Angst, Anspannung, Beruhigung, Entspannung, Mittel

Für ein Lebewesen in der Bauart des Menschen ist es ein ganzes Stück weit normal und erwartbar, dass es „angespannt“ ist, um nicht zu sagen: dass es Angst hat.

Zu viele Möglichkeiten, was alles passieren kann. Zu viele Möglichkeiten, was man gerade mit Blick auf jene Möglichkeiten tun oder nicht tun könnte. Im Grunde ist das menschliche Leben – zumindest potentiell – ein einziges, großes Versäumnis.

Daher gibt es einen natürlichen Bedarf an menschlichen „Beruhigungsmitteln“, um die eigene Anspannung wieder auf ein halbwegs erträgliches Maß herunterzuregeln.

Es bieten sich z.B. alle möglichen Arten von chemischen Mittelchen an. Und gerade in den USA wäre es ein recht interessantes Experiment, wenn von einem Tag auf den anderen der Supply der gesamten Bevölkerung mit Psychopharmaka ausfallen würde. Ich wage da keine Prognosen mehr, was das wohl für Auswirkungen hätte…

Körperliche Betätigungen können ebenfalls recht beruhigend wirken. Vom „Auspowern“ bis zur gleichmäßigen, regelmäßigen Belastung, mit der der Körper sich selber sagt: „Ja, Du bist noch da. Du funktionierst. Und gleich was passiert, wahrscheinlich wird das auch morgen einigermaßen so sein.“

Einige Menschen beruhigen Gespräche mit anderen Menschen. Die tägliche Rückversicherung und Bestätigung, dass man mit seinen Gefühlen, Ansichten und Handlungen im Großen und Ganzen nicht völlig auf dem Holzweg ist. Dass andere Menschen es mit einem ganz gut aushalten und sich gern mit einem abgeben, obwohl man doch…

Ähnlich mit „Arbeit“. Und hier wiederum beides: Die täglichen Routinen der Arbeit, die unsere Gedanken (und damit auch Ängste) kanalisieren und andere gar nicht erst aufkommen lassen. Und besonders fordernde Arbeit, besonders spannende „Projekte“, bei denen wir alles aufbieten müssen, nach denen wir aber „wissen, was wir heute getan haben“ und abends zufrieden und müde ins Bett fallen.

In eine nicht ganz unähnliche Kategorie fallen alle Arten von Spielen und Ablenkungen, die – wie mittlerweile viele Menschen angemerkt haben – sich in vielen Punkten kaum noch von „Arbeit“ unterscheiden. David Graeber schreibt in seinem Aufsatz „Die Utopie der Regeln“ zur faszinierenden Ähnlichkeit, die viele Fantasy- und Computerspiele mit jenen bürokratischen Ordnungen haben, aus denen sie vermeintlich Ausflüchte bieten: „Bürokratien schaffen Spiele. Bürokratien sind selbst Spiele – die aber absolut keinen Spaß machen.“ (David Graeber, Bürokratie, S. 227). Der „verborgene Reiz der Bürokratie“ bestünde in der künstlich abgetrennten Welt, die sie erschafft, und in der absoluten Kontrolle, die sie uns verspricht, wenn wir ihre „Regeln“ beachten. Absolutes Selbstbestimmtheiterleben durch Hingabe und Anpassung an eine absolute Fremdbestimmung. Ermöglicht wird das durch die klare zeitliche und räumliche Begrenzung jener künstlichen, bürokratischen Welt. Und natürlich ist auch das vor allem anderen: beruhigend. Beruhigend ist sowohl der Einstieg in solche Welten mit ihrem sich stets einlösenden Sinnversprechen, als auch die prinzipielle Möglichkeit, sie wieder zu verlassen, sich nicht für immer in ihnen aufhalten zu müssen, ohne dass es ein Entkommen aus ihnen gäbe.

Sex ist natürlich ebenfalls ein fantastisches Beruhigungsmittel, weil wir mit ihm sowohl einen Großteil der Körperchemie aktivieren, aufbieten und abrufen, und der zusätzlich noch den zwischenmenschlichen Bestätigungs- (und Beruhigungs-)aspekt mit sich bringt.

Manche von uns können sich selbst und ihre menschliche Umwelt auch recht gut mit Humor, Sarkasmus, Ironie und co. herunterregeln. Zur hohen Kunst wird das, wenn die Waves of Fear gerade türmend hoch in die Himmel schlagen, und wir selbst noch auf der Spitze und in den Strudeln solcher Tsunamiwellen freundlich-böse Witze reißen. „Galgenhumor“ eben.

Dass der Mensch aber überhaupt einen beständigen Bedarf an Beruhigungsmitteln hat, scheint eine anthropologische Konstante zu sein. Die Mittel können wir variieren und uns auch (manchmal viel zu sehr) an sie gewöhnen. Aber notorisch beunruhigte Menschen sind in jedem Fall ein Fluch für sich selbst und für ihre lieben Mitmenschen.

Denn es ist völlig normal, gesund und vernünftig, als Mensch jeden Tag eine ganzen Haufen von Scheißängsten zu haben.

 

 

Werbeanzeigen

Die Philosophie des Kellners

Das menschliche Leben lässt sich ganz und gar aus der Perspektive eines Kellners angehen:

Alles dreht sich darum, ein Gefühl dafür zu entwickeln, wann man die Leute anspricht und wann man sie besser ungestört lässt. Sowohl mit ihren eigenen Bedürfnissen als auch mit denen des Restaurants.

Dann darum, ihnen nichts aufzutischen, was sie nicht verspeisen wollen. Und wenn doch, es ihnen dann vorher schmackhaft zu machen. So wie sie es eben brauchen.

Und nicht zu vergessen, auch die Rechnung zu servieren.

Kärgliches Trinkgeld und schlechtes Benehmen nicht übertrieben persönlich zu nehmen.

Am Ende aber vor allem darum, dass sie die Leute wiederkommen.

Außer natürlich jene, die gar nicht wiederkommen sollen.

Politische Normalität

Politische Normalität tritt erst dann ein, wenn es für alle Menschen ab einem bestimmten Alter völlig normal ist, von ihrem Privatleben einen Teil abzutrennen und für „das politische Leben“ bereit zu halten. Wenn also alle Menschen aktive Bürger sind.

Diese Normalität kann kaum aus privater Initiative hervorgehen. Das zu erwarten wäre schlicht eine Überforderung von uns allen.

Was uns jedoch nicht überfordert ist die Einführung eines politischen Systems, das uns alle regelmäßig und beständig „engagiert“.

Da dies dann uns allen immer wieder „widerfährt“ und allgemeine Akzeptanz der allgemeinen politischen Engagiertheit vorausgesetzt werden kann, verliert Politik dabei viel von ihrer Aufgeregtheit.

Sie wird zu einem völlig normalen, selbstverständlichen Bestandteil des menschlichen Lebens, „der eben einfach dazu gehört“. Sie wird unspektakulär.

Ohne dieses, durch das Losverfahren institutionalisierte System, lebt eine Gesellschaft politisch gesehen beständig im Ausnahmezustand. Ständig Drama, ständig was los, ständig polarisierende Maulhelden mit großer Klappe, die Aufmerksamkeit auf sich ziehen müssen, „um das Ding am Laufen zu halten“.

Der Ausnahmezustand wird selbst zur „Normalität“. Das geht soweit, dass weitgehend vergessen wird, wie sich eine Gesellschaft mit einer allgemeinen, geordneten Politik unter aktiver Beteiligung aller Bürger im Unterschied dazu anfühlt. Und natürlich auch, dass eine solche Politische Normalität überhaupt möglich ist: Dass sie eine unsterbliche Alternative darstellt, die jederzeit wieder möglich ist.

Politische Normalität beruht auf Einsicht und Entschluss und setzt nichts weiter voraus als dass es überhaupt Menschen gibt. Für Menschen ist „Demokratie“: die aktive Beteiligung aller Menschen an ihrem eigenen Staat eine grundsätzlich unverlierbare Möglichkeit.

Aber natürlich sind wir Menschen auch frei, uns beständig dafür zu entscheiden, in politisch unnormalen Zeiten zu leben, solange wir dazu lustig sind.

Die zwei Leben des Menschen

Die Moderne hat sich angewöhnt, die Leben von Menschen folgendermaßen zu unterteilen:

Privatleben | Berufsleben

Die Unterscheidung kann so betrachtet werden, als orientierte sie sich an Folgendem:

Privatleben: Wir dienen überwiegend unseren eigenen Bedürfnissen | Berufsleben: Wir dienen überwiegend den Bedürfnissen anderer Menschen

Sofort flackern 1000 Ausnahmen auf, in beiden Bereichen. Auch im Privatleben dienen wir oft den Bedürfnissen anderer Menschen. Und auch im Berufsleben dienen wir oft eher unseren eigenen Bedürfnissen als denen unserer Kunden oder „Dienstherren“. Das kann sogar als geradezu erstrebenswert eingeschätzt werden.

Nichtsdestoweniger ist die Unterscheidung in Privat- und Berufsleben eine der Hauptunterscheidungen des menschlichen Lebens in der Moderne.

Die Antike hingegen unterschied vorrangig:

Privatleben | Politisches Leben

Diese Unterscheidung macht sich selbstverständlich an anderem fest:

Privatleben: Dienst an individuellen menschlichen Bedürfnissen | Politisches Leben Dienst an allgemeinen menschlichen Bedürfnissen

Abgesehen davon, dass sich „das Private“ sehr verändert, je nachdem zu was man es in hauptsächlicher Opposition setzt, wurde auch in der Antike „gearbeitet“ und gibt es auch in der Moderne allgemeine Bedürfnisse und einen ganzen (staatlichen) Apparat, der sich auf sie bezieht.

Die verschiedenen Unterscheidungen fehlen also nicht, sondern sind nur jeweils vorrangig oder nachranging.

So ist z.B. der „Staatsdienst“ in der Moderne vor allem ein individueller Beruf, der von ganz bestimmten, einigen wenigen Menschen wahrgenommen wird. So wie manche Landschaftsgärtner oder Programmierer sind, sind andere eben „Berufspolitiker“. – Das sah die Antike – von einer anderen Leitunterscheidung her kommend – naturgemäß völlig anders.

Auch die Art und Weise, wie wir in den Staatsdienst kommen, unterscheidet sich, je nachdem ob privat | beruflich oder privat | politisch die Leitunterscheidungen des menschlichen Lebens sind: In der Moderne engagiert man „sich“ für das Politische. Das heißt, es bleibt eine private, individuelle Entscheidung, sich dem Politischen zu widmen – oder eben nicht. Die Antike bevorzugte es, dass das Allgemeine den Menschen für das Politische engagierte. M.a.W.: Man wurde von Staats wegen engagiert, man engagierte sich nicht selbst. Der Ausdruck des „politischen Engagements“ macht vor dem Hintergrund, dass jeder Bürger per se ein politisches Leben hat, nur wenig Sinn. Das Allgemeine blieb nicht den vorhandenen | nicht-vorhandenen Launen der privaten Individualität überlassen.

Zugleich wird Berufsleben mit der antiken Leitunterscheidung privat|politisch pauschal dem „Privatleben“ zugeschlagen – Und dadurch wird auch das Berufsleben schlichtweg unwichtiger. Das geschieht, indem es nun überhaupt für alle Bürger ein jenseits des Privaten gibt.

Indem dem Privatleben das Politische Leben als eigenständige Größe gegenübersteht, wandern affektive Anteile ab von beidem: Vom persönlichen Leben und vom beruflichen Leben.

Eine Moderne, die sich dafür entscheidet, den Begriff des Politischen zu restaurieren, gewinnt dadurch eine Dreiteilung:

Persönliches Leben | Berufsleben | Politisches Leben – Und das bei allen Menschen.

Interessant ist dabei vielleicht auch noch, dass die Antike das gesamte nicht-politische Leben mit dem „unfreien Leben“ assoziierte. Dass sie also vollständige Freiheitserfahrungen für den Menschen nur im Politischen für möglich hielt. Der reine Privatmensch war nach ihrer Erfahrung zur Unfreiheit verurteilt: Er blieb ein Spielball von zufälligen Bedürfnissen (eigenen und fremden), fremden Gesetzen unterworfen, an deren Gestaltung er keinerlei Anteil hatte. Der reine Privatmensch ist aus antiker Sicht vor allem eins: Ein ziemlich mitleiderregendes Wesen.

Warum und wie diese Verbindung Politik = Menschliches Freiheitserleben für die Antike überhaupt möglich war, ist heutzutage tatsächlich nicht mehr ganz so leicht zu rekonstruieren.

Zu sehr assoziieren wir heute Lebenden das Privatleben mit „Freiheit“ und alles Staatlich-Politische mit „Unfreiheit“. Unser Staat bleibt uns fern und fremd, weil wir kein Politisches Leben haben.

Wir sind, ohne Politisches Leben, nicht in der Lage unseren eigenen Staat als Ausdruck und Form unserer eigenen Freiheit zu erfahren und zu verstehen.

Nichtsdestoweniger gilt auch für uns: Irgendwer macht auch heute unsere Gesetze. Irgendwer überwacht sie. Und wenn dieses „Irgendwer“ nicht wir alle sind – kraft der Gegebenheit eines allgemeinen politischen Lebens – dann sind dies logischerweise andere, „die das für uns tun“.

Der reine Privatmensch ist auch heute ein fremdbestimmter, fremdbeherrschter Mensch.

Wer der Allgemeinheit ihr Politisches Leben nimmt und ihr nur noch die Option lässt, ihre Freiheit ausschließlich im Privatleben zu suchen (egal ob im Persönlichen oder im Beruflichen), stellt damit sicher, dass das Unfreiheitserleben allgemein wird.

Oder um es mit Hannah Arendt zu sagen:

„Im Sinne der Polis war der politische Mensch in seiner ihm eigentümlichen  Ausgezeichnetheit zugleich der freieste, weil er die größte Bewegungsfreiheit vermöge seiner Einsicht, seiner Fähigkeit, alle Standort zu berücksichtigen, hatte.

Dabei ist es aber wichtig, sich zu vergegenwärtigen, dass diese Freiheit des Politischen durchaus von der Anwesenheit und Gleichberechtigung Vieler abhing. Eine Sache kann sich unter vielen Aspekten nur zeigen, wenn Viele da sind, denen sie aus einer jeweils verschiedenen Perspektive erscheint. Wo diese gleichberechtigten Anderen und ihre partikularen Meinungen abgeschafft sind, wie etwa in der Tyrannis, in der alle und alles dem einen Standpunkt des Tyrannen geopfert ist, ist niemand frei und niemand der Einsicht fähig, auch der Tyrann nicht.“ (Hannah Arendt, Was ist Politik?, S. 98)

Dass im Privatleben für sich allein keine Freiheit zu finden ist, ist eine Erfahrung, die die griechische Antike voll und ganz ausgekostet hatte, die wir in der Moderne dagegen so behandeln, als hätten wir diese Erfahrung noch nötig bzw. vor uns.

Offenbar wollen wir auch noch heute immer noch Nachschlag von dieser Erfahrung: Wie ganz genau sich das menschliche Leben anfühlt, wenn die allermeisten Menschen kein politisches Leben haben.

Wir könnten sogar soweit gehen zu behaupten, dass wir nun seit mehr als 200 Jahren – entgegen dem äußeren Anschein – in völlig politiklosen Gesellschaften leben. Gesellschaften, die zwar viel von und über „Politik“ sprechen, die aber keine Politik machen, da zum Politischen ohne Zweifel Polites (Bürger) gehören: Merkwürdige, seltsame Wesen, die in all jenem Gerede über „Politik“ nur als vage Vorstellung vorkommen, die aber als Akteure und Subjekte des „politischen“ Geschehens auffällig inexistent sind.

Man möchte den armen, privaten „Bürgern“ einfach keine Politik zumuten. Man möchte die Bürger von ihrem Ureigensten „verschonen“.

Komischerweise sind sie aber über diese Verschonung keineswegs nur erfreut. Ja, sie gebärden sich ganz ausgesprochen undankbar für den tollen Service, mit dem man ihnen ihr politisches Leben zu nehmen und sie stumm zu stellen versucht. Indem man ihnen professionelle „Sprecher“ vorsetzt, die in ihrem Namen ihre Erfahrungen und Meinungen „politisch vertreten“ sollen.

Ygramul, die Viele, die Borg und die Demokratie

Es ist eine große Schwäche der heutigen Zeit, dass sie sich hartnäckig weigert, sich die Einheit der Vielheit auch nur vorzustellen, geschweige denn zu realisieren.

Wenn die Moderne sich „die Einheit der Vielheit“ vorzustellen versucht, kommt bisher so ewas heraus wie in Michael Endes Unendlicher Geschichte: Ein Monster namens Ygramul, das aus lauter gleichartigen Teilen besteht, die sich zwar ständig verschieden zueinander anordnen, die aber deswegen noch lange nicht verschiedener voneinander werden ( – ganz anders als das bei uns Menschen in Wirklichkeit der Fall ist).

Oder – ein zweites Horror- und Abschreckungsbild – wir stellen uns vor, dass wir unsere gegebene Individualität aufgeben müssten, um Teil einer Einheit zu werden; so wie bei den Borg des STAR-TREK-Universums.

Dabei sind geeignete Bilder für „Einheit in der Vielheit“ nicht so wahnsinnig schwer zu finden: Jeder Blumentsrauß oder jede Blumenwiese stellt so eine Gesamtheit von Vielfältigem (und Vielfältig-Bleibendem) dar.

Oder, noch treffender, denn das geht über die reine Anhäufung hinaus, hin zu einem Geschehen, in dem sich das Verschiedene nicht nur formell vereint, sondern auch überdeutlich wechselseitig beeinflusst, verändert und berührt, ohne dass jedoch darum die Individualität aller Einzelnen jemals geschmälert würde:

Das Bild des Konzerts. – Ohne die Individualität der Stimmen, die es vereint, wäre ein Konzert ein wohl recht eintöniges und mangelhaftes Ganzes. Man stelle sich nur vor, wie z.B. die Trompeten die Geigen „trompetenmäßiger“ zu machen versuchen, „damit das Konzert besser wird“; während einigen Streichern ihrerseits an den Pauken nicht gefällt, dass sie keine Saiten haben, „das störe doch sehr die Harmonie“; usw. …

Da so treffende Bilder für die „Einheit in der Vielheit“ gar so leicht zu finden sind, kann unsere notorische Verweigerung, die Vielen zu einigen, wohl kaum damit begründet werden, diese Vereinbarkeit der Vielen „sei nicht vorstellbar“. Sie ist im Gegenteil offenbar sogar all zu leicht vorstellbar!

So bleibt uns nur noch eine Frage zu stellen angesichts unserer bewusst gewählten Uneinigkeit:

Was zum Ygramul stimmt eigentlich nicht mit uns!?

 

Zirkuläre Hierarchien

Aus der Sicht von Philosophen sind Naturwissenschaftler Philosophen, die die Kurve nicht gekriegt haben. Sie glauben, die Naturwissenschaftler hätten das mit dem Denken, das vor allem auch den Denkenden selbst ins Denken mit einbezieht, nicht bewusst verweigert, sondern einfach verpasst.

Aus der Sicht von Sophisten sind Philosophen Sophisten, die die Kurve nicht gekriegt haben. Sie glauben, die Philosophen hätten das mit der Politik und dem Ruhm nicht bewusst verweigert, sondern einfach verpasst.

Aus Sicht von Demokraten sind Sophisten Demokraten, die die Kurve nicht gekriegt haben. Sie glauben, die Sophisten hätten das mit der bürgerschaftlichen Empathie und  Beziehungspflege nicht bewusst verweigert, sondern einfach verpasst.

Aus Sicht von Experten sind Demokraten zwar nicht mal ansatzweise Experten, dafür aber Menschen, die vor sich selbst beschützt werden müssen, bevor sie vielleicht noch die wildesten Kurven kriegen. 😉

Wir verweigern uns dem und verpassen den verschiedensten Experten stattdessen ein paar ganz besondere Plätze im demokratischen Zirkus.

Die Lebendigen und die Toten

Es gibt ja Zustände, da fühlen wir uns vom Lebendigen angezogen. Und Zustände, da fühlen wir uns vom Toten angezogen.

Die ersten sind die, in denen wir auch noch das Tote „verlebendigen“, mit dem wir uns gerade beschäftigen. Z.B. in der Poesie. Alles ist magisch, alles sprüht funken und quillt über vor Farben, Schattierungen, Rythmen, Vielfalt, Spannung und Dynamik, vor unausschöpflicher Mehrdeutigkeit.

Die zweiteren sind die, in denen wir auch noch das Lebendigste abzutöten beginnen, mit dem wir uns beschäftigen. Z.B. in der Wissenschaft. Alles wird seziert, analysiert, festgestellt und festgezurrt, und dann in die fixen Boxen unseres Bewusstseins eingepackt, auf dass es dort erfroren für immer hübsch still und konserviert bleiben möge.

Als Lebendige lieben wir den Austausch und den Kontakt. Wir flirren mit dem Fluß des Zahllosen, dem wir begegnen.

Als Tote wollen wir Kontrolle und Besitz. Wir stehen über den Dingen und versuchen sie zu beherrschen. Im Grunde gibt es dann ja auch nur noch „Dinge“ für uns.

Wir könnten auch sagen: Sobald etwas „eindeutig“ für uns wird, sobald ist die Luft raus, sobald verliert sich die Spannung, sobald stirbt es für uns.

Insofern ist unser häufiges Bestreben, „die Dinge zu vereindeutigen“ (und sie dadurch überhaupt erst zu für uns greifbaren Dingen zu machen), eine spannende Kiste.

„Mach das Beste draus“

Einen der wichtigsten Lernschritte, die ich in meiner ersten Coaching-Ausbildung erlitten habe, ergab sich für mich aus der Anleitung:

Wenn du als Coach gerade verwirrt bist, dann halt einfach mal die Klappe. Sag nichts.

Das kann überaus entlastend und produktiv sein. Für alle Beteiligten.

Später habe ich dann auch noch das genaue Gegenteil gelernt:

Wenn die üblichen Spielchen deines Kunden dich ganz genauso wie alle anderen Interaktionspartner deines Kunden zu verwirren beginnen, dann plappere munter drauf los. Rede Amok. Besser du verwirrst sie, als wenn sie dich verwirren. – Das Umgekehrte macht nur Sinn, wenn du annimmst, du selber wärst gerade der Klient, und nicht sie.

Möglicherweise ist das aber auch nur eine Variante des Üblen:

Wenn Du sie nicht überzeugen kannst, verwirr sie!

Natürlich ist immer auch das hier möglich:

Sorry. Aber das habe ich jetzt grade nicht verstanden. Wie meinten Sie soeben so goldrichtig? *ExtremBesondersVerwirrtAusDerWäscheSchau*

Das ist die brave, zahme Variante von verbalem Amoklaufen.

Was aber alle diese Reaktionsweisen eint, ist die Haltung:

Was auch immer kommt, es lässt sich etwas Gutes daraus machen. Weil nämlich gleich was kommt, das jeweils bereits etwas Gutes ist!

Oder auch:

You’re welcome!

Denn auch die Amokrederei ist ja meist keine Amokrederei ohne Bezug. Denn auch im Bruch liegt immer noch Bezug. Fragt sich nur, wer im Coaching die Verantwortung für den Bruch übernimmt und wer die Verantwortung für den Bezug… 😉

Jedenfalls ist es so, dass wenn das, was einem begegnet, bereits aus Prinzip als etwas Gutes verstanden wird, es ja systematisch nur darum gehen kann, eventuell, vielleicht gemeinsam etwas NOCH Besseres daraus zu machen.

„Das Beste“ wäre jetzt vielleicht etwas vermessen. Das muss ja nun nicht unbedingt sein. Für hier können wir festhalten:

Das Gute ist der Freund des Besseren.

 

Achtung

Achtsamkeit hat nicht bei uns allen einen guten Stand. All zu schmal vor der Brust scheint sie daher zu kommen, Yogi-Tee trinkend und Räucherstäbchen anzündend.

Wie aber sieht es mit „Achtung“ aus?

Achtung gibt es einmal in der deutschesten aller Versionen…

…die uns sehr direkt darauf hinweist, dass „attention“ ganz generell ein knappes, rares Gut ist in unserem engen, ausschnitthaften menschlichen Bewusstsein. Ob diese „Achtung“ aber wirklich weiterhin genehmigungspflichtig bleiben soll, ist noch nicht ganz raus.

Dann gibt es da „die Achtung vor dem Leben“. Aber das ist nun ja auch schon wieder ein parteiischer Slogan. Und mit der Aufmerksamkeitsspanne von Parteien haben wir mittlerweile so unsere ganz eigenen Erfahrungen gemacht.

Aber vielleicht kann „Achtung“ überhaupt auch noch einmal etwas völlig anderes bedeuten als „Achtsamkeit“ und „Aufmerksamkeit“? So wie das ihre alte Freundin, die „Verachtung“, schon die ganze Zeit über andeutet?

Eine etwas entspanntere Achtung müsste das allerdings sein, als es jene „Achtung! Achtung!“-Achtung ist. Denn Dauerangespanntheit, das macht unser gezwungenermaßen recht ökonomisch arbeitendes Gehirn einfach nicht mit.

„Entspannte Achtung“? – Da scheint sie doch glatt wieder aus dem Hut zu hüpfen, die zartbesaitete, hochsensible „Achtsamkeit“! Sie ist aber auch ein verdammt hartnäckiges Viech!

Vielleicht geht es bei der Achtung auch mehr um Langsamkeit als um Entspanntheit? All die Reize in Ruhe zu verarbeiten, die kontinuierlich auf uns einprasseln? Sich dafür die Zeit zu nehmen? Um dann sehr klar und durchaus angespannt (wenn die Achtung es gebietet) darauf zu reagieren? – Um nicht zu sagen „konzentriert“? „Geistesgegenwärtig“?

Oder um die ganz grundsätzliche, ausnahmslose und ausdrückliche Beachtung, die ein jeder Mensch qua Menschsein verdient hat? Darum, sich für alle Menschen, für alles Menschliche genügend Zeit zu nehmen, nämlich die, die sie einfach gerade von einem brauchen? In voller Beachtung der eigenen Grenzen?

Und dabei scheint es so zu sein, dass der Begriff der Achtung sich um so mehr zu entziehen scheint, um so mehr Beachtung man ihm selber schenkt. Wen und was wir beachten, wechselt von einer Sekunde zur anderen. Und da also „Beachtsamkeit“ ohnehin ständig gegeben ist…

…Ach Dung, Ach Du weißt schon, Ach Mist, Ach Scheiße. Beachten Sie diesen Text einfach nicht weiter. Weitermachen, weiterachten, weitergehen…

…hier gibt’s nichts zu verstehen!

 

Ein strahlend helles Licht in der Dunkelheit

Nachdem ich nun so viel über die menschlichen Feuer schwadroniert habe, möchte ich es nicht versäumen, auch darüber zu sprechen, dass es recht viel Sinn macht, all jene Flammen immer wieder systematisch zusammen zu bringen und zu vereinen.

Denn es handelt sich um eine jener seltenen, wertvollen Arten von Feuer, die sich nicht verbrauchen, nicht verzehren, die nicht ausgehen und nicht ausgelöscht werden, wenn sie auf vernünftige Weise zusammen geführt werden.

Vielmehr strahlen sie zusammen noch einmal viel heller: Sie befeuern sich wechselseitig.