Ich mag’s ja öfter gern auch mal dramatisch, pathetisch, emphatisch, whatsoever…

Und darum beginnt dieser Artikel hier zwar Tolkien-mäßig, aber nicht ganz so Tolkien-nostalgisch-verzagt-melancholisch:

Die Welt ist im Wandel,
Ich spüre es im Wasser,
Ich spüre es in der Erde,
Ich rieche es in der Luft.

Vieles was einst war ist verloren,

da niemand mehr lebt, der sich erinnert.

Alles begann mit …

Tja, begann unsere Welt wirklich irgendwann einmal? Und „begann“ der Wandel wirklich zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt? Gab es wirklich einst ein „Goldenes Zeitalter“? Gab es einst eine Welt ohne Wandel, in der alles perfekt war, in der alles gerne ganz genau so hätte bleiben können, bleiben sollen, bis …

Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass dieser Mythos vom Goldenen Zeitalter uralt ist. Dass es gefühlte Ewigkeiten sind, seitdem er „zum ersten Mal“ erzählt wurde. Und dass er seitdem unzählige Male wieder erzählt wurde. Dass er noch Kraft hat. Dass er stets Kraft hat…

Was wir momentan erleben, ist, in der Tat, Wandel. Es ist nicht der erste Wandel, denn wir, die Menschheit, durchmachen. Und es wird ganz sicher auch nicht der letzte Wandel sein, den wir gemeinsam miteinander erleben.

Und mit dem Wandel, mit dem Geburt einer neuen, ganzen Welt, sind immer, unweigerlich auch Geburtswehen verbunden.

Diese Wehen werden oft nicht verstanden. Auch wird der Schmerz oftmals nicht gewürdigt. Und die Angst, die Geburt nicht zu überleben. Es wird nicht verstanden, dass sich der Körper, neben dem, dass er die Geburt ermöglicht, dass er die Geburt macht, dass er die Geburt ist, sich auch gegen die Geburt wehrt.

Das ist, wenn man so will, „ein völlig normaler Vorgang“.

Ich wundere mich oftmals sogar, dass unsere Wehen so zart und zaghaft ausfallen. Dass wir nicht laut brüllen, kreischen, jammern, heulen, weinen und schreien, denn der Wandel, durch den wir gemeinsam gehen, ist wirklich oftmals scheiße, scheiße ist der schmerzhaft! – Und wir wissen nicht, während wir mittendrin stecken, wann es aufhört. Es fühlt sich an wie eine Ewigkeit. Es fühlt sich an, als würde es niemals aufhören… Wir haben Angst zu sterben! DAS HIER nicht auszuhalten! Derart ausgeliefert zu sein! Bitte, bitte lass das hier vorbeigehen!

Besonders scheiße ist es aber, wenn wir gar nicht wissen, dass es eine Geburt ist, die uns da gerade geschieht. Die sich an uns vollzieht. Die wir gemeinsam vollbringen.

Wir bringen gerade eine ganze neue Welt zur Welt. Ein wunderschönes, wunderbares Kind voller Möglichkeiten, wie mir scheint. Da es unser Kind ist, kann das ja auch gar nicht anders sein!

Und wir können – in diesem Stadium – ja auch rein gar nichts mehr dagegen tun, dass wir schwanger sind. Dass das Kind nun kommt, jene neue Welt, das uns blauäugig anblinzelt und plötzlich alles mögliche von uns braucht. Uns mit hineinreisst in eine neue Welt und uns schlagartig klar macht: Alles, was wir hatten, alles, was wir kannten, das ist nun vorbei! Für immer! Unwiderbringlich!

Viele von uns wollen, auch jetzt noch, jene kommende Welt abtreiben, verhindern. Viele von uns wollen zurück in ihre alte, heile Welt, die doch so gut, so in Ordnung war. Warum Veränderung? Ist das wirklich nötig? Wer ist daran schuld? Wer ist der gottverdammte Vater!?!?!?

Doch in diesem, sehr speziellen, Fall, sind wir Mutter und Vater zugleich. Und es gibt niemanden, dem wir die Schuld an irgendetwas geben können. Höchstens dem Schöpfer der allerallerersten Welt (wenn wir an ihn glauben), der uns das eingebrockt hat, indem er jene Welt schuf, indem er uns schuf, indem er zuließ, dass es „Wandel“ gibt in dieser Welt. Dass er zum Leben dazu gehört.

Warum er das tat, bleibt wohl „unergründlich“. Aber wir brauchen eben mitten in den Geburtswehen irgendwas, irgendwen, den wir lauthals verfluchen, beschimpfen und schmähen können! Einfach, um uns Luft zu verschaffen! Einfach, weil „es“ raus muss! Wir sollen aus unserer Gebärmutter keine Mördergrube machen heißt es.

Und außerdem verläuft die Geburt mit einem herzhaften Fluch auf den Lippen deutlich schneller und – zumindest ein winzigkleines bisschen – angenehmer.

Die Welt ist im Wandel, verdammt! Und Schuld daran sind nur diese idiotischen, ignoranten, bösartigen [erstbeste Idee bitte hier einsetzten]!!!

Die Welt ist im Wandel. Das ist traurig. Das ist schön. – Wenn man die letzte Wehe hinter sich hat. Und vielleicht auch erst, wenn man die Wochenbettdepression einigermaßen überstanden hat.

„Bedenke, dass Du ein Mensch bist“. Und wir Menschen tun, was Menschen so tun: Wir bringen beständig Menschliches zur Welt. Geburtswehen und Widerstände und Nichtmehrwissenwoobenunduntenist sind für uns völlig normal.

Das müssen wir bei unseren Geburtsmythen ja nicht unbedingt vergessen zu erzählen.

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