Negative Reziprozität und Positive Reziprozität in Beziehungen

Wie kommt es, dass du den Splitter im Auge deines Bruders siehst, aber den Balken in deinem eigenen Auge nicht bemerkst?“ – Die meisten dürften den Bibelspruch schon in der einen oder anderen Version gehört haben.

Der Spruch kann auch als Beschreibung eines Abspaltungs-Prozesses verstanden werden: Eigene Verhaltensweisen, Einstellungen, Neigungen und selbst Gedanken, die wir verurteilen und nicht als uns-zugehörig auffassen wollen, werden von uns gezielt ausgeblendet. „Im Spiegel der Anderen“ begegnen sie uns dann wieder.

– Wobei es sich um einen Zerr- und Vergrößerungsspiegel handelt: Um so stärker aufgeladen unsere Abspaltung ist (mit um so mehr Gewalt unserer Verurteilung Nachdruck verliehen wurde), um so größer, monströser, unmöglicher und sanktionierungswürdiger erscheinen uns die entsprechenden Verhaltensweisen, Einstellungen, Neigungen und Gedanken bei anderen Menschen. Bis zu dem Punkt, an dem wir sie auch dort in andere hineinprojizieren, wo es kaum Anlass dafür gibt.

Wir benutzen andere Menschen, um unsere Identität, unser Selbstbild herzustellen und aufrecht zu erhalten.

Spannend ist für mich das Verhältnis negativer Reziprozität, das durch Gewalt, Bedrohungen und Verurteilungen zwischen uns entsteht und dadurch unsere Beziehungen in ganz bestimmter Weise formt: „Ich bin nicht wie Du, Du bist nicht wie ich, was bei Dir viel ist, ist bei mir wenig, usw.“ – Und das geht noch weiter bis zu: Was ich bei anderen sehr gut erkennen kann, kann ich deswegen bei mir selbst noch lange nicht gut erkennen.

Ja, das „gut erkennen bei anderen“ hat hier geradezu die Funktion, die gleiche Sache bei mir selbst gezielt zu verkennen. „Weil ich das beim anderen ja klar und deutlich sehe und verurteile, kann ich ja kaum selbst so sein.“ Soweit so bekannt, so typisch für Beziehungen, die von vergangener oder gegenwärtiger oder erwarteter Gewalt überformt sind.

Weniger bekannt als die Balken/Splitter-Geschichte, die für nicht-reziproke Beziehungen typisch ist, ist das Verhältnis bei Gefühlen und Beziehungen. Denn anders als bei Verhaltensweisen, Einstellungen, Neigungen und Gedanken herrscht hier eine positive Reziprozität: Wenn wir in der Lage sind, eigene Gefühle und Bedürfnisse wahrzunehmen und auch sprachlich-kognitiv zu benennen, sind wir auch deutlich besser in der Lage, die Gefühle und Bedürfnisse anderer Menschen wahrzunehmen und zu benennen.

Und umgekehrt: Können wir das bei uns selbst nicht, dann können wir das auch kaum bei anderen Menschen. Und nochmals umgekehrt: Lernen wir, Gefühle und Bedürfnisse anderer Menschen wahrzunehmen, an- und auszusprechen (und sei es zunächst nur für uns selbst, im Stillen), lernen wir gleichzeitig mit, im Bezug auf unser eigenes Innenleben aufmerksamer zu werden, mehr mitzubekommen und aktiver darauf einzugehen, „was sich in uns so alles tut.“

Psychologische Schulen wie die von Carl Rogers Klientenzentrierter Therapie, Thomas Gordons Beziehungsgestaltung und Marshall Rosenbergs Gewaltfreier Kommunikation machen sich diese Reziprozität hinsichtlich menschlicher Gefühle und Bedürfnisse zu nutze. In der Folge meiden sie z.B. Fragen wie „Wie geht es Dir?“, weil eine solche Frage voraussetzt, dass der Andere gerade einen guten Zugang zum eigenen Erleben, Fühlen und Brauchen hat. Und das kann leider häufig gerade nicht vorausgesetzt werden.

Gleichzeitig ist dieser fehlende Zugang der Grund für verschiedenste Probleme, Verwirrungen und unproduktive Verhaltensweisen. Stattdessen wird in solchen heilsamen Settings gefragt: „Geht es Dir gerade so und so?“, weil eine solche spezifischere Frage inklusive aktivem Vorschlag dem Anderen einen Zugang öffnet. Vorausgesetzt: Der Fragende ist für den Gefragten in einer erkennbar nicht-wertenden, nicht-verurteilenden, nicht-ausschließenden Haltung anwesend.

Ein aktiver Vorschlag einer offensichtlich nicht-wertenden, annehmenden Person dahingehend, was der Andere gerade fühlen oder brauchen könnte, schickt diesen Anderen auf die gedankliche Reise in sein Innenleben und verhilft ihm sowohl in der Negation als auch in der Affirmation zu einem Kontakt zu dem, was mit ihm gerade so alles los ist.

D.h. auch wenn ich sage: „Nein, überhaupt nicht!“ weiß ich nach dieser Negation in der Regel deutlich genauer, wie es mir geht und worum es mir gerade geht, als vorher. Ein „Nein, überhaupt nicht! …“ liegt erstaunlich oft erstaunlich nah an einem „… Sondern ich fühle mich/brauche gerade vielmehr …!“

Vorschläge, in einer offenen Haltung vorgebracht, öffnen mehr als Fragen. Sie aktivieren den kognitiv-sprachlichen Bereich der Gefühls-/Bedürfnis-Benennung und damit einen aktiven, handelnden und interaktiven Umgang mit eigenen Innenzuständen.

Mit etwas Übung und einer Erweiterung des sprachlichen Spektrums: des emotionalen Vokabulars geht aufgrund der positiven Reziprozität bei Gefühlen und Bedürfnissen beides miteinander einher: Man bemerkt leichter und schneller, was in einem selber vorgeht. Und man bemerkt leichter und schneller, was in anderen Menschen vor sich geht.

Eine positive, wechselseitige Spiegelung, durch die es beiden Beziehungspartnern besser geht. Man zieht sich aneinander hoch, anstatt sich wechselseitig herunter zu ziehen.

Unsere kognitive Überforderung, sobald es um unsere Beziehungen geht

Wir haben also eine negative Reziprozität des Erkennens bei negativ bewerteten Verhaltensweisen, Einstellungen, Neigungen und Gedanken.

Und wir haben zugleich eine positive Reziprozität des Erkennens bei Gefühlen und Bedürfnissen.

Dass beides gleichzeitig existiert, scheint uns kognitiv zu überfordern. Das zumindest ist die einzige Erklärung, die mir bislang einfällt, warum die positive Reziprozität in Bezug auf menschliche Gefühle und Bedürfnisse derart wenig Bekanntheit hat: Sie wird von der Augenfälligkeit und Bekanntheit der negativen Reziprozität derart „überlagert“, dass sie uns kaum mehr auffällt.

Das geht so weit, dass wir allen Ernstes glauben können, dass es einem Menschen möglich ist, einen guten Innenzugang (Selbstempathie) zu haben, während er zugleich dazu in der Lage sein soll, über die die Innenzustände anderer Menschen hinwegzugehen, sie nicht wahrzunehmen und von ihnen unbeeinflusst zu bleiben. (= keine Anderempathie).

Oder wir glauben, dass es Menschen geben kann, die Meister der Anderempathie sind, während sie ihre Selbstempathie vernachlässigen. Z.B. Helfersyndrome und krankhafte Selbstlosigkeit werden oft so verstanden. Mit Blick auf die Reziprozitätsthese dürfen wir aber viel mehr annehmen, dass es sich hier nur scheinbar um Empathie mit anderen handelt, in Wirklichkeit aber viel eher um ein rein manipulatives Verhalten, das aus eigener seelischer Not helfend um sich schlägt und jegliches Leid von anderen ausbeutet, um sich selbst wichtig zu machen.

Nach meiner Einschätzung kommen beide Zustände also nur in unseren gedanklichen Rekonstruktionen vor: Sowohl der rein selbstempathische Egoist, als auch der rein anderempathische Altruist. Beide „Menschentypen“ oder „Menschenzustände“ gibt es in der zwischenmenschlichen Realität nicht, sondern nur in unserem verkürzten Verständnis davon, was sich in Menschen ereignet und was sich zugleich in unseren Beziehungen miteinander abspielt. (Interne psychische Dynamik + Beziehungsdynamik)

Was vorkommt, sind Handlungsunterbrechungen: Wahrnehmung von Innenzuständen, die nach Handlung rufen, die aber „gewohnheitsmäßig“ unterlassen werden. Die traditionell weibliche Sozialisierung in unserer Gesellschaft baut via Bedrohungen und Bestrafungen in Menschen solche Handlungsblocker ein, sobald es um Eigenempathie geht, während sie bei Frauen Handeln aufgrund von Anderempathie offensiv fordert und belohnt. Das engelsgleiche Ideal traditioneller Weiblichkeit (das Mutter-Theresa-Syndrom) beruht auf exakt einer solchen Zurichtung und bereitet auch heute noch vielen Frauen, die nach außen durchaus selbstbewusst wirken können, große Probleme.

Was ebenfalls vorkommt, sind generelle Empathieblocker: Die Wahrnehmung von Innenzuständen ist generell gedimmt, manchmal restlos. Traditionell männliche Sozialisierung in unserer Gesellschaft baut via Bedrohungen und Bestrafungen in Menschen solche Wahrnehmungsblocker ein, sowohl was Eigenempathie angeht wie auch Anderempathie, während bei Männern zugleich ein Regel-geleitetes, rein-außenorientiertes Handeln offensiv gefordert und belohnt wird. Das Widerstände übergehende Ideal traditioneller Männlichkeit (das Lonesome-Hero-Syndrom) beruht auf exakt einer solchen Zurichtung und bereitet auch heute noch vielen Männern, die nach außen durchaus reflektiert wirken können, große Probleme.

Auf diesen gedanklichen Misskonzeptionen beruhen beispielsweise die ständig wiederholten Fehleinschätzungen, dass viele Männer „nicht über Gefühle reden wollen“. Wollen setzt allerdings Können voraus. Wie der Männertherapeut Björn Süfke bereits 2008 eindrucksvoll herausgearbeitet hat, ist es weitaus zutreffender zu sagen, dass in einem traditionellen Männlichkeitskonzept sozialisierte Menschen ihre Gefühle vor sich selbst verbergen: Die Frage nach dem eigenen Empfinden überfordert sie schlichtweg, weil die Tore zu Gefühls- und Bedürfniswahrnehmungen auch für sie selbst verschlossen sind. Damit einhergeht ausnahmslos eine mangelnde Fähigkeit mitzubekommen, was in anderen Menschen vor sich geht: In seinen Nuancen, in seinem Reichtum, in seiner Widersprüchlichkeit.

Auf der gleichen gedanklichen Misskonzeption beruhen auch die ständig wiederholten Fehleinschätzungen, dass viele Frauen damit völlig zufrieden seien, weniger Einfluss und weniger Gestaltungsmöglichkeiten zu haben und in unserer Gesellschaft reihenweise Tiefstatus-Rollen auszufüllen. Für-sich-Handeln-Können setzt Ermächtigung voraus. Viele Frauen durchlaufen aber auch heute noch in ihrer Kindheit regelrechte Trainingsprogramme, durch die ihr intuitives, unmittelbares Handeln im eigenen Namen, für die eigene Sache mit drastischen Verboten belegt wird. Handlungsimpulse, die nicht im Wohlergehen anderer Menschen wurzeln, wurden von Geburt an bis ins frühe Erwachsenenalter sanktioniert, abgewertet und verurteilt.

Solange wir für die Gleichzeitigkeit negativer Reziprozität und positiver Reziprozität in unserer Selbst- und Fremdwahrnehmung keine Sprache haben, solange wir die weiterhin laufenden Zurichtungsprogramme von Jungen und Mädchen nicht auf dem Schirm haben, und solange wir allen Ernstes glauben, die Entgegensetzung von  „Egoismus/Altruismus“ würde irgendeinen Sinn machen, solange wird es für uns sehr schwer sein, gemeinsam diejenigen gesellschaftlichen Fortschritte zu erzielen, die wir in unserer heutigen, modernen Weltgesellschaft von uns selbst und von unseren Mitmenschen brauchen.

 

 

 

 

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Gibt es eigentlich eine Natur des Menschen?

Okay, diese Frage ist arg philosophisch gestellt. So wie alle „Was ist eigentlich X?“-Fragen.

Vielleicht fragen wir lieber: „Welche Funktion erfüllt es für uns, wenn wir ‚die Natur des Menschen‘ so oder so oder so bestimmen?“

Vermutlich geht es uns bei dieser Frage und möglichen Antworten auf diese Frage darum, wovon wir ausgehen dürfen und womit wir rechnen müssen, was uns möglich ist und was uns unmöglich ist.

Menschen, die gerade in philosophischer Stimmung sind, verführt die Frage dazu, in Antworten Sicherheit zu gewinnen und ihr Denken ein für alle mal festzulegen. Überzeitlich. Jenseits von einzelnen Situationen. Verallgemeinernd eben.

Von dem her, was uns Historiker und Ethnologen berichten, und auch von dem her, was wir bei uns selbst und anderen im stinknormalen Alltag erleben, müssen wir dann sagen: Es scheint vieles, sehr unterschiedliches möglich bei „der Gattung Mensch“, oft sogar bei jedem einzelnen Menschen. Denn viele von uns machen „wundersame Wandlungen“ durch, je nachdem, was unsere momentane Situation ist und sogar oft schon, je nachdem mit wem wir gerade zugange sind.

In der Philosophie des 20. Jahrhunderts haben dann auch viele Philosophen sich wortreich davon verabschiedet, die Frage nach der Natur des Menschen zu beantworten. Sartre braucht dafür z.B. über 1000 Seiten. Heidegger ein paar neue, noch nie zuvor gehörte Worte. Derrida scheint dabei viel Spaß mit sich selbst gehabt zu haben. Und Rorty reduziert unsere essentielle Gemeinsamkeit auf „das Wesen, das gedemütigt werden kann“.

Man darf hier von philosophischer Enthaltsamkeit sprechen.

Beim guten alten Aristoteles finden wir die Bestimmung, „der Mensch“ sei ein, wenn nicht das „zoon politikon“, was wohl etwas mehr bedeuten soll, als dass wir alleine nicht sonderlich gut zurecht kommen und daher nur selten außerhalb von Gemeinschaften anzutreffen sind.

Nun ist es gar nicht so leicht, im Alltag keine Anthropologie zu haben. Wahrscheinlich bilden wir permanent Annahmen über unsere lieben oder gar nicht so lieben Menschen, und was wir so glauben, von ihnen erwarten zu haben. – Und damit immer auch über uns selbst. Und damit auch von uns selbst…

Anthropologien taugen dabei z.B. prima als Entschuldigungen und Ausreden: „Ist nicht möglich, weil der Mensch ist halt nicht so.“

Interessanter allerdings ist die Geschichte, wenn es um Politik geht: „Wovon dürfen wir ausgehen, wie wir uns verhalten werden, wenn wir unsere Gesetze so oder so oder so verändern?“

Da dürfte jede Menge Anthropologie im Spiel sein. „Der Mensch ist dumm, ist sozial, ist eigenverantwortlich, gut, böse, kurzfristig denkend, vernunftbegabt, bedürftig, talentiert, wandelbar, immergleich, erfinderisch, ein Gewohnheitstier, angstgesteuert, neugierig, faul, zur Arbeit geboren, …“ etc.

Viel davon dürfte Wunschdenken sein oder ein Frame, der uns aus irgendwelchen Gründen eben gerade gut in den Kram passt. Ich z.B. habe häufig Lust, Dinge zu denken wie: „Der Mensch ist ein soziales Wesen, für den es nichts wichtigeres in seiner Umwelt gibt als andere Menschen. Zugleich ist der Mensch in der Lage zu dissoziieren, sein Denken, Handeln und Reden von seinen unmittelbaren Gefühlen und Bedürfnissen abzuspalten und dadurch sowohl Handlungsspielräume zu gewinnen als auch asozialer zu werden als er eigentlich ist.“

In jenem „eigentlich“ steckt eine Natur-des-Menschen-Bestimmung, von der ich gar nicht so genau wissen will, ob ich sie dabei nun deskriptiv oder normativ meine. Das haben Natur-des-Menschen-Aussagen übrigens generell so an sich: Sie bewegen sich in einer Grauzone von Naturphilosophie (zufälliger Gegenstandsbereich: Mensch) und Ethik (jetzt konzentriert Euch gefälligst mal auf das, was ich für Wesentlich halte, Ihr vollkommen vom Weg abgekommenen Vollpfosten!).

Wer von „der Natur des Menschen“ spricht, so können wir vielleicht festhalten, benützt eine gut abgegriffene rhetorische Figur, die – neben allem, was sie vielleicht sonst noch leistet – ganz brauchbar dafür ist, sich selber eine Deutungshoheit über alle anderen zuzuschreiben. „God view“ nennt man das wohl.

Stattdessen könnte ich auch schreiben: „Hallo Leute, also ich finde, es würde für uns alle deutlich besser laufen, wenn wir uns ab und an darum kümmern, wie’s uns allen grad so geht. Also wie’s uns wirklich grad geht. Das Restzeug ist sicher sehr spannend, neu, abenteuerlich, abwechslungsreich und innovativ und so. Aber wir verlieren uns für meinen Geschmack ein bisschen zu oft dadrin. Also mir zumindest geht’s so. Und ich hab den Eindruck, ich bin damit nicht ganz allein. Also Leute, mir würdet Ihr echt ne Freude machen, wenn Ihr ab und an schaut, wie’s um die Gefühle von Euch selber und den Menschen um Euch herum grade bestellt ist. Und Euch nicht davon ablenken lasst. Und Euch nicht abwimmeln lasst. Und Euch nichts vormachen lasst. Ich glaub, davon brauchen wir am dringendsten mehr. Also ich zumindest. Danke für Eure Aufmerksamkeit! Weitermachen…“

Klingt für mich selber ein bisschen arg sozialpädagogisch und vor allem: irgendwie ziemlich schwach auf der Brust. – Da ist so ein wenig hochtrabendes Gefasel von der Natur des Menschen natürlich schon was ganz anderes!

Das haben die ollen Philosophen damals glaub ich auch gemerkt. Also als sie die Philosophie erfunden haben.

 

 

Männliche Opfer, weibliche Opfer

Goldene Regel für Männer: „Du darfst kein Opfer sein. Unter keinen Umständen. Egal was Dir passiert. Egal wie es Dir geht. Egal welche Gefühle Du hast. – Ein Mann, der Opfer wird, verliert das immer nur provisorisch verliehene Gütesigel: „männlich“, „echter Mann“, „brauchbarer Mann“, „wertvoller Mann“. „Mann“ ist ein Titel, den mann dafür verliehen bekommt, sich aufzuopfern, ohne sich zu beklagen. Klaglosigkeit, Schmerzbefreitheit, Skrupellosigkeit und Leidensfähigkeit, kurz: Resilienz, Stressresistenz und Robustheit haben den einen gemeinsamen Nenner: Die lückenlose Entschlossenheit, niemals zum Opfer zu werden, noch nicht einmal den Gedanken zu haben, jemals zum Opfer werden zu können. Die passenen Bilder dazu liefert Hollywood: Auch Helden, die gerade gefoltert werden oder wurden, sind dabei „immer Herr der Lage.“

Heute können wir auch weibliche Figuren in dieser sehr erstrebenswerten männliche Haltung erleben. Aus dem ersten Avengers-Film ist mir da z.B. eine sehr beeindruckende Szene mit der wunderbaren Black Widow im Gedächtnis geblieben. – By the way: Eine tragische Gestalt, wie wir im zweiten Avengers-Film erfahren dürfen: Ihre heldenhaften Fähigkeiten hat sie in einem gefühlsabtötenden Drill erworben, dessen krönender Schlussstein die Ermordung eines hilflosen Gefangenen war, sowie die operative Entfernung ihrer Gebärmutter und Eierstöcke. – Hochsymbolisch, dieses ganze Superhelden-Genre. Wir erfahren: Wenn eine Frau sich männlich anti-opferhaft gebärdet, dann fehlt ihr die Gebärmutter. „Das macht natürlich Sinn“.

Goldene Regel für Frauen: Immer hübsch Opfer-Sein. Sich nicht wehren. Nicht für sich eintreten. Dafür eben: Hübsch anzusehen sein. Immer. Auf dass sich immer ein schmerzbefreiter Retter-Prinz finde, der eine aus dem tiefen Schmutz dieser Erde zieht, galant über den ganzen Dreck hinwegsieht, auf den Schimmel hebt und mit einer davonreitet. Frau endet dann in einem zunächst mäßig hübschen Heim, dass man aufhübschen darf, und einem zunächst richtig schön traumatisierten Heini, aus dem Frau qua eigener Gefühligkeit wieder einen echten Menschen machen darf. In der Regel ist das eine lebenslange Aufgabe, an der der so beglückte Supersoldat nur mit mäßiger Begeisterung teilnimmt, um nicht zu sagen: Die er folgenlos über sich ergehen lässt. Aber auch wenn es bei diesem Himmelfahrtskommando niemals zu irgendeiner Himmelfahrt kommen kann, bleibt es dennoch Aufgabe der Frau, ihren gefühlsgepanzerten Prinzen emotional zu retten. Und dabei wiederum: Zu leiden. Zu jammern. Und sich bei ihren Freundinnen über „die Männer“ zu beklagen. Mensch kann sagen: Ein in sich durchaus stimmiges Konzept. Eine von Anfang bis Ende in sich runde Sache.

Weibliche Opfer: Werden zur Kenntnis genommen, aber nicht mehr für voll genommen. Der Mensch verschwindet hinter dem Opfer. Als Gesprächs- und Verhandlungspartner kommen sie nicht mehr in Frage.

Männliche Opfer: Gibt es nicht. Per defintionem. Mann = ¬ Opfer. Opfer = ¬ Mann. Bitte vermeiden sie unter allen Umständen Fragen nach dem persönlichen Befinden. Seien Sie vielmehr froh, dass der Typ konsequent die Klappe hält und „einfach macht“.

Generell können wir also festhalten, dass wir in einer Gesellschaft leben, die „Männlichkeit“ nach wie vor über alle Maßen bewundert und die mit realen Menschen aus Fleisch und Blut einige kleinere, kaum erwähnenswerte Probleme hat.

 


* Randnotiz: Wenn sie „einen kleinen Helden“ zu Hause haben, also einen kleinen Jungen bis zum Alter von ca. 10 Jahren, ist Ihnen wahrscheinlich auch schon aufgefallen, was für ein wunderbares, mitfühlendes, liebenswertes Wesen sie da vor sich haben. Also einen Menschen, der so gar nicht dazu fähig ist, andere Menschen umzubringen, zu Tode zu foltern oder ähnlich männlichen Kram zu verbrechen. – Nun: Es ist natürlich Ihr Job, das in die richtigen Bahnen hinzubiegen. Man kann mit der Heldenformung gar nicht früh genug beginnen. Als besonders effizient haben sich herausgestellt: Beschimpfen, zu Risiko-Verhalten ermutigen, bei akuten Ängsten und Verzweiflung auf keinen Fall all zu lange trösten und niemals niemals: In den Arm nehmen oder kuscheln. Vor allem als Vater können Sie hier einiges falsch machen, indem sie nicht die absolut nötige Härte zeigen. – Viel Glück, viel Spaß dabei. Sie schaffen das schon!

Und wenn sie „eine kleine Prinzessin“ zu Hause haben, es für Sie wahrscheinlich ebenso schwer zu übersehen, dass sie ein mutiges, wildes, eigensinniges Wesen in ihrem Heim haben. Also einen Menschen, der die Welt erobern möchte und der viel zu vielfältige Interessen hat, um sich selbst ausschließlich auf die richtige Wimperntusche, das richtige Kleidchen und den richtigen Augenaufschlag zu reduzieren. – Nunja: Auch das ist sehr gut hinzukriegen. Als besonders geeignete Mittel haben sich herausgestellt: Beschimpfungen, Bewertung jeder kleinen Fehlstellung, drastisches Sanktionieren von erfolgreichem Durchsetzungsverhalten, anhaltende wohlmeinende Einflüsterungen der Form „so machst Du Dich aber nicht gerade beliebt bei…“, sowie entschiedenes Zurückrufen bei jeder Gelegenheit, sich selbst verletzen oder beschmutzen zu können und intensives Warnen vor der bösen, bösen Welt da draußen. – Auch an einer solchen Erziehungsarbeit kann mensch viel Freude haben und sich selbst verwirklichen.

Okaye Menschen, Nicht-okaye Menschen

Also es gibt ja zwei Sorten Menschen: Einmal die, die immer irgendwas machen müssen, um in Ordnung zu sein, um in Ordnung zu kommen.

Was genau, wechselt natürlich: Mit den Jahren, mit den Lebensphasen, mit den Lebenspartnern, mit den Lebensorten, mit den Jahreszeiten, mit der aktuellen Wetterlage, mit den tendances de la saison. Und natürlich mit dem jeweiligen Gesprächspartner und was er grade so in einem triggert.

Die andere Sorte Mensch muss nichts machen, um in Ordnung zu kommen. Sie findet sich im großen und ganzen überwiegend okay so, wie sie gerade ist. Egal, wie sie gerade ist. Sie macht Neues, weil sie es interessant findet, weil sie Bock hat „auf die Erfahrung“. Oft weiß sie es auch gerade nicht so genau. Und sie macht gut Vertrautes, Gewohntes, weil es sich bewährt hat und einfach gut anfühlt.

Ich gehöre zur ersteren Sorte, meine liebe Lebensmitbewohnerin gehört zur zweiteren.

Wenn man zu den im Nicht-okay-Sein geübten Menschen gehört, ist es zunächst einmal gar nicht so leicht zu kapieren, dass es überhaupt Menschen gibt, die im Okay-Sein geübt sind.

Wenn man es dann doch mit großen Augen realisiert, dass es „die“ gibt, hat man dann erst mal so ein paar Fragen:

Wie werden die einen so? Wie die anderen so? Kann ich das auch? Gene? Erziehung? Aktuelle Situation? Stand der Sterne? Verschiedenes Zeug im Trinkwasser oder im Badezimmerschrank?

Naheliegende Antwort ist dann z.B.: Die okayen Menschen sind einfach wohlgenährt im Sich-angenommen-Fühlen (ungefähr so wie immer genügend zu essen haben) und haben sich so sehr daran gewöhnt, dass sie gar nicht mehr auf die Idee kommen, dass es auch anders sein könnte (ungefähr so wie sich daran gewöhnen, dass der Kühlschrank immer voll ist).

Natürlich kommt man als nicht-okayer Mensch dann schnell auf den Trichter, dass diese Sichtweise einen mitten hinein in eine veritable Opferhaltung führt, die sich immer weiter selber füttert und die einen keinen Meter weiter bringt.

Kurz: Auch Nicht-okay-Sein braucht Nahrung. Auch dieser Kühlschrank braucht jemanden, der einkaufen geht im großen Supermarkt der Realitäten. Nicht-okay-Sein ist harte Arbeit. Oft deutlich härtere Arbeit als Okay-Sein, weil bei der Arbeit am Nicht-Okay-Sein nur Energie drauf geht, aber anders als beim Okay-Sein keinerlei Energie zurückkommt. In der Regel empfinden okaye Menschen ihre Arbeit am Okay-Sein daher auch gar nicht als Arbeit, sondern als Abenteuer, als Erfahrung, als Spiel oder einfach als „ganz normal“: „Is so“.

Brücken von hier nach da gibt es also nicht. Denn nicht-okaye Menschen, die sich plötzlich einbilden, an den okayen ein Beispiel zu nehmen und nun in Okay-Sein zu machen, sagen dann stimmigerweise so sachen wie: „Da muss ich an mir arbeiten“.

Nunja.

Eine verhunzte Kindheit ist eine verhunzte Kindheit. Eine nicht-verhunzte Kindheit ist eine nicht-verhunzte Kindheit. „Da gibt es keine Hilfe“ (Lieblingszitat meiner Lebensmitbewohnerin aus dem Jugendbuch: „Großer Tiger und Christian“, mittlerweile ein geflügeltes Familienwort bei uns).

Lustig ist nur, dass die wunderbare Kindheit meiner wunderbaren Lebensmitbewohnerhin so wunderbar gar nicht war. Und meine nicht gar nur so schrecklich.

Daher bleibt im Grunde nur eine Erklärung: Bevor uns der liebe Gott hier runter auf die Erde schickt, würfelt er’s aus: Ungerade Zahl = Empfindet sich als nicht-okay, umständeunabhängig. Gerade Zahl = Empfindet sich als okay, umständeunabhängig.

Wird also wohl alles schon so seine Ordnung und seinen Sinn haben.

Religion ist einfach eine feine Sache. Finde ich.

 

 

 

 

Warum ich kein Fan von Gebhard Borcks „Dein Preis“ bin

Vorab muss ich der Klarheit halber sagen, dass ich Gebhard sehr bewundere: Unter allen New-Work-Künstlern, die mir in den letzten 5 Jahren begegnet sind, ist er der für mich überzeugendste, durchdachteste und schärfste Hund im Pack.

Bei „Dein Preis“ hat er sich allerdings intellektualistisch verrant. Und ich denke, es ist nicht allzu schwer zu zeigen, inwiefern.

Gebhard bietet uns ein Konzept der Emanzipierung von Zeitverträgen, die laut ihm nicht „den wahren Wert“ der Arbeit vieler Dienstleister abbilden können. Um diesem Problem Abhilfe zu schaffen, bietet er uns eine Alternative, die vor allem unseren Kunden ex ante und in actu deutlicher vor Augen führen soll, was wir konkret zu ihrem Erfolg beitragen. Sehr verkürzt: Es handelt sich um ein rhetorisches Mittel, Kunden ein Wohlgefühl zu vermitteln, wenn sie uns besser bezahlen.

Das Problem mit diesem Konzept ist aber nicht der möglicherweise „legitime“ (btw: wer will das entscheiden?) Wunsch nach besserer Bezahlung auf Dienstleisterseite, sondern es liegt ganz woanders. Als Vollzeit-Coach, der seit ca. 9 Jahren „auf dem Markt“ ist und in dieser Zeit selbst mit vielen Bezahlungsmodellen experimentiert hat, fallen mir an Gebhards Konzept mehrere Aspekte auf, die mir für die Beziehung zwischen Kunden und Dienstleister ziemlich problematisch erscheinen:

Kundenpsychologie und Die Frage nach der Verantwortung als Teil des Spiels

Ich kann nicht für andere Berater, Trainer, Coaches und schon gar nicht für Handwerker, Software-Anbieter oder andere Hersteller sprechen, aber in meiner Arbeit ist Ergebnisverantwortung tatsächlich Highway to hell. Das hat schlicht und einfach mit dem Umstand zu tun, dass es Teil meiner Aufträge ist, mit den internen Ambivalenzen meiner Kunden umzugehen. Geld wird hier schnell ein Teil des Spiels, weswegen man die Frage nach der Bezahlung am besten so knapp, klar und unkompliziert wie möglich hält.

Zudem sind meine Kunden darauf angewiesen, dass ich ihnen gegenüber „am längeren Hebel sitze“, dass ich in der Zusammenarbeit an ihrem Problem freier bin als sie selbst. Gebhards Bezahlungs-Konzept erwischt dieser Punkt mit voller Wucht: Er bietet dem Kunden einen „Ausweg“ an, seine eigenen Ambivalenzen in der Beziehung zum Dienstleister auszuagieren. Statt einen klaren, einfachen Rahmen zu bieten, innerhalb dessen er sich via Dienstleister emöglicht, neue Lösungen für sich zu finden und zu beschreiten, wird der Rahmen selbst zum Thema. – Prozessorientierte Arbeit mit Kunden stellt sich so selbst ein Bein.

Das Konzept der Bezahlung nach Zeit bietet hier Einfachheit und Klarheit – und bringt den Dienstleister dahin, wo er im Prozess hingehört: An den längeren Hebel: „Wenn Du was brauchst, bezahl mich. – Ich schulde Dir: Meine Präsenz. Sonst nichts. Was wir konkret tun, werden wir sehen, wenn wir beide zusammen erleben, was Du an Problemen auf den Tisch legst.“ – Wenn etwas dran ist an dem Satz Milton Ericksons, dass ein Berater solange hilfreich ist, solange er innnerhalb einer vertrauensvollen Beziehung zu überraschen vermag, dann gibt allein ein Zeitvertrag einem Berater den Spielraum, diese Überraschungen anbieten zu können.

Gebhards Konzept ist also gewissermaßen psychologisch naiv. Es rechnet mit Kunden, die Klarheit darüber haben, was sie brauchen und wollen. Auch darüber, was sie selbst beitragen können und was der Dienstleister beitragen will. Exakt das ist aber Teil „des Spiels“ zwischen Berater und Dienstleister, wenn man prozessorientiert anstatt inhaltsorientiert arbeitet. „Der Preis“ schließt das Spielfeld rationalistisch genau in dem Moment, in dem er es zu öffnen versucht. Es rechnet nicht damit, dass die Beziehungsklärung zwischen Kunden und Berater die Arbeit selbst ist und eben darum nicht vorab oder immer wieder zwischendrin vertraglich geregelt werden kann.

Ich denke, dass es vorhersagbar ist, dass ein Vorgehen über Wertvertäge hohe Frustrationen auf beiden Seiten produziert, und das unabhängig davon, wie diese im Detail genau gestaltet sind. Diese Prognose fusst auf der Annahme, dass das Konzept Wertvertäge dort Klarheit und Transparenz von vornherein zu setzen versucht, wo diese Klarheit sich erst nach und nach herausstellen kann. – Durch und im Prozess. Kein Kunde der Welt kann bei einem für ihn wirklich wirksamen Dienstleistungsprozess von vornherein beziffern, was der genaue Wert der Arbeit des Dienstleisters für ihn sein wird. Und um so aufrechter und differenzierter die Versuche werden, das doch irgendwie zu analysieren und transparent und gemeinschaftlich festzulegen, um so schlimmer wird es. Und das ist noch die optimistische Sichtweise. Näher dran an der Dienstleistungswirklichkeit ist vermutlich die Annahme, dass es für immer unzurechenbar bleibt, was genau nun wessen Beitrag war und warum dies passiert und jenes nicht passiert ist. Kunden sind kein Auto, an dem man herumschraubt. Sehr lebendig in Erinnerung geblieben ist mir beispielsweise eine Kundin, die mich Wochen nach der Zusammenarbeit kontaktierte und mir berichtete, dass sie – für sie selbst überraschend – alle von ihr unwahrscheinlich hochgesteckten Ziele der Zusammenarbeit erreicht habe. Dennoch war sie mit der Art unserer Zusammenarbeit nicht ganz zufrieden und äußerte den Wunsch, wir hätten vielleicht eher auf eine andere Weise arbeiten sollen. Einen Werkvertrag mit dieser in meinem Erleben durchaus nicht besonders komplizierten Kunden stelle ich mir spannend vor…  😉

Für gesunde Beratungsbeziehungen gilt viel eher das, was auch für entspannte Formen von Bezahlung in Unternehmen gilt: Geld ist ein Hygienefaktor. Es sollte so fließen, dass sich beide damit wohlfühlen. Und es sollte nicht das Hauptthema in der Beziehung werden. „Bring die Geldfrage (wer was wem wofür schuldet) elegant und dauerhaft vom Tisch“ ist eine Grundregel für alle guten Beziehungen, in denen neben allem, was sonst noch so fließt, eben auch Geld fließt.

Sobald Berater auch nur einen Hauch Bereitschaft zeigen, Ergebnisverantwortung zu übernehmen, haben Kunden den Schuldigen dafür gefunden, warum sie das nicht tun, was ihnen Angst macht, was ihnen schwer fällt, was außerhalb ihrer bisherigen Komfort-Zone liegt. Und können das auch sehr gut über das Geld spielen. Ein Wertvertrag ist damit ein Angebot an den Kunden, seine eigenen Ambivalenzen mehr oder weniger kostengünstig abzugeben. Man könnte ihn daher vielleicht treffender „Sündenbockvertrag“ nennen. Doch wenn ich als Kunde das will, gehe ich eher zu McKinsey und Co. Die bieten mir genau das für viel Geld an: Die Schuldigen gewesen zu sein, wegen denen man machen muss, wovon man auch schon vorher wusste, was man es machen wollte. Für die McKinseys dieser Welt, möchte ich behaupten, ist der Wertvertrag eine prima Idee, die zur psychologischen Dienstleistung passt, die sie Wirtschaftsunternehmen und Behörden liefern.

Eine Bezahlung nach Zeit lässt hingegen zumindest die grundsätzliche Möglichkeit, die Verantwortung für Ergebnisse hübsch da zu lassen, wo sie hingehört: Beim Kunden. Klarheit hilft hier nicht nur dem Berater, sich frustrierende Schuldzuweisungsgespräche zu ersparen. Sie hilft auch dem Kunden, in die Puschen zu kommen mit seinem eigenen Anliegen. Eine Bezahlung nach Zeit ermöglicht dem Berater, der zu 100% auf den Kunden und sein Anliegen bezogene Spiegel zu sein, den er sonst in seinem Umfeld so nicht vorfindet. Also: Prozessorientiert zu starten und prozessorientiert zu bleiben, durch dick und dünn, an der Seite des Kunden, wohin auch immer ihn sein selbstverantwortlich gewählter Weg führt. Solange es ihm der Preis des Beraters wert ist.

Berater, die sich schlecht bezahlt fühlen, gibt es tatsächlich viele. „Der Preis“ bietet hier keinen Ausweg, sondern einen wunderbaren Weg der Problemvertiefung. Mit Mut zum Verlust alter Kunden und mit eigenen Experimenten in Sachen Bezahlungskonzept dürften die meisten Geldunzufriedenen daher deutlich besser bedient sein. Und Berater, die kein eigenes Geldthema haben sind nach meiner Erfahrung selten. Wahrscheinlicher bei Unzufriedenheit mit der Bezahlung ist daher: Wir brauchen kein neues Bezahlungskonzept, sondern wir brauchen einen guten Geldcoach, bei dem wir den Mut fassen, der uns manchmal selber fehlt.

Das Problem mit dem Begriff „Wissensarbeiter“

Bleibt für mich die Frage, wie sich ein so heller Kopf wie Gebhard bei einer solchen gar nicht mal allzu komplexen Sache derart verlaufen konnte? – Eine Vermutung liefert mir der Untertitel seines kleinen Büchleins: Da ist von „Wirtschaftlich erfolgreich als freiberuflicher Wissensarbeiter“ die Rede.

Wenn ich tatsächlich glaube, dass meine Dienstleistung etwas mit Mehrwissen oder Wissensvermittlung zu tun hat und nicht mit reiner Beziehungsarbeit (von der ich zu wissen glaube, dass sie Gebhard bei seinen Kunden tatsächlich leistet, und das mit beachtlichen Erfolgen), dann kann mich das dazu verführen, mich in Wertverträge mit Ergebnisverantwortung zu stürzen, inhaltsorientierte statt prozessorientierte Beratung anzubieten, usw.

Ich denke dagegen, dass wir heute nahezu alles, was wir „Wissen“ nennen können, kostenlos im Internet finden. Alle heutige Arbeit, die wirklich Wert hat für irgendwen, besteht viel eher in Beziehungsarbeit: In der Zur-Verfügung-Stellung der eigenen wertvollen Zeit und Präsenz. Die Bereitschaft, sich den Kunden auch „körperlich auszusetzen“: Mit ihnen in den Ring zu steigen, in denen sie mit ihren eigenen, gerade aktuellen Dämonen kämpfen. Oder in denen sie mit ihren Dämonen Ringelpietz mit Anfassen in Dauerschleife spielen. Dabei bekommt man vor allem als Mensch einiges ab, sowohl im Schlechten (Blessuren, Tiefschläge und Konfrontation mit eigenen Ängsten und Begrenzungen), als auch im Guten (echte Bereicherung und beglückendes Sinnerleben). Das ist emotional fordernd, intellektuell eher weniger. Will ich heute intellektuell gefordert sein, schreibe ich ebenso hochphilosophische wie hochunwirksame Texte, spiele ich Schach oder löse Kopfrechenaufgaben, bei denen mir schummrig wird.

„Wissensarbeiter“ ist in meiner Wahrnehmung eine glatte Fehlprägung in einer Zeit, die sich gerade durch eine unübersehbare Entwertung von Wissen auszeichnet. Durch Inflation.

Und schlimmer noch: Wenn „Beratung“ heute vor allem heißt, die Eigenressourcen des Kunden zu aktivieren und ihn fähiger zu machen, eigene neue Lösungen zu finden und zu beschreiten, dann ist die Frage, ob „Wissen“ als Grundlage einer Beratungsbeziehung nicht schon im Ansatz völlig kontraproduktiv ist: Hier der wissende, kompetente Spezialist für Thema XYZ, dort der unmündige, ahnungslose Kunde.

Aber was weiß ich schon.

 

 

 

Männer: Das zunächst romantische Geschlecht – Und warum Frauen „alles Schlampen außer Mutti“ sind

Ich glaube, dass die traditionellen Zurichtungen von Menschen mit erkennbar männlichem Geschlecht aus uns zunächst „das romantische Geschlecht“ machen. Und das geht so…

In der traditionellen Geschlechterordnung werden viele kleine Jungen von ihren Müttern verhätschelt, ohne dass irgendwer dies unterbinden würde. Anders als viele kleine Mädchen, die früh in Aufgaben eingebunden werden und von ihren Müttern immer wieder auch eine gewisse, manchmal sogar maßlose Härte erleben, erlebt die Mehrzahl kleiner Jungen ihre Mutter als „reinen Quell des Guten“. – Für Strafen, Grenzen, Härte sind die selten anwesenden Väter zuständig. Von sinnvollen Aufgaben und Beiträgen zum gemeinsamen Leben bleiben Jungen vergleichsweise lange verschont.

Das Frauenbild, das in der traditionellen Geschlechterordnung auf diese Weise bei kleinen Jungen entsteht, ist gelinde gesagt: Wenig realistisch. So wachsen sie auf und werden größer…

…bis sich eines Tages in ihnen ein „Interesse an Mädchen“ regt, zumindest bei denen, die sich sexuell zu Mädchen hingezogen fühlen. Und in der traditionellen Geschlechterordnung wird genau das von ihnen ja auch zwingend erwartet. Das, was in den meisten Jungen in diesem Moment geschieht, hat zwei Namen: Enttäuschung und Demütigung.

Jungen erleben ihren Eintritt „ins geschlechtsreife Alter“ als Enttäuschung, weil sie eins ums andere Mal feststellen, dass kein Mädchen sich ihnen auch nur ansatzweise so treu gewogen zeigt wie ihre Mutter. Bei den meisten dauert dieser Prozess der fortgesetzten Enttäuschung ihr ganzes Erwachsenen-Leben über an. „Alles Schlampen außer Mutti“ ist ein nur halb-lustig gemeinter Spruch, der dieses subjektive Erleben vieler Männer zum Ausdruck bringt. Die als grenzenlos erlebte Liebe der eigenen Mutter wird zu einem unnerreichbaren Maßstab, dem keine reale erwachsene Frau gerecht werden kann.

Und als Demütigung erleben Jungen ihr „Mann-Werden“, weil ihr naiv-romantisches Interesse von den Mädchen, die sie unmittelbar interessant finden, so gut wie nie in gleicher Intensität erwidert wird, wenn es denn überhaupt erwidert wird: Gleichaltrige Mädchen interessieren sich meist für die Jungs, die ein paar Jahre älter sind, wenn nicht gleich für „richtige Männer“. Wie drastisch diese Entdeckung erlebt wird, ist mit Worten tatsächlich schwer zu beschreiben. Ein Imperativ: „Du musst Mädchen für Dich interessieren können, wenn Du ein Mann sein willst“ trifft auf das Erleben einer völligen Unmöglichkeit, diesem Imperativ in der Realität gerecht werden zu können. – Und erzeugt so eine fundamentale Verunsicherung in der eigenen Geschlechtsidentität: Einen Zweifel in jedem einzelnen heteronormativ zugerichteten Mann, dass er in Wirklichkeit „kein richtiger Mann“ sei und das fortan irgendwie unter Beweis zu stellen habe („Sei ein Mann!“). – Die auf diese Erfahrung sich einstellenden Gefühle der Ohnmacht, Verzweiflung und ähnlichem wirken um so stärker als sie in der traditionellen Ordnung als „unmännlich“ gelten. Sie können nicht nur nicht von den Jungen artikuliert werden, sie dürfen auch für ihn selbst gar nicht existieren. Männer reden nicht deswegen nicht über Gefühle, weil sie sich auf die Zunge beißen. Männer erzeugen in sich selbst eine fehlende Gefühlswahrnehmung, in der sie sich gar nicht mehr auf die Zunge beißen müssen. Die am schwierigsten zu beantwortende aller Fragen an einen traditionell zugerichteten Mann lautet daher auch ganz einfach: „Wie geht’s Dir“? – Auf diese Frage wird man stets nur ein „Passt scho“, „Muss ja“, einen lahmen Witz oder pures Schweigen bekommen. Nicht aus Renitenz oder Bockigkeit, sondern weil ein traditionell zugerichteter Mann diese Frage auch sich selbst gar nicht mehr beantworten kann. Was nach außen „verschlossen“ wirkt, ist in Wirklichkeit vor allem eine Verschlossenheit vor sich selbst. „Echte Männer“ haben sich ihre Gefühlwahrnehmungen konsequent abtrainiert. So werden aus wunderbar empathischen, selbst- und mitfühlenden Menschenkindern bis zum Alter von 8-12 in der Pubertät allmählich jene Alltagskrieger und Unternehmenssoldaten, für die es das erstrebenswerteste ist, in den Kämpfen da draußen möglichst klaglos drauf zu gehen.

In ihren konkreten Reaktionen auf beide Prozesse: Der Enttäuschung von gleichaltrigen Frauen und des Erlebens eines Gefühls ständiger sexueller Demütigung in der Pubertät dürften sich  heterosexuell orientierte Jungen stark unterscheiden. Es gibt aber ein Angebot, dass die traditionelle Ordnung den Jungen in dieser wenig beneidenswerten Lage macht: Nach Status und Macht zu streben, um „gegenüber Frauen an den längeren Hebel zu kommen im Krieg der Geschlechter“. Diese Deutung gibt Jungen in ihrem pubertären emotionalen Chaos einen Sinn, einen Ausweg und eine klare Anweisung, ihre unangenehm-unartikulierbaren Gefühle durch Handeln auszuagieren. Und Gefühle durch Handeln auszuagieren, nunja, eben das gilt in der traditionalen Geschlechterordnung eben als „männlich“.

Dass das ungebrochene Statusstreben vieler heutiger Männer in tiefen Gefühlen sexueller Demütigung und Enttäuschung wurzelt, die nahezu alle pubertierenden Jungen durchlaufen, entgeht den meisten Frauen, weil sie in der traditionalen Ordnung ihre eigenen Lasten aufgebürdet bekommen. – Es entgeht aber auch den meisten Männern selbst, weil „die Wendung nach innen“ nicht nur einem generellen Verbot („unmännlich“) unterliegt, sondern ganz unmittelbare Nachteile mit sich bringt, während Vorteile einer Auseinandersetzung mit eigenen „negativen“ Gefühle kaum abzusehen sind. Dass traditional sozialisierte Männer statistisch weitaus seltener Therapien und Coachings in Anspruch nehmen. Dass traditional sozialisierte Männer der gesamten Ratgeberliteratur mit einer Haltung zwischen distanziert-freundlicher Skepsis und abwertender Radikal-Verurteilung („Esoterik!“) gegenüberstehen. Dass traditional sozialisierte Männer deutlich mehr Gewaltverhalten zeigen, nicht nur gegen andere, sondern auch gegen sich selbst: All das ist weder zufällig, noch irgendwie „biologisch“ herleitbar.

Das Ergebnis ist, dass die psychologischen Mechanismen hinter traditionell männlichem Verhalten so gut wie nie aus der Innensicht jener zugerichteten Männer beschrieben wird. Schlicht und einfach, weil es Teil der traditionellen Geschlechterordnung ist, dass es diese Sicht gar nicht gibt und auch gar nicht geben kann. Frauen können sie nicht einnehmen, weil sie die männlichen Zurichtungsprozesse nicht erleben, sondern die weiblichen, die keinen Deut weniger grausam sind. Männer können sie nicht einnehmen, weil Mann-Werdung in der traditionalen Ordnung gerade in der kategorischen Abwendung von einer Innenorientierung an eigenen Gefühlen und Bedürfnissen besteht.

Appelle an traditionell sozialisierte Männer, „sich doch bitte in diesem oder jenem Punkt zu verändern“ laufen auch deswegen ins Leere, weil es aus der traditionellen Ordnung heraus kaum Menschen geben kann, die verstehen, „was es heißt ein Junge gewesen zu sein und zum Mann zugerichtet worden zu sein“. Den Appellen fehlt schlicht und einfach das Verständnis, der Zugang zur Innensicht, der Zugang zum emotionalen Erleben hinter der äußeren Oberfläche des gezeigten Verhaltens.

Viele traditionell sozialisierten Männer brechen in Lebenskrisen ein Stück weit aus dieser Wortlosigkeit über ihr Innenerleben auf: Nach Verlust von Partnern, erlebtem Scheitern als Vater, nach Krankheit, nach Jobverlust, nach Gewalttätigkeit, nach Suchtverhalten und was der Männerkatastrophen mehr sind.

Doch die traditionelle Ordnung berührt das nicht: Wir Männer haben in einem tiefgreifenden, für uns emotional bedeutsamen Prozess gelernt, dass wir nur dann nicht gedemütigt werden, wenn wir vielleicht unsere Mitmänner, in jedem Fall aber die Frauen, die uns interessieren, an Status soweit wir nur können übertreffen. „Demütige oder werde gedemütigt“ ist nicht nur das Lebensmotto, es ist das unmittelbare, erfahrungsgenährte Erleben der meisten Männer.

Ich sehe keine Macht am Horizont unserer heutigen Gesellschaft, die Chancen hat, diese Erfahrung von unserer Erde zu tilgen. Aus diesem Motiv heraus werden wir auch in naher Zukunft noch mit heteronormativ zugerichteten Männern rechnen müssen, die alles, wirklich alles daran setzen, auf dem einen oder anderen Weg eine Hochstatus-Position zu erreichen.

Denn „die ursprüngliche Wunde“ der traditionell zugerichteten Männer gibt ein wunderbar gewaltiges Motiv, das einen durch ein ganzes Leben tragen kann, auch wenn es uns zu einer ebenso hartnäckigen Teilverblödung führt.

Die ursprüngliche Wunde traditionell zugerichteter Frauen: Die Erfahrung des Verlusts einer ungebrochenen Zuwendung durch die Mutter bei gleichzeitigem Verbot, sich durch Stärke, Tätigkeit und Leichtigkeit eine neue Heimat zu erschaffen, ist kein bisschen weniger schmerzhaft. Sie kann leichter artikuliert werden, um den Preis, dass diesen Artikulationen kaum Bedeutung, Gewicht und Anerkennung zugemessen wird. Und diese Wunde konditioniert in der traditionellen Ordnung Frauen als einzigen Ausweg darauf, „sich einen guten (= möglichst Hochstatus verkörpernden) Mann zu schnappen und durch geeignetes Verhalten an sich zu binden“.

Die ultimative Befolgung dieses Ausweg-Imperativs besteht für traditionell zugerichtete Frauen darin, „einen Jungen zu bekommen“, der dann auf eine Weise „ihnen gehört“, die sie ihrerseits bei ihren traditionell zugerichteten Männern nicht erleben. Erwachsene Männer müssen ja äußerlich maximale Unabhängigkeit demonstrieren, um ihre in der Mutter-Sohn-Dyade erlernte innerliche maximale Abhängigkeit von Frauen zu überspielen. Durch Verhätschelung und unrealistisch verzerrte Wahrnehmung von ihm kann frau so einen kleinen Jungen dann gut an sich binden, so dass er ihr – anders als erwachsene Männer – nie abhanden kommen kann. Der Sohn wird zum Ego-Appendix der Mutter, die das, was sie selbst abspalten musste, im eigenen Kind kompensiert. Durch einen Jungen, so will es die perverse traditionelle Geschlechterordnung, wird die Frau wieder zu einem kompletten Menschen. Genauso wie der traditionale Mann erst durch „den Besitz“ einer „emotional aktiven“ Frau wieder zu einem richtigen Menschen wird, da er selbst ja keinerlei Gefühle zu haben hat, wenn er sich seinen Mann-Status erhalten will, was wiederum Voraussetzung dafür ist, dass…

…Es gibt keinen Anfang in diesem Spiel. Keine Ursache. Keine Schuldigen. Nur Opfer.

Und eine ewig währenden Zirkel an Verletzungen und immer gleichen Antworten auf diese Verletzungen.

Dass Männer nicht im gleichen Ausmaß als Opfer der traditionellen Geschlechterordnung wahrgenommen werden, ist dabei selbst ein Teil dieses Prozesses, der sich gegen jede mögliche Veränderung hermetisch abschließt.

In meiner Wahrnehmung gibt es kein schlimmer und weniger schlimm hinsichtlich der weiblichen und männlichen Zurichtungen. Es gibt nur Opfer, die zu verdrängen haben, dass sie Opfer sind (Männer), und die in dieser Verdrängung Frauen als Komplizen erleben, die Männer wiederum eben rein als Täter erleben.  Und es gibt Opfer, die zwar ihr Opfer-Sein zwar artikulieren können (Frauen), die aber ihr eigenes Sich-nicht-ernstnehmen im Verhalten der Männer gespiegelt erleben, da „es ja nur um die Gefühle Frauen geht“.

Der gemeinsame Nenner ist wie immer: Gefühle dürfen nicht ernstgenommen werden. Entweder hat mensch sie erst gar nicht zu haben (Männer). Oder mensch hat sie zu haben, aber genau aus diesem Grund kann mensch nun als Person nicht mehr richtig ernstgenommen werden (Frauen).

Wir leben darum nicht in einer Gesellschaft, die nur Frauen abwerten würde. Wir leben in einer Gesellschaft, die menschliche Gefühle auf zwei verschiedene Weisen gleichzeitig abwertet und sie dadurch systematisch allen gesellschaftlichen Prozessen entzieht.

Wir leben in einer anti-emotionalen Kultur, die sich einer Geschlechterunterscheidung und normativen Zurichtung von Menschen zu „Frauen/Männern“ zu ihrer eigenen Reproduktion bedient.

Männer und Frauen, die aus dieser Ordnung ausbrechen, haben auch heute noch einen schmerzhaft hohen Preis zu bezahlen. Sowohl Männer, die anfangen, ihre Gefühle und damit ihre Menschlichkeit zu entdecken. Die darauf bestehen, Empfindlichkeiten, Verwirrung, Ängste, Verzweiflung und Ohnmacht zu kennen und diese ungefiltert auszudrücken. Und genauso Frauen, die handeln, die für sich einstehen, die sich nicht damit begnügen, ihre Gefühle wahrzunehmen. Sondern die ihre Gefühle als hinreichenden Grund sehen, etwas Bestimmtes zu tun und etwas anderes zu lassen, ohne irgendeine weitere Rechtfertigung und vor allem ohne irgendein Zögern oder ein schlechtes Gewissen.

Wir Menschen haben eine unmenschliche Gesellschaft erschaffen. Und unsere Unterteilung in zwei Geschlechter ist ein ganz wesentliches Moment bei unserem Bemühen darum, dass sie auch in Zukunft ganz genauso unmenschlich bleiben wird.