„Hypnose ist ein wichtiger Teil der Philosophie“, sagte Nutt. „Sie hilft dem Patienten, sich zu entspannen, sodass die Gedanken die Möglichkeit bekommen, gehört zu werden.“

(Nutt, unmittelbar vor der vorsätzlichen Entdeckung von ein paar unangenehmen Wahrheiten über sich selber, Terry Pratchett, Der Club der Unsichtbaren Gelehrten, S. 334

Ich befinde auf einem guten Weg zum bösen, alten, weißen Mann: Um so älter ich werde, um so noch mürrischer, unleidiger und weniger offen werde ich. Die Lust und die Neugier nehmen ab, das (vermeintliche) Wissen, die Zipperlein und die Dinge, die nicht mehr ganz so gut funktionieren, nehmen zu. – Ich persönlich halte das ja für völlig „normal“, um nicht zu sagen für „natürlich“.

Philosophieren heißt sterben lernen hat man früher mal gesagt.

„Cicero sagt, das Philosophieren sei nichts anders, als eine Vorbereitung zum Tode. Dieses kommt daher, weil das Studieren und
die tiefsinnigen Betrachtungen unsere Seele einigermaßen außer
uns ziehen, und derselben, ohne dass der Körper daran Teil hat,
etwas zu tun verschaffen; welches gleichsam eine Anweisung zu
dem Tode ist, und eine gewisse Ähnlichkeit mit demselben hat:
oder vielmehr daher, weil alle Weisheit und alles Reden der Welt
endlich darauf hinauslaufen, uns zu lehren, dass wir den Tod
nicht fürchten sollen. In der Tat, entweder weiß die Vernunft
selbst nicht was sie will: oder, sie muss bloß auf unser Vergnügen
sehen, und alle ihre Bemühungen müssen überhaupt auf nichts
anders abzielen, als uns ein glückseliges Leben und Ruhe zu verschaffen, wie die H. Schrift sagt. Die Meinungen der Menschen
stimmen darinnen überein, dass die Belustigung unser Zweck sei;
ob sie gleich unterschiedene Mittel dazu zu gelangen ergreifen:
sonst würde man dieselben gleich anfangs verbannen. Denn, wer
wollte einem Gehör geben, welcher unsern Verdruss und unsere
Beschwerlichkeit zu seinem Endzwecke wählte?“

(Montaigne, Essais, Dass Philosophieren sterben lernen heiße)

Mir kommt es so vor, als ob – auch ohne den Umweg über die Beruhigung der Angst vor dem Tod – Philosophieren leben lernen heißen könnte. Und das um so mehr, um so älter wir werden.

Denn unser Leben als Menschen neigt dazu, sich in sich selbst zu verfangen und sich in sich selbst zu ersticken: In seinen Routinen, Gewohnheiten, in Absicherungen für vertraute Wege, die durch unsere beständige Nutzung tief, tief ausgetreten sind. Und dadurch für uns immer noch schwerer zu verlassen sind…

So könnte man vielleicht zwei ganz unterschiedliche Arten von „Philosophieren“ unterscheiden: Eine, die feste Burgen und hohe Burgmauern um unsere ausgelatschten Pfade baut. Mauern, die wir mit fetten gelben Schildern versehen, auf denen „Das ist aber sowieso überhaupt das Beste!“ steht. Und eine andere, zweite Art, die darin besteht, von all zu gewohnten Pfaden überhaupt auch einmal wieder abzugehen; anders „abzuzweigen“; wilde Gefängnisausbrüche vom eigenen Selbst zu planen und durchzuführen.

Was was ist, ist dabei nicht durch das „Material“ des Philosophierens festgelegt; oder wenn doch, dann nur in „negativer Weise“.  Denn was für den einen ein obsessiver Burgenbau ist, ist für den anderen eine erfolgreich durchgeführte Flucht von seinen bisherigen Fahnen.

Ob allerdings eher die reine Lust oder eher das reine Leid die Kraft für solche vorsätzliche Ausbrüche und Fluchten gibt, vermag ich nicht zu sagen. Für beides lassen sich Gründe und Beobachtungen aufführen.

Und vielleicht gibt es tatsächlich noch eine dritte Art des Philosophierens. Jene, die mit Selbsthypnose zu tun hat: Die sich selber so sehr zu beruhigen versteht, dass daraus Offenheit für Neues entsteht. Also ein Denken, dass weder ängstlich Gefundenes absichert, noch forsch Neues erobert, sondern ein Denken, mit dem wir uns öffnen, dass Neues uns finden, uns zufließen kann.

Denn auch auf unseren Umwegen und Abwegen öffnet sich ja nur dann etwas in uns neuen Wahrnehmungen, wenn wir einigermaßen gelassen sind, eher müßig, ohne Agenda, ohne gewaltigen Willen, ohne Müssen. – Und das, vielleicht, ist mit den Jahren leichter zu finden als im größten Sturm und Drang.

Sowohl für unsere Beunruhigung als auch für unsere Beruhigung haben wir Menschen viele Mittel. Ob es aber wirklich der Tod ist, der uns beunruhigt, oder nicht doch eher Erlebtes und die „Gefahr“, Ähnliches erneut zu erleben, dessen bin ich mir höchst unsicher.

Nur wenn ständiges Wiederholen von Erlebtem und unsere Angst davor, dass unser Leben nur noch einen faden Abklatsch von sich selber in seinen früheren, kraftvolleren Jahren darstellt, für uns eine Form von „Sterben“ darstellt, dann könnte jene dritte, sich selbst beruhigende Art des Philosophierens bedeuten, dass wir wieder neu leben lernen. Oder überhaupt erstmals leben lernen.

In diesem Sinne könnten wir auch sagen:

Philosophieren heißt – glücklich – altern lernen.

Wenn denn „altern“ sich als eine Form von „leben“ anerkennen lässt und nicht als ein reiner „Verfall“: Als Immer-mürrischer-werden, als Immer-mehr-verknöchern, als Sich-nur-noch-immer-mehr-einhausen-ins-Gewohnte.

Wobei, ist das wirklich ein Gegensatz? – Denn gerade jene von uns, die vieles mit den Jahren lassen, was sie früher tun zu müssen glaubten: Genau jene scheinen dadurch so „gelassen“ zu werden, dass sie darüber für Neues offen bleiben, für Neues offen werden…

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