Arbeit an der Kultur

„Arbeit an der Kultur“ eines Unternehmens ist für viele Unsinn – Aus gutem Grund. Sie sagen zum Beispiel: „Die Kultur ist der Schatten einer Organisation – Sie ist das, was folgt, wenn man an einigem anderen arbeitet. Aber immer hinter dem Rücken der eigenen Arbeit. Sie kann kein Objekt der Bearbeitung sein.“

Wahrscheinlich haben sie damit recht.

Ich möchte es hier aber – ebenfalls mit Gründen – einmal anders sehen. Möglicherweise hat das mit meinem für mich mit einem bestimmten Verständnis des Politischen zu tun, das ich mir in letzter Zeit neu erarbeitet habe. Wir werden sehen.

Ich nehme hinter der Rede gegen „Arbeit an der Kultur“ eine ganz bestimmte Sorge war: Die Sorge sich zu verfransen in unproduktiver Selbstbeschäftigung. Vielleicht auch die Sorge vor Hypokrasie: Vor den ebenso aufwändigen wie sinnlosen wie zynisch-machenden Bemühungen um den schönen Schein, wenn die Praxis zeigt, dass das durch Tun gar nicht zu erreichen ist, was aber als offizielles Ziel von Tun ausgegeben wurde. Vor allem dann, wenn die Nicht-Erreichbarkeit aber nicht einfach offiziell zugegeben werden kann. – Immer ein Zeichen, dass Machtasymmetrien gegeben sind, denn sonst gibt es mit dem Zugeben und Sich-Eingestehen aka Lernen gar keine Probleme.

Die Frage, was das „Selbst“ eines Unternehmens ist, ist aber weitaus weniger trivial als man meinen könnte. Sie ist mit dem Verweis auf eine bestimmte gegebene Produktpalette, auf Märkte, auf die Rechtsform, auf die Firmenhistorie oder die Fokussierung auf ganz bestimmte (und nicht andere) Kundenbedürfnisse nicht erschöpfend beantwortet. – An anderer Stelle habe ich vorgeschlagen, für die Frage nach dem „Selbst“ eines Unternehmens auf Konzepte zurückgreifen, die die Unternehmensberaterin Marie Miyashiro entwickelt hat. Aber das nur am Rande.

Für hier möchte ich das anders auflösen: Ich sehe unternehmerische Aktivitäten zerrissen durch den permanenten Stress der aus mehreren externen Quellen auf das Unternehmen einwirkt: Kundenbedürfnisse, Investorenbedürfnisse und Mitarbeiterbedürfnisse. Alles drei kann man, wenn man das will, als „externe Referenzen“ des Unternehmens nennen. – Und die Beschäftigung mit keiner dieser drei externen Referenzen ist eine reine „Selbstbeschäftigung“.

Das Problem in vielen Unternehmen scheint vielmehr zu sein, dass es die Unternehmen überfordert (i.d. die ausführenden Mitarbeiter im Unternehmen), alle drei Fokusse gleichermaßen im Blick zu halten. Schon allein zwei davon scheinen jedes Unternehmen beinah zu zerreissen, alle drei gleichermaßen auszutarieren, ohne dass sie im Operativen einfach mal eben dauerhaft hops gehen, scheint die allermeisten Unternehmen komplett zu überfordern:

Entweder werden die Investorenbedürfnisse vernachlässigt.

Oder die Kundenbedürfnisse.

Oder die Mitarbeiterbedürfnisse.

Problematisch wird es allerdings erst, wenn das nicht mal nur vorübergehend passiert, (beinahe alles, was ein „Bedürfnis“ ist, lässt sich zeitlich auch mal aufschieben, soviel Selbstkontrolle ist menschlich), sondern wenn die Vernachlässigung einer der drei Seiten eines Unternehmens zur „Kultur“ wird.

Wenn wir also Unternehmen haben, die zwar spitzenmäßig ihre Investoren bedienen, die Kunden sind auch großteils richtig happy – aber die Mitarbeiter gehen dabei systematisch drauf.

Oder Investoren und Mitarbeiter haben einen „Selbstbedienungsladen“ geschaffen – Mit den Kunden als Melkkühen, denen ein Mehrwert der Unternehmensleistungen vorgetäuscht wird, der faktisch nicht vorhanden ist.

Oder Mitarbeiter und Kunden haben gemeinsam das gelobte heilige Land des glücklichen Unternehmertums betreten, aber hinter den Kulissen scharren ungeduldige oder enttäuschte Investoren unruhig mit den Füßen, die sich von ihrem finanziellen Engagement ganz anderes versprochen hatten (oft: weil es ihnen versprochen wurde).

Was könnte also hier „Arbeit an der Kultur“ bedeuten – in all diesen Fällen?

Obwohl ich Absichtserklärungen hasse (gehen im Operativen unter, man erinnert sich) startet es hier mit einer Absicht im Unternehmen: Wir wollen keine der drei Seiten verlieren. Wir haben das Verständnis, dass es allen Beteiligten mit dem Unternehmen rundum gut gehen soll. Wir ziehen uns die Stakeholder-Brille auf und wollen Wege und Mittel finden, ihr auch operativ gerecht zu werden. Und wir hören alle Beteiligte nicht nur an, wir bringen sie zum bewusst offen gestalteten Austausch über das Unternehmen regelmäßig live und in Fleisch und Blut zusammen.

Das wäre also dann ein Unternehmen, dass regelmäßig Treffen arrangiert, auf denen finanzielle Investoren, Lebenszeitinvestoren (Mitarbeiter) und Kunden des Unternehmens zusammenkommen und sich in freier, gleichberechtigter Rede über das Unternehmen austauschen.

Da es faktisch eine Machtasymmetrie für Unternehmen gibt, die mit den heutig-derzeitigen rechtlichen Rahmenbedingungen von Unternehmertum zu tun hat, lebt und stirbt ein solches Arrangement damit, dass Investoren/Eigner des Unternehmens bereit sind, von ihrer faktisch vorhandenen Macht keinen Gebrauch zu machen, sondern Mitarbeiter und Kunden als gleichwertig mit sich selbst zu behandeln. Nicht nur bei diesen regelmäßigen Treffen, sondern auch dazwischen. Also generell.

Was könnte Eigner/Investoren eines Unternehmens reiten, so etwas zu tun? Abgabe von Weisungsmacht? Von Personenaustauschmacht (was die Mitarbeiter angeht)? Strategischer Produktlinienbeibehaltungs-/verwerfungsmacht? (was die Kunden angeht)?

Und vielleicht bezieht man noch die Dienstleister des Unternehmens ein, und behandelt sie ebenfalls systematisch wie „Interne“, die ein großes Wörtchen mitreden können und sollen!?

Was könnte Eigner/Investoren reiten, so etwas Verrücktes zu tun?

Zum einen könnte man sich klarmachen, dass sie die ganze Zeit über bereits ähnliches, aber nicht ganz dasselbe tun:

Sie beauftragen und befragen Marktforschungs- und Beratungsunternehmen, um dann Kunden wie Mitarbeitern anschließend zu verkünden, was sie beschlossen haben. Sie „verkaufen“ dann beiden Seiten diese Beschlüsse.

Von diesen Marktforschungs- und Beratungsunternehmen wollen sie Dinge wissen, die sie – ein Machtsymmetrisches Verhältnis vorausgesetzt – direkt von den Kunden selber wie von den Mitarbeitern selber genauso gut, wenn nicht besser erfahren könnten.

Das Einschalten von externen Beratern ist also bereits die Reaktion auf eine gestörte Beziehungsebene zwischen Eignern/Investoren einerseits, und Kunden und Mitarbeitern andererseits. Man kann vernünftigerweise keine ehrlichen Antworten von denjenigen erwarten, die den eigenen Ratschlüssen unterworfen sind und sie nur „erleiden“ können. Man muss damit rechnen, „Manipulierungsabsichten“ ausgesetzt zu sein, die sich Zugriff auf die eigene überlegene Entscheidungsmacht zu verschaffen versuchen.

Was aber, wenn es gar keine überlegene Entscheidungsmacht gäbe? – Wenn, ganz willkürlich, die Machtungleichheit aus dem Spiel, aus dem Unternehmen genommen wäre? – Wäre dann nicht wieder ein vernünftiger Austausch von Informationen, Perspektiven und Einschätzungen möglich?

Könnten dann nicht Investoren von Mitarbeitern wie Kunden direkt hören, was sie über bestimmte Untenrehmensangelegenheiten denken? Nicht wie Könige, die zur Audienz laden, sondern im Zuge gleichberechtigter Zusammenkünfte von „Freien und Gleichen“, die an der „gemeinsamen Sache“ (i.e.: Das Unternehmen) ein verschiedenes, aber ähnlich intensives Interesse haben? – Und wäre es nicht interessant, für alle Beteiligten, voneinander direkt zu hören, was sie über bestimmte Dinge denken? Auch: Was sie für Hoffnungen und Ängste mit Blick auf ihr eigenes Beteiligtsein am Unternehmen haben?

Es wird wohl immer ängstliche Individuen geben, die glauben, durch offenen Austausch zu viel zu verlieren zu haben. Die deswegen mit hidden agendas aufkreuzen und rein strategisch-manipulativ kommunizieren werden.

Aber a) ist die Frage, inwieweit das die anderen Beteiligten dulden. – Sie können voneinander ja Klarheit und Offenheit und vor allem Selbstoffenbarung auch hartnäckig einfordern, wenn sie nicht von allein erfolgt. – Und b) beantwortet das noch nicht die andere, wichtigere Frage, ob es nicht verdammt klug sein könnte, solche Ängste nicht auch noch künstlich durch ein offensives Nutzen gegebener asymmetrischer Macht zu triggern.

Wann immer Machtasymmetrie im Spiel ist, versiegt die offene Kommunikation. Das ist ein Naturgesetz. Nur ist dieses Versiegen für den Mächtigeren in der Beziehung in der Regel unsichtbar. Und seine Mittel an diese Informationen auf anderen Wegen (externe Berater) heranzukommen sind begrenzter als ihm bewusst ist. Denn manche Informationen gibt es nur „an der Quelle“. Und diese Quelle öffnet sich nur, wenn sie so behandelt wird, dass sie sich auch gefahrlos öffnen kann.

Ja, wir Menschen sind ziemliche Mimosen, was Sich-Öffnen angeht. Da sind Sensibilitäten im Spiel, bei extrem gestandenen Leuten, das glaubt man ja immer nicht, wenn man es nicht täglich erlebt. Angst wird gerne verborgen.

„Arbeit an der Kultur“ wäre also das offensive Ausschau halten nach, finden und beschreiten von Wegen, wie wir in unserem Unternehmen die Macht aus dem Spiel nehmen können.

So dass „Vorderbühne und Hinterbühne“ des Unternehmens doch tatsächlich identisch werden.

Ich halte das für technisch möglich. Und ich kann auch nichts in der menschlichen Natur entdecken, das dagegen spricht, dass es möglich ist.

Es ist halt mutig. Und mitunter anstrengend – Arbeit halt. Und die Versuchungen, doch wieder hintenrum zu agieren oder die überlegenen Muskeln spielen zu lassen, mögen mitunter immens sein. – Aber wann immer das der Fall ist, ist wiederum Angst im Spiel.

Und die Alternative zum Ausagieren von Angst ist ja immer einfach: Dass man sich von anderen Menschen beruhigen lässt. Am besten direkt von denen, in Bezug auf deren Reaktionen man eben seine Befürchtungen hat. Lieber vorher „zur Rede bitten“ anstatt hinterher „zur Rede stellen“.

„Beziehungsmut“ könnte man das nennen.

Und mit dem ist es in vielen Unternehmen bisher übel bestellt. Viele Unternehmen sind derzeit eher „Beziehungsvermeidungsapparate“. Viel Arbeit also, die da getan werden kann. Wenn man denn den Terminus „Arbeit an der Kultur“ doch zulassen möchte.

Obwohl er Unsinn ist.

 

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Ein Unternehmen, in dem man in gutem Kontakt ist, braucht (und bekommt) keine „Organisationsrebellen“

Ich habe ein ambivalentes Verhältnis zu dem Begriff der so schön wildromantisch daherkommenden „Organisationsrebellen„: Sie klingen nach Freiheit, nach edlen Wilden, nach mutigen Recken, die sich nicht kleinkriegen lassen, nach David gegen Goliath, nach lustvoller Piraterie, nach „wir hacken mal eben unser eigenes Unternehmen“.

Gleichzeitig bin ich selbst ein notorischer Quertreiber. „Das Leben hat mich so gebaut“, dass ich nicht nur zu den „Das Glas ist halbleer“-Menschen gehöre, sondern zu den: „Da, wo Du alles wunderbar findest, befindet sich ein schwarzes Loch, in dem King Kong gerade Deine Mutter vögelt, siehst Du das denn nicht!?????“-Leuten.

Oder freundlicher: Wenn irgendwo irgendetwas „nicht stimmig“ ist, fällt mir das sofort auf. Und es bereitet mir körperliche Übelkeit, darüber nicht zu sprechen, sondern mir auf die Zunge zu beißen und meine Wahrnehmungen runterzuschlucken. – Dieses „nicht stimmig“ ist übrigens an manchen Orten und in manchen Tätigkeiten hochwillkommen: Z.B. in der Hermeneutik: beim Interpretieren von Gedichten und Texten von toten alten Männern lag ich ich immer ganz weit vorne. Denn um Unstimmigkeiten einen höheren? tieferen? whatever! Sinn anzuerklären, muss man Unstimmigkeiten und Auffälligkeiten überhaupt erst einmal wahrnehmen. Auch im Coaching ist die Fähigkeit, Disharmonien sofort wahrzunehmen, recht praktisch und hilfreich. Denn hier ist man „qua Rolle“ dazu befugt, das anzusprechen und „zu spiegeln“, wie man immer so schön sagt. – Es geht dann immer darum, wie man dem Anderen sein eigenes Zeug so einflößt, dass er es auch bereit ist zu trinken und zu schmecken.

Natürlich könnte man das nun auch auf Organisationen übertragen. – Aber ich bin skeptisch. A) Haben Organisationen keine „Persona“, mit der ich als Mensch so unmittelbar andocken kann wie bei einem anderen Menschen. B) Hat man selten mit denen zu tun, die in Unternehmen wirklich die Fäden ziehen. Denn die sind oft weit, weit weg, anonym, und oft auch einfach am Wohlergehen des eigenen Unternehmens gar nicht interessiert. – So dass zumindsest mein eigenes Rebellentum bei Unternehmen ins Leere läuft.

Wenn wir rein technisch werden, so scheint mir der Terminus „Organisationsrebellen“ so etwas zu meinen wie das, was Adam Grant „disagreable givers“ nennt.

Also so Dr.-House-Typen, die eher zur unangenehmen Sorte Mensch gehören, „aber für die gute Sache“. Grant meint auch, dass dieses Verhalten häufig fehlinterpretiert wird, die Leute aus den Unternehmen fliegen, obwohl sie für die Organisation oft mit am wertvollsten sind, weil sie Schräglagen benennen, sich engagieren und das Unternehmen entscheidend voranbringen.

Mehrere Sachen stören mich aber auch an diesem Bild:

  • Ich kenne ein paar ausgemachte, langjährige, sehr hartnäckige und sehr loyale Organisationsrebellen persönlich: Sie sind alle hochsozialkompetent und eher freundliche Menschen. – Es scheint also unterschiedliche persönliche Formen von „Rebellentum“ zu geben
  • Es gibt bekanntlich viele „heimliche Rebellen“: Also Menschen, die niemals den Mund aufmachen (oft realistischerweise: Es wäre ihr Ende in ihrer Organisation), die aber „unter der Hand das Richtige tun“. – Mark Poppenborg, der Gründer des NewWork-Netzwerks intrinsify.me hat mal einem Vortrag sehr schön darauf hingewiesen. Diese Menschen retten ihren Unternehmen auf täglicher Basis den Hintern. Nur bekommt das niemand mit. Auch in unserem Bewusstsein tauchen sie nicht auf als Rebellen. Alles Romantische fehlt. Es  bleiben nur die täglichen Mühen der kognitiven Dissonanz, an denen, das darf man auch nicht verschweigen, nicht all zu wenige zerbrechen. Denn Kognitive Dissonanz ist eine permanente Zusatzanstrengung für’s Hirn. Heimliche Rebellen dürfen niemals ihr Heldentum öffentlich machen. Denn sonst kriegen sie auf’s Maul. Ihre Taten bleiben für immer „inoffiziell“. Das Gute, das sie für das Unternehmen tun, ist das exakt vom Management Unerwünschte, für das man abgemahnt, gemobbt, vor versammelten Mannschaft zur Schnecke gemacht und Ressourcenentzug von der Informationsvorenthaltung bis hin zum Besenkammer-Büro mit altem Windows-Rechner und gestörter Telefonleitung erwarten darf.
  • Auch scheint es mir nicht zu viel verlangt, dass „Organisationsrebellen“, wenn wir sie mit Adam Grant als „Disagreable Givers“ verstehen, die Grundregeln des geschickten Sozialverhaltens erlernen. Dafür gibt es in meiner Welt ein überragendes Vorbild namens „Frank Farrelly“. Wer will, kann es dort lernen, wie man Menschen Wahrheiten beibringt, denen sie par tout sowas von überhaupt gar nicht offen gegenüberstehen.
  • Am meisten aber stört mich, dass sich hinter dem „Unangepassten“ der „Disagreableness“ durchaus auch einfache Arschlochhaftigkeit verstecken kann: Also jenes „über Leichen gehen“, das wir „Genies“ manchmal zugestehen: „Der darf das“. – Und von dieser Denkschablone, so scheint es zumindest mir, haben die allermeisten Unternehmen bereits heute weit mehr als genug. Maligne Narzissten (salopp „Psychopathen“ genannt) spült es nach wie vor in hierarchisch organisierten Unternehmen auf ebenso zauberhafte wie systematische Weise ganz nach oben.

Die Frage ist aber auch: Sind „Organisationsrebellen“ wirklich die Lösung für die wichtigsten Probleme, die wir heute in unseren Unternehmen haben?

Mir riecht das ganze ja schon fast wieder zu sehr nach „Stabsstelle“: Wir haben da jetzt wieder so einen Karton, da verräumen wir das Thema hin, dann ist es verräumt, ohne all zu viel Schaden anrichten (und Wirkung entfalten) zu können. Sobald „Rebellentum“ von heimlich auf offiziell umschaltet, wird es unheimlich. Offizielles Rebellentum ist kein Rebellentum mehr. Es riskiert nichts, und das System hat sich schon von Vornherein gegen es immunisiert: „Ach, DER schon wieder!“

Von Milton Erickson ist überliefert, dass er der Meinung gewesen sei, ein Therapeut sei nur solange wirksam bei seinem Klienten, wie er in der Lage sei, ihn zu überraschen. – Überraschung aus der „Jetzt-kommt-eine-Überraschung“-Ecke ist, hm, nunja: wenig überraschend. Oder ging es Ihnen anders als so: Wenn der Deutschlehrer von einem „total spannenden Roman“ erzählte, dachte man „ok, gut, er muss das sagen, er ist der Deutschlehrer“. Ganz anders sieht es aber aus, wenn der Sport- oder der Mathematiklehrer mal en passant total begeistert von einem Roman erzählte, den er kürzlich gelesen habe. Warum? Weil man es von ihm nicht erwartet hat. Und weil man keinen „offiziellen“ Auftrag dahinter vermutet (- Dass der Deutschlehrer beiden am Abend vorher ein Bier spendiert hat, verschweigen wir hier).

Sind also „Organisationsrebellen“ eine Lösung für gute Organisation? Oder auf dem Weg zur guter Organisation?

Ich möchte es einmal andersherum fassen: Worum geht es überhaupt? Was sind denn die Probleme in unseren heutigen Unternehmen?

Meines Erachtens: Aufgrund der Machtasymmetrien, die der hierarchische Organisationsaufbau der meisten heutigen Unternehmen etabliert, wird nicht mehr sinnvoll miteinander gesprochen.

Es wird nicht geredet: Nicht über das Richtige. Nicht auf die richtige Weise. Nicht zum richtigen Zeitpunkt. Nicht von den richtigen Leuten zu den richtigen Leuten.

Die ganze Organisation ist eine einzige kommunikative Blockade und Verzerrung, die dafür sorgt, dass wichtige Informationen nicht „von oben nach unten“ fließen (Geheimnis! / Damit wollen wir sie jetzt noch nicht belasten! / Das dürfen sie erst erfahren, wenn wir Fakten geschaffen haben); und die gleichzeitig dafür sorgt, dass wichtige Informationen nicht „von unten nach oben“ fließen (Das müsste der Chef eigentlich wissen, aber dann krieg ich auf’s Maul / Der hört eh nicht zu / Es wäre unsolidarisch mit meinen Kollegen, das dem Chef mitzuteilen).

Gegen eine so gewaltige Kommunikationsblockademaschine sind „Organisationsrebellen“ in meiner Welt ein zarter Hauch von Nichts.

Wenn es stimmt, was ich hier schreibe, und die Hierarchie in Unternehmen selbst das Problem ist, dann gibt es dagegen nur eine Kur: Sie aus den Unternehmen rauszuschmeissen.

Und das kann nunmal nur ganz offiziell, von ganz, ganz oben passieren. Das ist ein „königlicher Akt“, keine Sache für den bestallten Hofnarren.

Und der Witz ist: Nach einer solchen Umstellung von Hierarchie auf sinnvolle Zusammenarbeit im Netzwerk sind „Organisationsrebellen“ gar nicht mehr nötig. Niemand muss „rebellieren“, um Gehör zu finden, um der richtigen Stelle im Unternehmen zum richtigen Zeitpunkt richtig unangenehme Wahrheiten um die Ohren zu hauen (oder so einzuflößen, dass er sie aufnehmen kann, die fundamentale Sozialkompetenz, man erinnert sich…).

Organisationsrebellen sind nur ein weiteres Artefakt einer kranken Unternehmensorganisation.

Menschliche Orientierung in der Welt

Immer mal wieder darf man lesen und hören, dass „Menschen Orientierung suchen“:

In Visionen, in Führern, in Werten, in Statistiken, in Religionen, in der schieren Abwechslung und Ablenkung, in Zukunftsvorhersagen, in Landkarten, in Substanzen, in Konzepten, in den Buden und im Geraune von Wahrsagerinnen, die sie ihrerseits aus den Linien der Hand, den Karten oder den Sternen haben. – Es scheint nichts abwegig genug, um dafür taugen zu können, „uns Orientierung zu stiften“.

Darum ist es vielleicht einmal an der Zeit festzuhalten, was die einzig gesunde Form menschlicher Orientierung in der Welt ist, die kein verzweifelt nach Halt suchender Ersatz für das Eigentliche ist. Weil es das Eigentliche ist.

Philosophen sind hierbei klar im Vorteil. Nicht etwa bei der Orientierung (darin sind sie die allerschlechtesten, sie kommen noch weit hinter den Wahrsagerinnen, die eine erschreckend gute Intuition und Gespür für Menschen haben, sonst machen sie’s eh nicht lange). Sondern dabei, hier und jetzt die einzig wahre Offenbarung zu erhalten.

Warum Philosophen hierbei klar im Vorteil sein sollen? – Na, weil ihnen in der Regel aufmerksame Wort-für-Wort-Lektüre eingebläut wurde. Eine Art, Texte zu lesen, die in unseren Zeiten geistiger Bullemie nicht ganz so verbreitet sein dürfte.

Dann nämlich ist die Offenbarung zumindest dieses kleinen Textes bereits seit dem ersten Wort der Überschrift klar:

Die einzig gesunde Orientierung für den Menschen findet der Mensch im Menschen.

Das heißt nicht zwingend: In sich selbst. Aber wenn gerade mal nicht in sich selbst, dann in anderen Menschen. Und wenn gerade mal nicht in anderen Menschen, dann eben in sich selbst. Es ist ein Spiel. Ein Hin- und Herschwappen der Aufmerksamkeit zwischen zwei Polen: „Ich und ein anderer“. Mehr braucht es nicht, um die gesunde Orientierung in Gang zu halten.

Fragt sich allein, warum sie dann so wenig verbreitet ist? – Andere Menschen gibt’s ja heute mehr denn jemals! Und auch von sich selbst könnte man meinen, dass man sich nicht gar so leicht verlieren könne…

Tja. Da helfen mir die Traumata aus. Selbst erlebte und überlieferte. Die sich in Handlungsmustern derjenigen Menschen festgesetzt und ausgedrückt und dann eben vererbt haben, von denen man in seinen „prägenden Jahren“ umgeben war.

Da geht sie dahin, die natürliche Orientierung des Menschen am Menschen.

Und die Suche an Orten, an denen sie nicht zu finden ist, beginnt.

Doch es ändert nichts daran: Zur Orientierung in der Welt braucht der Mensch nichts weiter als sich selbst und die Anwesenheit anderer Menschen.

Auch die viel zitierte letztliche Einsamkeit des Menschen ist nur so ein Orientierungsverlustgeraune. Wir kommen nicht allein. Und wenn’s gut läuft (und das ist eben so gut wie immer: wenn wir die Orientierung nicht verloren haben), dann gehen wir auch nicht allein.

Wir sind soziale Wesen.

Das sollte man auch in einer modernen Gesellschaft nicht vergessen, deren Gründungsmythos die Existenz als solipsistisches Einzelwesen ist. – Eine so hanebüchene Lüge, dass sich die Götter darüber wahrscheinlich sekündlich verrückt lachen. Ja, die kommen seit Jahrunderten vor dem Kugeln auf dem olympischen Boden gar nicht mehr heraus! Die schnappen nur noch nach Luft über die Komik unserer Ignoranz gegenüber dem Offensichtlichen…

Jene epikureischen Götter natürlich, „die sich nicht um uns kümmern“.

Allezeit waren Religionen, sofern sie reine Verrücktheiten waren, Ausfallerscheinungen. Reaktionen auf soziale Traumata. Verlust von Zusammenhalt und dem unmittelbaren Trost, den wir uns jederzeit spenden können und der unendlich viel wohltuender ist als die leeren Fantastereien. Die beruhigen zwar ungemein. Und das ist ja oft auch schon ein großer Wert.

Aber das tut Alkohol auch. Und den braucht man mit der Zeit in immer höheren Häufigkeiten und Härtegraden.

Wehe dem Menschen, der unverbunden lebt.

Er verzichtet auf das Einzige, das ihn bindet, hält und das ihm die Tränen trocknet.

Menschen, die gut verbunden waren: Mit sich, mit ihren Mitmenschen, waren schon immer erstaunlich immun gegen Ideologien.

Was die unverbundenen Rationalisten, die allein in der strengen Logik der Vernunft das letzte Bollwerk „gegen die Lüge“ sahen, natürlich niemals wahr haben wollten.

Viel, viel zu unzuverlässig dieses „Gefühl“! Und dann noch die schrecklich unersättlichen Bedürfnisse, 10.000 an der Zahl, mindestens! (wie man bei Platon nachlesen kann)

Die rein Vernünftigsten waren immer die, die für Wahnsinn am anfälligsten waren. So wie die Allernüchternsten am alleranfälligsten für ein wenig schmeichlerische Verführung sind.

Denn wer völlig auf dem Trockenen sitzt, trinkt auch noch die allerschmutzigsten Tropfen. Da kann die ratio gar nicht so schnell kucken, wie das Unterbewusstsein sich bereits versorgt hat.

Bedürfnisse sind unbetrügbar. – Doch sie sind nicht unersättlich. Das ist stets nur die Selbstwahrnehmung in Situationen langen Befriedigungsaufschubs. Eine situative Illusion. Natürlich kommt nach und oft während dem einen Bedürfnis sogleich das andere. Aber was sollte auch ein bedürfnisloses Leben? Bedürfnislosigkeit ist der Tod.

Es mag den Menschen kränken, dass er ein gar so „passives“ Wesen ist. „Umhergeworfen“ von einmal diesem, dann von jenem, was er gerade braucht. „Darin kaum unterschieden von dem Tier“. – Nein: Darin überhaupt nicht unterschieden von Tieren.

Allein die Vielfalt der Wege und die Aufschiebbarkeit von Bedürfnisbefriedigungen ist verschieden. Und, man darf schon zugeben: Diese ganz spezielle Mischung von neuronalem Netz, Hormoncocktails und sprachlichen und nicht-sprachlichen Austauschmöglichkeiten zwischen Menschen – die macht schon wirklich was her!

Auch wenn Kraken, Ratten und Bonobos wohl auch eine nicht ganz schlechte Zeit auf diesem Planeten zu haben scheinen.

Nun ja. Die Frage ist ja auch, ob „Besonderheit“ wirklich so etwas entscheidend Wichtiges ist für unser kleines Menschenseelenheil.

Denn was wir in der Besonderheit suchen ist eigentlich wiederum nur: Zugehörigkeit. Dazuzugehören, „obwohl wir wir sind“. „Weil wir wir sind“. „Obwohl ich und du irgendwie doch auch sehr verschieden sind.“ Was ja das Spiel der Anerkennung erst interessant macht. Ohne Getrennt-Sein keine Liebe.

Nur, vielleicht tun Sie mir den Gefallen, sollte mal wieder irgendwo Orientierungsgefasel aufkommen: Fassen Sie sich ein Herz und erinnern Sie sich an dieses milde Gefasel und Geraune hier. Sie brauchen nichts weiter als einen guten Draht zu sich selbst – und zu ein paar guten Freunden, Verwandten, Lieben. Menschen, zu denen sie auch in jenen Zeiten gehen können, in denen sie sich vorübergehend mal verloren haben. In denen Identitäten brüchig sind, die Angst vor dem Schmerz groß, die Zukunft ungewiss, alles Lachen und alle Liebe verloren. Solche Menschen sind durchaus nicht immer nett. Nettigkeit ist – sagen wir es mal freundlich – ein bedingt gutes Zeichen.

Die für einen guten Menschen, die man dann braucht, erkennt man – wie ja allgemein gesagt wird -, wenn man sie braucht. Und man erkennt sie daran, dass sie dann da sind. Dass sie vor dem natürlich absolut schrecklichen und verabscheungswürdigen und liebensunwerten Etwas, das man dann tatsächlich ist, einfach nicht schreiend davon laufen wollen. Ganz entgegen aller gefühlten Wahrscheinlichkeit. Völlig absurd, ich weiß.

Solange man sie denn überhaupt in sein Leben lässt.

Und dass zu tun, das Rettende mit Vorsatz aus dem eigenen Leben heraus zu halten, dafür ist überhaupt nur ein Grund denkbar: Das „lonesome-rider-syndrom“. Unter dem nach meinem Eindrücken heutzutage annähernd 100% der Menschheit zu leiden scheint.

Aber jeder wie er’s mag. No risk, no fun. Man wächst mit den Schwierigkeiten. Manchmal verwächst man auch. Aber solange der Mensch noch einigermaßen warm ist, solange gibt es Hoffnung und Veränderung ist, wenn gewünscht, möglich.

Und wenn nun vielleicht mancher meint, dieser Text müsse in besoffenem Zustand geschrieben sein, so darf ich ungelogen sagen: Alles Natur-Serotonine-Dopamine-Endorphine-Noradrenaline-Wasauchimmerine. Auf jeden Fall Eigenproduktion. With a little help from my friends.

 

Sich-Durchsetzen, Geißel der Menschheit

Sich-Durchsetzen hat einen merkwürdig positiven Sound. So gar nicht angekratzt von jüngeren gesellschaftlichen Entwicklungen und neueren psychologischen Erkenntnissen scheint der Begriff verwendet zu werden.

Doch warum auch nicht? – In der Regel wird der Begriff von denjenigen, die ihn gerne verwenden, in etwa wie folgt verstanden:

„Man traut sich, für sich einzustehen. Wichtiges, für das man einsteht, laut auszusprechen. Man lässt dabei nicht locker, bis man nicht nur definitiv gehört wurde, sondern auch andere erkannt haben, wie wichtig das Betreffende eben ist. Und dann eben auch was dafür getan wird, verdammt!“

Sich-Durchsetzen ist gesund. Es bezeugt Mut und Handlungskraft. Ja, auch natürliche Autorität und Führungsstärke, etc. pp.

Interessant wird das alles nur, weil dabei so vollständig ausgeblendet wird, was beim Vorgang des „Sich-Durchsetzens“ tatsächlich passiert. Und „tatsächlich“, das heißt so gut wie immer: in zwischenmenschlicher und innermenschlicher Hinsicht. Denn das lässt sich vielmehr umschreiben wie folgt:

„Man benutzt ein Thema, um eine alte Ego-Wunde zu kompensieren. Dabei wird man so bissig, unerbittlich und einschüchternd, dass irgendwann niemand mehr wagt, dem, wofür man sich da gerade ausspricht, noch irgendwas entgegenzusetzen. Einfach deswegen, weil das Risiko, dann von einem verletzt zu werden, zu hoch erscheint. Daher verstummen alle, winken durch und nicken ab, obwohl es wichtige Einwände gegen das Vertretene gibt. Gäbe es die nämlich nicht, brauchte es gar keine ‚Durchsetzung'“.

Sich-Durchsetzen ist die derzeit immer noch soziale akzeptierte Form von „Über-Leichen-Gehen“. Zumindest die psychologische Disposition ist die exakt Gleiche. Die Folgen oft genug auch.

Wie kommt es zu dieser Ausblendung, die eine derart positive Wertung eines verheerenden Vorgangs aufrecht erhält, bei dem menschliche Bedürfnisse mit Füßen getreten werden, durch den schon zahlreiche großartige Ideen im Keim erstickt und kreative Menschen systematisch entmutig wurden, sich in Lösungsprozesse überhaupt noch einzubringen? So dass menschliches Leiden lieber einfach hingenommen oder sogar verherrlicht und überhöht wird?

An einer überkomplizierten Verworrenheit des Phänomens, an einer kognitiven Schwierigkeit kann es kaum liegen. Es ist eine einfache Unterscheidung, mit der man klar machen kann: „Echte Innere Stärke“ die ruhig und souverän agiert hier, „Überspielendes Lautsprechertum“ das alle menschliche Interaktion als Kampf und Wettbewerb begreift dort. Die beiden sich auch phänomenlogisch kaum zu verwechseln und für beinahe alle Menschen unmittelbar unterscheidbar.

Mein Tipp ist ja: Die hartnäckig positive Wertung eines derart unproduktiven und anti-sozialen Verhaltens ist vor allem gestützt durch unsere Institutionen.

Beachtet man die sozialen Kontexte, in denen „Sich-Durchsetzen“ seine emotionale Aufladung und positive Wertung erfährt, so handelt es sich beinahe ausnahmslos um Institutionen, in denen Wettbewerbe, Rankings, Castings, etc. zentral sind.

Insbesondere unseren politischen Institutionen kommt eine zentrale Rolle dabei zu. Vielleicht noch vor der Kriegsrhetorik in unseren Unternehmen. Wir hängen der Idee an, dass „Demokratie“ eine Art Wettbewerb um die besten politischen Ideen sei: Parteien denken sie sich aus und treten dann vor der Jury des Volkes an. Wir Bürger sitzen dann fett und feist wie die Arschlöcher von „der Höhle der Löwen“ oder anderem Casting-Unsinn in unseren schicken Sesseln und schauen den Parteien bei ihrem Schlammcatchen zu, bewerten sie und schauen mal, ob wir sie in die nächste Runde der Macht lassen wollen (5%-Hürde, Regierungsbeteiligung, Wiederwahl, etc.). Das ist natürlich ganz schön großartig für uns, den armen Politikern bequem dabei zuschauen zu dürfen, wie sie sich gegeneinander vor uns „durchsetzen“ müssen. Es lebe die Zuschauerdemokratie, bei der man selbst keine Verantwortung übernehmen muss, aber durchs Mitbewerten und Mitschimpfen dennoch ganz kräftig emotional partizipiert!

Durchsetzen ist etwas ganz Wichtiges in solchen Kontexten. Man darf nicht zu skrupulös sein. Man muss laut werden können. Aufmerksamkeit auf sich ziehen können. Man muss unbeirrt bei seinem Kurs bleiben können. Und, nicht zu vergessen, es darf einem auf keinem Fall an der letzten Hinterzimmer-Härte im Umgang mit Konkurrenten fehlen, sonst wird das eben einfach nichts mit der Durchsetzung. Sonst bleiben die Linien nicht geschlossen. Ja, „verbalen Schlagabtausch“, das muss man können. An „politischen Aschermittwochen“, in Bierzelten, im Parlament, in Talkshowrunden, ach, eigentlich immer und überall, wo grad jemand zukuckt. Immer feste druff auf den politischen Gegner. Und nichts spüren, wenn er einen umgekehrt auf einen einprügelt. „Schmerzbefreitheit“ ist das passive Pendant zur geforderten Durchsetzungs-Aggression. Politik als Boxring. Zuhören verboten. Dabei könnte man sich nämlich das im Kampf tödliche Zögern des Zweifels einfangen. Gute Kämpfer lesen die Bewegungen des Gegners. Sie sind keine guten Zuhörer. Denn Zuhören kann kein Teil einer Strategie sein. – Berufspolitiker können privat übrigens sehr offene und sensible Menschen sein. Allerdings nur, solange kein Mikro und keine Kamera eingeschaltet sind. Rollenerwartungen in Wettbewerbssystemen können erbarmungslos sein. Und natürlich greift auch hier mit der Zeit die gute alte déformation professionelle, bei der die berufliche Dauervereinseitigung sich auch privat irgendwann kaum mehr abstellen lässt.

Natürlich könnten wir auch die Frage stellen, ob an einem solchen politischen System vielleicht irgendetwas faul sein könnte. Und ob hier vielleicht ein völliges Missverständnis davon vorliegt, worum es bei „Demokratie“ im Kern eigentlich geht.

Aber wahrscheinlich stellen wir genau diese Frage besser nicht, sondern singen – jetzt ganz neu: auch geschlechterübergreifend, das muss dieser vielgerühmte soziale Fortschritt sein! – stattdessen weiter das Hohelied der Durchsetzung.

Ja. Das muss die Lösung sein: Lasst uns alle gemeinsam „echte Männer“ werden!

Dieses ewige Inkludieren und diese Rücksichtnahme auf alle Beteiligten – Das kann ja zu nichts führen! Das hält nur auf! Zumal wenn man eben gerade einen Krieg führen muss. Da kann man ja auch keine Fahnenflüchtigen, Befehlsverweigerer und Wehrkraftzersetzter gebrauchen!

Völlig ausgeschlossen ist es, dass die Aufgabenstellung, die daraus ensteht, dass alle mit ihren Bedürfnissen wirklich Gehör finden, zu ebenso wirklich neuartigen Lösungen führen könnte.

Völlig ausgeschlossen ist es, dass es echte innere Stärke, eine gewisse Fähigkeit, Spannungen auszuhalten und wirken zu lassen, brauchen könnte, um wirklich innovativ zu sein. Spannungen, die durch den Aktionismus des Sich-Durchsetzen-Müssens sehr effektiv die Luft rausgelassen werden kann.

So dass man dann wunderbar im ewig gleichen Brei herum-schlammcatchen kann.

Denn das tut dem rundherum durchsetzungsfähigen Menschen einfach deutlich weniger weh als das Aushalten innerer oder zwischenmenschlicher Spannungen. Die müssen alle immer sofort aufgelöst werden. Indem sich bitteschön jetzt eben sofort einer durchsetzt! Alles andere ist Unentschlossenheit, ist Zaudern, ist Handlungsschwäche.

Aktion ohne Ereignisse. Aktivismus at its best. Ständig was los und doch wunderbar vertraut. So wie eine neue Bundesligasaison: Neue Trainer, neue Spieler, ein paar neue Vereine, aber in Wahrheit nicht so wirklich was Neues. Das Leben ist so schon kompliziert genug.

Ja, der Profisport ist auch so eine Spielwiese für die unantastbare „Durchsetzung“.

Ach, unsere heißgeliebte Kriegerkultur.

Ethik und Politik

Eine Zeit lang in meiner philosophischen Ausbildung durfte ich in die sogenannte „Homann-Schule“ gehen. Sie wird, wie für Philosophie vollkommen üblich, in der Regel missverstanden.

Das geht schon bei ihrer Einordnung unter die Rubrik „Wirtschaftsethik“ los. Karl Homann hatte zwar in der Tat an der Universität München lange einen so genannten Lehrstuhl für Wirtschaftsethik inne. Doch man sollte auf solche Label nicht all zu viel geben.

Faktisch handelt es sich bei der Homann-Schule weitaus eher um eine Politische Philosophie, die die politische Rahmenordnung adressiert. Um eine Denkschule, die über sehr Grundsätzliches nachdenkt, und für die „wirtschaftliche Phänomene“ nur „gesellschaftliche Phänomene neben anderen“ darstellen; und keineswegs einen bevorzugten Gesichtspunkt.

Was man bei Homann gut lernen konnte, und was ich – neben allem, was ich so nicht mehr mittrage – auch heute noch aus vollem Herzen bejahen kann, ist das Folgende:

Wir Menschen sind in moralischer Hinsicht neutrale Wesen. Wir sind weder „gut“ noch „böse“. Die moralischen Qualitäten unseres Verhaltens lassen sich aber mit absoluter Zuverlässigkeit daraus ableiten, mit welchen Umständen wir sicher rechnen können. Moralisch qualifizierbar sind daher für eine über die Natur des Menschen aufgeklärte Ethik niemals die Menschen selbst, sondern allein die erwartbaren und damit mit hoher Wahrscheinlichkeit institutionell stabilisierten Umstände.

Mit der Homann’schen Philosophie im Rücken sind daher die immer wieder auftretenden „moralischen Rückfälle“ auf lokaler oder globaler Ebene weitaus weniger rätselhaft, als sie von uns in den größten Teilen unserer öffentlichen Gespräche gemacht werden: Wie immer sind „die Umstände“ schuld. Es handelt sich in allen Fällen um ein Institutionenversagen.

Das aber bedeutet, dass wir am Ende doch wiederum selber schuld sind. Aber auf eine sehr andere Weise als wir gewohnt sind zu denken. – Wie und warum, dazu kommen wir noch weiter unten in diesem Artikel zu sprechen.

Der Fall Farrelly

Nun gibt es ein offensichtliches Problem mit diesem Denken: Die konsequente und abstrichlose Zurechnung von menschlichem Verhalten auf die subjektiv erwartbaren Umstände ist ein moralischer Offenbarungseid. Er lässt uns alle aus der Verantwortung für unser individuelles Verhalten.

Und das macht unsere biologische Basis nicht mit. So sehr philosophisch verkopfen können wir Menschen gar nicht, dass dieses Basis-Programm dabei ausgeschaltet wird. Sogar Menschen, die wir der groben und uns entlastenden Vereinfachung halber als „verrückt“ bezeichnen, erkennen das Konzept der „individuellen Schuld“ vollumfänglich an.

Man wird mit diesem Umstand konfrontiert, wenn man sich tiefergehend mit dem Leben und dem Wirken des Sozialarbeiters und Psychotherapeuten Frank Farrelly beschäftigt. In mehreren sehr eindrucksvollen Passagen beschreibt Farrelly seine Erfahrungen in einem psychiatrischen Landeskrankenhaus in Wisconsin (dem Mendota Mental Health Hospital in Madison). In einer Atmosphäre, in der der arme psychische Kranke vom professionellen Personal als „durch seine Vergangenheit“ umfassend von persönlicher Verantwortung entlastet betrachtet wurde, waren die „Mitinsassen“ keineswegs bereit, untereinander eine ähnliche „Moralfreiheit“ gelten zu lassen.

Farrelly beschreibt in seinem viele Jahre praktischer Tätigkeit zusammenfassenden Werk „Provocative Therapy“, wie das Muster „mir kann keiner was, ich bin ja verrückt“ sehr effektiv von einer interaktiven, zwischenmenschlichen Logik gebrochen und überlagert wurde: „Du magst so verrückt sein wie Du willst, aber wenn Du noch einmal mein … klaust, dann verpasse ich Dir eine Abreibung, nach der Du das nie wieder tun wirst!“

Kurz: Die Patienten verhielten sich untereinander effektiver und Verhalten positiver beeinflussend als das beim professionellen Personal mit seiner pauschalen Suspendierung von indvidueller Schuld der Fall war.

Daraus lässt sich folgendes Allgemeine für den Bereich der Ethik ableiten: Wo immer wir Situationen vorliegen haben, in der unmittelbare Interaktion zwischen Menschen möglich ist, sind Menschen selbst (und ihr gezeigtes Verhalten) die relevanten Rahmenbedingungen, die über das Auftreten von ethischem/unethischen Verhalten anderer Menschen entscheiden.

Wir betreten damit zwar unmittelbar den Raum der „doppelten Kontingenz“, in dem es wiederum kaum möglich ist von „Schuld“ zu sprechen, da in der doppelten Kontingenz interaktiven Verhaltens kein Anfang und kein Ende auszumachen ist: Du bist genauso Rahmenbedingung für mich, wie ich Rahmenbedingung für Dich bin (Eltern-Kind-Interaktionen vielleicht ausgenommen, aber selbst hier lassen sich viele solcher wechselseitigen Kopplungen sehr leicht ausmachen, sobald das Kind dem allerfrühesten Kleinkindstadium entwachsen ist).

Aber zugleich sind „Schuldzuschreibungen“ zugleich Medium der wechselseitigen Verhaltenskopplung: Alle Beteiligten wissen, dass jederzeit mit Schuldzuschreibungen operiert werden kann. Dass sie also sicher damit rechnen können, wenn sie bestimmte Verhaltensweisen zeigen. Und daher wirkt Schuld, obwohl es streng logisch keine Schuld gibt.

Für die moderne, systemisch denkende Psychologie ist eine solche Paradoxie kein großes Problem mehr, sondern eher so etwas wie ihre Operationsgrundlage.

Man kann daher sehen, dass Frank Farrelly als Psychopraktiker einfach nur sehr pragmatische Konsequenzen gezogen hat, indem er die große Wirksamkeit von Verantwortungs- und Schuldzuschreibungen für die Salutogenese zu nutzen begann. Völlig zu recht bezeichnet der deutsche Ableger seiner Therapieschule sein Wirken mittlerweile als „provokative Systemarbeit“. Ein Tribut an das zutiefst systemische Denken, das bei Farrelly am Werk war.

Der ethische Sinn von Politik

Für unseren Zusammenhang kommt nun aber ein entscheidender Unterschied ins Spiel. „Systemisch“ ist nicht gleich „systemisch“. Ein Unterschied, der einen ganz gewaltigen Unterschied macht, ist der Umstand, ob die Möglichkeit zu unausweichbarer, unmittelbarer Interaktion gegeben ist oder nicht. – In vielen Kleingesellschaften: Familien, Unternehmen, Dörfern, Stämmen ist das weitgehend der Fall. In halb-anonymen Großgesellschaft nicht.

In halb-anonymen Großgesellschaften sollen „Institutionen“ diejenige Art von Verhaltenskopplung leisten, die nicht mehr von unmittelbarer, zwischenmenschlicher Interaktion geleistet werden kann. Schlicht, weil die räumlichen Abstände zu groß sind. Und weil zu viele Menschen gleichzeitig an ihren Prozessen beteiligt sind. Mehr, als durch ein individuell geankertes Beziehungsnetz gehalten werden kann.

Die Frage ist, ob das nicht einer doppelten Überforderung gleichkommt: Einer überfordernden Erwartung an Institutionen einerseits und einer überfordernden Erwartung an uns Menschen andererseits. – Unsere täglichen Erfahrungen mit all jenen ziemlich gräulichen und oft grausamen Auswüchsen der formalen Bürokratie, die zwischenmenschliche Beziehungen zu ersetzen versucht, deuten sehr eindrucksvoll darauf hin, dass mit dieser politisch-ethischen „Lösung“ etwas faul zu sein scheint:

Sie funktioniert ganz offensichtlich nicht.

Nehmen wir beides in unserem Denken zusammen: Einmal die Homann’sche Einsicht in die ethische Formbarkeit des Menschen durch stabil erwartbare Umstände. Und zum anderen die Farrelly’sche Einsicht in das Primat des Menschen „als Umstand für den Menschen“, so kommen wir zu ganz anderen Schlüssen als wir kommen würden, wenn wir nur einen dieser Aspekte für sich berücksichtigen; oder sogar gar keinen von ihnen beiden.

Der logische Schluss, der sich aus beidem zusammen ergibt, hat Konsequenzen für das, was wir „Politik“ nennen sollten. In einem sehr engen, qualitativ aufgeladenen Sinne.

Da wir heute wissen können (dank Homann), dass wir ethisches Verhalten bekommen, wenn wir ethisches Verhalten begünstigtende Umstände haben. Da wir heute wissen können (dank Farrelly), wie durchschlagend das Unmittelbar-Menschliche sich dazu aufschwingt, für uns genau diese „Umstände“ zu sein. Und da wir weiter davon ausgehen können, dass wir noch eine Zeit lang (bis auf Weiteres) in einer teil-anonymen Großgesellschaft leben werden, ergibt sich m.E. aus allem drei zusammengenommen folgende, logisch zwingende Konsequenz:

Politik ist die Schaffung eines Raums menschlicher Unmittelbarkeit, in dem wir gemeinsam diejenigen Institutionen schaffen und beständig überprüfen und anpassen, die wir in einer teil-anonymen Großgesellschaft brauchen.

Und, auch auf die Gefahr hin, dass ich mich damit bis zum Erbrechen zu wiederholen drohe: Die einzige „Meta-Institution“, die in der Lage ist, genau dies zu leisten, sind Bürgeratsversammlungen oder Bürgerparlamente, deren Teilnehmer im reinen Losverfahren, also per Zufall aus der Gesamtbürgerschaft ausgewählt werden.

Das Los als Auswahlprinzip zur personellen „Bestückung“ eines Gremiums, das im absoluten Zentrum unserer Gesellschaft steht, also dort, wo die für uns alle bedeutsamen Entscheidungen fallen, garantiert, das keine Perspektiven verlorengehen – Etwas, das sich in einer teil-anonymen Gesellschaft mit absoluter Zuverlässigkeit zu rächen droht.

Die persönliche Anwesenheit, also die bewusste Entscheidung gegen eine nur „virtuelle“ Zusammenkunft (wie bei Wahlen, Volksabstimmungen und Online-Votings) würdigt die sehr positiven, körperlichen Mechanismen, die es uns ermöglichen, „für andere Menschen relevante Umstände“ zu sein. – „We are wired to connect“. Es ist unsere biologische Hardware, die den Raum des Politischen (im engeren, qualifizierten Sinne) ermöglicht.

Analytisch gesprochen haben wir in einer sich ansonsten systematisch entfremdenden Gesellschaft mit einem Bürgerparlament eine Meta-Institution am Werk, in der diejenige Art von Verbindung möglich ist, die wir ansonsten nur in Kleingesellschaften erwarten können.

Dabei dürfen wir aber nicht unsere heutigen Alltagserfahrungen mit Kleingesellschaften zum Erwartungsmaßstab nehmen. Diese sind heute nämlich – mangels dem bisherigen Bestehen einer solchen Instanz – durchzogen von Machtasymmetrien, Machtspielen und Durchsetzungslogiken, die alles andere als reziprok, gleichwertig und politisch sind. Das Fehlen einer ausgleichenden Instanz auf politischer Ebene wirkt sich schon seit Langem so auf unsere unmittelbaren Intimbeziehungen so aus, dass diese in ihrer heilsamen Kraft gemindert werden. Auch unsere Alltagsbeziehungen sind durch Machtungleichheiten korrumpiert. Wir kennen „eine gesunde Gesellschaft“ oft kaum mehr und haben daher auch keine Vorstellungen davon, wie ein positiv und erleichternd ein machtfreier Raum sich auf alle Beteiligten auswirkt und dass es sich dabei um eine anthropologische Konstante handelt. Eine bedingte, so paradox das auch klingen mag.

Die heilsame Kraft der menschlichen Unmittelbarkeit wird von uns ganz einfach deswegen unterschätzt, weil wir sie in unserem Alltag nur noch selten erleben. Wir erleben sie vielleicht manchmal, bei einem guten Therapeuten oder einer jener seltenen guten Führungskräfte. Oder in den guten Phasen unserer Paarbeziehungen (wobei es bei Krisen des einen Partners erst interessant wird: Ob es sich genau dann immer noch um eine „gute Phase“ handeln kann…). – Die Möglichkeit, das Potential dieser heilsamen Kraft ist aber immer da. Es ist unverlierbar. Und es ist systematisch politisch nutzbar.

Werden unsere Gesetze und Institutionen von einer Meta-Institution verabschiedet, in der zwischenmenschliche Unmittelbarkeit herrscht, kompensiert diese Institution denjenigen Grad an unvermeidbarer (und vielleicht dann sogar wünschenswerter) Entfremdung, der für teil-anonyme Großgesellschaften typisch ist.

Wir haben dann das Gute des „Dorfes“ ins Herz des großstädtischen Molochs implantiert, den unsere heutige Weltgesellschaft mittlerweile darstellt: Ein lebendiges, menschliches Zentrum, in dem nicht Auseinandersetzung und Vernichtungskämpfe dominieren, bei denen die ganze Zeit alle verlieren und ihr Leben in Angst, Verhärtung und Verbitterung verbingen, sondern in dem Zuhören, Aufmerksamkeit, echtes Interesse und die Bereitschaft, die Perspektive des anderen in neue Lösungen einzubinden die absolute und unverbrüchliche Regel ist.

Es gibt tatsächlich Hoffnung für die moderne Demokratie. Wir müssten dazu nur Logik der menschlichen Unmittelbarkeit anerkennen. Das heißt: Die Unverzichtbarkeit, die die Unmittelbarkeit menschlicher Beziehung für uns als Menschen hat.

Dies vorausgesetzt bleibt tatsächlich nur der Zufall als mögliches Auswahlprinzip für die personelle Besetzung des wichtigsten politischen Gremiums in unserer Gesellschaft.

Denn nur der Zufall garantiert wirklich Repräsentativität. Nur der Zufall schließt aus, dass jemand nicht-zufällig ausgeschlossen wird aus politischen Aussprache-, Mitsprache- und Entscheidungsprozessen. Nur der Zufall gibt uns die Sicherheit der Demokratie.

Damit wird zugleich operativ einlösbar, was die politische Ethik der Homann-Schule immer wollte: Dass der Mensch als für sich selbst verantwortlich angesehen werden kann. Allerdings eben nicht als Individuum. Sondern indem er institutionell in die Lage versetzt wird, „sich selbst zu formen“ und „die Bedingungen des Zusammenlebens bewusst gemeinsam zu gestalten“.

Nur auf einer politischen Ebene ist gültig, dass der Mensch für sich selbst verantwortlich ist. Als Einzelwesen ist er unter modernen Bedingungen von der Wucht einer solchen Verantwortung überfordert und reagiert darauf mit: Frust und mit offensiven Schuldzuschreibungen an die Adresse von anderen. – Denn Angriff war im moralischen Krieg noch stets die allerallerbeste Verteidigung.

Befriedete, glückliche Gesellschaften sind so nicht zu erreichen.

Politik ohne Politik – Eine weitere kurze Abrechnung mit Thomas Hobbes

Der „Leviathan“ des politischen Philosophen Thomas Hobbes ist eine entscheidende Wegmarke in der Geschichte des politischen Denkens und Handelns.

Sie bedeutet eine Abkehr von den (über Jahrhunderte hinweg vergeblichen) Versuchen, in der Politik „das Beste für den Menschen“ zu erreichen. Und eine Hinwendung zu einem Verständnis von Politik, nach dem es in der Politik nur darum gehen könne, das Schlimmste zu verhindern.

Konzeptionell wird das sehr deutlich daran, dass in dem von ihm erfundenen „Staat“ kein Platz für den freien politischen Austausch vorgesehen ist. Weder gibt es in der Hobbes’schen Konzeption Bedarf, noch Notwendigkeit an einer Art „Agora“, einem Ort, an dem die Bürger zusammekommen, sich immer wieder neu oder besser: täglich, ständig austauschen und so den Raum des Politischen gemeinsam zwischen sich entstehen lassen. – Als permanente Tätigkeit, die permanentes Engagement, Zeit, Kraft, Aufmerksamkeit und ja, auch wechselseitige Zugewandtheit erfordert.

Die Hobbes’sche „Politik“ ist eine Politik ohne Politik. – Vielleicht lässt sich das dadurch erklärten, dass Hobbes, schockiert durch die Schrecken der Bürgerkriege seiner Zeit ein Einsehen hatte, dass „echte Politik“ (im antiken, kleinstädtischen Verständnis des Wortes) den Menschen schlicht zu anstrengend ist, um unter den Bedingungen teil-anonymer Großgesellschaften noch Realisierungschancen zu haben.

An die Stelle der Agora und des Austauschs setzt Hobbes daher den Monarchen einserseits und den – nur gedachten und rückprojizierten – Vertrag zwischen den dadurch zu Bürgern mutierten Menschen andererseits. – Selbst in der Hobbes’schen Fiktion, die offen als Fiktion gekennzeichnet ist, mussten die Menschen also mindestens einmal physisch zusammenkommen, um „Politik“ zu begründen.

Hobbes‘ Denken ist das Denken einer politischen Kapitulation. Eines Aufgebens des politisch-demokratischen Denkens, das im Raum des Politischen die höchste Realisierungsform des Menschlichen und zugleich „das dem Menschen Gemäße und Natürliche“ gesehen hatte. – Zu ehrgeizig. Unrealisitisch. Über Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende hinweg nachweislich gescheitert. Hobbes gibt sich, wie viele seiner philosophischen Mitstreiter, die sich gegen vor-neuzeitliche Denken wenden, als Pragmatiker. Jemand wie Aristoteles, der den Menschen zum „Zoon Politikon“ erklärt, erscheint so plötzlich wie ein abgehobener Träumer, nicht als der Pragmatiker und Hardcore-Realist, als der er von seinen eigenen Zeitgenossen eingeschätzt wurde: Stets nah an den Realitäten, die er unmittelbar vorfand – Und daher unmittelbar einleuchtend, Offensichtliches begrifflich auf den Punkt bringend.

Jahrhunderte der Scholastik und des kruden theologischen Denkens mit aussichtslosen Versuchen, biblischen Gottesbegriff und griechisches Denken irgendwie doch noch in Einklang miteinander zu bringen, können eben einiges an Verwirrung erzeugen.

Unser großes Problem mit Hobbes heute ist: Hobbes ist die prägende Gestalt für unser Denken von „Politik“ in der Moderne. Thomas Hobbes hat wie kein Zweiter unser Denken des Politischen geprägt, deutlich mehr noch als Machiavelli.

Das aber heißt: Unser eigenes Denken von Politik und Demokratie ist tief defizitär. Wir glauben, solange wir in Hobbes’schen Bahnen denken, dass es in der Politik stets nur um die Abwehr des Schlimmsten gehen könne, niemals um die Realisierung des Besten für den Menschen.

Dies ist die zutiefst schwarze Seele dessen, was wir überaus freundlich „Liberalismus“ nennen und als dessen Begründer wir Hobbes verstehen dürfen, der als erster den Menschen systematisch als zutiefst asoziales und vorsoziales Wesen beschrieb, weil er die Grausamkeiten, die wir einander immer wieder antun, anders nicht erklären und berücksichtigen zu können glaubte.

Will man einen positiven Politikbegriff, einen Politikbegriff, der nicht die reine Not und die nackte Angst atmet, wiedergewinnen, wird man tatsächlich zurückgehen müssen zur antiken Polis. Man wird die griechische Präferenz für Wettbewerb und Sich-Übertreffen abstreifen müssen – Denn darin sind wir heute lebenden Menschen selbst unübertroffen.

Wir dürfen mit großer Sicherheit davon ausgehen, dass unsere heutige Gesellschaft die Bewohner des demokratischen Athens trotz ihrer ausgeprägten Streitkultur entsetzen würde. Nicht wegen des Streits an sich. Den liebten sie. Sondern wegen unserer Lieblosigkeit darin und unsere Unfreundlichkeit miteinander. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sowohl wir selbst als auch unsere Gesellschaft ihnen als ausgesprächen „hässlich“ erschienen wäre: Unser Hass, unser tiefer Unfriede und unsere grausame Feindseligkeit wären ihnen überdeutlich aufgefallen. Es scheint für sie kaum vorstellbar gewesen zu sein, dass Menschen überhaupt so werden können, wie wir heute tagtäglich sind.

Tatsächlich lagen sie darin wohl gar nicht so falsch: Denn tatsächlich zerlegt es gerade unsere Gesellschaft nach allen Regeln der Kunst. Das, was notwendigerweise mit einer Gesellschaft geschieht, die keinen positiven Politikbegriff mehr ausbilden kann. Die gar keine Vorstellung davon hat, dass „Demokratie“ etwas anderes heißen könnte als Populismus, politische Faulheit und Verantwortungslosigkeit, Lüge, Intrige und permanent zuverlässig erzeugte Frustration.

Hobbes mag für seine Zeit richtig gelegen haben. Wir selbst tun uns heutzutage keinen Gefallen, wenn wir weiter darauf verzichten, das völlig zu ignorieren, was möglich wird, wenn Menschen in freiem Austausch zusammenkommen. Regelmäßig. Täglich. – Weil Verständnis und Empathie erarbeitet sein wollen und nicht einfach mal eben von uns vorausgesetzt werden können. Produktive, innovative politische Auseinandersetzung setzt Bürgerfreundschaft voraus: Die Sicherheit, dass Du mir wohlwillst. Und die Sicherheit, dass ich Dir wohlwill. Weil wir ohne einander nicht sein können. Nicht in unserer Bestform. Weil wir nur gemeinsam den Raum des Politischen aufspannen können. Denjenigen Raum, den wir beide brauchen, den wir alle brauchen, um ein „gutes Leben“ führen zu können. Diese Bürgerfreundschaft muss auf eine für alle glaubwürdige, spürbare Weise erlebt werden. Eine sensible Sache. Denn wir Menschen sind „wie dafür gemacht“ zu spüren, wann man uns so etwas nur vorspielt, um sich dadurch apolitische Vorteile in einem apolitischen Krieg zu verschaffen. Wir wissen, wann rücksichtsloser Vernichtungskampf angesagt wird – hinter einer Fassade der Freundlichkeit und des schönen Scheins. Wir wissen, wann wir ohne Erbarmen angegriffen, ignoriert, verachtet, gedemütigt, herabgewürdigt werden. Darauf ist jeder von uns sensibel. Und an keinem von uns geht es spurlos vorbei. Die Psyche merkt sich das, zeichnet es auf, zieht ihre Schlüsse daraus, formt sich danach. – Nur sehen wir in unserer heutigen völligen, bereits gewohnheitsmäßigen Verzweiflung sehr gezielt davon ab, von dieser unserer menschlichen Sensibilität Gebrauch zu machen, stattdessen unterdrücken wir sie (und damit unsere Menschlichkeit) und werden stattdessen „hart“: Zu unerträglich wäre sonst das tagtägliche Eingeständnis der sozialen Realität, in was für einer feindseligen sozialen Umwelt, von wie wenig Wohlwollen wir umgeben sind. Wie sehr „auf uns allein gestellt“ wir sind, wie sehr „ein jeder sich selbst der Nächste zu sein hat“,  wie sehr „ein jeder zunächst einmal für sich selbst zu sorgen hat, dann ist ja für einen jeden gesorgt“ und anderer hobbesianischer Unsinn mehr. Wir leben, ohne es zu wissen, in einer Hobbesianischen Welt. In einer Gesellschaft, die so stark vom Hobbes’schen Denken geprägt ist, dass sie kaum mehr aus diesem Irrweg herauszufinden scheint.

Es scheint – ganz wie von Aristoteles bemerkt – eine Art Politikimperativ „im menschlichen Wesen“ zu geben. Einen Imperativ, den wir als Wesen, die sogar ihr eigenes Wesen negieren können, durchaus ignorieren können. Nur wird das menschliche Leben auf diese Weise: ohne Politik im antiken Sinne eben genau das, was Hobbes diagnostiziert: „solitary, poor, nasty, brutish, and short“.

 

 

 

Politikvermeidung

Politik hat einen schlechten Ruf. Daher scheint es eine nur all zu gute oder gut verständliche Idee zu sein, Politik so lang es nur geht zu vermeiden.

Das liegt nicht nur an unserem Politikbegriff, der – man kann es nur schwer anders sagen – ziemlich pervers ist. Wir verstehen heute etwas unter „Politik“, das nicht unbedingt einen eigenen Namen bräuchte. Das was wir „Politik“ nennen, könnte man genauso „Herrschaft“, „Sich-Durchsetzen“, „Sich-Bedrohen“, „Feilschen“, „Intrigieren“, „Sich-Verbünden“ oder „Machtspielchen“ nennen. Dafür bräuchte es nicht zwingen ein eigenes Wort. Und schon gar keines, das mit Blick auf seine Ursprünge eine ganz andere Bedeutung nahelegt.

Diese perverse Umverstehung von „Politik“ ist aber nicht das einzige Problem, das Politikvermeidung motiviert. Auch „die Sache selbst“, unabhängig davon, wie wir sie nennen, hat so ihre Tücken.

Politik als gemeinsames bewusstes Gestalten der gemeinsamen Lebensbedingungen, vermittels der menschlichen Gaben der Rede, des wechselseitigen Zuhörens, Verstehens und der Empathie, erscheint uns oft als nicht gerade die angenehmste aller Optionen.

Die Versuchung, sich in allen möglichen Problemlagen, in denen die Möglichkeit der Politik viel Gutes stiften könnte, auf Politikvermeidung zu verlegen, ist erstaunlich oft gegeben.

Erstaunlich ist das nur deswegen, weil Politik, – darin ähnlich ihrer Zweier-Beziehungs-Ensprechung: Der emotionalen Empathie – unmittelbar angenehm und befriedigend ist für alle, die an ihr teilnehmen.

Wann immer ein „politischer Raum“ entsteht, atmen alle beteiligten Menschen spürbar auf. Und schwärmen dann im Nachhinein meist in den höchsten Tönen, wie toll und wunderbar das gewesen sei, was sie da gerade erlebt hätten. Gleichsam so, als ob sie jetzt erst spüren könnten, was ihnen sonst die ganze Zeit fehlt. – Irgendwas scheint also tatsächlich dran zu sein an der aristotelischen Sache mit dem „zoon politikon“.

Was verführt uns nun aber zur Politikvermeidung? – Ich nehme es so wahr: Der Gedanke an Politik macht uns Angst. Denn in der Politik berühren wir uns gegenseitig. Wir zeigen uns in unserer Bedürftigkeit. Und wir lassen uns berühren von der Bedürftigkeit unserer Mitmenschen. Und das kann erst einmal alles andere als angenehm sein. Vor allem dann, wenn wir „berührt-werden“ und „berührt-sein“ eher in seinen übergriffigen, respektlosen oder sogar offensiv gewalttägien Formen kennen gelernt haben.

Das ist leider bei sehr vielen von uns heute lebenden Menschen der Fall.

Wir leben in einer Gesellschaft, die erfüllt ist von Angst vor Politik. Vor begründeter Angst vor Politik.

Und zu den schlechten Erfahrungen mit „Begegnungen, bei denen es um was ging“, die die meisten von uns mitbringen, kommt noch hinzu:

Nicht all zu viele von uns haben überhaupt bereits Erfahrungen mit „dem Raum des Politischen“ gemacht. Viele wissen gar nicht, dass es ihn überhaupt gibt.

Auch das hat Anteil an der oben angedeuteten „perversen“ Verwechslung von Machtkämpfen mit Politik in einem gehaltvollen Sinn.

Ich kann mich selber da gut als schlechtes Beispiel nehmen: Ich durfte studieren. Und das auch noch zu einer Zeit, in der die Universitäten noch nicht völlig verschult waren und das Studium noch relativ frei. Vor den „Bologna -Reformen“. Und dann auch noch Fächer, in dem viel geredet und diskutiert wurde. Man könnte polemisch sagen: Fächer, die aus nichts weiter bestehen denn aus Reden und Diskussionen.

Dennoch fehlte mir im Studium etwas schmerzhaft. Und dieses Empfinden hätte ich sogar dann gehabt, dessen bin ich mir sicher, wenn ich nicht doch ein, zwei, drei Mal erlebt hätte, wie es ist, wenn das, was mir da fehlte, plötzlich entsteht und spürbar vorhanden ist: Man ist gemeinsam in einem Raum. Und man redet gemeinsam über das Gleiche.

Das klingt so banal. Aber das ist es nicht. – Ich habe mir in meiner Neugier und meinem Wahnsinn sicher ca. 20 Fächer an meiner Universität recht intensiv angeschaut. Und beinahe immer und beinahe überall gestalteten sich unsere Gespräche so: Einer sagte etwas und redete dabei darüber, was ihn interessierte oder beschäftigte. Und ein anderer „antwortete“ ihm und redete dabei darüber, was ihn interessierte oder beschäftigte. Wir redeten über Verschiedenes. Wir redeten aneinander vorbei. Da war kein Zuhören und kein Antworten.

Aber die ein, zwei, drei Mal, in denen das anders war, werde ich nie vergessen: Es war völlig anders. Es war magisch. Es entstand eine völlig andere Energie im Raum. Eine Energie, die unsere eigene Unruhe, unsere Angst und unseren „Egoismus“ völlig überwandt. Eine produktive Atmosphäre, in der der Funke zwischen uns hin und her sprang, in der wir uns positiv gegenseitig anregten, in denen wir als „Gruppe“ eben „mehr waren als die Summe unserer einzelnen Individualitäten“.

Heute weiß ich: Das war ein politischer Raum. Und das war das, was ich mein ganzes, überlanges Studium immer wieder schmerzlich vermisst habe. Warum ich unsere ganze Universität trotz der großen Freiheiten, die ich genießen durfte, als ein zutiefst unbefriedigendes Übel erlebt habe.

Ich glaube, wir Menschen brauchen den.

Nicht nur zum Spaß und zum Spiel oder zum Wohlfühlen oder für neue Ideen.

Wir brauchen ihn auch, um unsere gemeinsamen Probleme produktiv zu lösen.

Wir brauchen Politik.

Und daher müssen wir sowohl unseren irrigen Politikbegriff als auch unsere Angst vor dem Raum des Politischen überwinden.

Geeignete Institutionen können uns dabei helfen. Institutionen, die dazu beitragen, dass wir uns in ihnen während unseres gemeinsamen Gesprächs sicher und „gehalten“ fühlen. In denen wir uns öffnen und einander zeigen können, was uns wirklich bewegt – Jenseits „machtstrategischer“ Abwägungen.

Ich vermute: Gesellschaften, in denen es an Politik fehlt, in denen Politikvermeidung so verbreitet geworden ist, dass man schon gar nicht mehr ahnt und sagen kann, was einem überhaupt fehlt, sind ziemlich unfriedliche Gesellschaften. Gesellschaften, in denen es viel unproduktiven und fortschrittsfreien Streit gibt. Auseinandersetzungen, aus denen eben keine neuen Lösungen entstehen. Sondern die sich rituell immer neu und in immer anderen halbseidenen Schattierungen wiederholen. Bis sie selbst zu einer Art Institution werden. An die wir uns gewöhnen und auf die wir uns dann einstellen, weil sie eine „feste Größe ist, mit der gerechnet werden kann“.

Politikvermeidung, Politiklosigkeit als Gesellschaftsform.

Nein, das kann so nicht weitergehen. Auf keinen Fall. Wenn, ja wenn Politik für uns Menschen wirklich so „wesenhaft“ ist, wie das vereinzelt immer wieder mal in der Menschheitsgeschichte gedacht wurde, dann wird uns die Politikvermeidung, die wir pflegen, mit absoluter Gewissheit um die Ohren fliegen. Das genaue Wann und Wie sind dann dabei fast schon nebensächlich.

Die gemeinsame Erschaffung von politischen Räumen scheint eine bleibende menschliche Aufgabe zu sein. Eine alltägliche.

Denn „ein politischer Raum“ entsteht immer und überall dort, wo Menschen zusammenkommen und über das Gemeinsame, über das, was sie alle betrifft, als Gleichwertige in freier, offener Rede sprechen. Und sich dabei doch tatsächlich zuhören.

Das kann in unseren Familien passieren. In unseren Unternehmen. In unseren Nachbarschaften. Und ja, auch in in unseren „Großgesellschaften“, wenn wir dafür geeignete Formen, Verfahren und Institutionen schaffen. Was uns möglich sein könnte, sobald uns halbwegs klar ist, was wir da und warum wir es tun. Und dass wir alle das brauchen.

Res publica perennis.

CSI: Athen – Anklage wegen Gebrauch naturaler Kategorien im politischen Austausch

Sokrates und Platon sitzen mit Lederriemen angebunden an zwei Stühlen nebeneinander in einem Kerker, der offensichtlich den adligen Athener Bürgern vorbehalten ist. Vor ihnen: Ein breiter Tisch mit drei leeren Stühlen.

Platon (murmelt in seinen kaum vorhandenen Milchbart hinein, der im Gangsta-Style getrimmt ist): Diese verdammte Xanthippe…

Sokrates (zischt leise aus dem Mundwinkel): Sei ruhig jetzt! Kein falsches Wort. Lass mich reden! – Du weißt doch: Wenn sie uns jetzt drankriegen sind wir am Arsch. Aber so richtig.

Die Tür des Kerkers geht auf, herein kommen gut gelaunt Gorgias, Protagoras und Isokrates.

Gorgias (freundlich, aber bestimmt): So meine Herren, da wären wir also.

Die drei nehmen gegenüber von Platon und Sokrates am Tisch Platz, Isokrates in der Mitte, Gorgias rechts, Protagoras links von ihm. Allen dreien sieht man an, dass sie nur mit Mühe ein fettes Grinsen unterdrücken.

Isokrates (zu Gorgias): Wenn Du dann mal?

Gorgias (betont sachlich und ruhig): Also. Die Anklage ist ihnen ja bekannt: Sie werden beschuldigt, seit mehr als 2300 Jahren durch den Gebrauch von Naturkategorien im politischen Austausch nachhaltig das gesellschaftliche Klima vergiftet, ein friedliches Zusammenleben unmöglich gemacht und damit viele Millionen, wen nicht Milliarden Menschen das Leben auf der Erde zur Hölle gemacht zu haben…

Platon (platzt heraus): Aber wir sind im Recht!

Protagoras (süffisant): Das sie rechts sind, bezweifelt auch keiner, junger Mann. Das ist allgemein bekannt. Es ist aber kein Teil der Anklage.

Sokrates (aus dem Mundwinkel): Halt die Klappe, verdammt.

Platon (entrüstet aufbrausend): Du musst reden! Wer hat denn auf der Agora immer alle angequatscht und uns hier in diese Lage gebracht!?

Gorgias (beschwichtigend): Meine Herren! Beruhigen sie sich. Kommen wir zurück zur Sache: Geben Sie zu, dass sie den politischen Diskurs durch das Einführen naturaler Kategorien vergiftet haben, oder nicht? Bekennen Sie sich schuldig im Sinne der Anklage?

Sokrates: Nun ja. Wir finden ja: Da muss man erstmal unterscheiden.

Platon (im Stuhl versinkend, sehr leise): Jetzt kommt die Nummer wieder…

Gorgias: Wie meinen Sie das?

Sokrates: Nun entweder sind naturale Kategorien ein grundsätzliches Problem in politischen Diskussionen und Gesprächen. Oder sie sind es nicht. – Stimmen Sie mir da zu?

Gorgias: Das ist in der Tat eine interessante Frage. Eine philosophische Frage. Aber…

Isokrates (hat bisher geschwiegen, unterbricht): Moment mal, mein lieber Gorgias. Ich glaube ich weiß, worauf unser guter Sokrates hinaus will. Was haltet Ihr davon, wenn wir diesem Gesprächsverlauf einmal folgen? Allerdings hätte ich da zunächst noch einmal eine ganz andere Frage, mit der ich gerne beginnen würde.

Schweigen. Protagoras und Gorgias ziehen leicht genervt die Augenbrauen hoch.

Isokrates: Lieber Sokrates, stimmst Du mir zu, dass Menschen durch gesellschaftliche Institutionen, die stabile Erwartungen schaffen, entweder stark in ihrem Verhalten beeinflusst werden oder nicht sehr stark in ihrem Verhalten beeinflusst werden?

Sokrates: Nur ein Idiot würde dem widersprechen, mein lieber Isokrates!

Isokrates: Und stimmst Du mir weiter zu, dass, wenn wir annehmen, dass Menschen durch die Gesellschaft kaum beeinflusst werden, sondern sie einfach sind wie sie nun mal sind, es weitgehend gleichgültig wäre, wie diese Institutionen beschaffen sind? Es also in diesem Falle weitgehend unwichtig wäre, was wir in Erziehung, Schule, usw. tun oder nicht tun. Was meinst Du, mein Lieber?

Sokrates: Zugegeben.

Isokrates: Und wie weiter? Würdest Du nicht auch sagen, dass, wenn wir annnehmen, dass das menschliche Wesen für die Beeinflussung durch die von ihm vorgefundenen Institutionen überaus offen ist, es entscheidend ist, wie wir sie gemeinsam gestalten?

Sokrates: Das scheint mir ohne Weiteres daraus zu folgen.

Isokrates: Und woher nehmen wir aber nun diese Formen unserer Institutionen? Wenn wir doch alle, die wir dabei mitreden bei der Gestaltung unserer Institutionen, bereits unsere Schulen durchlaufen haben und also so geformte sind: Woher nehmen wir aber nun den Maßstab dafür, wie unsere Institutionen beschaffen sein sollen und vielleicht auch reformiert werden müssen?

Sokrates: Mir erscheint es freilich so, dass wir sie nur aus der Natur entnehmen können, da uns nur diese feste Maßstäbe liefert, gerade da alles Gesellschaftliche derart schwankend und wankelmütig ist, so wie Du es beschreibst.

Isokrates: Wie nun aber? Da wir alle bereits grundsätzlich geformte sind, wie Du bereits für die Annahme zugegeben hast, und sich die Natur nun also gegen alles Gesellschaftliche kaum durchsetzen kann, wie sollte da unsere Natur oder irgendeine andere ohnmächtige Natur da Maßstab sein können, selbst gesetzt, dass wir nach unserer gesellschaftlichen Geformtheit noch irgendeinen Zugang zu ihr hätten?

Sokrates: Da sieht man nur die Hirnrissigkeit jener Annahme, mein lieber Isokrates. Schön, dass Du es selbst einsiehst! Und ich brauchte Dir noch nicht einmal Fragen dazu zu stellen, da Du Dir selbst diese Fragen so klar und deutlich vorlegst. (schmunzelnd, augenzwinkernd) Hast Dir wohl doch was abgeschaut über all die Jahre, mein Alter…

Isokrates (erbarmungslos sachlich bleibend): Wir hätten also keinen Maßstab und es gäbe kein richtig und falsch und alles wäre einem jeden erlaubt?

Sokrates: Du gibst den verbreiteten Irrtum sehr schön wieder. Hätte ich Dir gar nicht zugetraut. Vielleicht schaust Du doch mal in der Akademie vorbei, die dieser hier (schaut auf Platon) vorhat zu eröffnen, wenn er die Flausen, ein großer Politiker oder Theaterstückeschreiber zu werden, endlich vollständig aufgegeben hat.

Platon schnauft genervt, wie jemand, der sich einen Satz schon 10.000 mal anhören musste.

Isokrates: Wenn wir nun aber die gegenteilige Annahme unter die Lupe nehmen: Dass die Menschen von Natur sind, was sie sind, und unsere Institutionen kaum eine Rolle für ihr Verhalten spielen, meinst Du da nicht auch, mein lieber Sokrates, dass eine Akademie da nur wenig Sinn machen würde?

Sokrates: So gesprochen scheinst Du natürlich damit Recht zu haben.

Isokrates: Und wäre, da wir nun annehmen, dass Menschen von Natur aus sind und also widerständige und unformbare, es nicht auch so, dass alles ist wie es ist, und daher jedes Fehlverhalten erlaubt sein müsste, da wir ja sonst versuchen würden, was gar nicht möglich wäre: Einen jeden von uns zu zwingen „gegen seine Natur zu handeln“?

Sokrates: Ja, schon aber…

Isokrates (unerbittlich): Und wäre das nicht eigentlich gleichbedeutend damit, dass nun auch alles erlaubt wäre, und kein richtig und kein falsch denkbar wäre, da nun ein jeder gemäß seiner Natur handelt, ohne überhaupt anders zu können? Denn welchen Sinn würden unsere Vorhaltungen von richtig und falsch da machen?

Sokrates (trotzig): Ja nun. Aber es gibt dann nunmal Bessere, die besseres tun. Und Schlechtere, die schlechteres tun. Gemäß ihrer Natur beide. Daher ja auch „erkenne Dich selbst“, falls Du die delphische Inschrift nicht vergessen hast?

Isokrates (ruhig): Habe ich nicht, mein lieber Sokrates. Habe ich nicht. Da dies aber dann so wäre, wenn wir bei unserer Annahme bleiben, dass der Mensch von Natur ist, könnten wir uns dann nicht alles reden und alle Erziehung und alle Akademien und alle unsere gesellschaftlichen Institutionen und auch die Politik völlig sparen? Und leben wie die Blumen auf der Wiese und die Hunde, die herumtollen, wobei es eben manchmal passiert, dass die letzteren die ersteren zertrampeln?

Sokrates: Dies wäre dann die Konsequenz, ja.

Isokrates: Dann aber hat die von uns allen so gerühmte Selbsterkenntnis nur den einen erkennbaren Sinn: Sich in unser natürliches Schicksal zu fügen. Die Guten, dass sie gut sind. Und die Schlechten, dass sie schlecht sind. Von Natur. – Stimmst Du mir dazu, lieber Sokrates?

Sokrates: Das hätte ich jetzt so nicht gesagt. Aber nun, da Du es so aussprichst: Ja, so scheint es.

Isokrates: So kommen wir nun, in unserer rein logischen, Dir ja sehr gemäßen Untersuchung dazu, festzustellen: Die Natur gibt keinen Maßstab für richtiges menschliches Handeln, wenn wir davon ausgehen, dass wir Menschen wesentlich von gesellschaftlichen Institutionen formbar sind. Und die Natur gibt einen bedeutungslosen Maßsstab für menschliches Handeln, wenn wir davon ausgehen, dass wir Menschen nicht wesentlich von gesellschaftlichen Institutionen formbar sind. Und das wiederum heißt…

Platon (platzt heraus, hält es sichtbar nicht länger aus zuzuhören): Aber im letzteren Fall ist es wenigsten ehrlicher! All die Verlogenheit hat dann keinen Raum mehr, sondern es herrscht Einsicht! Erkenne Dich selbst! Manche sind eben einfach besser als andere!

Protagoras: Mäßige Dich, Angeklagter. Oder willst Du, dass wir Xanthippe dazu holen, zu unserem Verhör?

Platon fällt in sich zusammen, zurück in seinen Stuhl, zurück in seine Fesseln.

Isokrates: Die Natur, deren Erkenntnis unsere beiden Angeklagten so überaus schätzen, hat, wie wir eben gesehen haben, also keinerlei Bedeutung für menschliches Handeln. Weder für ethisches, im Rahmen gegebener Institutionen. Noch für politisches, das gemeinsame Schaffen von Institutionen als Rahmungen und Ausrichtungen unseres Handelns.

Gorgias und Protagoras nicken. Sokrates und Platon hängen leicht apathisch und wortlos in ihren Stühlen.

Isokrates: Und mehr noch: Indem die beiden hier Angeklagten die Formbarkeit des Menschen durch menschliche Institutionen leugnen, haben sie das Gute, das für uns möglich ist und möglich bleibt systematisch sabotiert…

Sokrates: Nicht so schnell, nicht so schnell, mein lieber Isokrates. Ihr wollt Euch doch keiner Vorverurteilung schuldig machen, nehme ich an?

Isokrates: Davon sind wir weit entfernt, mein lieber Sokrates.

Sokrates: Nun denn. Dann müsst doch auch Ihr Naturverächter zugebeben, dass Euch gar kein Maßstab zur Verfügung steht, um Eure hochgelobten Institutionen in „eine gute Richtung“ zu formen und zu verändern. Denn Euch fehlt ja ganz und gar ein Bild dessen, was dieses Gute sein soll. Dies hat ja nun unsere gemeinsame Untersuchung unwiderleglich gezeigt. Und ein Gutes, das es nicht gibt, oder von dem Ihr nichts wisst, das können wir auch nicht „sabotieren“, wie Du Dich ausgedrückt hast. Oder willst Du mir da widersprechen, mein lieber Isokrates?

Isokrates: Ja nun sind wir da, wohin uns unsere Untersuchung geführt hat: Brauchen wir aber wirklich ein richtiges Erkennen der Natur, um für uns zu erfassen, was „das Gute“ oder „das Richtige“ sein soll? Und brauchen wir daher auch diese natürliche Erkenntnisfähig, die Du, mein lieber Sokrates und Dein Schüler, haben mögt oder auch nicht haben mögt, um unseren Institutionen eine gute oder bessere Form zu geben?

Sokrates: Ja wie denn sonst?

Isokrates: Weißt Du, mein lieber Sokrates, uns (blickt kurz, sich versichernd zu Gorgias und Protagoras) genügt das menschliche Leiden als Orientierung. Mag es nun „von Natur“ sein oder sonstwoher. Wo auch immer wir Leiden antreffen, da denken wir über die Form unserer Institutionen nach. Und was sie tun könnten. Uns wir probieren sie aus. – Eine Tätigkeit, der wir nur schwer nachgehen können, wenn wir auf Eure ewig-wahre-richtige Erkenntnis warten müssen. Denn wir leben jetzt. Und wir leiden heute. Wir haben keine Zeit für die sinnlosen Spielereien eines rechthaberischen Alten, der , wie wir aus sicherer Quelle wissen, wenig Sinn für die Leiden der Menschen hat, die ihn umgehen und die ihm nahestehen.

Sokrates und Platon unisono, stöhnend: Xanthippe…!

(Pause)

Sokrates und Platon stereo: …Und die Kinder…!

(Pause)

Sokrates und Platon im Chor: …Und diese dummen, egoistischen Bürger Athens!!!

Isokrates: Ja, meine Herren. So ist es. Sie sind wie immer weise in ihren Erkenntnissen und – wie ich anmerken darf – von einer bemerkenswerten Auffassungsgabe. (schaut sich um; Protagoras und Gorgias nicken wiederum zustimmend). …dann ist es nun also beschlossen meine Herren. Erheben Sie sich bitte, um den Beschluss unseres kleinen, tendenziösen Gerichts zu hören…

Sokrates und Platon, Ihr werdet hiermit der ihnen zu Lasten gelegten Verbrechen gegen die Menschlichkeit für schuldig befunden und zum Vergessen-Werden mithilfe des Internets und besseren politischen Institutionen und dadurch zunehmend besser werdenden Beziehungen und damit einhergehendem geringer werdenden Interesse an Philosophie verurteilt.

Sokrates, als Rädelsführer dieser Verschwörung gegen die Menschheit wirst Du außerdem zum Trinken des Schierlingsbechers verurteilt. Natürlich freiwillig. (Pause) Es muss ja niemand erfahren wie es wirklich war.

Platon, als Mitverschwörer und Heißsporn, der nicht nur die Würde der Bürger Athens, sondern die aller Menschen mit Füßen getreten und die Möglichkeiten des Politischen auf Jahrtausende hinaus aktiv verhindert hast, mittels der Gründung Deiner „Akademie“ vor den Toren Athens, Deiner Lehrtätigkeit und Deiner Schriften, wirst aus der Stadt verbannt. (leise) Ich habe gehört, ein Tyrann in Syrakus hat bereits Interesse an Deiner Aufnahme bekundet.

So. Das wär’s also. (Erhebt sich; seine Beisitzer erheben sich ebenfalls). Die Verhandlung ist geschlossen. Führt sie ab.

(Vorhang; ein übelst belehrtes Publikum beginnt eigens dafür vorbereite Tomaten und Faule Eier zu werfen, vereinzelt sind Rufe zu hören wie „Hängt sie auf!“, „Betrug!“, „Wir wollen unseren Sokrates zurück!“, „Danke Merkel!“ und ähnliches mehr…)

Warum eine Bedürfnisgesellschaft uns Besseres bringt als eine Leistungsgesellschaft

Leistungsgesellschaft hört sich gut an. Oft wird heute bemängelt, dass wir nicht mehr in einer Leistungsgesellschaft leben – und dass wir schauen sollten, dass wir wieder dahin zurückkommen.

Ich habe damit ein Problem. Denn ich glaube, dass andere Ausrichtungen möglich sind, die wesentlich zielführender sind. Die naheliegendste dieser Alternativen ist für mich die Bedürfnisgesellschaft.

„Leistung“ ist eine sehr abstrakte, willkürliche Größe. Wir können sie so oder so oder so definieren. Wir können sie messen, skalieren, monetarisieren. Das hat viele Vorteile. Unter diesen Vorteilen ist jedoch dieser eine nicht: Betrugssicherheit. Und: Selbstbetrugssicherheit. – Indem der Begriff der Leistung sich sehr leicht von unseren Körperzuständen, von dem, wie wir uns fühlen, wie es uns geht, abkoppeln lässt, ist er ein Instrument geworden, mit dem wir sicherstellen, dass es uns mit Sicherheit schlecht geht mit unseren „guten Leistungen“.

Das Auseinanderklaffen zwischen der derzeitigen sehr guten „Leistungsbilanz“ Deutschlands, „auf die wir stolz sein können“, und dem ganz offensichtlich miserablen körperlich-seelischen Zustand, in dem die meisten von uns sich befinden, ist auf diese Weise erklärbar. Wir stehen super da. Uns wir stehen zugleich höchst miserabel da. Unsere tollen Leistungen sind auf unserem Unglück und inneren wie äußeren Elend gebaut. Wenn man mich fragt: Ein überaus maroder Bau, mit morschem menschlichem Fundament. – Aber Hauptsache die Strahlkraft stimmt. „Schöner Schein“ hat man das mal genannt.

Für viele von uns erscheint es unmittelbar bedrohlich, statt „Leistung“ Bedürfnisse zur zentralen Kategorie und zum Fokus des eigenen Denkens und Handelns zu machen. Bedürfnisse sind weniger „großartig“ als Leistungen; sie sind, eben, bedürftig. Bringen uns mit unserer Bedürftigkeit in Kontakt und mit der anderer Menschen. Unser Bild von Bedürfnissen ist, immer wieder und immer noch: „Das ist ja ein Fass ohne Boden – Damit fangen wir besser gar nicht erst an.“

Doch genau dieses Bild ist grundfalsch und führt uns völlig in die Irre. Unsere Bedürfnisse sind sehr konkret, sehr spezifisch und sehr endlich. Wenn ein Bedürfnis befriedigt ist – und es ist gleich, ob es sich hierbei um Hunger nach Essen oder Hunger nach Anerkennung, Geborgenheit, Abwechslung oder anderes handelt -, dann ist es befriedigt. Wir brauchen dann in diesem Moment nicht „noch mehr davon“. – Eine Postwachstums-Ökonomie kommt daher kaum darum herum, ihre Kategorien, ihr Denken und ihre Instutionen auf unsere menschlich-allzumenschlichen Bedürfnisse abzustellen. – Und das Streben nach „Höchstleistungen“ als das zu Brandmarken, was es eigentlich ist: Eitler, windiger Heroismus, der zusammenbricht, wenn es ernst wird, der innen hohl ist, auf Sand gebaut, auf innerer Schwäche, weil er sich dazu verurteilt hat, das äußere Sichtbar-Werden menschlicher Grenzen zu kaschieren. Heldenverehrung ist unmittelbar gekoppelt mit dem Leistungsdenken.

Bedürfnisse lassen sich nicht betrügen. Ihre Ökonomie ist absolut, ein natürlicher, chemisch-physikalischer Vorgang. Sind sie erfüllt, sind sie erfüllt. Sind sie unerfüllt, sind sie unerfüllt.

Natürlich lassen sich Bedürfnisse und Bedürftigkeit vortäuschen. Und die Angst genau davor ist das, mit der die scheinbar so viel „objektivere“ Leistungsgesellschaft ihre Existenz zu rechtfertigen sucht.

Es ist in einer Bedürfnisgesellschaft, also einer Gesellschaft, die auf eine tätige, institutionalisierte Weise anerkennt, dass wir Menschen Bedürfniswesen sind, jedoch sehr leicht, vorgetäuschte Bedürfnisse auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen: Durch einfaches Nachfragen nämlich. Durch In-Kontakt-Sein. Alle halbwegs guten Eltern machen das mit ihren Kindern. Alle halbwegs guten Führungskräfte, „die nah dran sind“, machen das mit ihren Mitarbeitern. Alle guten Lebenspartner und Freunde machen das miteinander. – Es ist kein rätselhafter Vorgang „from outer space“. Es ist leicht. Wenn denn die uns von uns selbst und voneinander entfremdenden Kategorien der Leistungsgesellschaft einmal das Klo der Menschheitsgeschichte runtergespült wurden.

Wenn es konkret wird. Hier und jetzt: Ich kann Deine Bedürftigkeit und Deinen Zustand wahrnehmen (wenn wir physisch in einem Raum sind). Und Du kannst meine Bedürftigkeit und meinen aktuellen Zustand wahrnehmen – unter den gleichen Bedingungen. Wir können einander danach fragen. Und wir können „es“ daher miteinander ausmachen. Wir können gemeinsam völlig neue Lösungen finden. Lösungen, mit denen es Dir gut geht, und Lösungen mit denen es mir gut geht. Und wenn es beginnt, einem von uns beiden schlecht zu gehen – eben weil Bedürfnisse dauerhaft unerfüllt bleiben, hey, Fakt des Lebens, das kann schon mal passieren! – dann reden wir eben neu. Mit echtem Interesse an unser beider Wohlergehen.

Die Widersprüche und Konflikte, die wir mittels unserer Leistungsgesellschafts-Kategorien systematisch erzeugen, sind von einem Bedürfnisfokus aus betrachtet irgendwas zwischen lächerlich, ärgerlich und zum Haareraufen traurig.

Sehr zuversichtlich gesprochen sind wir gerade auf dem Weg in eine menschlichere Weltgesellschaft, in der wir überhaupt wieder „mit uns in Kontakt kommen“. In der wir, nachdem wir vieles „im Außen“ entdeckt haben, überhaupt uns selbst wieder entdecken. In der wir uns die Frage neu stellen, „worum es (uns) hier überhaupt geht“.

Eine zu entdeckende und zu erschaffende Gesellschaft, in der das uralte „Erkenne Dich selbst“ einen gesellschaftlichen, einen politischen Sinn bekommt.

Anfang und Ende von allem ist der Mensch selbst. Und „der Mensch“, das sind vor allem seine Bedürfnisse. Nicht seine Gedanken, nicht seine tollen Leistungen, nicht seine sichtbaren Erzeugnisse, die in den Himmel ragen.

Das ist es, was „eine menschlichere Gesellschaft“ meint. – Ein Terminus, der ohne Bezugnahme auf das Mehr oder Weniger unserer Annahme und Eingehen auf unsere Bedürfnisse völlig ohne Bedeutung bleibt.

Wie ich lernte „mich durchzusetzen“ aka: Ein Arschloch zu sein

Als ich auf die Welt kam, muss ich wohl ein recht friedliebendes, freches und kluges Kind gewesen sein. Nichts besonderes also. Denn nahezu alle Kinder sind klug, frech und friedliebend.

Meine Mutter ging recht früh wieder arbeiten. Ich kam zu einer Tagesmutter, die ich von Herzen liebte. Nach kurzer Zeit bekam ich dort eine Art „Bruder“, einen Blondschopf mit Namen Philipp. Er war ein Jahr jünger als ich, seine Mutter war alleinerziehend und ging ebenfalls Vollzeit arbeiten. Obwohl Philipp ein Jahr jünger war, ließ ich mich wohl ziemlich herumschubsen von ihm. – So hat man es mir später erzählt. Egal, wie sehr er mir auf der Nase herumtanzte, ich setzte mich kaum oder gar nicht zur wehr. Irgendwann wurde es meiner Tagesmutter zu bunt: Sie stellte uns voreinander auf und „befahl“ mir, Philipp eine zu scheuern. Zögernd hob ich den Arm und streichelte seine Backe mehr als dass ich sie schlug. – So hat man es mir später erzählt. Pazifist von Geburt. Vermutlich chronischer Testosteronmangel. Oder noch zu wenig Superheldenklopperfilme gesehen. Was weiß ich.

 

Zeitsprung. Berufseinstieg. Ich hatte einen, sagen wir mal, interessanten Chef. Ein Choleriker, der die ganze Abteilung tyrannisierte. Ich übernahm meine Stelle von einem Vorgänger, der des guten Mannes Liebling gewesen war. Die Stelle wurde frei, weil mein Vorgänger Karriere machte und selber eine Abteilung übernahm. Viel Bürokratie war liegen geblieben. Nachweise gegenüber dem Geldgeber der Institution. Heikles Zeug. Ich hatte formal eine Teilzeitstelle, arbeitete aber über Monate Vollzeit, um den Job gut zu machen (häufiger Anfängerfehler) und zugleich reinzuarbeiten, was mein Vorgänger unter den Teppich gekehrt hatte. Irgendwann konnte ich nicht mehr. Ich sprach eine Praktikantin an, die formell nicht für mein Projekt arbeitete, die aber offensichtlich gerade freie Kapazitäten hatte. Ob sie mir helfen könne? Konnte sie. Ein, zwei Wochen später zitierte mich unser Chef in sein Büro: Was ich mir dabei gedacht hätte!? Eben mal so auf die Praktikantin zurückzugreifen? – Ich war geschockt. Zugleich fand ich die ganze Situation völlig absurd und musste aus purer Verlegenheit grinsen. Das gab meinem guten Boss den Rest, er brüllte rum. Monate später, es war ein befristeter Vertrag, bot er mir von sich aus an, über eine Vertragsverlängerung zu reden. Ich lehnte ab. Ich verließ diesen Arbeitgeber mit einem sehr guten Zeugnis und mehreren Monaten unbezahlter Überstunden.

Zeitsprung: Arbeit in einem internationalen Konzern. Bei der Einstellung hatte man mir Gott weiß was erzählt, was ich dort machen würde. Faktisch durfte ich professioneller Rausschmeisser sein. Ca. 80-90% meiner Zeit war ich damit befasst, „Trennungsmanagement“ zu machen. Verdiente, loyale, motivierte und hochkompetente Mitarbeiter sollten rausgeekelt werden, weil dieser Konzern GE’s „Stars & Lemons“-System übernommen hatte. Philosophie: „Wir finden am Arbeitsmarkt immer bessere Mitarbeiter als unsere 5% schlechtesten.“ – Eine naive Annahme, wie mir mehrere meiner HR-Kollegen versicherten, die schon über 10 Jahre im Unternehmen waren. Als ich das Unternehmen aus eigenem Antrieb nach knapp einem Jahr verließ, hatte ich über 20 Kerben in meinem Personaler-Revolver. Man war sehr zufrieden mit mir, teilte man mir mit. Ich fühlte mich wie ein KZ-Mitarbeiter, den man gerade für seine gute Arbeits-Leistungen offiziell belobigt hatte. Viele Kollegen hatten „komische Krankheiten“ in diesem Job. Krankheiten, die mit der Arbeit in diesem Konzern natürlich nichts zu tun hatten.

Seit 10 Jahren, mit zwei Unterbrechungen, arbeite ich jetzt schon als Coach, der Menschen bei beruflichen und bei Lebensfragen begleitet. Mehrere tausend Menschen haben mich in ihr Leben reinschauen lassen, haben mir gezeigt, womit sie sich rumschlagen, was sie erlebt haben, wie sie ihre Probleme lösen, was sie sich wünschen. Ich darf von daher vielleicht sagen:

Unsere Gesellschaft ist auf dem Rücken von guten Menschen gebaut, die sich nicht wehren. Die anscheinend – so wie ich – als Pazifisten auf die Welt gekommen sind. Und die einfach nicht dazulernen wollen, wie man bösartig ist.

Fehlanpassung nennt man das. Oder „neurotisch“. Denn wenn man ohne Not leidet, weil man Verhaltensmuster beibehält, bei deren Abänderung man deutlich weniger leiden würde, dann ist das nicht eben gerade ein Zeichen für große seelische Gesundheit. Sagt man.

Allerdings, frage ich mich, ob es jenen Menschen, die sich angepasst haben, wirklich so viel besser geht. Sie scheinen Karriere zu machen. Sich durchzusetzen. Sich zu behaupten. Sie scheinen gut lügen, auch sich selbst gut belügen zu können. Sie scheinen gut über Gefühle hinweggehen zu können. Über die Gefühle von anderen und über eigene. Und sie scheinen recht einsam zu sein. Respektiert, bewundert und geschätzt. Auf eine eben recht einsam bleibende Weise.

Meine Erfahrung ist: Stellt man eine ganze Gesellschaft von Menschen vor die alternativlose Wahl, sich nur dazwischen entscheiden zu können, entweder Täter oder Opfer zu werden, entscheiden sich ca. 80% dafür, lieber Opfer zu sein, als ein habituelles Arschloch zu werden. Und aus dieser Anpassung in Zukunft kaum mehr herauszufinden zu können.

Wir arme Irren.