„…die beiden Frauen brachten einander den für Ebenbürtige, die letztendlich keine Gefahr für die eigene Stellung darstellen, reservierten Respekt entgegen.“

– Terry Pratchett, Der Club der Unsichtbaren Gelehrten, S. 278

Wenn man sich gerade ein bisschen mit der antiken Politik- und Demokratiegeschichte beschäftigt hat, fallen einem solche Sätze sofort ins Auge. Denn der Satz drückt für einen dann gewissermaßen „die Essenz des Politischen“ aus: Ein ganz allgemeines Prinzip, dessen praktische Verwirklichung die Demokratie ist.

Es ist nämlich illusorisch, dass wir uns im Privaten jemals alle ebenbürtig sein werden. Unterschiedlichkeit des Menschlichen ist sozusagen das Prinzip des Privaten. Und das führt im Grunde zu beidem, was uns laut jenem Zitat wechselseitigen freundschaftlichen Respekt unmöglich macht:

1.) Menschliche Unterschiedlichkeit führt dazu, dass immer bestimmte von uns anderen von uns als „Überlegene“ begegnen werden.

2.) Menschliche Unterschiedlichkeit führt dazu, dass es überhaupt „Stellungen“ gibt. Und die werden von uns dann eben „angegriffen“ und „verteidigt“.

Das Politische ist – in seiner ursprünglichen Form – die Aufhebung von beidem: Indem die bürgerschaftliche Gleichheit gesetzt ist („die Bürger sind Freie und Gleiche“), begegnen wir uns im Raum des Politischen als ebenbürtige Menschen, mit einem gleich privilegierten Zugang zu unserer gemeinsamen staatlichen Macht. Und indem wir im Politischen eben diesen gleichen Zugang zur Macht haben, ist keiner mehr für den anderen eine Gefahr. Es gibt dann nichts anzugreifen und nichts zu verteidigen. Es gibt nur sachlichen Austausch unter gleicher Beteiligung aller.

In der Politik gibt es dann keine „Stellungen“ mehr, sondern nur noch gleiche Teilnahme aller am Gemeinsamen, am Politischen. Gibt es noch „Stellungen“ in der Politik, dann ist das keine Politik, sondern dann sind das Privatgeschäfte, die sich mit einem Gemeinwohl-Mäntelchen zu umgeben und aufzuhübschen versuchen. Und im Privaten wird selbstverständlich Krieg geführt, dort gibt es Konkurrenz, dort gibt es beständige Kämpfe um soziale Anerkennung, um Prestige, um Status, dort wird ständig „angegriffen“ und „verteidigt“. – Die Politik dagegen ist das Ende der Kriege innerhalb der Bürgerschaft.

Das Politische negiert also das Private und lässt es zugleich neben sich bestehen: Im Privaten zelebrieren wir unsere menschliche Ungleichheit. Im Politischen zelebrieren wir unsere menschliche Gleichheit.

Auf diese Weise wird es durch das Politische, das überhaupt neben dem Privaten besteht, möglich, dass wir alle uns in wechselseitigem Respekt begegnen. Es entsteht die Möglichkeit der bürgerschaftlichen Freundschaft. Durch alle unsere Unterschiede hindurch. Da keiner aufgrund seiner menschlichen Unterschiedlichkeit vom politischen Raum ausgeschlossen wird.

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