Den Willen von Menschen achten

Vieles steht und fällt mit der Achtung des Willens eines Menschen, mit dem man es zu tun hat. Das geht schon mit unserem Umgang mit unseren Kindern los.

Das häufigste von vielen unserer Missverständnissen bei diesem Thema besteht darin, dass wir annehmen, Achtung vor dem Willen anderer wäre gleichbedeutend damit, „ihnen zu Willen zu sein“. Als ob Achtung vor dem Anderen automatisch mit einer Missachtung des eigenen Wollens einherginge.

Das zweithäufigste Missverständnis bei der Beachtung des Wollens anderer Menschen besteht darin, dass wir uns dieses Wollen all zu einfach und undifferenziert denken. Als könnten wir Menschen nicht sehr leicht sehr viele Bedürfnisse gleichzeitig haben, obwohl wir nur einige wenige davon kommunizieren oder deutlich zeigen.

Weil einige unserer Bedürfnisse meist unsere „Lieblingsbedürfnisse“ sind, und andere unserer Bedürfnisse von uns notorisch vernachlässigt werden („Kellerbedürfnisse“), ist nicht diese unsere liebe Gewohnheit oder äußerliche Präferenz ausschlaggebend dafür, wie sich unser momentanes Wollen zusammensetzt. Unser Wollen ist uns vielmehr unverfügbar. Es steht in sich selbst. Unabhängig davon, ob wir selber ihm nachgehen oder eben nicht.

Menschen, die bei der Achtung des Willens anderer Menschen nicht auf das Äußerliche eingehen, sondern auf das „wahre Wollen“, das sich oft hinter unserer alltäglichen Show verbirgt, werden manchmal als „charmant“ beschrieben.

„Wohlwollend“ oder „vertrauenswürdig“ sind andere Attribute, die wir mit solchem Verhalten ernten. Andere Menschen fühlen sich dann „sicher“ bei uns oder „gut aufgehoben“.

Es ist eine der sehr speziellen Gemeinheiten zwischenmenschlicher Interaktion, dass andere Menschen es uns übel nehmen, nicht auf ihre Bedürfnisse eingegangen zu sein, obschon sie uns diese ihre Bedürfnisse niemals deutlich gezeigt haben. Obgleich sie also selbst nicht wirklich zu ihnen stehen und in ihrem eigenen Handeln keinen Millimeter auf sie eingehen. Von uns wird mehr Achtung für andere „verlangt“, als andere für sich selbst haben.

Man könnte es aber auch ganz anders formulieren: Dass nämlich Menschen, die sich selbst in irgendeiner Hinsicht vernachlässigen, es uns sehr einfach machen, zu ihnen einen guten Kontakt aufzubauen. Wir müssen nur einen Hauch freundlicher zu ihnen sein, als sie zu sich selbst sind, um bei ihnen sofort einen Stein im Brett zu haben. Und da sie sich selbst gerade derart unfreundlich behandeln (in ganz bestimmter Hinsicht), ist das dann für uns nicht besonders schwer.

Gesetzt, wir wollen den Willen anderer Menschen überhaupt beachten. Gesetzt, unsere Selbstachtung und unsere Achtung auf andere Menschen wird von uns nicht als Widerspruch erlebt.

Den Willen anderer Menschen zu missachten ist allerdings eine ganz besonders blöde Idee, die der Idee, die eigenen Bedürfnisse mit Füßen zu treten, an Dummheit in nichts nachsteht. – Wenn wir allerdings auf Drama stehen, auf Umständlichkeiten, auf „spare Dir ein wenig zwischenmenschlichen Aufwand jetzt – habe unglaublich viel zwischenmenschlichen Aufwand später“, dann ist diese Missachtung eine absolut zuverlässige Methode, zu bekommen was wir wollen.

 

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Gefühlsduselei in Veränderungsprozessen

Vor einigen Jahren, als ich meine erste Coaching-Ausbildung durchlaufen habe, hat man mir ja beigebracht, dass es im Coaching ein „Kunstfehler“ sei, wenn man bei den Gedanken-Hin-und-Her-Schiebereien einfach nur mitmacht, die Kunden mit sich selbst veranstalten (Motto: „Wenn ich ein richtig gutes Gespräch haben will, unterhalte ich mich mit mir selbst…“).

Es sei vielmehr eine Notwendigkeit für wirksames Coaching, dass man den Kunden „ins Gefühl bringe“. Die renommierte Ausbilderin (war nicht meine) Martina Schmidt-Tanger geht sogar so weit, von der Fähigkeit eines Coaches zu sprechen, die Betriebstemperatur des Coaching-Prozesses „zu steuern“ (S. 75 ff.). – Ich würde eher von der Fähigkeit sprechen, verschiedene (De-)Emotionalisierungsangebote ausprobieren zu können, die Reaktionen seines Gegenübers auf diese Angebote sehr genau wahrzunehmen und diese Reaktion auch gut aushalten zu können. „Steuerung“ im Gespräch kam mir nämlich schon immer merkwürdig vor.

Schmidt-Tanger spricht auch davon, dass „im Business“ nur sehr selten „die Anforderung besteht, die Betriebstemperatur senken zu müssen“ (ebd., S. 77). Ob das nur in unserer derzeitigen Unternehmenswelt so ist, sei mal dahin gestellt.

Was ist der Grund für diese positive Bewertung von Emotionalisierung in Veränderungsprozesse? – Man kommt möglicherweise leichter dahin, wenn man sich mit dem Gegenteil beschäftigt: Was passiert OHNE Emotionalisierung in Veränderungsprozessen?

Wenn es denn überhaupt ein Coaching-Anliegen gibt (wie jeder Coach weiß, ist das weitaus weniger selbstverständlich als man annehmen könnte), dann hat man einen Kunden mit einer Ambivalenz vor sich: Er möchte und er möchte nicht. Gibt es diese Ambivalenz nicht, gibt es kein Problem. Und ohne Problem kein Coaching.

Der Irrtum des vorpsychologischen Alltagsdenkens besteht darin anzunehmen, es handele sich bei dieser Ambivalenz um einen Mangel an Information. Man müsse also „aufklären“. – Ein Irrtum, dem z.B. ich selber hier auf wyriwif mit großer Begeisterung und Widersprüchlichkeit fröne.

Die rationalistische Tradition des Abendlandes setzt auf die kalte Kraft des emotionsbefreiten „Arguments“, um gewünschte Veränderungen zu bewirken. Und übersieht dabei, dass das Gewünschte bereits in sich selbst deutlich komplexer ist, als es nach außen in Erscheinung tritt. – In der Regel endet das mit: „Und bist Du nicht willig, so brauch‘ ich Gewalt“. Denn wer sich selbst für vernünftig hält und den Rest der Welt für unvernünftig, dem erscheint der Einsatz von Gewaltmitteln gegenüber der vermeintlichen Unvernunft nicht nur als legitime Möglichkeit, sondern geradezu als seine ethische Pflicht. Der Vernünftige muss über den Unvernünftigen herrschen und mit „schützender Gewalt“ die vielen Dummen vor ihrem eigenen Untergang bewahren. Rationalismus und Gewaltverherrlichung führen eine unheimliche Ehe. Die Tyrannei der Philosophen in Platons „Politeia“ ist kein Ausrutscher, sondern eine strenge, stimmige Konsequenz aus ganz bestimmten Annahmen über die Funktionsweise der menschlichen Psyche.

In der Praxis des Coachings kommt dieses Modell sehr schnell an seine Grenzen. Denn dort werden wir täglich damit konfrontiert, dass auf BEIDEN Seiten der Ambivalenz eines Kundenanliegens die GLEICHEN Kräfte am Werk sind. Glaubt man, dass etwa der geäußerte Veränderungswunsch „vernünftig“ sei und das Beharrungen bei gewohnten Verhaltensweisen „unvernünftig“, erlebt man eine böse Überraschung nach der anderen, kämpft unergiebige und frustrierende Kämpfe, arbeitet sich auf – und ist nebenher noch ein recht mäßig erfolgreicher Coach, was die eigene Wirksamkeit angeht.

Alle Coaches, die ich persönlich als „hochwirksam“ erlebt habe (als Kunde, als Lernender und als rein Beobachtender), waren in der Lage, in die ambivalente Gefühlswelt ihrer Kunden miteinzusteigen, ohne in ihr verloren zu gehen. Sie waren respektvoll gegenüber allen Seiten ihrer Kunden. Vor allem auch gegenüber dem Punkt, an dem man sich als Dienstleister aus gutem Grund fragt, ob denn der Kunde selber überhaupt weiß, was er will?

Die Gefühle des Kunden zu adressieren – wobei es da sehr unterschiedliche Möglichkeiten gibt, ich persönlich finde ja diese hier besonders charmant – ist in dieser Gemengelage eine Unvermeidlichkeit, wenn man als Coach hilfreich sein (oder auch einfach nur: seinen Job machen) möchte. Denn irgendwie müssen die vielen Seiten auf den Tisch, die sich vermeintlich miteinander in einem unauflösbaren Konflikt befinden, vor allem auch die Heimlichen, die vom Kunden selber Ungeliebten.

Coaching hat daher „von Natur aus“ etwas mit einer professionellen Unprofessionalität zu tun. Und ich muss manchmal lächeln über diejenigen meiner Kollegen (zu denen nach all den Jahren auch ich selber immer wieder gehöre), die sich zwanghaft um den Anschein formeller Professionalität bemühen und darüber mindestens die Hälfte ihres Kunden verlieren. Manchmal auch den ganzen. – Denn Coaching ist eine ausgemachte Schamlosigkeit, und das als Methode.

Coaching zeigt das nicht immer offen. Denn würde man das offen zeigen, würde man tatsächlich viele Kunden verlieren. Der Kunde will durchaus „abgeholt“ sein, auch wenn das manche nicht so gerne hören wollen. Aber das erklärte Ziel ist prinzipiell mehr Offenheit und Schamlosigkeit beim Kunden als vor dem Prozess. Und das ist an den Stellen nur schwer zu begleiten, an denen man selbst seine schamhaften Stellen hat.

Zeig mir einen Coach voller Schamgedanken und ich zeige Dir einen wirkungslosen Coach.

Das Anliegen des Kunden mag noch so nüchtern und technisch daherkommen, business-like und hochvernünftig vorgetragen. Hat der Kunde im Prozess „gar nichts gespürt“, so hat man vielleicht die Erwartungen seiner Ängste erfüllt, „dass es bitte nicht weh tun soll“ und „dass man auf gar keinen Fall DARÜBER sprechen soll“ und wenn doch, „dann bitte nicht AUF DIESE WEISE“. Aber man hat dann eben auch Geld für nichts genommen. Dafür, die Lebenszeit des Kunden verschwendet zu haben, genauso wie die eigene. Professionelle Verschonung als Dienstleistung. „Wie sie fühlen, fühlen sie nichts.“

Man kann es auch sehr offen sagen: Die Form Coaching lebt von einer gesellschaftlichen Schräglage: Davon, dass wir soziale Systeme geschaffen haben, die die Herausbildung von Schamgedanken sehr stark fördern und die im Endeffekt dazu führen, dass wir  emotionale Zurückhaltung positiv bewerten. – Wäre das anders, wären die allermeisten von uns Coaches auf einen Schlag arbeitslos. Die Menschen würden es im Alltag „miteinander“ machen, wofür sie sich heute für teures Geld einen Coach engagieren müssen.

Das ändert natürlich nichts daran, dass mir persönlich mein Beruf sehr viel Spaß macht. Und zu meinem niemals endenden Erstaunen angeblich auch vielen meiner Kunden. Zumindest behaupten sie das immer wieder mal. – Wahrscheinlich wollen sie nur höflich sein oder dass die Zahnwurzelbehandlung durch mich als Coaching-Diktator möglichst schnell aufhört. Ich persönlich würde jedenfalls nur höchst ungern bei mir selber Kunde sein. Warum das einige meiner Kunden anders sehen, bleibt ihr Geheimnis. Denn eins steht felsenfest wie nur sonst was: In den von mir „geführten“ Coachingprozessen bin ICH der Experte, der einzig auch nur ansatzweise Kompetente im Raum. Meine Kunden sind alle völlig Ahnungslose, denn wären sie das nicht, bräuchten sie ja selbstverfreilich keinen Coach. Ist doch völlig logisch, oder?

Und Gefühle tun natürlich grundsätzlich immer scheiß-weh und bringen einen nur durcheinander. Man „funktioniert“ einfach nicht mehr wirklich gut, wenn man sich auf seine Gefühle einlässt. Dadurch wird man ebenso automatisch wie unweigerlich völlig verrückt und hört mutwillig auf, wichtigen Erwartungen an die eigene Person zu entsprechen. Darum ermuntere ich meine Kunden auch stets, sich weiterhin hübsch brav vernünftig zu verhalten, „konsistent“ eben.

Dass wir in unseren Coachings deutlich mehr gemeinsam lachen als gemeinsam weinen (obwohl auch das durchaus vorkommt), darüber breite ich als Profi natürlich den Mantel des Schweigens. Ich bin ja kein Idiot. Außerdem verrät ein guter Zauberkünstler ja niemals seine Tricks und Kniffe.

 

 

 

 

Was für Menschen sich schon jetzt für das Losverfahren interessieren

Wenn ich im Folgenden ein paar Wahrnehmeungen teile, was für Eigenheiten mir momentan bei am Losverfahren interessierten Menschen u.a. auffallen, dann ist es mir wichtig, dass das nicht als ausschließende Beschreibung aufgefasst wird. Es handelt sich nicht um eine Unterteilung in „Wir und Die“. Sondern es ist von mir gemeint als eine Analyse, was es uns Menschen möglicherweise erleichtert, einen Zugang dazu zu finden, dass das Losen in der Politik ein Verfahren ist, das für uns alle von Vorteil ist. Und dieses „alle“ schließt eben wirklich alle ein. Ohne Abstriche.

In der Philosophie beschäftigt man sich seit langer Zeit mit dem Phänomen der „Einheit in der Vielheit“. Besonders Hegel als historisch veranlagter Philosoph hat sich dabei hervorgetan. „Einheit“ zu denken, ist nämlich nicht besonders schwierig, solange man sich nicht mit den Details auseinandersetzt, also großzügig von den Unterschieden, der Vielheit abstrahiert. Von um so mehr wir absehen, um so leichter fällt es uns, unsere gewohnten Kategorien aufrecht zu erhalten. Derart viele Details in der Geschichte wahrzunehmen und gleichzeitig immer noch eine Einheit, einen „Sinn“ in ihr wahrzunehmen – das findet man eben tatsächlich nur beim alten Hegel.

Auf gewisse Weise ist aber jeder Historiker von diesem Problem betroffen. Denn es ist beinahe umöglich, Geschichten zu erzählen, ohne „Sinn“ als Nebenprodukt mitzuerzeugen. – Das ist vermutlich auch ein Mitgrund, warum es mir so geht, dass ich mittlerweile die Schreibereien von Historikern oft deutlich spannender finde als die von Philosophen, Soziologen und Psychologen. Historiker haben es leichter, sich von den Details zum Allgemeinen leiten zu lassen (also „induktiv“ vorzugehen). Viele Philosophen, Soziologen und Psychologen sind hingegen Gefangene ihrer Theorien: Sie haben immer schon abstrahiert. Dass ihnen ein Detail unterkommt, dass sie zu grundlegendem Umbau ihrer großartigen Theoriegebäude bringen würde, ein Detail, das sie also in ihrem Denken „verletzen“ würde – das passiert leider höchst selten. Und macht Vieles von der Philosophie, Soziologie und Psychologie für mich ziemlich langeweilig. Es „passiert“ dort einfach zu wenig.

Aus diese Grund ist es für mich interessant und vielleicht kein Zufalls, dass mit David van Reybrouck ausgerechnet ein Historiker sich für das Losverfahren als dem demokratischen Prozess schlechthin interessiert hat – und dabei so viel Resonanz erzeugen konnte, dass sich politische Prozesse unter Einsatz des Losverfahrens seither immer weiter ausbreiten. Und das weltweit.

Mehr noch aber als Menschen, die sich denkend mit menschlicher Vielfalt und was sie vereinen könnte beschäftigen, sind nach meiner Wahrnehmung Menschen für das Losverfahren als demokratischem Prozess offen, die mit der gegebenen menschlichen Vielfalt in ihrem Alltagsleben: persönlich und/oder beruflich unmittelbar konfrontiert sind.

Dazu gehört wiederum auch David van Reybrouck selber: Bevor er eines der überzeugendsten Bücher zum demokratischen Losverfahren schrieb, das derzeit verfügbar ist, wurde er durch ein Buch über den Kongo bekannt und hielt sich für sein Buch, aber auch für andere Formen von Engagement häufig in verschiedenen Ländern Afrikas auf. Und war dabei – wenn ich das richtig mitbekommen habe – in sehr direktem und unmittelbarem Austausch mit sehr verschiedenen Menschen vor Ort.

Spannenderweise gilt etwas nicht ganz unähnliches für Wolfgang Scheffler, der sich in Deutschland seit vielen Jahren für die (Wieder-)Einführung des Losverfahren in der Politik einsetzt, zu diesem Zweck u.a. die „Bürgerinnengutachtenpartei“ gegründet hat, v.a. aber viele praktische Prozesse im Losverfahren durchgeführt hat. – Neben seinem Engagement für das Losverfahren ist Wolfgang Scheffler Physiker und taucht als Erfinder des „Scheffler-Spiegels“ in einem Wikipedia-Eintrag auf. Seit Jahren reist er immer wieder nach Afrika, um dort Solarkocher zu bauen, die bequem in der Anwendung sind und zugleich die Abholzung und Verbrennung von fossilen und nicht-fossilen Brennstoffen reduzieren. Dabei wird auf die Verwendung von weitverbreiteten Baustoffen geachtet, die vor Ort erhältlich sind.

Und schaue ich auf meine Kollegen im Projektteam zum „Münchner Bürgerparlament“, dann finde ich: einen Menschen, der Polen geboren wurde, mit einem Menschen mit einem italienischen Vater verheiratet ist, einen weiteren Menschen, der 5 Jahre in Indien gelebt und gearbeitet hat und mit einem Inder verheiratet ist, einen weiteren Menschen, der mit einem Menschen nigerianischer Herkunft liiert ist. Alle 3 arbeiten in Berufen, die „menschenintensiv“ sind, in denen sie mit der gegebenen menschlichen Vielfalt und Wandelbarkeit unmittelbar konfrontiert sind und umgehen müssen, können und dürfen. Dazu kommt möglicherweise bald eine Verstärkung durch einen Menschen aus einer binationalen Ehe (französisch-deutsch). Ich selber habe Väter aus zwei recht verschiedenen Kulturen gehabt, auch zwei Mütter mit sehr verschiedener Prägung erleben dürfen. Ich lebe in meiner zweiten „eheartigen“ Beziehung; meine erste mehrjährige Ehe hatte ich mit einer gebürtigen Ungarin, die Menschen aus allen Ländern in Deutsch als Fremdsprache unterrichtet hat. Meine derzeitige langjährige Partnerschaft ist noch exotischer: Ich lebe mit einer gebürtigen Niederbayerin zusammen, die katholische Theologie studiert hat, die im Herzen Französin ist, und die zur Zeit als Personalchefin eines hochinternationalen nicht-mehr-Start-Ups arbeitet. Hinzu kommt, dass ich seit nun 10 Jahren sehr intensiv und „nah an Menschen“ aus allen Ländern in allen Altersstufen mit allen möglichen Hintergründen und Berufen arbeiten darf. – Mehr noch als meine persönlichen Erfahrungen,  ist es vor allem diese Arbeit, die mich überzeugt sein lässt, dass wir uns einen großen Gefallen tun, wenn wir das demokratische Losverfahren auf allen politischen Ebenen einführen und regelmäßig gebrauchen.

Was ich mit all dem sagen will: Menschen, die selbst „ganz gut mit der Welt in Kontakt sind“, und zwar mit der menschlichen Seite dieser Welt, tauchen auffällig oft auf unter den für das demokratische Losverfahren Engagierten.

Offenbar stärkt es das Vertrauen in die Menschheit, wenn man sie intensiv persönlich kennen lernen kann. Wenn man sich „die Menschen“ nicht nur denken muss, sondern wenn man die Möglichkeit erhält, sich ganz direkt und unmittelbar mit ihnen auseinanderzusetzen.

Das Losverfahren leistet ja am Ende genau das: Es bringt „die Menschen“ mit „den Menschen“ in ein sinnvolles, gehaltvolles und vor allem konstruktives Gespräch. Ein Gespräch, das unserer Gesellschaft bisher schmerzhaft fehlt. Und manche Menschen, die zufällig bereits etwas mehr mit der gegebenen menschlichen Vielfalt in ihren unmittelbaren Beziehungen konfrontiert sind, empfinden es wohl etwas stärker als „logisch“, wenn wir Losverfahrensprozesse in unsere demokratische Verfassung einführen.

Wir leben heute in der Paradoxie, dass wir alle miteinander verbunden sind und dennoch die menschliche Verbundenheit fehlt. Genauer: Der faktischen menschlichen Verbundenheit fehlt die offizielle Anerkennung. Es fehlen uns die politischen Verfahren und Prozesse, die systematische Konsequenzen daraus ziehen, dass wir uns in unserem Tun und Lassen unweigerlich wechselseitig beeinflussen. Es fehlen uns demokratische Zusammenkünfte, die die menschliche Verbindungsfähigkeit aktiv nutzen, um eine Politik hervorzubringen, die von uns allen als sinnvoll erlebt wird, anstatt als ein ständiges Ärgernis.

Uns alle miteinander in unmittelbaren Kontakt zu bringen, scheint nicht nur ermutigend zu sein, darin immer weiter fortzufahren. Es tut auch Not in einer verbundenen Welt. Und zugleich ist es so, dass, um so mehr wir in konstruktiven Kontakt mit allen anderen Menschen kommen, wir um so mehr Vertrauen in alle anderen Menschen fassen.

Beziehungslogik – Dialogologie

Das hier ist eine kleine Erinnerung daran, dass die namenlose Wissenschaft von der Beziehung, der Interaktion, der Interdependenz, der Begegnung, des Austauschs, des Gesprächs zwischen zwei sich wechselseitig antizipierenden Wesen sich weder in Psychologie noch in Soziologie erschöpft.

Sie ist weniger als eins von beiden, sie ist mehr als beides – sie ist etwas anderes als eins von beiden und auch etwas anderes als beides zusammen (sofern Psychologie und Soziologie überhaupt gleichzeitig betrieben werden können, was ich sehr bezweifle).

Das Wissen über Beziehungsdynamiken, die Erfahrung mit Beziehungslogik ist eine ganz eigene Sache. Sie überschreitet den Bereich des Menschlichen. Oder anders: Wenn Beziehungslogik auch für nichtmenschliche Wesen gilt, so werden diese dabei automatisch „vermenschlicht“. – „Mensch“ ist ein Synonym für ein Wesen, mit dem man ein wirkungsvolles Gespräch führen kann. – Daher können wir auch Wesen „verunmenschlichen“, die biologisch betrachtet durchaus zu unserer eigenen Spezies gehören.

In der von mir bevorzugten Sichtweise hat die Dialogologie nicht mal ansatzweise das Zeug zu einer „strengen Wissenschaft“. Möglicherweise hat sie aber das Zeug zu einer halbwegs gut erträglichen Weltanschauung. Einer Weltanschauung, die sich nicht nur von ihren Inhalten her, sondern vor allem strukturell von allen anderen mir bekannten Religionen sehr klar und deutlich unterscheidet.

Die beiden wichtigsten Unterschiede: Sie legt alles in unsere eigene Hand. Und sie verbindet uns mehr miteinander, als dass sie uns voneinander trennt. – Sie legt also alles in unsere Fähigkeit, uns sinnvoll miteinander zu verbinden, Verbundenheit miteinander zu erleben.

Die Details dabei sind unzählbar und endlos. Sie sind aber erzählbar und losend.

Jeder Mensch ist ein Genie

Jeder Mensch kommt als Genie auf die Welt. – Und verbringt dann den Rest des Lebens damit, sich das eigene Genie austreiben zu lassen bzw. das eigene Genie vorsichtshalber zu verstecken.

Das geht soweit, dass auf der grundlegenden Annahme weit verbreiteter Ungenialität und Inkompetenz ganze soziale Systeme aufgebaut werden. Diese Systeme machen Sinn nur als Versuche, mit der angeblichen „menschlichen Dummheit“  vernünftig umzugehen. Die untragbare, übermenschliche Last dieser Annahme wird dabei einigen wenigen von uns aufgebürdet.

Jeder Mensch ist ein Genie. Doch das Genie eines jeden Menschen bleibt unerkannt, unbemerkt und ungenutzt.

Auf den erwartbaren Widerspruch: „Da kennen Sie aber meinen … nicht!“, kann ich gelassen antworten: „Könnte es nicht sein, dass Sie selber … nicht ganz so gut kennen? Aber beunruhigen Sie sich darüber nicht! Mein ehrliche Meinung dazu ist: Das ist nicht Ihre Schuld.“

Das Ende aller Krimis, Thriller, Dramen

Recht bekannt ist ja mittlerweile jener „Test“ von Filmen oder Serien, der sie auf ein paar notwendige (nicht: hinreichende) Bedingungen testet, um Frauenfiguren als eigenständige, handlungsfähige und interessante Subjekte des Filmgeschehens auftreten zu lassen.

Für mich privat gebrauche ich mittlerweile noch eine ganz andere Art von Test, der einem die Freude an Filmen ganz grundsätzlich verhageln kann – Er lautet:

Würde der Plot überhaupt zustande kommen, wenn die Hauptfiguren zu einem bestimmen Zeitpunkt miteinander offen, direkt und empathisch über Bestimmtes gesprochen hätten?

Was soll ich sagen? – Bislang hat kein einziger Film, keine einzige Serie diesen Test bestanden. Keiner.

Für mich ist es ausgesprochen ernüchternd festzustellen, wie überflüssig und vermeidbar die ganzen Dramen sind, die uns die Filmindustrie Tag für Tag präsentiert; vielleicht auch: präsentieren muss, um für uns „interessant“ zu sein.

Und das zeigt möglicherweise: Filme können allein schon deswegen kein Vorbild für unsere Alltags- und Institutionengestaltung sein, weil sie für ihren eigenen Fortbestand auf „Drama baby!“ angewiesen sind.

Was wir uns via Serien und Filmen reinziehen, sind Rollenmuster für „schlechte Beziehungen“. Skripte dafür, wie man es besser nicht macht.

Außer natürlich, man möchte nicht nur irgendwelchen fiktiven Figuren bei ihren vermeidbaren Dramen zuschauen, sondern auch selbst in seinem wirklichen Leben möglichst viele vermeidbare Tragödien und Heldengeschichten erleben.

Auf meinen Filmkonsum hat der Wurde-dummerweise-geschwiegen-Test bisher folgende Wirkung: Ich bin zunehmend gelangweilt von beinahe allen Filmen. Denn wenn das, was einem da als unvermeidbares Drama präsentiert wird, nur aus öder Beziehungsblödheit passiert, dann werden eben all die Plots einfach langweilig. Als wäre der Meta-Plot aller Bildschirm-Geschichten: „Person X teilt Person Y nicht mit, dass A. Daher wird dann später Person X, Y oder Z körperlich oder seelisch verletzt. Oder auch alle gemeinsam. Oder auch beides.“

Anfangs möchte man vielleicht noch wie ein Mensch, der zum allerersten Mal ein Theaterstück sieht, auf die Bühne rufen: „Red doch einfach mit ihm/ihr, zefix!“ – Aber da sich das dumme Nicht-Reden derart durchzieht und sich ewig wiederholt und wiederholt, wird es dann mit der Zeit doch eher ermüdend. Es nervt.

Aber was soll ich machen? Die Testfrage, die sich mir irgendwie so ergeben hat, geht mir einfach nicht mehr aus dem Kopf. Ständig sehe ich irgendwelche Filmfiguren aus unerfindlichen Gründen anderen Menschen wichtige Informationen verschweigen. Würden sie hingegen reden, wäre der Film schnell zu Ende. Aus. Happy end. Nix passiert. Alle leben einfach weiter und haben überaus spannende Alltagsprobleme, wie man sie auch von sich selber kennt.

Wahrscheinlich ist das auch die Art und Weise, wie diese einigermaßen merkwürdige Film-Testfrage überhaupt in meinem kleinen Hirn aufgekommen ist: Ich hab einfach genügend Dramen in meinem eigenen Leben. 

Und wahrscheinlich ist dieser Verdruß mit Filmen auch Teil meiner persönlichen Berufskrankheit. Daher mein guter Rat: Wenn Sie weiterhin Filme und Serien genießen wollen, werden Sie niemals professioneller Coach!

Beziehungsmut

„Beziehungsmut“ gibt es auf zwei Ebenen: Einmal auf der individuellen, alltäglichen, ethischen Ebene. Wenn wir uns persönlich aufraffen und uns Beziehungen zutrauen, die wir uns sonst nicht zutrauen. Oder Handlungen in Beziehungen, vor denen wir uns fürchten.

Zum anderen gibt es Beziehungsmut auch auf der strukturellen, institutionellen, politischen Ebene: Wenn wir Systeme und Verfahren erschaffen, die auf Beziehung basieren, anstatt auf „command and control“.

Um diese zwei verschiedenen Ebenen nachzuvollziehen, hilft es, sich klar zu machen, dass viele unserer Systeme derzeit noch Beziehungsvermeidungssysteme sind. Dass sie aus einer fundamentalen Beziehungsangst heraus von uns so gestaltet wurden, wie sie uns heute entgegentreten. Mit einer klareren Vorstellung davon, was „Beziehung“ eigentlich ist und was in ihr für uns möglich ist, hätten wir unsere sozialen Systeme sicherlich nicht so gestaltet, wie wir sie heute – oft fraglos – betreiben. Mit Mut zur zwischenmenschlichen Beziehung wird auch auf der systemischen Ebene ganz anderes möglich.

Das entscheidende Moment, aus dem heraus die Ebenentrennung von Ethik und Politik produktiv wird, besteht darin, dass wir mit uns selbst empathisch sind und unsere eigenen Grenzen anerkennen: Dass wir anerkennen, dass es auch ein Zuviel an Erwartung an unseren individuellen Mut gibt. Dass es eine Überforderung unserer selbst auf der ethischen Ebene gibt, wenn wir von aller guten Politik verlassen sind. Wenn wir uns ganz auf Ethik verlassen und von Politik nichts wissen wollen.

Zwar brauchen wir auf der individuellen Ebene immer einen gewissen Mut in unseren Beziehungen. Aber es gibt einen Grad an ethischer Appellitis an unseren individuellen Mut, der absurd ist, weil er die strukturellen Bedingungen unseres Handelns völlig ausblendet: die Verfassung, in der wir unsere individuellen Entscheidungen treffen müssen.

Politik entlastet die Ethik. Unser politischer Mut entlastet uns von der Überforderung, ständig viel zu viel ethischen Mut aufbringen zu müssen. Weitaus mehr an Mut als man von uns als Menschen erwarten kann.

Wir Menschen sind zweifellos großartige Wesen. Aber wir sind auch verletzliche und bedürftige Wesen. Indem wir unsere Verletzlichkeit offen anerkennen, wird die Notwendigkeit einer beziehungsmutigen Politik für uns deutlich und nachvollziehbar.

Denn eine Gesellschaft, die dem Kult der Unverletzlichkeit huldigt, ist zugleich immer auch eine Gesellschaft, die keine guten, menschlichen Möglichkeiten des Berührens und Sich-Berühren-Lassens mehr kennt. Sie merzt die Berührung an sich aus. Sie tut das politisch: Indem sie Institutionen erschafft, die gute Berührungen künstlich erschwert. In einer solchen Gesellschaft empfinden wir beinahe alle zwischenmenschliche Berührung als allzu „rührselig“. Unsere einzige Möglichkeit, uns wechselseitig zu „berühren“, besteht in einer solchen Gesellschaf darin, in Kampf und Krieg aufeinander zu schlagen.

Ob Gesellschaft als Spiel von Verletzung und Wieder-Verletzung für uns auf Dauer wirklich eine lustvolle Sache ist, kann jeder von uns einschätzen, indem er sich daran erinnert, was für Berührungen er bisher in seinem Leben erfahren hat.

Unsere angenehmen Berührungen, Begegnungen, Beziehungen ermöglichen es uns ganz genauso wie unsere unangenehmen Erfahrungen, auch im Politischen beziehungsmutig zu sein und unseren Mut zur Beziehung zu institutionalisieren.

Denn in Erinnerung unserer unangenehmen Erfahrungen können wir bemerken, wie sehr es dabei stets an Beziehungsmut gefehlt hat: Dass dort über das Wesentliche nicht gesprochen wurde, vielleicht auch gar nicht gesprochen werden konnte. – Und in Erinnerung an unsere angenehmen Erfahrungen mit anderen Menschen können wir den Mut fassen anzunehmen, dass zwischenmenschlich vielleicht weitaus mehr möglich ist, als wir bisher realisieren.

Soziale Angst

Oftmals, wenn wir Menschen auf etwas ansprechen müssten, tun wir das nicht. Wir haben Angst. – Doch wovor genau haben wir dabei Angst? Warum genau tun wir genau das nicht, was in vielen Situationen helfen würde? Auszusprechen, anzusprechen, was uns wirklich bewegt? Herauszufinden, was den anderen wirklich bewegt?

Wir erzählen uns dann oft Geschichten, dass wir den anderen „verschonen“ wollen, dass es sich also um schlichte Rücksichtnahme handele, wenn wir schweigen, wenn wir nicht sagen, was gerade gesagt werden müsste. Wir verstecken uns also hinter „ethischen“ Gründen. Erzählen uns, wir seien gute Menschen, die keine schlimmen Dinge tun. – Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Selbstwertschutz ist wirklich eine wunderbare Sache. Wenn nur nicht so verdammt unklar wäre, welches „Selbst“ da eigentlich gerade geschützt wird…

In der Regel verschonen wir uns selbst in solchen Situationen. Wir nehmen nicht auf den anderen Rücksicht, sondern auf uns. Darauf, was die Aussprache und Ansprache mit uns selbst machen könnte. Darauf richten sich unsere Befürchtungen. Wir wollen ja, dass das Gespräch gefälligst etwas mit dem anderen machen möge! Aber wir befürchten zugleich, dass so ein Gespräch auch etwas mit uns machen könnte

Vielleicht ist das aber nur die halbe Wahrheit. Vielleicht wünschen wir uns heimlich, dass im Gespräch auch uns selber etwas „zustoßen“ möge? Dass nicht nur der andere vom Gespräch bewegt werden soll, sondern auch wir selber? Wie so oft würden wir dann genau das fürchten, was wir uns wünschen. Und würden wir uns genau das wünschen, was wir fürchten. Wir wollen, dass sich etwas ändert! Und doch soll bitteschön alles so bleiben, wie es ist! Wir wollen Kontrolle. Wir wollen Veränderung. Wir wollen kontrollierte Veränderung.

In der Interaktion mit anderen Menschen ist „Kontrolle“ schwer zu haben. Sie lässt sich systematisch über Angst erzeugen, ja. Aber der Preis dafür ist hoch. Für alle daran beteiligten Menschen, egal an welcher Stelle der Angst-Pyramide sie sich zufällig befinden.

Die Eigendynamik jedes einzelnen Menschen, die „doppelte Kontingenz“ macht Gespräche über „Wesentliches“ (über Dinge, die uns und den Anderen bewegen) prinzipiell risikoreich. Unsere Angst ist: „Anything could happen!“

Gleichzeitigt ist es diese Eigengesetzlichkeit jedes einzelnen Menschen, die unser Leben bereichern. Es ist gerade die Unberechenbarkeit des Zwischenmenschlichen, die andere Menschen so unersetzlich und wertvoll für uns macht. Mit ihr nicht mehr konfrontiert zu sein, das ist die wahre Hölle für uns.

Interessant sind daher die Situationen, in denen wir uns so sicher fühlen (verkürzend sagen wir oft: „in denen wir so mutig sind“), dass unsere Neugier und unsere Lust am zwischenmenschlichen Kitzel unsere universelle soziale Angst überwiegt. Situationen, in denen wir etwas riskieren im Gespräch. In denen wir uns in unserer inneren Bewegtheit äußerlich zeigen, so dass andere sie wahrnehmen können und mit ihr „konfrontiert“ sind. Und in denen wir genauso die versteckte innere Bewegtheit des Anderen direkt adressieren und dazu „provozieren“, sich ebenfalls zu zeigen.

Da ich unsere soziale Angst für völlig vernünftig halte, weil das Aufeinandertreffen von intelligentem Leben auf intelligentes Leben eben tatsächlich alles Mögliche hervorbringen kann (Zerstörerischstes wie Schönstes), beschäftigt mich die Frage, ob sich die für gute Begegnungen nötige Sicherheit nicht vielleicht systematisch „erzeugen“ lässt. Ob wir Rahmenbedingungen schaffen können, mit denen wir uns helfen, in Begegnungen, Beziehungen, Gesprächen allesamt „mutiger“ zu sein.

Für gute Begegnungen mit anderen Menschen, dafür uns voll in das Risiko stürzen, „dass etwas passieren kann“, für den Kontrollverlust in Gesprächen, für wirksame Gespäche, in denen und nach denen etwas deutlich anders ist als vorher – für all das scheinen wir sichere Rahmungen zu brauchen. Freiheit von sozialer Angst, angstfreies Agieren in Beziehungen läßt sich dann erzeugen, wenn sich solche Rahmungen erzeugen lassen. Wir wissen dann: Auch wenn ich mir hier zeige, auch wenn ich hier meinen Mitmenschen mit mit selbst oder mit ihm selbst konfrontiere, wird uns beiden hier nichts passieren. Genauer: Uns wird jede Menge miteinander passieren! – Aber eben nichts, wovon wir uns vernichtet fühlen, nichts, das uns nachhaltig schadet, niederdrückt, zerstört. Vielmehr schaffen wir in solchen Beziehungen gemeinsam neue Realitäten; Realitäten, die wir beide jeweils für uns allein niemals hätten betreten können. Von denen wir vielleicht nicht mal geahnt haben, dass sie überhaupt existieren.

Ob das dann noch „Mut“ braucht? Ich bin nicht sicher. Ich glaube: Ja. – Aber eben nicht mehr so viel Mut, dass der Wunsch, dergleichen möge häufiger geschehen, eine menschliche Überforderung wäre.

Der Genuss anderer Menschen / Die Abscheu vor anderen Menschen

Das kleine schmutzige Geheimnis sowohl glücklicher als auch unglücklicher Langzeitbeziehungen besteht ja darin, dass es gar nicht so sehr „der Andere“ ist, den wir genießen oder verabscheuen, sondern vielmehr das, was es aus uns selber macht, wenn wir mit diesem Menschen zusammen sind.

Mit dem Anderen genießen oder verabscheuen wir uns also „selbst“. Weil wir die Zustände lieben, in die uns das Zusammensein mit DIESEM bringt. Weil wir die Zustände hassen, in die uns das Zusammensein mit JENEM bringt. Die Gründe für diese Liebe und jenen Hass können recht unmittelbar sein: gute Gefühle, unerfüllte Bedürfnisse. Sie können aber auch in pauschalen Bewertungen stecken, in Übertragungen und prinzipiellen Urteilen.

Das Geheimnis der Transformation von Abscheu in Genuß und Liebe in Hass scheint darin zu liegen, sich selbst auf die Schliche zu kommen: Wo Denken war, kann Unmittelbarkeit werden.

Wer sich im Zusammensein mit Anderen genießen kann, schätzt andere Menschen. Wen das Zusammensein mit Anderen „in Zustände“ bringt, der muss sie fürchten und flüchten. – Oder runtermachen, verachten und hassen.

Selten bis nie sind Menschen, die gerade in einem veritablen Menschenhass brutzeln, selbst sonderlich glückliche Menschen. Und genauso selten sind Menschen mit einem ausgeprägten Menschengenuss gerade mit sich selbst sonderlich unglücklich.

Wie immer kollabiert die Entgegensetzung von „Egoismus/Altruismus“ bei näherer Auseinandersetzung.

Wann fühlen wir Menschen uns sicher?

Die größte Leistung des 20. Jahrhunderts liegt nach meinem Empfinden nicht auf technischem Gebiet. Sie liegt vielmehr auf sozialem Gebiet, genauer: auf zwischenmenschlichem. Sie liegt für mich darin, einen neuartigen Sicherheitsbegriff zustande gebracht zu haben.

Bis ins 20. Jahrhundert hinein verstand man Sicherheit v.a. als „Abwesenheit von Gewalt“; und dabei wurde „Gewalt“ sehr handfest verstanden: Wenn Menschen andere Menschen körperlich verletzen, sie töten oder mit der Androhung von körperlicher Gewalt zu Verhalten zwingen, dass sie sonst nicht gezeigt hätten.

Ich persönlich schätze diesen nüchternen, handfesten Gewaltbegriff sehr. Er ist nicht so fuzzy und waberig wie einige andere. Und er macht unmittelbar deutlich, wie verwundbar wir alle sind. Wir Menschen sind von Natur aus ziemlich „weiche“ Wesen, die sowohl phsyisch wie psychisch leicht verletzt werden können.

Die Weiterentwicklung unseres Begriffs von menschlichem Sicherheitsempfinden im 20. Jahrhundert ging durch seine Kopplung an den Gewaltbegriff mit einer Erweiterung dieses Gewaltbegriffs einher: Wir begannen zu verstehen, dass wir als antizipierende Wesen nicht unmittelbar von Gewalt betroffen oder bedroht sein müssen, um uns gewaltsam eingeschränkt und fundamental verunsichert zu fühlen.

Besonders Schüler von Carl Rogers haben sich bei dieser Erweiterung unseres Verständnisses menschlicher Sicherheit hervorgetan. Sie erweiterten den Gewaltbegriff so, dass er an seine nüchterne, handfeste „Basis“ gekoppelt bleibt, und dennoch unserer grundlegenden Verbundenheit und wechselseitigen Abhängigkeit Rechnung trägt. Sie fingen an, Gewalt so zu verstehen, dass sie zentral in der Abwesenheit von Empathie und Verständnis besteht. Das macht sich auch darin bemerkbar, dass man uns Menschen eine Art systematischem Anti-Empathie-Training unterziehen muss, wenn man uns zur gewohnheitsmäßigen Ausübung von Gewalt erziehen will.

Für die Frage danach, „wann wir Menschen uns sicher fühlen“, bedeutet dass, dass wir positiv bestimmen können, was wir für unser menschliches Sicherheitsempfinden benötigen: Um uns sicher zu fühlen, müssen wir Menschen sicher mit Empathie rechnen können. Empathie darf in einer menschlichen Gesellschaft keine „knappe Ressource“ sein, damit wir uns in ihr sicher fühlen und nicht aus Sicherheitsmangel tausend Verrücktheiten entwickeln.

Dabei ist es auch wichtig zu verstehen, dass Empathie sehr unterschiedliche Gesichter haben kann, sehr unterschiedliche Formen annehmen kann. Und alle haben gemeinsam, dass wir in ihnen unmittelbar aufatmen und entspannen. Auch: neue Spielräume für eigenes Denken und Handeln gewinnen. Weil wir uns in ihnen von anderen Menschen „verstanden fühlen“. Wir fühlen uns dadurch befreit. – Es entsteht zugleich ein positiver Freiheitsbegriff, der weit über das Negative: „frei von Einschränkungen“ hinaus geht. Wir Menschen brauchen andere Menschen, um uns frei zu fühlen. Doch gerade das macht uns so überaus „verwundbar“. Denn finden wir bei unseren Mitmenschen keine Empathie, oder können wir nur sehr unsicher mit Verständnis rechnen, so werden wir überaus unfrei. Und manchmal sagen wir dazu eben auch: „Das macht mich verrückt“.

Die große Entdeckung des 21. Jahrhunderts steht dagegen noch aus: Dass Empathie systematisch erzeugbar ist in einer Gesellschaft. Dass sich das Empathieniveau unseres Miteinanders durch geeignete Verfahren und Institutionen systematisch immer weiter anheben lässt. – Bis auf jenes Niveau, auf dem die Dinge für uns „kippen“.

Dass unser menschliches Sicherheitsgefühl allgemein und verlässlich werden könnte, ist verbunden mit einer Wiederentdeckung, mit einem Rückgriff ins 5. Jahrhundert v. Chr.: Denn dort finden wir jene Institutionen, die wir brauchen, um uns miteinander sicher zu fühlen. Sicher, gehört zu werden. Sicher, sprechen zu können.

Auch wenn die Formen der Demokratie, die die Menschen damals für sich fanden, in einigen Punkten „Macken“ hatten, gerade wenn wir auf die zentrale Bedeutung von Empathie für uns Menschen achten, so zeigten sie uns doch für alle Zeit, wie wir uns praktisch mit allen in eine verlässliche Beziehung bringen können.

Und auch das Scheitern jener antiken Formen von Demokratie ist produktiv für uns: Denn es ermöglichst uns, ähnliche Fehler nicht noch einmal zu wiederholen.

Der neuartige Sicherheitsbegriff, den das 20. Jahrhundert hervorgebracht hat, ermöglicht es uns, den institutionellen Impuls der Antike aufzugreifen, und eine „empathische Gesellschaft“ zu schaffen, in der keiner von uns keinen von uns fürchten muss. In der für uns alle die Sicherheit gegeben ist, gehört zu werden, wenn wir fühlen, dass wir gehört werden müssen. Die Sicherheit, dass „wir zur Sprache kommen“, wann immer bei uns Bedarf an Empathie auftritt. Eine Gesellschaft mit sichergestellten hohen Empathieressourcen, die für uns alle zugänglich und zuverlässig verfügbar sind.

Nach meiner Einschätzung geht das einher mit einer drastischen Abnahme des gesellschaftlichen Bedarfs an professionellen Therapeuten und Coaches. Wahrscheinlich nicht auf Null, aber doch deutlich unter das Niveau von heute.

Denn eine Gesellschaft, in der wir uns wechselseitig gewohnheitsmäßig verunsichern, ist eine Gesellschaft mit einem auffällig hohem menschlichem Therapiebedarf und einem überaus interessantem, merkwürdigem Begriff der menschlichen Psyche.

Ist hingegen die Sicherheit empathischer Beziehungen gegeben – behauptet die empirische Menschenforschung -, dann haben wir die höchste Lebenserwartung und erleben wir das größte Glück.