aktuelles Problem auch ein ganz anderes…

Stark-Sein

Es gibt da diese eine Erwartung, die an mich – aus meiner Sicht – von außen herangetragen wird, weil ich „phänotypisch“ ein Mann bin: Ich habe, in sehr spezifischer Form, denn es gibt auch erwartete „weibliche“ Formen von Stärke, stark zu sein.

„Empfindlichkeit“ und „Hochreaktivität“, sowie „leichte Irritierbarkeit“ ist nicht unbedingt das, was wir alle von einem Mann erwarten. – Und da darf ich mich nun voll und ganz einschließen in die Gruppe der An-Männer-Erwartungen-Habenden.

Die Frage ist nun also, was man als Mensch mit häufig auftretenden Reaktionen vom Typ „freies Radikal“ für ein Selbstbild ausformt, wenn man zugleich ein Mensch ist, dem von außen „Männlichkeit“ zugesprochen wird?

Zur „Männlichkeit“ habe ich über die Jahre nun schon so viel geschrieben, dass ich es mir hier erspare, nun noch einmal alles im Detail durchzugehen. Für hier genügt vielleicht der Hinweis, dass das Konzept „Männlichkeit“ in einer hohen Außenorientierung und einer geringen Innenorientierung besteht. Oder, wie vor kurzem von mir noch einmal genauer festgezurrt: Mit einer hohen Orientierung an Nicht-Menschlichem und einer geringen Orientieurng an Menschlichem, sei man es nun selber oder seien es andere Menschen. „Männlichkeit“ und „Desinteresse an Menschen“ sind so betrachtet Synonyme. Desinteressiertheit an unwillkürlichen Körperreaktionen ist der Kern des Konzepts von „Männlichkeit“.

Wir Männer werden also – von uns allen gemeinsam – dazu erzogen, uns nicht für Menschen zu interessieren, sondern stattdessen für anderes. Und selbst wenn wir es dann doch tun, z.B. Ärzte, Psychologen oder übers Allzumenschliche philosophierende Theoretiker werden, dann tun wir das so, als handele es sich bei Menschen um „Gegenstände unter anderen“, um „Objekte“. Wir behalten also den erlernten, uns anerzogenen, „naturwissenschaftlichen Blick“ bei, während wir uns Menschen zuwenden (einschließlich uns selber).

Das ist nun ebenfalls nicht zwingend etwas Schlechtes. Manche Dinge „sieht“ oder entdeckt man möglicherweise nur so.

Die Frage ist nur, ob wir die Möglichkeit noch haben, den naturwissenschaftlichen Zugang zum Menschlichen auch wieder loszulassen. Also: Uns und andere – von mir aus nebenher und gelegentlich – auch noch zu fühlen und zu spüren.

Und da wird’s dann recht mau, beim Näherkommen und Dranbleiben.

„Männliche Stärke“ hat, von hier aus betrachtet, etwas inhärent fragiles. Und der Ausdruck vom „fragilen männlichen Ego“ hat vielleicht hier seinen Kern und seine Substanz.

An dieser Stelle will ich noch einmal klarstellen, dass ich hier nicht primär über „Menschen“ spreche, sondern über ein Konzept. Allerdings über ein sehr verbreitetes Konzept, das sehr stabil reproduziert wird und das knapp 50% der Menschheit betrifft.

Zartheit

Aus all dem ist vielleicht nachvollziehbar, dass ich die Entdeckung der „männlichen Verletzbarkeit“ oder „männlichen Zartheit“ für eine der revolutionärsten Entdeckungen halte, die in unserer gegenwärtigen Gesellschaft überhaupt möglich sind.

Und, jede Kraft erzeugt eine Gegenkraft, das ist möglicherweise auch ablesbar daran, dass diejenigen Menschen, die sich derzeit am entschiedensten eine Rückkehr zu alten Formen des Zusammenlebens wünschen, gegen nichts so heftig und emotional polemisieren als eben gegen die „männliche Verweichlichung“.

Männliche Zartheit trifft das Alte ins Mark. – Und es gibt daher bereits tausenderlei Immunisierungen dagegen (die meisten sind Labels). Männliche Zartheit ist daher auch deutlich revolutionärer als weibliche Stärke. Für weibliche Stärke haben Kriegerkulturen längst Konzepte. Sie sprengen ihre Üblichkeiten nicht.

Dabei geht es natürlich um Ängste. Um absolut nachvollziehbare Ängste.

Die eine Nachvollziehbarkeit betrifft die Angst, männliche Zartheit könnte das Ende des Eros bedeuten.

Die andere Nachvollziehbarkeit betrifft die Angst, dass Gesellschaften, die männliche Zartheit anerkennen, zulassen und nicht systematisch auslöschen, Gesellschaften sind, die keinen langen Fortbestand haben, dass solche „verzärtelten Gesellschaften“ von anderen, „kriegerischeren“ Gesellschaften überrannt und ausgelöscht werden.

Wenn Sie also das nächste Mal einem reaktionären Männlichkeits-Fanatiker begegnen, erinnern Sie sich vielleicht daran:

Er oder sie will a) dass wir alle weiterhin guten Sex haben. Wenn es denn so ist, dass wir bisher guten Sex haben.

Und er oder sie will b) uns alle, inklusive Ihnen, davor beschützen, dass kriegerische Männerhorden sie töten, vergewaltigen und die Herrschaft übernehmen.

Und wenn Du dann sagst: „Nein Danke, ich muss gar nicht beschützt werden“. Dann wirst Du ganz automatisch zu hören bekommen: „Du machst halt einfach nur ganz fest die Augen zu vor der Bedrohung, der wir alle ausgesetzt sind!“

Das klingt vielleicht polemischer als es von mir gemeint ist. Denn ich meine ernsthaft, ohne das geringste Jota von Ironie: Alles Reaktionäre will Gutes. Es ist nicht böswillig, es ist gutwillig. Und es sieht, dass das Gute, das ihm so wichtig ist, in Gefahr ist und zu wenig anerkannt wird.

Die Frage ist nur, ob das Reaktionäre das, was es will, auf dem Weg, wie es es vertritt, auch erreicht. Ob es durch sich selbst jemals noch bekommen kann, was es will.

Vom Standpunkt eines strikten ethischen und politischen Konsequentialismus aus betrachtet, geht es darum, Vorschläge zu machen, die besser sind als die bisherigen, „besser“ vor allem darin, dass sie auch noch den letzten und scheinbar verbohrtesten „Verteidiger“ überzeugen.

Wer den wilden gedanklichen Ritt dieses Artikels, mit all seinen vermeintlichen Sprüngen, bis an diese Stelle mitgemacht hat, dem sei an dieser Stelle gesagt:

1.) Respekt!

2.) Ein ehrlich gemeintes DANKE für Deine unglaubliche Geduld und Deine fantastischen Nehmerqualitäten!

3.) Im Grunde habe ich nur einen Vorschlag mit all dem gemacht: Die Dinge so zu sehen, dass wir alle gemeinsam von „männlicher Zartheit“ noch völlig überfordert sind. Dass wir alle gemeinsam gerade erst noch lernen, damit umzugehen. – Und nicht nur ich für mich allein.

Dieser ganze Artikel ist also nichts mehr und nichts weniger als eine persönliche Entlastung von mir. Und eine Einladung dazu, sich gemeinsam mit mir zu belasten. Ich habe keine Ahnung, wie attraktiv oder unattraktiv das für Dich ist.

Für mich selbst war er nötig. Ob er für Dich auch hilfreich oder nur belastend ist, das weiß ich nicht. Ich kann nur sagen: Ich selber habe die Wahl nicht mehr, von meiner eigenen, ganz traditionell-klassischen Männlichkeit nicht ausgesprochen belastet zu sein.

Und das Neue, das Kommende fühlt sich noch lange nicht so an wie eine Entlastung oder eine Befreiung. Vielmehr ist sehr darauf zu achten, dass es zu keiner neuen Belastung wird. Zu einem neuen Imperativ, zu einem neuen Verbot. Denn NOCH mehr Imperative und Verbote brauchen wir, was das angeht, ganz sicher nicht.

 

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