Als menschliche Tätigkeit genauso wie als physikalischer Vorgang ist „Kämpfen“ ein höchst unproduktiver Vorgang.

Um sich das klar zu machen, ist ein Bild hilfreich: Wir können uns klar machen, dass alles „Kämpfen“ im Kern die Struktur des Tauziehens hat: Zwei Gruppen von Menschen richten ihre Energien gegeneinander, anstatt „an einem Strang zu ziehen“, also ihre Energie zu Synergie-Effekten zu verschmelzen.

Das ist kein neuer Gedanke. So war z.B. das zentrale Argument in Thomas Hobbes‘ „Leviathan“, der das Grundkonzept des modernen „Staates“ lieferte, immer auch ein ökonomisches Argument. Im zentralen 13. Kapitel des 1651 veröffentlichten Buches wird bereits offen ausgesprochen, dass Menschen, die es schaffen, füreinander keine Bedrohung mehr zu sein und sich nicht mehr in ständige Kämpfe miteinander zu verwickeln, ihre Energien gemeinsam auf Produktiveres richten können. – Das Argument für seinen „Staat“, für die Errichtung eines staatlichen Gewaltmonopols ist nach Hobbes also nicht nur, dass wir uns in einem Staat nicht mehr gegenseitig Niedermetzteln, sondern auch das Freiwerden von Produktivkräften, die sonst in Kämpfen gebunden sind.

Die private Aufrüstung aller aus beständiger Angst vor Angriffen von Mitmenschen ist für uns wesentlich „teurer“ als die staatliche Errichtung einer gemeinsamen Polizei: das ist ebenfalls ein Teil von Hobbes‘ Argument. Die menschliche Energie, die vorher in private Aufrüstung floss, fließt nun in produktivere Aktivitäten, bei denen mehr Güter entstehen, die mehr menschliche Bedürfnisse befriedigen. Wer kaum noch Ängste davor haben muss, dass ihm seine „Ernte“ genauso wie sein Leben weggenommen werden wird, ist nicht nur freier von Militärausgaben, er investiert auch generell mehr. Weil es sich nun wesentlich mehr lohnt. Weil es nun wesentlich wahrscheinlicher wird, dass man in den Genuss des Ertrags der eigenen Arbeit kommt. „Staatliche Steuern“ zur Aufbau einer staatlichen Gewaltstruktur lohnen sich individuell, weil das der Preis ist, dass privat mehr Güter entstehen können, die dann allen zugute kommen. – So ist das zumindest in Hobbes‘ Konzeption gedacht. Hobbes war mit Thukydides einer der ersten politischen Theoretiker, die konsequent „systemisch“ dachten.

Auch wenn Hobbes zu seiner Zeit – was damals common sense war – dieses Argument nicht auf das Verhältnis zwischen Staaten ausweitete (wie wir das heute zu tun begonnen haben), kann man sehen, dass sich seine Argumentation auch dort empirisch bestätigt hat:

So war der Untergang der UdSSR auch das Ergebnis einer militärischen Strategie seitens der USA und der NATO, das Wettrüsten zwischen den Machtblöcken so hoch zu spielen, bis es ökonomisch nicht mehr haltbar war, bis ein ökonomischer Zusammenbruch dadurch entstand, dass die Militärausgaben, also unproduktive Ausgaben, einen viel zu großen Teil der gemeinsamen Energie verschlangen. – Für den Afghanistan-Krieg der Sowjetunion ist diese Strategie z.B. recht gut belegt.

Umgekehrt versuchte auch die UdSSR das gleiche in Vietnam. Und später, nach dem Ende des Ostblocks, war sehr wahrscheinlich die Strategie der Djihadisten, die den 11. September und weitere Angriffe auf „den Westen“ verantworteten, die USA so sehr in Kämpfe in Afghanistan und später im Irak zu verwickeln, dass daraus ein ökonomisches Problem entstand, weil diese „Engagements“ einfach viel zu viele Ressourcen verschlangen. – Ob diese Strategie erfolgreich war oder ob sie gescheitert ist, müssen wohl Historiker mit mehr Abstand, als wir ihn heute haben, beurteilen.

Ein Alternatives Bild für das „Kämpfen“ ist das „Zusammen bauen“. Hier richten sich die menschlichen Energien nicht gegeneinander, sondern – wenn man es überhaupt so beschreiben will – gemeinsam gegen die Entropie bzw. gegen die Kräfte der „Natur“.

Auch diese Beschreibung ist problematisch, weil wir mit der Natur ja im Grunde viele kooperative Spiele spielen. Für den Moment möchte ich den Ausdruck hier aber einmal so stehen lassen.

Wenn wir „Zusammen bauen“, verstärken sich unsere verschiedenen Kräfte und „etwas entsteht“, was ohne das Zusammenlegen unserer Energien nicht entstehen würde. Zusammen etwas zu bauen ist daher davon abhängig, dass wir das Tauziehen, unseren Kampfmodus beilegen, und unsere Kräfte in einer gemeinsame Richtung vereinen. Das kann prinzipiell auf zwei Arten geschehen:

Durch hierarchische, militärische Organisation, mit „Befehlshabern“ an der Spitze und „Weisungsbefugnis“ nach unten in der „Pyramide“, die auf diese Weise entsteht.

Oder durch demokratische Organisation, in der wir unsere Bedürfnisse beständig miteinander abstimmen und so den Kampfmodus zwischen uns beständig beziehungstechnisch wegarbeiten, der sonst „von ganz allein“ zwischen uns immer wieder entsteht.

Interessanterweise haben wir uns dafür entschieden, auch das „Zusammen bauen“, also den Bereich der Ökonomie als Wettkampf aufzusetzen, und „Unternehmen“ militärisch zu organisieren, als seien sie Heerlager und Kampftruppen.

Wir glauben offenbar, dass ein „Wettbauen“ uns noch mehr motiviert und noch mehr anstachelt, und dass auf diese Weise bessere Gebäude, Artefakte und Räume entstehen. Dabei kann man „bauen“ sehr allgemein verstehen: UBER und LYFT bauen z.B. konkurrierend an Netzen von privaten Ruftaxis, sie bauen konkurrierende Software, etc.

Ob hier aber die Energie wirklich „gegeneinander“ gerichtet ist, ob es also überhaupt sinnvoll ist, solche Aktivitäten als „Konkurrenz“ zu denken, sei einmal dahingestellt.

Denn der Sinn der Aktivität besteht ja darin, das etwas entsteht, das nützlich ist. Es hat seinen Sinn also „in sich selbst“ bzw. in seinem Nutzen für Kunden. – Und „Konkurrenz“ besteht vor allem hinsichtlich des Kapitals, das die Unternehmen einsammeln, um mehr Energie für ihre Bauaktivitäten zu haben.

Auch „das Werben um Kapital“ kann so verstanden werden, dass wir eigentlich sagen: „Leg Deine Energie dazu, bau mit uns mit!“

So wird es derzeit natürlich kaum verstanden. Die Zahl der „Impact Investoren“ ist verschwindend gering. Den meisten Investoren ist es bisher noch erschreckend egal, von welcher Aktivität her die Rendite stammt. Sie schauen nur auf Zahlen, nicht auf Sinn. Sie schauen nicht darauf, was entsteht, „was gebaut wird“ durch die Zugabe der gespeicherten menschlichen Energie, die ihr Geld ja darstellt.

Da wir unsere Wirtschaft auf Militär-artigen Strukturen aufgebaut haben, da wir derzeit im Kern die ganze Zeit „die Konkurrenz bekämpfen“, „Märkte erobern“, etc., muss uns klar sein, dass in unseren Unternehmen auch intern so miteinander umgegangen wird, wie im Krieg und beim Militär eben miteinander umgegangen wird: Der Einzelne und seine Bedürfnisse müssen zurücktreten. Sich sogar notfalls opfern. Das einzige was im Krieg zählt, ist „der Sieg über den Gegner“.

Es gibt im Militär also auch intern eine „Vernichtung menschlicher Energie“. Die Zusammenlegung menschlicher Energien zu einer Art Armee, die dann ins Feld geschickt wird, um es zu erobern, besteht auch in einem internen Tauziehen. Der äußerliche Kampf schlägt immer auch in einen inneren Kampf: Bedürfnisse müssen unterdrückt werden. Gefühlsausdruck muss unterdrückt werden. Menschliches muss zurückstehen. Alles für den Kampf, alles für den Sieg.

Daher sind heute demokratische Unternehmen besonders interessant. Denn sie haben zumindest Chancen, den inneren und äußeren Kampfmodus, das Denken ihrer Aktivität im Bild des „Tauziehens“ abzustreifen und hinter sich zu lassen. – Nur in demokratischen Unternehmen kann das interne Gegeneinander und die ständige Vernichtung menschlicher Energien vermieden werden, indem auftretende Konkurrenz und auf Konflikte beständig aktiv weggearbeitet werden: So dass beständige gemeinsame Ausrichtung möglich wird.

Dass das diktatorisch organisierte Unternehmen nicht können: das hat eben einfach strukturelle Gründe.

Die konsequente Umstellung unserer gesellschaftlichen Spiele von Tauziehen gegeneinander auf gemeinsamen Bau von Strukturen ist darauf angewiesen, dass wir verstehen, dass Feindschaft und Gegeneinander immer wieder von ganz allein zwischen uns entstehen, wenn wir uns unseren verschiedenen Bedürfnissen nicht aktiv und gemeinsam zuwenden.

Demokratie als beständige gesamtgesellschaftliche Beziehungsarbeit fühlt sich zwar im ersten Schritt recht beschwerlich und ungewohnt an. Sie ist aber eine nötige Investition, die sich auszahlt, weil wir es nur mit ihr erreichen können, nicht in Dauerkriegen miteinander zu landen.

Die Vernichtung menschlicher Energie durch beständiges Gegeneinander ist nur durch beständige Beziehungsarbeit auflösbar. – Im Grunde handelt es sich bei der Demokratie daher auch um eine „ökonomische Wette“.

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