„Beziehung“ hat ja nicht für jeden Menschen einen guten Klang. Für einige von uns klingt das nach „wir müssen reden!“ und triggert die Erinnerung genau an jene Situationen, in der unsere Beziehung fraglich ist. Oder zumindest die Qualität unserer Beziehung. Wenn es also „kompliziert wird“.

Dass Beziehungen diese (schlechte) Qualität annehmen, wenn und weil wir sie zu lange vernachlässigt und eben gerade nicht gepflegt haben, ist uns dabei nicht ganz immer bewusst.

Als gut empfinden wir Beziehungen, die „fraglos“ sind, die „einfach laufen“, in der der andere einfach da ist und auch dann gelassen und „bezogen“ bleibt, wenn mal was nicht so klappt oder läuft. Wenn es eben jetzt gerade auch „kompliziert werden“ könnte. Es aber – gegen unsere Erwartung – nicht wird. Gut geölte Beziehungen sind das generelle Schmiermittel unserer Welt.

Gerade dann, wenn es mal wieder heißer her geht zwischen uns.

Wie wir katastrophal schlechte Beziehungen systematisch herstellen können

Die weltschlechtesten Beziehungen habe ich persönlich z.B. in einer beruflichen Station erlebt, in der große Teile des Unternehmens in „virtuellen Teams“ gearbeitet haben, faktisch aber keinerlei Beziehung zueinander hatten. Wann immer es Probleme gab, auch kleinste, auch größte, eskalierte alles zuverlässig. Weil die Beziehungsbrücke nicht stand, auf der auch nur ein Spielzeugauto-Problem die Brücke halbwegs sicher hätte überqueren können. Von 40-Tonnen-LKW-Problemen ganz zu schweigen.

Ähnlich schlechte Beziehungen habe ich nur in extrem hierarchisch organisierten Unternehmen gesehen, wo es ebenfalls niemandem in den Sinn gekommen wäre, dass überhaupt so etwas wie eine „Beziehung“ zwischen vor allem den Führungskräften und den Mitarbeitern existierte. Nie war mehr betretetenes Schweigen in einem Teammeeting. Nie habe ich eine Führungskraft heißer laufen und mehr in der Luft durchdrehen sehen, ohne dass sie noch irgendwelche Resonanz bekam. Mitarbeiter bestrafen Beziehungslosigkeit mit: Beziehungslosigkeit. Wir benennen das oft viel zu nüchtern: „Sie ziehen sich zurück“ oder „Sie machen dienst nach Vorschrift“.

„Hölle“ ist ein anderes Wort, das vielen von uns dort ganz automatisch in den Sinn kam.

Doch „Führungskräfte“ sehen sich meist davon überfordert, zu allen ihren „Mitarbeiten“ eine eigene Beziehung zu pflegen, die diesen Namen auch verdient. Das können nur Menschen, die auf einer Ebene sind. Miteinander, untereinander. Deswegen ist Führung in der Regel geprägt von einem erwartbaren und regelmäßig eintretenden Resonanzausfall. Mit allen Folgen, die ein solcher weitgehender Wegfall von Resonanz für alle Beteiligten hat, und die wir – wie ich glaube – alle sehr gut aus eigener Erfahrung kennen.

Politische Beziehungen: Beziehungen zwischen den Bürgern selbst

Die Demokratie, wie wir sie vom bevölkerungsreichsten und auch flächenmäßig größten Stadtstaat der Antike, nämlich von Athen, kennen, ermöglichte, dass die Bürger trotz der Größe des Gemeinwesens einander systematisch kannten und kennen lernten.

Die antike Demokratie war also eigentlich eine Beziehungsdemokratie, die die anthropologische Tatsache respektierte und institutionell umsetzte, dass wir Menschen einander vertrauen müssen, um gemeinsame Probleme lösen zu können; dass wir einander kennen müssen, um uns wirklich vertrauen zu können; dass wir einander regelmäßig begegnen müssen, um einander zu kennen.

Ohne diese Begegnungskultur und aktive Beziehungspflege zwischen den Bürgern (und den Aufwand an Zeit und Ressourcen, die das sowohl für alle Einzelnen als auch für die Gesellschaft als ganze bedeutet), wird Gesellschaft automatisch zur Hölle.

Gewissermaßen sind Großgesellschaften „beziehungstechnisch naiv“, die versuchen, gute Regelungen miteinander zu treffen und gute Verfahren zu institutionalisieren, und die dabei ohne das Losverfahren, ohne die bewusste Begegnung und Durchmischung der Bürgerschaft auszukommen versuchen.

Wir versuchen dann, gemeinsam „Politik“ zu machen, aber uns dabei „den ganzen Beziehungsaufwand“ zu sparen. Eben genau das ist naiv. – Denn im Privaten wissen wir eigentlich, das das niemals gut gehen kann. Es gibt keine guten Schmalspur-Beziehungen: Beziehungen von guter Qualität ohne ein gewisses Investment an Zeit, Aufmerksamkeit und emotionaler Greifbarkeit.

Solche „politischen“ Versuche blenden aus, was wir Menschen brauchen, um gemeinsam, miteinander Dinge zu regeln: Die res publica brauchen gut gepflegte Beziehungen der Bürger untereinander. „Beziehungen“, die diesen Namen auch verdienen, die nicht nur auf dem Papier oder der Behauptung nach existieren. Sondern die in realen Begegnungen aller Bürger mit allen Bürgern bestehen. Begegnungen, bei denen wir wirklich zusammen kommen und bei denen wir gemeinsam „zur Sache gehen“.

Das ist einer der Kernbestände von Demokratie. Und wir sollten nichts „Demokratie“ nennen, das uns diese unseren Beziehungen miteinander zu ersparen versucht. Kein noch so schlaues politisches Verfahren, keine Technik kann uns unsere Beziehungen miteinander ersetzen.

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