1968 war erst der Anfang

Mit etwas Abstand betrachtet kann man als philosophisch veranlagter Mensch leicht wahrnehmen: Wir sind mitten in einer Entwicklung. Oder vielleicht genauer: Eher noch an ihrem Anfang. Rückblickend gesehen: Auslaufendes Mittelalter.

So wie ein neues menschliches Wesen nur selten nach der ersten Wehe auf diese Erde purzelt, wird auch ein neues Zeitalter nicht gleich nach im ersten Anlauf geboren. Es sind diese vermeintlichen „Rückschläge“, die die Illusion erzeugen, es ändere sich in der menschlichen Gesellschaft nichts Wesentliches. Es handele sich bei der menschlichen Geschichte um das ewig-immer-gleiche Geschehen, nur in unterschiedlicher Einfärbung und mit austauschbaren Inhalten.

Doch es gibt eben eine – auf längere Sicht – sehr eindeutige und durchaus lineare Entwicklung in menschlichen Gesellschaften:

Wenn man sich diese Entwicklung so anschaut, dann können wir z.B. mit recht großer Sicherheit sagen, waren „die 68er“ nur leise Vorboten von etwas, das wir uns heute noch gar nicht so richtig vorstellen können. Etwas, das ändert, was wir für „natürlich“ halten. Und etwas, das auch ändert, was wir für möglich halten.

Was wir derzeit erleben: Der Backslash des Autoritarismus, und die mit ihm verbundenen Nationalismen und Maskulismen, der kriegerische Ton in unserer politischen Auseinandersetzung – all das erscheint im Licht der menschlichen Gesamtentwicklung einerseits: naheligend, erwartbar, ja, fast schon banal, und andererseits: wie ein Hauch von Nichts.

Gut, man braucht einen beinahe schon außerirdischen Abstand von der Erde, um das, was sich derzeit ereignet, als ein „Nichts“ zu empfinden. In jedem Fall handelt es sich um eine überhistorische, unmenschliche Perspektive.

Doch dass wir als Menschen unweigerlich immer „Mitten im Geschehen“ sind, Teil des Spiels anstatt nur Zuschauer, ändert kaum etwas daran, dass wir uns die menschliche Geschichte anschauen und darin so etwas wie eine Richtung erkennen können.

Natürlich steht weiteren Fortschritten vieles im Weg. Eins davon ist der beliebte Mythos vom „Dünnen Firnis der Zivilisation“. Er wird immer dann ausgepackt und neu erzählt, wenn unsere sehr schön gestiegene Empfindlichkeit nach längerer Zeit mal wieder mit dem konfrontiert ist, wozu wir Menschen unter Umständen fähig sind. Nur Ewiggestrige, die erzählen diesen Mythos immer und überall, unter gleich welchen Umständen. Er hilft ihnen, ein düsteres Weltbild zu konservieren, in dem sich alles für alle Zeit um Kampf, um Gewinnen und Verlieren drehen soll, in dem Menschlichkeit keine eigene Kraft ist, sondern immer nur Show sein kann, die das wahre, grausame Geschehen darunter vernebelt. „Realismus“ at its best.

Was dabei eigentlich konserviert werden soll, ist aber vor allem ein ganz bestimmtes Menschenbild: Der Mensch, das ist dort ein rohes, grausames Tier, das mit Müh und Not und immer nur halbwegs gezähmt werden kann. Nur mit aller Kraft und unter vielen Verlusten (wenn wir dauerhaft „die Arschbacken zusammenkneifen“ und „uns am Riemen reißen“), dann können wir den nächsten Zusammenbruch der Zivilisation vielleicht ein wenig hinauszögern, der aber ganz unweigerlich kommen wird, sobald wir auch nur ein wenig nachlassen. Die natürliche Brutalität des Menschen ist einfach zu übermächtig. Thukydides lässt schön grüßen.

Dass unsere Sensibilität gegenüber Gewalt deutlich angestiegen ist (was wir als „Gewalt“ empfinden, was wir bereit sind zu dulden und wie wir auf sie reagieren), wird dabei immer gerne ausgeblendet. Man muss aber nur ganz oberflächlich in ein paar historische Wälzer hineinschauen, um zu realisieren: Der Maßstab, was wir in dieser Hinsicht für „normal“ halten, hat sich offenbar verändert. Und zwar nicht nur mal eben. Sondern kontinuierlich, Backslashs inbegriffen. Eine derart „sensible“ Gesellschaft, was Gewalt angeht, wäre für beinahe alle menschliche Gesellschaften vor uns undenkbar gewesen. Zumindest für diejenigen, aus denen wir hervorgegangen sind. Denn friedlichere menschliche Gesellschaften haben unsere kriegerischen Vorfahren nicht ganz zufälligerweise ausgerottet.

Das ist zugleich die Urangst derjenigen unserer Mitmenschen, die auch heute immer noch so gerne vom „dünnen Firnis der Zivilisation“ fabulieren: Dass man nachlassen könnte und in der Folge von kriegerischen Gesellen ausgelöscht würde. Weil man sich einfach nicht mehr zu wehren wüsste. Ganz so, wie es über Jahrtausende Menschheitsgeschichte ja auch immer sehr zuverlässig gewesen ist. Unsere lieben Mitbürger „trauen dem Frieden nicht“. Denn historisch lauert hinter jedem Frieden gleich der nächste Krieg. Und darauf muss man eben vorbereitet sein! Wachsam bleiben! lautet die Parole. Und brav die ererbten Kriegertugenden weiterpflegen! Zugegeben: Manche haben es damit etwas übertrieben. Aber das heißt ja noch lange lange lange nicht, dass an unserem Kriegertum etwas ganz grundverkehrt geworden wäre. Dass wir etwa selber jene Kriege künstlich am Leben halten würden, für die wir jene in jeder Generation mühsam neu erarbeiteten Kriegertugenden dann bitter nötig brauchen. Nein, nein: Es ist so, dass Gewalt einfach die unabänderliche menschliche Natur ist. Und deswegen heißt es: Hart bleiben!

Dass Angst vor dem Erschlaffen überhaupt keinen Sinn machte, wenn Gewalt einfach die unabänderliche menschliche Natur wäre, darüber sehen wir mal großzügig hinweg. Denn dann müsste man das Gewaltreservoir in der Gesellschaft nicht künstlich kultivieren. Dann wäre es immer gegeben. Und man könnte sich entspannt zurücklehnen und der Dinge harren, die da kommen. Denn man wäre „von Natur aus“ auch auf das Schlimmste immer vorbereitet.

Stattdessen ist nun aber tatsächlich eine gewisse Unlust auf Krieg in unsere Gesellschaft eingekehrt. So eine eklige Weichheit und Freude an Austausch und Zusammensein. Und noch viel schlimmer: An „Vermischung“.

Die bittere Wahrheit scheint zu sein: 1968 war kein Ausrutscher. Und weder Trump, noch AfD, noch Orban, noch Erdogan, noch Kurz drehen das Rad der Geschichte zurück. 1968 scheint eher ein leiser Anflug von dem gewesen zu sein, was auf uns zukommt: Wir selbst.

Dem Drang menschlicher Wesen nach Selbsterkenntnis scheint sich nichts dauerhaft in den Weg stellen zu können. Er spült alles weg, was wir ihm in den Weg stellen. Zur Not umfließt er es und lässt es hinter sich zurück.

Und nicht einmal in der Kontinuität des Laufs unserer Welt können wir Trost finden. Denn die Entwicklung findet nicht kontinuierlich statt. Sie springt eher herum wie ein junges Reh. Sie springt mit uns um, dass uns ganz schwindlig werden muss. Wer auf dem Rücken dieses verrückten Tiers sitzt, kann jedenfalls nur schwer irgendeine Richtung erahnen. Der ist viel zu beschäftigt, sich vor den schlimmsten Stößen zu schützen und seinen wunden Hintern zu kühlen.

Dass wir mittendrin stecken, dass Entwicklung auch immer wieder schmerzhaft sein kann, dass Wohl und Wehen in ihr nah beieinander liegen, scheint dieser Entwicklung vollkommen gleichgültig zu sein. Denn nur weil es mehrere Anläufe braucht, bis ein Kind das Licht der Welt erblickt, heißt das ja nicht, dass Geburt keine Plötzlichkeit kennt.

 

 

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Die menschliche Möglichkeit – Das menschliche Leiden

Ab einem bestimmten Grad an Selbstreflexivität erwirbt das Leben offenbar die Fähigkeit, um nicht zu sagen: die Eigenschaft, an den eigenen Möglichkeiten zu leiden.

Wir sprechen dann oft von der „Ausschöpfung des eigenen Potentials“, als ob es diese Möglichkeit wirklich gäbe: Menschliches Potential ganz und gar auszuschöpfen.

Stattdessen erleben wir es im Alltag so: Jede Entscheidung für diese meine Möglichkeit ist eine Entscheidung gegen 10.000 andere meiner Möglichkeiten.

Das menschliche Leben oder zumindest das Gefühl der Fülle erstickt an „ungelebtem Leben“, unausgeschöpften Möglichkeiten, an all dem, „was es auch hätte sein können“.

So bleibt das menschliche Leben für immer unerfüllt.

Als ein Wesen im ständigen Potentialis, im Immer-auch-anders-sein-können, als Wesen, das auf Situationen antwortet und sich an sie auf verschiedenste Weise anzupassen vermag, ist der Gedanke einer „Vollendung“ an sich bereits „unmenschlich“.

Teleologie hat also im Bereich des Menschlichen nichts verloren.

„Entdecke die Möglichkeiten“ ist hingegen ein recht gutes Motto für uns. Denn wir Menschen haben ein Recht auf unsere eigene Gefahr. Qua unserem Dasein.

Bei allem Bewusstsein darüber, was uns ständig ganz unvermeidlich entgeht, was wir in diesem einen Leben nicht ausschöpfen können (wobei es dafür eine ganz nette gedankliche Lösung gibt, die ich manchmal „funktionalen Buddhismus“ nenne, bzw. „lebensübergreifende Prokrastination“), können wir uns zumindest dieses eine Leiden vollständig ersparen: Dass wir irgendetwas Bestimmtes werden müssen.

Wir sind losgelassen. Wir sind Wesen zur Freiheit. Zwar nicht frei von Beziehungen, dafür aber frei zu Beziehungen. Und das heißt immer auch: Zur Gestaltung unserer Beziehungen. Denn gleich was wir jeweils gerade werden: Wir werden es immer in und durch unsere Beziehungen. Durch die, die wir eingehen, und die, die wir nicht eingehen.

Soviel Teleologie ist für uns dann doch vielleicht völlig unvermeidlich.

In Liebe ändern

Es gibt zwei sehr verschiedene Daseinsformen der Veränderung: In Liebe ändern und aus Angst ändern.

Wir können sie recht deutlich unterscheiden am Auftreten von Ungeduld. Wenn wir irgendetwas aus Angst ändern wollen, tritt Ungeduld recht zuverlässig auf.

Ungeduld ist dabei nicht das Gleiche wie Wut oder natürliche Aggression. Denn, obwohl wir bisher nur selten gewohnt sind, das zu denken: Es gibt liebevolle Wut und Aggression, die NICHT von Angst getrieben ist. Hinter der sich keine Angst verbirgt, sondern Liebe und Empathie.

Wie kann aber eine liebevolle Daseinsform, eine liebevolle Haltung, eine liebevolle Praxis überhaupt jemals „Veränderung anstreben“? Ist etwa nichts dran an jenem Gedicht, das uns in seinem Refrain eingibt, in Liebe würden wir nur feststellen: „es ist was es ist“? – Denn das hört sich nicht nach Handeln an, nicht nach Veränderung, nicht für uns.

Veränderung scheint uns Bewertung vorauszusetzen. Genauer: Die negative Bewertung des Seienden. „Etwas ist nicht gut.“ Oder: „Etwas ist nicht so gut, wie es sein könnte.“ Veränderung ohne diese negative Bewertung scheint unmöglich zu sein. Oder eben: Unsinn.

Oft hat man als Antwort darauf versucht, die Veränderung als Teil des Seins zu verstehen. So als würde sich das Sein selbst negieren und in diesem Spiel von Sein und Negation würde sich ein höheres Sein zeigen, das die Veränderung selbst in sich mit einschließt. Hegel ist ein Beispiel für diese „Gelöstheit“.

In dem, was wir hier „daoistisch“ nennen, kennt man ähnliches nicht nur in der reinen Theorie, sondern auf ethischer Ebene, wenn es um unser Handeln und Nicht-Handeln geht: Dort wird alles Gewalthafte negiert, alles Handeln aus Angst, das „Dinge erzwingen“ will. Locker durchatmen, in allen Lebenslagen, unter allen Umständen, ist dort das menschliche Lebensideal. Negation einer ganz bestimmten Form von Negation. – Und es wird stets sehr betont, dass jenes „Wu-Wei“ eben nicht bedeuten würde, dass wir gar nicht mehr handeln. Sondern nur, dass wir lieber nicht handeln als auf ganz bestimmte (eben gewalthafte) Weise zu handeln. Und da Handlung unser menschliches Daseinselement ist, Nicht-Handeln für uns schlichtweg unmöglich ist, bedeutet das nicht mehr oder nicht weniger als beständiges gewaltloses Handeln.

Vielleicht bekommen wir das leichter in unsere bestehenden Denkformen übersetzt – ohne eben diesem Bestehenden Gewalt anzutun -, wenn wir von „Integration des Alten ins Neue“ sprechen. Oder von „Integration des Neuen ins Alte“. So als könnten beide auch einfach miteinander befreundet sein und sich an ihrem gleichzeitigen Dasein wechselseitig erfreuen.

Mir persönlich fällt es nicht leicht, zu all dem einen Zugang zu finden. Mir steht die Gewalt, die wir alltäglich hegen und pflegen, all zu deutlich vor Augen. Und sie steckt mir auch viel zu tief in Mark und Bein.

Die Philosophen haben stets versucht, Formen zu finden, in denen es ihnen ganz persönlich möglich war, „das menschliche Dasein aus tiefster Seele zu bejahen“. Daran hat sich von Platon bis Nietzsche wenig verändert. Und das geschah immer in der Hoffnung, dass die sehr persönliche Antwort, die sie jeweils für sich erspinnen konnten, eben keine „persönliche“ Antwort sei, sondern eine Antwort mit „Allgemeingültigkeit“. Im Klartext: Eine Antwort, die jeder Mensch auch als die seine verstehen kann.

Wie auch immer die Bejahung des Bestehenden ausfällt, in welche Formen sie sich auch gerade kleidet, sie scheint die Voraussetzung dafür zu sein, dass unsere Veränderungswünsche, unsere Handlungen, weniger von Angst getrieben sind als sich vielmehr in Liebe ereignen.

Zu all dem, was ist, zu all dem, was war, „Ja“ zu sagen (so als seien wir alle kleine Götter), scheint in jedem Fall die Grundlage für gutes Handeln zu sein. In ganz generellem Unfrieden mit dem, was ist, entsteht aus unserem Handeln und unserem Dasein immer nur neuer, anderer ganz genereller Unfrieden.

Das unterscheidet Transformation von Revolution.

 

 

 

Die Sache mit der Gleichberechtigung

Die Sache mit der Gleichberechtigung ist auf schreckliche Weise einfach. Wie überhaupt alle zwischenmenschlichen Dinge, die all zu kompliziert gemacht werden, uns misstrauisch machen können. In der Regel haben wir dann nämlich Formen der Vermeidung vor uns. Kompliziertheit lässt sich beliebig steigern. Kompliziertheit lässt sich soweit steigern, bis fast allen die Lust an dem vergeht, was da so kompliziert gemacht wurde.

Es lohnt sich beim Thema Gleichberechtigung, sich selbst einmal über die Augen zu wischen und von den ausgetretenen Bahnen abzugehen, die wir in Gesprächen über Gleichberechtigung mittlerweile gewohnheitsmäßig einschlagen. Denn sobald wir uns selber nichts mehr vormachen, wird klar, dass wir etwas sehr Einfaches und unmittelbar Umsetzbares tun könnten, wenn wir Gleichberechtigung wirklich wollten. Und es wird auch klar, was für für eine Ungeheuerlichkeit Gleichberechtigung ist. Und was für eine Größe Gleichberechtigung hat. Wie gut sie uns tut.

Wie gestaltet sich nun aber diese „Einfachheit“ in Sachen Gleichberechtigung?

Gleichberechtigung besteht, wenn alle gleichermaßen an der Gestaltung der Gesetze beteiligt sind, wenn alle gleichermaßen an der Kontrolle der Einhaltung der Gesetze beteiligt sind und wenn an alle gleichermaßen an der Entscheidung über die Verwendung der gemeinsamen Mittel beteiligt sind.

Gibt es das nicht, gibt es auch keine Gleichberechtigung. Gleichberechtigung gibt es nur, wenn nicht die Inhalte der Politik, sondern die Verfahren der Politik sich ändern. Die Art und Weise, wie wir unsere Beteiligung an der Politik gestalten. Ohne über Verfassungsänderungen zu sprechen, sprechen wir bei „Gleichberechtigung“ nur über den Umgang mit den Folgen einer sehr viel fundamentaleren Ungleichberechtigung unterschiedlicher Menschen in unserer einen, gleichen Gesellschaft. Einer Ungleichberechtigung, die weiterhin unangetastet fortbesteht. Es handelt sich dann nur um eine Ungleichberechtigungs-Folgen-Abmilderungs-Gleichberechtigung. Um Trostpflasterchen auf den Schmerz, der weiterhin beständig erzeugt wird. Um Symptombehandlungen, nicht um Ursachenbeseitigung.

Da hilft dann auch die akademischste Debatte nichts. Sie nervt dann eher nur, weil sie sich nicht auf das konzentriert, was eigentlich geändert werden könnte – und wenn wir DAS ändern würden, dann wäre Gleichberechtigung sofort unmittelbar gegeben. Ohne Sperenzchen. Ohne Schleifchen hier und Exkürschen dort. Ohne elitäre Sophistication, der keiner mehr folgen kann, der nicht sein ganzes Leben mit diesem privat bleibenden Vergnügen verbringt. Einem Vergnügen, das niemals politisch wird. Das möglicherweise auch ganz gerne so hübsch privat bleiben will. Denn „privat“ bedeutet ja immer auch: Unter sich bleiben. Chez nous. Den Anderen, die nicht so sind „wie wir“, kann man im Privaten wunderbar aus dem Weg gehen. Doch leider gibt es keine Gleichberechtigung durch entschiedene Privatheit.

Das bedeutet, dass mit der Realität der Gleichberechtigung mehrere Dinge ganz zwangsläufig einhergehen:

Für Gleichberechtigung müssen wir uns eingestehen, dass Bürgerrechte nur dann wirklich Kraft und Bedeutung haben, wenn es auch Bürgerpflichten gibt. Die Pflicht zur politischen Mitbestimmung, und nicht nur die theoretische Möglichkeit, aus einem privaten Antrieb heraus „in die Politik zu gehen“. Aus einem Antrieb, der bei einigen von uns immer deutlich mehr als bei anderen von uns vorhanden sein wird. Aus einer ganzen Vielzahl von Gründen. – Von unseren „Rechten“ hören wir so unglaublich viel lieber reden, als von unseren „Pflichten“. Doch das ist zugleich der Grund, warum Gleichberechtigung nur zugleich mit Gleichverpflichtung wirklich real und greifbar für uns wird. Rechte sind billig zu haben, Pflichten erzeugen einen Aufwand. Und erst der Aufwand macht Dinge real.

Für Gleichberechtigung müssen wir unser politisches System großflächig für das öffnen, was man „Laienpolitik“ nennen könnte. Wir müssen bereit sein, uns allen deutlich mehr Politik zuzutrauen und zuzumuten, als wir das bisher tun. Erneut geht es dabei um den Aufwand, der für uns daraus entsteht. Doch ist es ist zugleich die Gleichverteilung dieses Aufwands unter uns, der diesen Aufwand erträglich macht. Wenn nicht sogar lustvoll.

Für Gleichberechtigung müssen wir die politische Gleichheit ins Herz unseres Gemeinwesens pflanzen und nicht an seinen Rändern platzieren, von wo aus die Gleichberechtigung dann wie ein armer Bittsteller darum betteln darf, vielleicht, irgendwann, gelegentlich Gehör zu finden.

Was es für Gleichberechtigung nicht braucht, sind Quoten. Quoten sind genau jenes scholastisch-bürokratische System, das Gleichberechtigung so kompliziert macht, dass Gleichberechtigung im Anschluss von niemandem so richtig ernst genommen wird. Es bleibt bei einer permanenten Absichtserklärung, die niemals wirklich eingelöst wird.

Die Zufallsauswahl macht uns unendlich viel gleichberechtigter als es irgendeine Quote je könnte. Und sie ist zugleich auch unendlich viel einfacher.

 

 

 

Zugewandtheitsgarantie

Eine Gesellschaft, die das Politische mithilfe von Losverfahren organisiert, kann auch als als eine Gesellschaft mit Zugewandheitsgarantie beschrieben werden:

Wenn regelmäßig geloste Bürgerversammlungen stattfinden, diese Bürgerversammlungen wirklich uns alle  einschließen, und die Ergebnisse ihres Austauschs und ihrer Beratungen ernst genommen werden: in unsere Legislative wie unsere Exekutive einfließen, dann ist garantiert, dass jeder eine gut hörbare Stimme hat.

Niemand muss dann mehr fürchten, „nicht zu Wort zu kommen“ oder übergangen zu werden. Niemand muss Kampagnen fahren, um sich Aufmerksamkeit zu verschaffen. Denn die politische Aufmerksamkeit ist dann allen garantiert. Die politische Aufmerksamkeit ist dann nicht mehr ungleich zwischen uns verteilt.

Diese Garantiertheit der Aufmerksamkeit und politischen Zugewandtheit dürfte zu einer allgemeinen Entspannung in unserer Gesellschaft führen. Denn wir Menschen sind antizipierende Wesen. Wenn wir aus Erfahrung sicher wissen, dass wir nicht ausgegrenzt werden, dass wir ernst genommen werden, dass wir und unsere Bedürfnisse politisches Gewicht haben – dann ändern wir unseren Zustand. Wir werden entspannter. Und wir werden damit zugleich auch wesentlich offener dafür, uns mit den Bedürfnissen unserer Mitmenschen konstruktiv auseinanderzusetzen.

Um uns diese soziale Sicherheit, diese Garantie von Zugewandtheit zu verschaffen, müssen wir im Grunde nur eins tun: Wir müssen uns zutrauen, dass uns nichts Schlimmes passiert, wenn wir uns einander systematisch zuwenden. Zumindest nichts Schlimmeres als das, was uns ohne so eine garantierte allgemeine Zugewandtheit passiert.

Politik ohne Härte

Ich mag den Ausdruck „Härtefall“. Er drückt aus, dass nicht alles ein solcher Fall ist. Dass wir also in der Regel fähig sind, gemeinsam Entscheidungen zu treffen, die unser aller Lage, Gefühle und Bedürfnisse berücksichtigen. Entscheidungen, die in wechselseitiger Empathie füreinander erfolgen und denen dadurch ihre Spitze und Schärfe, denen ihre Härte genommen ist.

Sind wir Menschen permanenter Konkurrenz gegeneinander ausgesetzt errodiert jedoch unsere Empathiefähigkeit. Daher ist es um so erstaunlicher, dass wir gerade in der Politik ein System erschaffen haben und am Leben erhalten, das diejenigen Menschen, die für uns entscheiden sollen, ganz zwangsläufig „hart macht“. Nach einer kurzen Zeit „im Politikgeschäft“ wird zwangsläufig jeder Mensch, egal mit welchen Absichten und in welchem Zustand er sich ursprünglich einmal auf die Gegebenheiten dort eingelassen hat, seine Empathiefähigkeit nach und nach verlieren. Nicht weil er unfähig wäre. Oder „ein schlechter Mensch“. Sondern weil man in einem Politiksystem, das auf permanenter Konkurrenz beruht, hart werden muss, um in diesem System „politisch zu überleben“. Auf diese Weise entsteht eine Politik aus lauter Härtefällen: Ohne Vermittlung, ohne Verständnis, ohne wechselseitige Zugewandtheit.

Vor ein paar Jahren hat der Historiker David van Reybrouck das Buch „Gegen Wahlen“ geschrieben, in dem er vorschlägt, dass wir unser Politiksystem zumindest um eine zweite, dauerhafte Kammer ergänzen sollen, in das wir Zugang finden, ohne ständigem Konkurrenzdruck gegeneinander ausgesetzt zu sein. Eine System, in dem also unsere Empathiefähigkeit erhalten bleibt, genutzt wird, vielleicht sogar zusätzlich kultiviert wird. Van Reybroucks Buch hätte daher auch gut „Gegen Härte (in der Politik)“ heißen können.

Ich frage mich manchmal ob es mit diesem versöhnlichen UND, mit dieser Beiordnung wirklich getan ist. Denn am Ende stellt sich eben doch wieder die Machtfrage: Wer soll bestimmend sein in unserer Gesellschaft? – Menschen, deren Empathiefähigkeit durch ständige Konkurrenz errodiert wurde, oder Menschen, die noch füreinander empathiefähig sind?

Wie soll das Herz unserer Demokratie sein? Verhärtet oder weich?

Denn eins muss uns klar sein: Wenn wir Menschen gegeneinander in „den Krieg um die Macht“ schicken, bekommen wir unweigerlich Menschen, die nur Härtefälle wahrnehmen und beherrschen können. Die vergessen haben, was „Vermittlung“ bedeutet. Die nicht mehr wissen, wie wir Menschen uns auch zueinander verhalten können.

Wir Menschen werden geprägt durch die Welt, in der wir uns bewegen. Berufspolitiker bewegen sich in einer Welt des Misstrauens, der Taktik und strategischen Kommunikation. Und natürlich prägt sie das unweigerlich. Das würde wie gesagt jedem von uns so gehen und ist m.E. der wahre Grund, warum sich sehr viele Menschen von Politik fernhalten: Sie antizipieren klugerweise, was „politisches Engagement“ mit ihnen machen würde. Was es aus ihnen machen würde.

Es ist eine Frage der politischen Klugheit, Menschen, die unter permanentem Konkurrenzdruck stehen, nicht die Souveränität in die Hand zu geben, sondern ihnen ganz bewusst nur eine dienende Funktion zuzuweisen. Berufspolitiker sollten nur politische Dienstleister sein, die von ihrem Dienstherren: von uns allen eng geführt werden, anstatt pauschal von uns für mehrere Jahre ermächtigt zu werden.

Das Herz der Demokratie muss weich sein. Das Herz der Demokratie ist in gelosten Bürgergremien weitaus besser aufgehoben als in allen anderen denkbaren Instanzen.

Dann muss man auch nicht so weit gehen, „das Ende der Politiker“ auszurufen. Denn ich denke durchaus, dass wir Berufspolitiker dringend brauchen. Jedoch in einem Setting, in dem sie sich am Gemeinwohl orientieren können und nicht so von uns allen guten Geistern verlassen sind, wie wir das ihnen derzeit zumuten.

Ich halte es für völlig realistisch, dass das, was wir als „politische Härtefälle“ erleben, durch eine solche Neuordnung unserer politischen Verhältnisse, durch so eine Verfassungsreform deutlich abnehmen wird. Und wir dadurch eine Demokratie bekommen werden, in der wir uns rückblickend denken: „Warum nur haben wir es so lange Zeit so furchtbar schwer miteinander gemacht? Warum haben wir Politik so lange kriegsförmig organisiert?“

In einer Welt, in der wir beständig in immer neuen Konstellationen und Verhältnissen aufeinander treffen und zueinander in Beziehung stehen, hat diese kriegsförmige Organisation von Politik eine absurde Note. Sie atmet den Geist vergangener Situationen, in denen der Krieg gegeneinander für uns Menschen Alltag war. Eine Welt, in der man „zum Krieg bereit“ sein musste, um zu überleben. Die Feindschaften nach außen spiegelten sich in menschliche Gesellschaften hinein als feindselige Organisation in ihrem Inneren.

Doch in der heutigen Weltgesellschaft, in der globale menschliche Verständigung durchaus möglich wäre, wird die kriegsförmige Organisation von Politik selbst immer mehr zum Problem. Sie sorgt dafür, dass wir weiterhin „in aller Härte“ gegeneinanderprallen. Und dieses Aufeinanderprallen können wir auch ganz wörtlich verstehen, denn die Körpermetapher wird in der Politik aus guten Gründen seit langer Zeit benutzt und war zu ihren Geburtsstunden jeweils mit großer Macht am Werk.

Die Formen, in denen wir derzeit immer noch Politik betreiben, halten uns kriegerisch. Nur ist es eben die Frage, ob wir unsere Probleme miteinander im Kriegsmodus am bestmöglichsten gelöst bekommen: Feindselig sich gegenüberstehend, eingebuddelt in die eigene Frontlinie, wenn einer gewinnt, muss ein anderer verlieren. In solchen Politikformen wählt man sich Anführer, die auf starken Max machen und die einem versprechen: „Mit mir an der Spitze unserer kleinen Politikarmee werden wir den Sieg davon tragen! Wir werden unseren Feinden eine vernichtende Niederlage bereiten!“ Mit solchen Institutionen entsteht eine Politik, die von exklusiven Wir-Begriffen lebt: Wir gegen die Anderen ist ihr Operationsmodus. Ein politisches Wir, das nicht ausschließend ist, ist in einer solchen Politik schlicht und einfach unbekannt. Gut gepflegte Feindseligkeit gegen „den politischen Feind“ ist mit solchen Institutionen kein Problem, sondern eine Tugend. Sie ist dann zentraler Bestandteil der „politischen Mobilisierung“. Offenheit, Empathie und Verständnis sind Schwäche, die einen den politischen Sieg kosten.

Es könnte eine gute Idee sein, uns Zeit zu geben, überhaupt wieder weich werden zu können. Ganz allmählich. Es könnte sich um einen Prozess handeln, der Zeit braucht und bei dem „Rückfälle“ erwartbar sind. Nichtsdestotrotz sollte uns das nicht daran hindern, auf diesem Weg weiter voranzugehen, als wir es bisher getan haben. Aufeinander zu. Neugierig. Offen. Verletzlich. Nicht: Selbstverleugnend. Offen für die Bedürfnisse aller. Für die Bedürfnisse der Anderen ganz genauso wie für die eigenen.

Das Losverfahren kann uns helfen, daraus ein System zu machen.

Konstruktive Politik

Viele von uns können sich heute ja gar nicht mehr vorstellen, dass Politik auch konstruktiv vor sich gehen kann. Ohne ein sich wechselseitig blockierendes, ständiges Gegeneinander, bei dem am Ende unter Murren faule Kompromisse geschlossen werden, mit denen niemand so richtig zufrieden ist.

Dieses von uns als „normal“ empfundene Unkonstruktive in unserer Politik hat viel mit den Kommunikationswegen und Kommunikationsformen zu tun, die wir in unserer Politik bisher nutzen. Damit, in welchen Formen und Verfahren Politiker und Bürger miteinander sprechen. Und damit, in welchen Formen und Verfahren die Bürger untereinander im Austausch stehen. Auch damit, wie Experten und Lobbygruppen, die mit bestimmten gesellschaftlichen Themen dauerhafter verbunden sind und daher fixere Meinungen haben, in die Kommunikation eingebunden werden.

Vor allem die schlechte Kommunikation der Bürger mit ihren Politikern und die so gut wie nicht vorhandene Kommunikation der Bürger untereinander hängen sachlich zusammen und sorgen gemeinsam dafür, dass Politik nicht konstruktiv werden kann. Das Unkonstruktive unserer momentanen Politik allein als Effekt von „Lobbyismus“ zu sehen, ist aus meiner Sicht viel zu kurz gedacht, weil über das, was stattfindet, übersehen wird, was nicht stattfindet.

Politiker sind in unserer momentanen Situation, mit den von uns derzeit genutzten Institutionen, Erwartungen von allen Seiten ausgesetzt. Diese Erwartungen sind untereinander unvermittelt. Die Vermittlung wird von „der Politik“ erwartet. Das ist soweit keine falsche Erwartung. Nur dass wir „die Politik“ mit „den Politikern“ identifizieren ist einigermaßen merkwürdig und ein direkter Effekt der von uns genutzten Institutionen.

„Die Politiker“ sollen nun also auf eine irgendwie magische Weise unsere verschiedenen Wünsche und Bedürfnisse vermitteln, die in unterschiedlicher Dringlichkeit und aus unterschiedlichsten Lebenssituationen heraus vorliegen. – Dass Politiker von dieser Aufgabe, die wir ihnen zuschustern und andichten, völlig überfordert sind, sollte uns nicht überraschen. Wie könnte es anders sein? Von allen Seiten prasselt „der Bürger“ auf sie ein, es gibt in diesem politischen Geprassel und Dauerfeuer keine vorne, kein hinten, kein oben, kein unten, kein links, kein rechts, kurz: keinerlei Orientierung.

Egal welche Richtung Politiker in dieser Situation einschlagen, eins ist von vornherein sicher: es wird die Situation nicht befrieden. Stattdessen wird es Dresche geben für diese „politische Entscheidung“, die immer willkürlich und unbefriedigend erscheinen muss. Denn: Es hat keine Vermittlung stattgefunden. Stattdessen wurde „durchregiert“. Mal in die Richtung, mal in die andere. Willkürlich. Wir leben – mit den gegebenen Institutionen – in einer bewusst möglichst sanft gestalteten Form von Tyrannis. Einer Tyrannis mit einem insitutionell gestaltetem Wechel des Tyrannen-Personals.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Situation für die, die wir da als unsere „Tyrannen“ bestellen, sonderlich angenehm ist. Weder für die, in dieser chaotischen Lage regieren sollen, noch für die, die auf diese Weise regiert werden.

Konstruktiv kann Politik erst werden, wenn sie wirklich demokratisch wird: Wenn wir uns als Bürger zusammen bringen. Wenn der politische Willensbildungsprozess direkt zwischen den Bürgern stattfindet. Und dieser auf diese weise VERMITTELTE politische Wille den bestallten Berufspolitikern übergeben wird. Nicht als sanfte Empfehlung, sondern als Verpflichtung. Als Richtlinie.

Auf diese Weise sind politische keiner unvermittelten, chaotischen Vielheit von Wünschen und Bedürfnissen auf Seiten der Bürgerschaft ausgesetzt, sondern einer vermittelten Einheit von Meinungen. Einem spürbaren politischen Willen, der eine Richtung hat.

Politik ist derzeit so frustrierend für alle Beteiligten, weil sie im Grunde als „Politik ohne Auftrag“ agiert. Denn eine politische Auftragsklärung, eine Willensbildung direkt zwischen den Bürgern findet in unseren bisherigen Verfahren einfach nicht statt.

In allen anderen Dienstleistungsverhältnissen – außer dem Politischen – scheint es uns einigermaßen klar zu sein, dass „Arbeit ohne eindeutige Auftragklärung“ zu frustrierenden Ergebnissen auf allen Seiten führen muss. Nur in der Politik nehmen wir uns die Freiheit, über diese universelle menschliche Tatsache einfach hinweg zu gehen. Unsere Politik agiert ohne klaren Auftrag. Wir lassen Politiker „einfach mal machen“, um hinterher mit dem, was sie gemacht haben, völlig unzufrieden zu sein und unsere Dienstleister lautstark zu beschimpfen. – Das ist in allen anderen Verhältnissen eine der vielen technischen Definitionen eines „schlechten Chefs“.

Die Bürgerschaft, also wir alle, sind dieser schlechte Chef, indem wir unsere Politiker vor sich hin politisieren lassen, um ihnen hinterher zu sagen, was sie falsch gemacht haben.

Es kann uns zu denken geben, dass die Demokratie schon einmal daran gescheitert ist, dass sie die politische Willensbildung zwischen den Bürgern nicht konsequent genug institutionalisiert hat. Dass sie die politische Führung und damit die Vermittlungsarbeit viel zu sehr einigen wenigen übertragen hat, anstatt alle Bürger konsequent in die politische Vermittlungsarbeit miteinzubeziehen.

Will Politik konstruktiv sein und konstruktiv bleiben, muss die Last der Politik auf unser aller Schultern ruhen. Dann müssen wir alle mit uns allen auseinandersetzen. Auf einer regelmäßigen, fest institutionalisierten Basis. Für konstruktive Prozesse in der Politik ist es unerlässlich, dass wir die Vermittlungsarbeit völlig gleich zwischen uns verteilen. Und dann kann endlich auch die Exekutive in aller Ruhe und Klarheit ihren Job machen.

Der Vorteil für uns als Bürger ist: Wir alle bekommen nicht mehr sehr unterschiedliche Aufmerksamkeit. Sondern wir bekommen alle die gleiche politische Aufmerksamkeit. Wir sind alle gleich involviert. Wir haben dann ein System, das sehr klar und eindeutig ausdrück: Alle Bürger sind exakt gleich wichtig für das Gemeinwesen.

Der Vorteil für uns als Berufspolitiker ist: Wir wissen endlich, woran wir sind. Nicht gelegentlich, sondern ständig. Und das heißt: Wir können endlich in aller Ruhe unsere Arbeit machen, ohne all die unauflösbaren Dilemmata unvermittelter Politik, denen wir heute ungebremst ausgesetzt sind, wenn wir beschließen, „in die Politik zu gehen“.

Steine ins Wasser werfen

Oft wird geraten, Fragen zu stellen, um den Raum zu öffnen und etwas von seinem Gegenüber zu erfahren. Besonders „offene Fragen“ (das sind die, die mit Wer, Wie, Was, Wo, Wann beginnen, sogenannte „W-Fragen“) werden einem dabei empfohlen.

Es gibt aber leider viele Situationen, in denen man mit Fragen stellen nur „Schallplatten“ erntet. Man kann dem Menschen, mit dem man sich im Gespräch befindet, förmlich dabei zuschauen, wie sein innerer Greifarm ausfährt, in die mentale Jukebox greift, die Schallplatte auflegt und loslegt: Es wird etwas abgespielt, was dieser Mensch schon zehntausendmal so gesagt oder so gedacht hat. „Die ganze Wahrheit“ ist das selten. Eher ein wunderhübsch gefilterter Ausschnitt davon. Wie sich jemand eben gerade selber sehen oder nach außen darstellen will. Stinknormaler Selbstwertschutz eben. Leider führt er zu nervigen Gesprächen, die von allen Beteiligten als reine Zeitverschwendung erlebt werden.

Insbesondere in Situationen, in denen es für einen wichtig ist, schnell möglichst viel oder ganz Bestimmtes vom anderen zu erfahren, sind solche Schallplatten daher ziemlich ärgerlich. Und mit Fragen kommt man da leider nur selten weiter. Denn wer immer weiterfragt, obwohl ja formal bereits eine Antwort erfolgt ist (nur eben eine hochdiplomatische, nullkommagarnichts aussagekräftige, eine wortreiche Nebelkerze), der wird in der Regel als aggressiv erlebt. – Wenn man daher nicht zufällig die spanische Inquisition ist, Verhörführer oder eine sonstige Form von verbalem Folterknecht, kann man sich daher das in der Theorie wunderhübsche „wer fragt, der führt“ oft sehr schnell in die Haare schmieren. Und lässt es dabei bewenden. Und fragt nicht weiter nach. Und verlässt das Gespräch daher „unterinformiert“.

Eine dieser Situationen ist das berühmte „Vorstellungsgespräch“, von mir gerne in „Kennenlerngespräch“ umbenannt. – Was nur leider rein gar nichts an der grundlegenden Problematik ändert, dass viele Menschen viel zu wenig Informationen aus solchen Gesprächen für sich herausholen. Wenn sie sich überhaupt trauen, in solchen Gesprächen entsprechend ihren Informationsbedürfnissen zu handeln, dann stellen sie dort Fragen – und ernten damit normalerweise eine handfeste Company-Schallplatte, die man so, wie sie ist, direct way das Klo runterspülen kann. Es schmerzt einfach zu sehr in den Ohren, was man als Reaktion auf „offenes Fragen“ zu hören bekommt. – Das Ergebnis: Man weiß nur unzureichend, woran man ist. Ist man nach diesem Gespräch gezwungen, eine Entscheidung zu treffen („ja oder nein“), muss man nun leider leider die Katze im Sack kaufen. Man weiß dann auch nach langen Gesprächen über viele Dinge nicht Bescheid, die für die eigene Entscheidung für oder gegen diesen Job, für oder gegen dieses Unternehmen eigentlich verdammt wichtig wären. Und das nicht, weil es dem Bereich des „Unwissbaren“ angehört, sondern weil man kein Mittel findet, die entsprechende Information „mit friedlichen Mitteln“ aus dem Gesprächspartner heraus zu bekommen.

Viele Menschen sagen in Reaktion auf diese Situation achselzuckend: „Ja, das ist halt so. Man kann das eben erst nach ein paar Wochen/Monaten/Jahren Arbeit dort wissen, wie das so ist in einem Unternehmen mit dieser einen Sache, die mich eigentlich brennend interessiert.“

Doch das stimmt schlicht und einfach nicht.

Die bittere Wahrheit ist eine ähnliche wie beim privaten Dating:

A) Man will es nicht so genau wissen.

B) Man ist im Gespräch nicht mutig genug.

Und zwischen A) und B) besteht ein sehr direkter Zusammenhang.

Weil sich viele Menschen in Vorstellungsgesprächen am kürzeren Ende einer Machtasymmetrie glauben, verhalten sie sich wie Menschen in einem Blind Date, die den anderen „um jeden Preis rumkriegen wollen“. Obwohl es beim wechselseitigen Kennenlernen für ein Anstellungsverhältnis nur selten um einen aufregenden Flirt geht, bei dem man ein paar Stunden Spaß miteinander hat, sondern eher um eine handfeste Arbeitsehe, bei der man über Jahre miteinander gut auskommen können sollte, „an guten wie an schlechten Tagen“.

Und was machen wir, wenn wir derart bedürftig sind, dass wir „um jeden Preis zusammenkommen wollen“: Wir schauen nicht so genau hin. Wir wollen uns lieber die Illusion bewahren. „So schlimm wird es schon nicht werden…“

Wer sich in gut vorgeheizten persönlichen Arbeitshöllen wiederfinden will, in Jobs, bei denen man nach kurzer Zeit feststellt, dass sie so überhaupt gar nicht zu einem passen, der macht es am besten genau so: Nichts riskieren und wenn überhaupt, dann eine zahme Frage stellen, auf die hin man mit einer wenig aussagekräftigen Standard-Antwort abgespeist wird. Und dann den Job dennoch annehmen. Obwohl ganz zentrale Punkte für einen noch völlig ungeklärt sind. Begründet werden auf diese Weise keine Arbeitsehen, in denen es beiden Ehepartnern miteinander einigermaßen gut geht, weil die Bedürfnisse beider Partner gleichermaßen Thema sind. Auf diese Weise entstehen Formen von Jobprostitution, die dem klaren Prinzip des Tauschs Dienstleistung gegen Geld folgen. „Beziehungen“, bei denen das Wohlergehen des Dienstleisters keinerlei Rolle spielt.

Was machen dagegen selbstbewusste Menschen in Kennenlerngesprächen mit Unternehmen? Menschen, die das Gefühl haben, dass sie über Optionen verfügen? Die sich sicher sind: wenn sich das hier als nicht gut für mich herausstellen sollte, wird sich sicher etwas deutlich besseres für mich finden! Menschen, für die Jobprostitution indiskutabel ist? Die sich ausschließlich mit Arbeitsehen zufrieden geben und für die etwas anderes nicht mal ansatzweise infrage kommt?

Diese Menschen machen beim Kennenlernen, beim Dating mit Unternehmen etwas, das ich „Steine ins Wasser werfen“ nenne: Sie lassen sich weder mit Schallplatten abspeisen, noch stellen sie zahme fragen, noch verhalten sie sich wie eine willenlose Gummipuppe, die sich im Gesprächs-Kennenlern-Tanz wild von den Fragen des Unternehmens herumwirbeln lässt.

Stattdessen nutzen sie eine Kraft im Gespräch, die jeder von uns dann nutzt, wenn er selber gerade angstfrei ist: Den Effekt, den direkte, unverblümte Selbstoffenbarungen auf andere haben.

Statt also z.B. zu fragen: „Wie ist denn die Kultur bei ihnen so?“ zeigen wir uns im angstfreien Zustand. Wir zeigen dem anderen, was wichtig für uns ist. Auf diese Weise begeben uns zugleich in die Position eines Fordernden, eines Menschen, der ganz natürlich Bedürfnisse und Erwartungen an seinen zukünftigen Beziehungspartner hat:

„Ich hab ja schon sehr verschiedene Unternehmen erlebt. Dabei habe ich gemerkt, dass ich es einfach brauche, dass man mich machen lässt. Ich will klare Erwartungen an mich – und dass man es mir dann vollkommen selbst überlässt, was für Wege ich finde, ihnen gerecht zu werden. Dazu brauche ich natürlich im Arbeitsalltag große Gestaltungsspielräume. Auch die Möglichkeit, unkonventionelle Wege einzuschlagen. Eine Führungskraft oder ein Unternehmen, das Micromanagement betreibt und mich in meiner Arbeit auf Standardlösung 0815 festzulegen versucht, hat von mir nichts. Zu so einem Unternehmen würde ich nie gehen.“

Nur mal so als Beispiel. Lässt man solche Selbstaussagen, Selbstoffenbarungen einfach im Raum stehen, bekommt man sehr interessante Reaktionen, die kaum durch „professionelles Verhalten“ zu kaschieren sind. Die Körpersprache, Mimik, auch: das Erste, was der Andere daraufhin sagt (bevor er sich wieder gefangen hat), ist in der Regel überaus aussagekräftig. – Im Guten wie im Schlechten. In der Regel erntet man auf „Steine ins Wasser werfen“ eine eindeutige emotionale Reaktion, gegen die alles Sich-bedeckt-halten-wollen nichts hilft. Entweder man bekommt jetzt klaren Zuspruch, wenn nicht Begeisterung. Oder die Gesprächstemperatur sackt schlagartig in den Keller und man schaut für einen kurzen Moment in völlig entgeisterte Gesichter („…hat er das wirklich gerade gesagt!?!?!?“).

In der Regel ist die Reaktion um so eindeutiger, um so größer der Stein war, den man beim anderen ins Wasser geworfen hat. – Und WIE groß er war, entscheidet man nicht selber als Aussagender. Das entscheidet sich im Anderen als Hörendem. Dinge, von denen man glaubt, dass es doch eigentlich nur kleine Kiesel sind, sind für einige Unternehmen halbe Gebirge. Und andere Themen, die man sich kaum auszusprechen glaubt, weil man sie für riesige Felsbrocken hält, sind für einige Unternehmen eben jene kleinen Kiesel.

Meist fürchten wir den ersteren Fall: Dass wir für uns wichtige Dinge ansprechen und es für den anderen ein Riesenthema ist: Beziehung beendet, bevor sie begonnen hat. – Dass es auch den anderen, erleichternden Fall gibt, haben wir oft deutlich weniger auf dem Schirm.

Den besten Fall schließen wir noch stärker aus: dass es ja sein könnte, dass wir mit einem superbedenklichen Thema („einer Schwäche“) regelrechte Begeisterung bei einigen Gesprächspartnern auslösen können, wenn wir sie eben nicht als Manko unsererseits darstellen, sondern als Kriterium; als Bedürfnis, dem der sich anbahnenden Beziehung andere gerecht werden können muss, wenn er in den Genuss von unseren 10.000 Fähigkeiten kommen will. Eine Begeisterung, die daher rührt, weil es für dieses Unternehmen nicht nur kein Problem ist, diesem unserem Bedürfnis gerecht zu werden; sondern weil es ihm große Sicherheit hinsichtlich unserer Person gibt, dass wir genau dieses Bedürfnis haben: Dass wir die Zusammenarbeit mit ihm zu schätzen wissen, weil uns dieses Unternehmen etwas bieten kann, was uns eben nicht jedes Unternehmen bieten kann. Oder auch die Sicherheit, dass wir uns auf eine ganz bestimmte Weise verhalten werden, die in diesem Unternehmen, in dieser Rolle hochwillkommen ist und verzweifelt gesucht wird.

Aber wie gesagt: Die meisten Menschen wollen es in ihren Erstkontakten mit Unternehmen gar nicht so genau wissen, woran sie sind. Sie wollen lieber träumen, dass es schon nicht so schlimm wird. Dass es schon passen wird. Sie wollen nicht als „zu anspruchsvoll“ auftreten. Sie glauben, kaum Alternativen zu haben. Sie glauben, froh sein zu müssen, „dass mich dieses Unternehmen überhaupt eingeladen hat“ (obwohl sie meist noch gar nicht wissen, ob es sich überhaupt um ein für sie attraktives Unternehmen handelt – eben das wäre erst im Gespräch herauszufinden).

Weil also viele von uns  keine Macht und keine Alternativen in ihrem Verhältnis zu ihrem möglichen nächsten Untenrehmen zu haben glauben, deswegen werden in solchen Gesprächen kaum Steine ins Wasser geworfen und dann die wunderbaren Bewegungen der Wellen beim anderen betrachtet.

Niemand müsste frustrierende Vorstellungsgespräche mit nichtssagenden Antworten haben. Wenn denn jeder das von uns Gefühl hätte, das solche Gespräche nur eine „explorative Phase“ sind, in der man überhaupt erst herausfindet, ob man etwas mit dem anderen zu tun haben möchte. Oder doch vielleicht eher mit jemandem, der etwas mehr von dem bieten kann, was man bei seiner Arbeit dringend benötigt.

Weil unsere Bedürfnisse „hard facts“ sind. Und nichts, woran wir herumschrauben können. Oder wogegen wir uns entscheiden können, dass es für uns wichtig ist. In der Anbahnung einer Langzeitbeziehung sind unsere Bedürfnisse grundsätzlich wichtig. Und es ist ein Kunstfehler der eigenen Gesprächsführung bei „Beziehungsanbahnungen“, die eigenen Steine nicht ganz offen in den Teich des Anderen zu werfen und sich anzusehen, welche Wellen sie bei ihm schlagen.

Und natürlich können auch die Gesprächsführer von Unternehmen das Gleiche tun. Wenn Unternehmen sich denn darüber klar wären, was sie überhaupt gerade brauchen.

Nicht-Wissen, Neugier, Menschlichkeit

Coaching lebt ganz wesentlich von dem, was man die „menschenorientierte Variante“ dessen nennen könnte, was manchmal als sokratische Haltung verstanden wird:

„Ich weiß, dass ich nicht alles über Dich weiß…“

Es ist der unbefangene Blick, der dem anderen unterstellt, dass er sich auch ganz anders verhalten kann, als er es gerade tut, oder als er selbst glaubt, dass er es könnte.

Diese Neugier auf Menschen ist nicht immer ganz leicht zu erhalten. Denn nach einer Weile beginnt man zu glauben, „dass man Bescheid weiß“.

Doch damit endet zugleich die Unterstellung von Möglichkeiten, die für menschliche Veränderungen unverzichtbar ist. In dem Moment, in dem ich den anderen „erkannt“ habe, trage ich dazu bei, dass er sich selbst zu einem „Ding“ machen kann. Aus menschlichem Subjekt wird ein menschliches Objekt.

Ich persönlich weiß nicht, ob „ich weiß dass ich nichts weiß“ eine erstrebenswerte Einstellung ist. Aber ich bin mir vergleichsweise sicher, dass „ich weiß nicht alles über Dich“ eine fundamentale Voraussetzung für gelingende zwischenmenschliche Interaktionen ist, noch weit über das Coaching-Setting hinaus.

Dass ich eine grundlegende Neugier auf das, „was beim anderen noch alles ist“ bei mir pflege, auf das Geheimnis und das Unentdeckte Land, ist die Voraussetzung dafür, dass ich wirklich aufmerksam dabei bin, dass ich zuhöre; und dass ich, was noch einmal eine ganz andere Sache ist: erkennbar zuhöre.

Erkennbares Zuhören können wir nicht vortäuschen. Entweder wir sind voll dabei oder nicht. Und wir Menschen sind sehr gut darin mitzubekommen, in welchem Ausmaß uns ein anderer Mensch seine volle, seine geteilte oder eben gar keine Aufmerksamkeit schenkt. Genau das können wir beinahe von ganz von Anfang an. Und wir verlieren diese Fähigkeit auch mit unserem Heranwachsen kaum.

Sobald ich aber glaube, dass ich über einen anderen Menschen „alles wüsste“, was es eben so über ihn zu wissen gibt, ist unsere Beziehung tot. Denn gewissermaßen töte ich ihn in unserem Beziehungssystem tatsächlich. Ich töte seine Möglichkeiten, in unserer Beziehung und durch unsere Beziehung auch ein anderer zu sein, auch ein anderer werden zu können. Ich töte auch das Vertrauen in unsere Beziehung. Ich bringe den Informationsfluss zwischen uns zum Erliegen. Und damit vernichte ich zugleich die Menschlichkeit unseres Zusammenseins.

Einiges hängt also davon ab, wie wir uns begegnen. Und „Wissen“ ist dabei nur teilweise hilfreich. Denn mindestens genauso hilfreich ist „Nicht-Wissen“.

 

 

 

 

Ungehinderter Informationsfluss

Wenn es wirklich derart wirklich für uns Menschen ist, dass wir Informationen miteinander teilen, und wenn es zudem stimmt, dass die wichtigsten Informationen für uns Informationen darüber sind, wo unsere Mitmenschen gerade so stehen, dann stellt sich die Frage, wie zur Hölle wir uns Menschen dazu bringen können, solche Informationen ungehemmt miteinander zu teilen?

Die Kurzantwort darauf lautet ja meist: „Vertrauen“.

Wie aber bauen wir Vertrauen auf? Oder anders gefragt: Wie sorgen wir bisher dafür, dass es nicht verloren geht?

Denn nach meinen nicht-repräsentativen Feldforschungen in dieser schönen, weiten Welt wünschen sich die allerallermeisten Menschen in den allerallermeisten sozialen Systemen, die wir gemeinsam geschaffen haben und gemeinsam aufrecht erhalten: Deutlich mehr direkte und deutlich offenere Kommunikation. So wenig „Politik“ wie nur möglich. Keine „Hidden agendas“. Dass unangenehme wie angenehme Informationen direkt miteinander geteilt werden (können).

Wie ich an diese Info komme? Wie ich diese „Feldforschung“ betreibe? – Seit Jahren stelle ich schon „Bedürfnislisten“ gemeinsam mit Menschen auf, die für sich eine neue berufliche Zukunft suchen. Viele 100 solcher Prozesse durfte ich begleiten, mit sehr sehr unterschiedlichen Menschen. Und dabei taucht genau dieser Punkt mit hübscher Regelmäßigkeit immer und immer wieder auf. Zudem wird dieses Bedürfnis von ihnen auch meist recht hoch bewertet (im Vergleich zu anderen ihrer Bedürfnisse).

Wie also zerstören wir Vertrauen? So dass sich Menschen uns nicht mehr „öffnen“, sondern „dicht machen“?

Die erste, einfachste Art, Vertrauen zu zerstören, besteht darin, sich einfach niemals persönlich zu sehen. Das funktioniert bei uns Menschen recht zuverlässig. Menschen, denen wir nie oder zu selten persönlich begegnen, misstrauen wir beinahe automatisch. Misstrauen ist sozusagen das „Normale“ zwischen uns Menschen. Und dafür gibt es gute Gründe. Wir sind keineswegs „verrückt“, wenn wir derart misstrauisch sind. Es braucht aktive Entgegenwirkung, damit unser natürliches Misstrauen abgebaut wird. Ein Vorgang, der Präsenz in einem Raum erfordert.

Aber natürlich reichen regelmäßige Begegnungen in einem Raum nicht aus, um Vertrauen aufzubauen und Misstrauen abzubauen. Bzw. um Vertrauen nicht zu zerstören und Misstrauen aufzubauen. – Denn erfolgen diese Begegnungen mit Menschen, zu denen wir v.a. in einer Konkurrenzsituation stehen, in einem ständigen Dilemma zwischen „entweder geht es Dir gut oder es geht mir gut“, dann sind es gerade diese Begegnungen, die unser Vertrauen zerstören. Und die dann eben auch dazu führen, dass wir lernen, „wichtige Informationen zurückzuhalten“.

Es sind also Begegnungen auf Augenhöhe, Begegnungen mit gleicher Macht, in denen wir lernen müssen, miteinander auszukommen, die Vertrauen fördern und damit auch den freien Informationsfluss zwischen uns.

In der strukturellen Entscheidung dafür, dass die Bedürfnisse aller Beteiligten gleich wichtig sind, schaffen wir soziale Systeme, in denen Information frei dahin fließen kann, wo und wann sie gerade gebraucht wird. Ohne diejenigen künstlichen Informationsblockaden, die bei Machtungleichheit ganz automatisch zwischen uns entstehen und unter denen wir dann in der Folge alle leiden.