Gegen das Losverfahren = Gegen Demokratie

Gegen das Losverfahren kann man eigentlich nur sein, wenn man mit Demokratie an sich ein Problem hat.

Also damit, dass die Bürger als Bürger wirklichen Einfluss auf die Politik ihres Staates haben. Dass sie alle gleichen Einfluss haben. Und dass jeder Bürger ein potentieller aktiver Politiker ist.

Manchmal wird gegen das Losverfahren angeführt, es würde eine Art Fremdbestimmung oder fehlende Kontrolle in die Politik bringen. Dabei ist gerade das Gegenteil der Fall: Im Moment, ohne den Einsatz des Losverfahrens, leben wir im Zustand allgemeiner politischer Fremdbestimmung und fehlender demokratischer Kontrolle über unsere Politik.

Dieses Missverständnis beruht meiner Ansicht nach auf einem Missverständnis dessen, was eigentlich das Prinzip der Demokratie ist: Exakt gleicher politischer Einfluss aller Bürger.

Diese völlige politische Gleichheit der Bürger kann aber tatsächlich nur durch den Zufall, eben durch das Los erreicht werden, und durch kein anderes politisches Verfahren. Die Annahme, dass z.B. das Verfahren „ein Bürger –> eine Stimme für eine Partei/für eine Person“ politische Gleichheit erzeugen könne, ist so naiv und so gründlich durch die Realität widerlegt, dass ich mir manchmal an den Kopf fasse, wie wir nach all dem, was wir politisch schon hinter uns haben, noch ernsthaft an diesem Verfahren festhalten können? Sehen wir nicht, was vor sich geht? Ist es uns wirklich völlig gleichgültig, dass der politische Einfluss so dermaßen ungleich zwischen uns als Bürgern verteilt ist, wie das momentan der Fall ist? Dass eine reine Parteienwahldemokratie eine sehr weitgehend undemokratische Sache ist, weil sie uns Bürger sehr weitgehend unterschiedlich großen Einfluss auf die Politik verschafft?

Werden die bestimmenden Menschen hingegen per Los aus der Bürgerschaft ausgewählt, hat jeder von uns die exakt gleiche Chance, Einfluss auf das Gemeinwesen zu nehmen. Ganz automatisch ist dann keiner von uns mehr politisch privilegiert, noch können sich jemals wieder politische Privilegien wieder neu herausbilden. Vor allem dann nicht, wenn man solchen gelosten Gremien Weisungsmacht und personelle Kontrolle über gewählte Berufspolitiker zukommen lässt. – Eine solche Lösung ist schlichtweg eins: Sie ist schlau.

Und sie ist auch nicht neu: In der ersten Demokratie der Menschheitsgeschichte wählte man genau diese Lösung, um politische Privilegien systematisch zu vermeiden.

Der Entspannungseffekt einer solchen Institution auf die Bürgerschaft ist gewaltig: Weil sich jeder sicher sein kann, dass kein anderer mehr ihm gegenüber bevorzugt wird, können alle auf entspannte Weise an der Politik teilnehmen. Jeder hat die Sicherheit, wirklich „die gleiche Stimmkraft“ zu haben. Jeder hat die Sicherheit mit seinen Anliegen gehört und vertreten zu sein.

Das gilt vor allem für den großflächigen Einsatz des Losverfahrens: Auf allen Ebenen und regelmäßig, als feste, verfassungsmäßige, demokratische Institution. Denn so werden wir alle regelmäßig zu Politikern. Nicht, weil wir uns darum „bewerben“. Nicht weil wir genügend Geld einsammeln, nicht weil wir besonders toll reden können und nicht weil wir irgendwie eine politische Hausmacht aufgebaut haben. Sondern schlicht weil wir Bürger sind. Alle gleichermaßen.

Der Kampfcharakter in der Demokratie wäre mit einem Male dahin. Eine entspanntere, konstruktivere, lösungsorientiertere und auch sachlichere politische Kultur würde sich mit einem Male breit machen. Die Bürger hören einander dann wechselseitig zu. Sie hören auch Experten zu Sachthemen offener zu. Weil jeder für sich und für das Gemeinwesen in der Politik da ist und nicht „für eine Partei“. Das ganze Agonale und Kompetitive wäre mit einem Schlag aus der Politik verbannt. Also genau dasjenige Moment, das derzeit verhindert, dass wir gemeinsam zu guten und sachgerechten und Lösungen kommen in unserer Politik. Politischen Lösungen, die von einem tieferen Verständnis getragen sind, was bestimmte politische Entscheidungen jeweils für ganz unterschiedliche Mitbürger in ihren alltäglichen Lebensvollzügen bedeuten. – Ich bin fest davon überzeugt, dass wir nach der Einführung des Losverfahrens auf allen politischen Ebenen rückwirkend nicht mehr verstehen können werden, warum wir das jemals anders gemacht haben. Oder warum wir das Losverfahren nicht bereits viel früher eingeführt haben. Wie wir ohne Einsatz des Losverfahrens jemals auf die Idee kommen konnten, unser momentanes politisches System „Demokratie“ zu nennen.

Warum wir darauf verzichten, vom Losverfahren großflächig Gebrauch zu machen, ist mir daher ein vollkommenes Rätsel.

 

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Geben und Nehmen

Adam Grant’s Ted Talk zu „Give and Take“ ist schon lange eine feste Bezugsgröße in meinen Gedanken. Das spiegelt sich nicht nur in der Menge an Artikeln, in die ich ihn hineinverwurstet habe. Auch in meinen Coachings „kommt mir immer mal wieder der Grant hoch“. Bevorzugt bei der Vielzahl an Kunden, die „Geber-Verhalten“ mit schlechter Selbstsorge verwechseln. Die sich also auch dort auf eine mechanische, reflexhafte Weise kooperativ verhalten, wo sie dafür immer wieder „auf’s Maul bekommen“. Menschen, die ihr Verhalten aus ethisch-moralischen Gründen nicht anpassen, obwohl sie sich selbst dadurch massiv und dauerhaft selbst schädigen, sind viel verbreiteter als man meinen könnte. – Aber man muss wohl einen Beruf wie Coach, Therapeut, Sozialarbeiter oder Arzt haben, um die volle Breite, Tiefe und Größe des ethisch motivierten menschlichen Elends vor Augen haben zu können.

Und obwohl ich aus institutionenethischen, strukturellen Gründen auch Zweifel an Grant’s individualethischem Ansatz habe (voll ausformuliert hier), bleibt Grant für mich ein guter Bezugspunkt und ein dauerhafter Auslöser von neuen Gedanken, Sichtweisen und Handlungsansätzen.

Das hat sich nun noch einmal neu bestätigt, als mir ein guter Freund, selbst ein eingefleischter „Giver“, Adam Grant’s Buch „Geben und Nehmen“ überlassen hat.

Mit dem, was ich dort finde, lässt sich noch einmal klarer sagen, was mir die Summe der Verbindung von Individualethik und Institutionenethik zu sein scheint:

Die Individualethik, wenn sie menschlich und nicht übermenschlich gestrickt ist, sucht systematisch Verhaltensweisen und Praktiken, die eine Gleichzeitigkeit von Bei-Sich-Sein und Beim-Anderen-Sein anstreben. Natürlich gibt es immer wieder auch indvidualethische Ansätze, die „Selbstlosigkeit“ für erstrebenswert halten. Doch diese Ansätze sind für viel Leid in der Welt verantwortlich, indem sie den Umstand aus der Rechnung streichen, dass wir alle keine bedürfnis- und gefühllosen Götter sind.

Die Institutionenethik sucht systematisch nach Verfahren, Institutionen, Gesetzen und politischen Maßnahmen, die es uns leichter anstatt schwerer machen, das individualethische Bei-Sich-Sein UND Beim-Anderen-Sein realisieren zu können.

In diesem Sinne verstehe ich z.B. auch das demokratische Losverfahren vor allem als eine menschliche Entlastung. Wenn ich in Rechnung stelle, dass wir in der Politik alle Empathie voneinander wollen, und dass das unter heutigen, modernen Bedingungen zugleich einen wirklich gewaltigen Aufwand für uns alle bedeutet, dann kann ich wahrnehmen, dass wir uns durch die Einführung des Losverfahrens das Leben leichter machen. Weil wir es mit dem Losverfahren für uns weniger anstrengend und aufwändig machen, den erhöhten Bedarf an Empathie zu decken, der typisch für die Moderne Gesellschaft ist. Im direkten, unmittelbaren, ruhigen Gespräch ist es leichter für uns Menschen, empathisch miteinander zu sein, als in medial vermittelter Kommunikation. Wir können uns leichter ineinander hineinversetzen. Und wir spüren leichter, worum es dem anderen wirklich geht, was also die eigentlichen Bedürfnissen hinter unseren manchmal ungeschickten Worten sind. Wir können wechselseitige Missverständnisse leichter erkennen und leichter gerade rücken.

Diese Erleichterung von Empathie durch das Losverfahren ist – institutionenethisch gesehen – zugleich eine Wahrscheinlicher-Machung von bürgerschaftlicher Empathie. Um nicht zu sagen: Eine gezielte Kultivierung von Empathie zwischen uns als Bürgern.

Die Institutionenethik ist ein zutiefst menschlicher Ansatz, weil sie systematisch berücksichtigt, dass gewünschtes ethisches Verhalten („Geber Verhalten“) nicht nur und nicht immer lustvoll ist, sondern oft auch sehr kostspielig, wenn nicht sogar selbstschädigend.

Indem wir „Politik machen“, also unsere gesellschaftlichen Institutionen bewusst so formen, dass Geber-Verhalten für uns alle weniger kostspielig, weniger heroisch, weniger märtyrerhaft wird, ersetzen wir also keine indvidualethischen Ansätze wie den von Adam Grant. Sondern wir machen es wahrscheinlicher, dass solche individualethischen Ansätze allgemein praktiziert werden. Weil die Zahl an selbstmörderischen Helden der Ethik an allen Orten zu allen Zeiten klein ist, braucht es nicht nur die Individualethik, sondern auch die Intitutionenethik. – Denn mit diesem universellen Mangel an Heldentum kann man glücklicherweise ganz fest rechnen. 😉 Es braucht die Institutionenethik und ihre praktische Umsetzung als Politik, weil es ein erstrebenswertes Ziel ist, sich sozial und zugewandt verhalten zu können, ohne darüber selbst unterzugehen. Die Politik ersetzt die individuelle Ethik nicht, sondern sie unterstützt sie systematisch, indem sie ethisches Verhalten für uns weniger kostspielig und deutlich lustvoller macht.

Die Hoffnung der Politik ist es, dass wir unsere Institutionen bewusst so formen können, dass aus gegeben Nullsummenspielen („Win-Lose“) in unserem Alltag Situationen werden, die es uns leichter machen, uns von unseren Konkurrenzneigungen zu lösen und auf Kooperation und Zugewandtheit umzustellen. Die Hoffnung der Politik besteht in der Möglichkeit, dass wir Win-Win-Spiele systematisch etablieren können. Und dass wir überall dort, wo Win-Win gerade nicht der Fall ist, „institutionell nachbessern“ können. Dass wir in solchen Situationen also nicht nur Akte heroisch-individualethischer Selbstaufopferung als Optionen zur Verfügung haben. Denn das wäre die klassische, tragische Konstellation, die von der Politik gerade aufgelöst werden soll und kann.

Politik ist „Institutional Engineering“ im Namen der Erleichterung ethischen, wünschenswerten Verhaltens, das dann eben nicht verlogen oder gar ausbeuterisch ist, sondern das voll und ganz das Wohlergehen auch desjenigen Menschen umfasst, von dem wir uns gerade wünschen, dass er sich bitte auch empathisch mit seinen Mitmenschen verhalten möge.

An diesem systematischen Blick, an diesem politischen Blick: „Wer aber hilft dem Helfer?“ fehlt es in unserer Gesellschaft mit ihren unmenschlichen Bildern vom Menschen noch ganz gewaltig.

Selbstempathie und Empathie mit Anderen werden durch gute Politik aus ihrem Gegensatz gegeneinander gebracht. Aus einem gewissermaßen künstlichen Gegensatz. Denn schaut man zunächst nur auf den Menschen als soziales und biologisches Wesen, dann sind Selbstempathie und Empathie mit Anderen eben gar keine Gegensätze, sondern bedingen und befeuern sich wechselseitig.

Dass solches Institutional Engineering gerade wegen der großen Unterschiede zwischen uns als Bürgern heutzutage nur noch sehr streng demokratisch erfolgen kann, setze ich dabei voraus. Denn was kostspielig ist und was wünschenswert ist, das können heute nur die Bürger selber wissen, und keine professionelle politische Repräsentanz der Bürgerschaft. Zu groß sind die Unterschiede und Individualitäten, als dass irgendein „weiser Politiker“ oder irgendeine „großherzige Partei“ wissen könnte, was die Bürger wirklich wollen und brauchen. Nur die Bürger selbst können gehaltvolle Aussagen dazu machen, was sie brauchen, um in ihrem Alltag leichter empathisch mit ihren Mitbürgern sein zu können. Nur die Bürger selbst können sich miteinander darüber sinnvoll austauschen, welche institutionellen Veränderungen ihnen die Verbindung von empathischem und selbstempathischen Verhalten im Alltag erleichtern werden (- und welche ihnen das erschweren würden).

Die Formung der eigenen gesellschaftlichen Institutionen so, dass empathisches Verhalten im Alltag für uns leichter und daher wahrscheinlicher wird, ist die zentrale und nicht-delegierbare Aufgabe von uns als Bürgern.

Entscheidend verbunden

Ein Aspekt, der Bürgerkonvente im Losverfahren besonders charmant macht, ist, dass durch sie in dem Moment, in dem verbindliche Entscheidungen getroffen werden, die für alle Bürger Auswirkungen haben, bewusst Beziehungen zwischen den Bürgern gestiftet werden.

Ob bei einer politischen Entscheidung dieser empathische Kontakt zwischen den Bürgern vorhanden ist oder nicht, ist ein sehr zentraler Faktor für die Qualität des politischen Entscheidens. Oder, um es mit den Worten dieses Artikels über die lokale Demokratie in Barcelona zu sagen: Empathy is a political value.

Bürgerkonvente stiften diese Empathie zwischen Bürgern im Moment des politischen Entscheidens systematisch: Indem direkter, unmittelbarer Kontakt da ist. Indem Raum da ist, einander zuzuhören. Indem unserer ganz natürlichen Neigung zu Fraktions-, Fronten-, Lager- und Parteibildung sehr bewusst entgegengewirkt wird. Usw.

Ob gemeinsame Entscheidungen in großer empathischer Verbundenheit oder ganz ohne eine solche getroffen werden, ist ein Unterschied, der so groß ist, dass man seine Bedeutung gar nicht übertreiben kann. – Hier ein Artikel, der das Thema etwas länger und breiter auswalzt, anhand der unterschiedlichen Handhabung des Gruppen-Entscheidungstools „Systemisches Konsensieren.“

Das Elegante an ausgelosten Bürgerkonventen ist aber außerdem: Diese Verbundenheit wird punktgenau für den Moment des gemeinsamen Entscheidens erzeugt. Und das heißt auch: Die Bürger dürfen (und sollten vielleicht auch!) sich nach dem Prozess der Bürgerkonvents wieder „entbinden“, d.h. die Bürger dürfen sich danach wieder in ihre verschiedenen privaten Milieus, Bubble, Nischen, Welten zerstreuen.

In Bürgerkonventen kommen wir aus all diesen, sehr verschiedenen privaten Welten gezielt zusammen. Und wir verbinden uns in ihnen auch sehr bewusst und sehr schnell als Bürger: In einer ungewohnten emotionalen Tiefe dafür, dass wir ja eigentlich alle „Fremde“ füreinander sind. – Dieser Effekt ist bei solchen Formaten wieder und wieder und wieder beobachtbar und spürbar. Er tritt also absolut zuvelässig auf. Bürgerkonvente sind politische Empathiemaschinen. Empathie auch zwischen völlig fremden Menschen (und manchmal gerade zwischen diesen) kann sich unter dafür geeigneten Rahmenbedingungen sehr schnell aufbauen.

– Und auch sehr schnell wieder auflösen. Denn wir vermischen in gelosten Bürgerkonventen eben auch nicht das Private und das Politische. Beide Sphären bleiben getrennt. Nur weil wir in und während der Bürgerkonvente empathisch miteinander verbunden sind, sind wir es vorher und nachher noch lange nicht. Zumindest nicht auf privater Ebene. Die gehaltvolle Beziehung besteht nur im Raum des Politischen und bleibt dort. Sie besteht im Moment des gemeinsamen Entscheidens, aber nicht über ihn hinaus.

Auf einer höheren, gesellschaftlichen Ebene sind Bürgerkonvente dagegen durchaus als Mittel zu sehen, um die Gesellschaft besser mit sich selbst zu verbinden. Und so „verbundene Entscheidungen“ treffen zu können.

Denn politische Entscheidungen, die ja erstmal immer für alle Bürger „verbindlich“ sind, können dieses Verbindlichkeiten in der Umsetzung nur dann auch wirklich durchhalten, wenn sie aus einer Verbundenheit heraus getroffen worden sind.

Wird gesellschaftlich nicht in diese Verbundenheit investiert (lässt man also Losverfahren und Bürgerkonvente im Prozess des politischen Entscheidens einfach weg), so werden politische Entscheidungen getroffen, die zwar verbindlich sein sollen, die aber im Nachhinein in Frage gestellt werden; werden können; und oft auch in Frage gestellt werden müssen.

Politisches Entscheiden ist eigentlich überhaupt nur in völliger, momentaner Verbundenheit der politôn, der Bürger möglich. Bürgerschaftliche Verbundenheit ist etwas anderes als private Verbundenheit. Es ist wichtig zu verstehen, dass diese politische Verbundenheit gezielt hergestellt werden kann, wann immer wir sie brauchen, um gemeinsam gute Entscheidungen zu treffen. Und es ist wichtig zu verstehen, dass wir sie gezielt herstellen müssen, wenn wir sie brauchen. Dass sie sich also nicht von allein herstellt oder einfach von sich aus „schon da ist“.

 

Institutionenethik als menschliche Hoffnung

Die Grundeinsicht der Institutionenethik lässt sich salopp folgendermaßen zusammenfassen:

Unter Umständen verhalten sich Menschen großartig.

Unter Umständigen verhalten sich Menschen schrecklich.

– Warum zur Hölle sprechen wir also nicht einzig und allein über die gemeinsame Gestaltung von Umständen?

Die Beobachtung der drastischen Wechselhaftigkeit menschlichen Verhaltens ist so alt wie die Menschheit selbst. Wir finden ausführliche Varianten oft im Kontext von „Zivilisationsverfall“, also wenn Kriege oder Bürgerkriege ausbrechen und „gute Menschen“ plötzlich Verhaltensweisen an den Tag legen, „die man ihnen so gar nicht zugetraut hätte“. Bei Thukydides im Peloponnesischen Krieg findet sich z.B. so eine Textpassage, inklusive Sprachanalyse, das, was im friedlichen Zustand eine Tugend genannt wurde, nun im Krieg als Laster gilt. Dass sich also auch das ganze Denken und die Bewertungen von Verhalten mitändern, wenn sich die Verhältnisse ändern. Und also gerade auch aus dem Denken in solchen Situationen keine Hilfe zu erwarten ist. Es ist vielmehr der anfälligste und verletztlichste Teil der menschlichen Natur, wenn gesellschaftliche Verfallsdynamiken einsetzen. Das Denken ist unser „Anpassungsorgan“, keine Größe, aus der Stabilität zu gewinnen ist. Wir könnten auch sagen: Denken ist reaktiv, nachträglich, nicht der gestaltende Teil in unserem menschlichen Laden.

In hoffnungsvoller Variante, mit einem Fokus auf die bewusste Gestaltbarkeit der Umstände in Form menschlicher Institutionen finden wir die Institutionenethik in der Neuzeit erstmals bei Thomas Hobbes, dem größten Optimisten unter den Politischen Philosophen. Bei Hobbes wird versucht, dem Denken einen aktiven und gestaltenden Part zurückzugewinnen. Aber eben nicht auf der Verhaltensebene. Sondern sozusagen auf einer „Metaebene“. Hobbes erkennt uneingeschränkt an, dass wir als Menschen dazu neigen, in Denken, Sprechen und Verhalten „Opfer der Umstände“ zu werden (und deswegen wird er manchmal für einen philosophischen Pessimisten gehalten). Aber er sagt zugleich: Wir haben als Menschen die Möglichkeit, die Umstände anzupassen, und so, indirekt, auf uns selbst einzuwirken. Er etabliert das Denken der Gestaltbarkeit einer institutionellen Reflexivität: Durch Institutionen können wir in wünschenswerter Weise auf uns selbst Einfluss nehmen. Und hier hat das Denken durchaus einen aktiven Raum, weil die Frage möglich ist: „Wie müssen die Institutionen sein, damit wir uns wünschenswert verhalten können?“ – Tritt dann unerwünschtes Verhalten aus, heißt es in dieser institutionenethischen Denken systematisch immer: Don’t blame people, blame institutions! Der Auftritt unerwünschten Verhaltens wird als Einstieg in die Reflexion über die Umstände überführt, unter denen dieses Verhalten aufgetreten ist. Das der Institutionenethik zugrundeliegende Menschenbild ist damit keineswegs „optimistisch“, wie manchmal missverstanden wird. Zumindest nicht im Sinne von „Alle Menschen sind im Grunde ihres Herzens gut“. Sondern das Menschenbild der Institutionenethik ist umständemäßig flexibel. Institutionenethiker haben keinerlei Probleme damit wahrzunehmen, in welche verrückten und bösartigen Zustände wir als Menschen alle kommen können, wenn die Umstände mies sind. Aber genausowenig muss der Institutionenethiker leugnen, wie gütig, kooperativ, fantasievoll, entwicklungsfähig, usw. wir Menschen allesamt sein können. Im Grunde hat der Institutionenethiker also gar kein „Menschenbild“ im herkömmlichen Sinne. Er schaut auf die Wandelbarkeit des Menschen, nicht auf Fixierungen und Verallgemeinerungen davon, wie wir alle eben nur manchmal, unter bestimmten Umstädnen sind.

Die Einsichten der Institutionenethik sind so universell, dass sie immer wieder neu entdeckt und neu formuliert werden, einfach, weil die „umständehalber“ Wandelbarkeit des Menschen selbst eine universelle und beobachtbare Tatsache darstellt. – Heutzutage kann man z.B. Unternehmer finden, die für sich das institutionenethische Denken entdeckt haben und es in ihrem Unternehmen konsequent umsetzen.

Die Primärumstände für alle Menschen sind dabei zunächst: Andere Menschen. Das gilt schon entwicklungspsychologisch. Und zwar insofern als alle Menschen – im artenübergreifenden biologischen Vergleich gesehen – „Frühgeburten“ sind und der empathischen Sorge und liebevollen Zuwendung anderer Menschen bedürfen, um überhaupt überleben und mehr noch: um überhaupt zu Menschen werden zu können.

Ich gehe davon aus, dass dieser Prozess nicht mit der Kindheit abgeschlossen ist. Dass also der menschliche Bedarf an emotionaler Spiegelung nicht einfach komplett „internalisiert“ werden kann und und ab da stabil läuft wie das Betriebssystem einer Informationstechnologie, in das nie wieder ein neues Programm eingebaut wird. – Nicht nur ein Kaspar Hauser wird mindestens „wunderlich“, wenn er über lange Zeit keine passsende emotionale Zuwendung durch andere Menschen bekommen hat, sondern auch ein Robinson Crusoe, wenn er keinen Freitag hat oder in Freitag keinen Freund findet. Wir Menschen sind für einsame Inseln nicht gemacht, sondern in jeder Hinsicht „hypersoziale Lebewesen“. Gute Gesellschaft ist eine Minimalanforderung für menschliches Leben und mehr noch für Menschlichkeit im engeren Sinne: Für empathisches Verhalten.

Die psychologische Einsicht in die hypersoziale Grundstruktur von Menschen – und damit eben auch in unsere ethische Verletzlichkeit – verträgt sich sehr gut mit dem eher politischen Zugang der Institutionenethik. Wir neigen dazu, einander als „Institutionen für uns“ zu denken, was dann in die üblichen Probleme der „doppelten Kontingenz“ führt: Ich denke mir Dich stabil und unveränderlich, um mein Verhalten an Dir auszurichten. Doch Du denkst Dir zugleich mich stabil und unveränderlich, um Dein Verhalten an mir auszurichten. – Da wir beide aber eigentlich „umständehalber veränderliche“ sind, erfahren wir einander niemals so „wie wir wirklich sind“, sondern immer nur so, wie wir sind, wenn wir auf diese Weise zusammen sind.

Unser Grundapparat, die Welt denkend zu erfassen, steigt schon bei diesem Komplexitätsgrad (also dem der doppelten Kontingenz) aus, vor allem dann, wenn wir gerade „in Aktion sind“. Das heißt: Operativ betrachten wir andere Menschen in der Regel als umstände-unabhängige, autonome Größen, was regelmäßig zu moralisierender Kommunikation führt: Schuldzuweisungen, die eigentlich auf das Verhalten bezogen sind, aber vom Adressaten dieser Kommunikation zuverlässig auf die Person als Ganze bezogen werden. Moralisierende Kommunikation hat deswegen so gut wie nie die Effekte, die wir mit ihr erzielen wollen, weil sich der, dem wir sie um die Ohren hauen, dabei auf sehr fundamentale und lebensbedrohliche Weise angegriffen fühlt. Wir glauben dabei zwar nur zu sagen: „Bitte änder dieses Verhalten!“ Doch was der andere hört, ist jedes Mal: „Ich verurteile Dich als kontaktunwürdig! Wenn Du so weitermachst, ist eine weiter Beziehung ausgeschlossen! Ich bedrohe Dich hiermit mit dem Ausschluss aus meiner Wir-Gruppe!“ Wenn man versteht, wie fundamental Zugehörigkeit für uns Menschen ist, hat man kaum weitere Fragen daran, warum moralisierende Kommunikation nicht funktioniert. Leider hilft diese Einsicht im Alltag nur wenig weiter. Denn kaum ist man mitten in der Beziehungsaction, schon hat man sie vergessen. – Ich selber bin ein ganz besonderer Held bei dieser Sache. Fragen Sie einfach mal meine Frau oder meinen Sohn.

Wir spiegeln uns als ständig wechselseitg. Und bei diesem Spiegeln gibt es „kein Anfang und kein Ende“. Es ist „zirkulär“, wie die Systemiker sagen. Jede Beziehung ist ein Beziehungssystem, schon in den ersten Milisekunden seines Enststehens. Jedes „der andere hat aber angefangen!“ ist eine Illusion, deren einzige Absicht die Rechtfertigung eigenen Verhaltens ist, das man selbst für fragwürdig hält oder von dem man befürchtet, dass es zur Infragestellung der eigenen Beziehungswürdigkeit führen könnte (Bedrohung durch Moralkommunikation, man erinnert sich).

Oft wird das im Alltag so gewendet, dass „man ja bei sich selbst anfangen könne“. – Und in gewisser Hinsicht stimmt das ja auch: Da wir wichtige Umstände für unsere Mitmenschen sind, hat unser eigenes Auftreten weit mehr Gewicht und „Impact“ auf das Verhalten anderer, als die meisten von uns sich in ihrem Alltag bewusst sind. Wir können uns also – rein theoretisch – selbst „zu Umständen machen“, an denen sich andere Menschen dann ausrichten und orientieren können. „Führung“ oder „Intitiative“ nenne wir das dann.

Mit diesem „fang doch einfach mal bei Dir selbst an“ gibt es nur leider ein klitzekleines Problem. Und mit der Institutionenethik bekommt man dieses Problem nicht nur systematisch in den Blick, sondern man kann auch Lösungen für den alternativen Umgang mit diesem Problem anbieten:

Wir alle sind keine Götter. Wir sind selbst so umständeabhängig, dass der ethische Imperativ „sei Du selbst der Wandel, den Du in der Welt sehen möchtest“ strukturell eine unmenschliche Überforderung ist. Und zwar für jeden von uns. – Der ethische Imperativ abstrahiert von den Umständen. Er fordert „Haltung“ gerade da, wo Haltung unwahrscheinlich wird. Er spricht einem moralischen Heroismus das Wort, an dem wir frustriert scheitern müssen. Und nicht selten steht am Ende der Entwicklung ganz besonders ausgeprägter Individualethiker ein menschenverachtender Zynismus. – Auch das ist nicht erstaunlich, sondern erwartbar: Wer die ethische Verletzlichkeit des Menschen ausblendet, wird eben zuverlässig davon enttäuscht, wie sich Menschen dann in Wirklichkeit verhalten.

„Warum reissen sich nicht alle einfach mal zusammen!?“ ist also keine sonderlich treffsichere oder wirksame Intervention in soziale Verhältnisse. Bzw.: Sie hat durchaus ihre Wirkungen. Nur eben wenig wünschenswerte.

Über die ganz unmittelbare Gestaltung unserer Alltagsbeziehungen hinaus, in denen wir heroisch versuchen können, „in Führung zu gehen“ und uns zu „guten Umständen“ für unsere Mitmenschen zu machen, gibt es eben noch eine zweite Interventionsform, die völlig anders ist als das, was wir im Privaten tun können: Die Politik.

Politik ist, wenn sie in ihrem Sinn voll erfasst wird, eine Interventionsform in Rahmenbedingungen menschlichen Verhaltens. Sie lebt von der Gestaltung der Umstände unseres privaten Alltagsverhaltens, die sie systematisch als „Institutionen“ auffasst. „Politik“ sagt also nichts anderes als „unsere Institutionen sind menschengemacht und daher durch uns als Menschen veränderbar.“ Politik ist eine gemeinschaftliche Intervention in die Gesellschaft, ohne solche gezielten Interventionen dazu neigt, Institutionen auszubilden, die zu wenig wünschenswertem Verhalten führen.

Politik ist daher für uns Menschen eine unverzichtbare Notwendigkeit. Wird Politik nicht praktziert, landen wir mit beobachtbarer Regelmäßigkeit alle miteinander in gesellschaftlichen Höllen.

Die Unterlassung von Politik führt dabei auch zuverlässig zu zwei Formen von Entfremdung, die einander wechselseitig befeuern:

Entfremdung von sich selbst.

Entfremdung von anderen.

„Entfremdung von sich selbst“ bedeutet, dass unsere Kommunikation mit anderen unwesentlich wird, umständlich und nicht mehr direkt auf die Dinge Bezug nimmt, die für uns individuell wirklich wichtig sind. „Unauthentisch“ sagen wir dazu auch manchmal. Da wir als Menschen äußerliche Bestätigung durch andere Menschen brauchen, um innere Eigenzustände überhaupt wahrnehmen und zu einem Teil unserer Welt machen zu können, ist unauthentische Kommunikation ein sicherer Weg, sich von sich selbst zu entfremden. Wir verheddern unser Bewusstsein dann in tausenderlei Dingen, ohne noch irgendwelche Prioritäten wahrnehmn zu können. Wir wissen gar nicht mehr, was für uns wichtig ist. – Wie verbreitet dieser Zustand „unauthentischer Kommunikation“ heutzutage ist, ist z.B. bei Thema „Bewerbung“ als „Kontaktanbahnung eines Arbeitsverhältnisses“ unmittelbar spürbar. Und zwar von beiden Seiten der Beziehung her. Wenn Sie ein paar tausend Menschen mal bei der Arbeitssuche darauf befragt haben, was ihnen bei ihrem nächsten beruflichen Schritt eigentlich wirklich wichtig ist (und was weniger), wissen Sie, was ich meine. – Über die Machtungleichheiten, Abhängigkeiten und damit verbundenen Ängste, die bei der Aufnahme von Arbeitsverhältnissen eine Rolle spielen, verlieren Menschen regelmäßig ihren inneren Kompass. Dass unglückliche Arbeitsehen die Regel sind, und zwar in einem weitaus höheren Ausmaß als das „eigentlich sein müsste“, ist von daher wenig verwunderlich. Wollte man das ändern, müsste man, eben: In die Institutionen intervenieren und „Politik machen“. Zwar kann man auch an die Individuen auf beiden Seiten appellieren und mit ihnen an der Verhaltenskorrektur arbeiten (und in der Tat lebe ich von genau dieser Tätigkeit), aber effektiver, stabiler und weitaus nachhaltiger wäre eben Politik.

Entfremdung von den anderen können wir auch „Fehlendes Fernstenfeedback“ nennen. Dabei meint „Fernster“ keinen Abstand in Kilometern, sondern eine emotionale Ferne: Andere Menschen sind „gefühlt“ kein Teil unserer Wir-Gruppe, obwohl wir beide Teil der gleichen Gesellschaft sind. Problematisch wird das allein deswegen, weil „Teil der gleichen Gesellschaft sein“ gleichbedeutend ist mit: Unser Verhalten hat wechselseitig Folgen füreinander (Doppelte-Kontingenz, again), aber wir haben keine Möglichkeit, die Umstände dieser wechselseitigen Beeinflussung so zu gestalten, dass das für uns beide gut ist.

Kurzgesagt entstehen genau auf diese Weise Kriege.

Die eigentliche Bedeutung der Entdeckung von Politik war daher die, dass es neben Kriegsführung überhaupt noch eine andere Weise gibt, in der wir Menschen sinnvoll aufeinander Bezug nehmen können, wenn zwischen uns schwerwiegende „Interessenskonflikte“ auftreten.

Das klingt weitaus trivialer als es eigentlich ist. Denn wenn wir heute in die von uns geschaffene Institutionenlandschaft schauen, dann sehen wir, dass wir die Möglichkeit der Beendigung von Kriegszuständen zwischen uns immer noch kaum systematisch ausschöpfen. Wir sind immer noch – ohne Not – kriegsführende Gestalten. Und wundern uns über das merkwürdige Verhalten „der anderen“.

Demgegenüber öffnet die Institutionenethik eine überaus hoffnungsvolle Perspektive. Sie sagt: Die Menschen, denen wir heute begegnen und die wir selber sind, müssen wir durchaus nicht sein. Wir können uns andere Institutionen erschaffen. Und mit ihnen werden wir andere. Ohne eine solche Politik bleiben wir allerdings genau das, was wir täglich aneinander erfahren. Wir haben die Wahl. Die Wahl unserer Institutionen.

 

 

Das Parteiendilemma

Viele glauben ja derzeit, die „konservativen“ Parteien in Europa müssten sich nur wieder beruhigen und einfach seriöse Politik machen, um Wählerstimmen zurückzugewinnen. Umfrageergebnisse wie zuletzt in Deutschland bestärken in dieser Annahme:

Ich glaube das nicht. Ich halte es für realistischer anzunehmen, dass alle politischen Parteien mittlerweile in einer Dilemma-Situation feststecken, die dafür sorgt, dass sie, ganz gleich was sie tun, Wählerstimmen verlieren und das Parteienspektrum immer mehr zersplittert, zerstückelt und zerfasert. Dass also die Zeit der „Volksparteien“ unweigerlich vorbei ist und auch nicht mehr zurückkehren wird.

Den Mechanismus hinter dieser Entwicklung stelle ich mir folgendermaßen vor:

Wenn Parteien extreme Meinungen vertreten, die eine hohe öffentliche Aufmerksamkeit garantieren, werden sie unwählbar für den gemäßigten Teil der Bevölkerung, der die Masse der Wähler ausmacht.

Wenn Parteien aber gemäßigte Meinungen vertreten, die keine Grenzüberschreitungen beinhalten, kein Skandalpotential, verlieren sie ihren Markenkern. Die unmittelbare Frage, die sich damit verbindet ist: „Wofür genau brauchen wir diese Partei nochmal genau? Wofür steht sie?“

Letzteres ist in Deutschland der SPD passiert. Die Annahme, konservative Parteien müssten einfach nur cool bleiben und seriöse Politik machen (was auch immer das unter heutigen Bedingungen genau heißen soll) ist daher insofern unzutreffend, als sich die Mechanismen der Öffentlichkeit verschoben haben: Wer auf „Staatspartei“ macht, indem er tendenziell kompromissfähige oder gemeinwohlorientierte Politik vertritt, marginalisiert sich genauso selbst, wie es eine Partei tut, die mit Extrempositionen und gezielten Tabubrüchen Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Das Neue unserer Situation liegt darin, dass man mit solchen Tabubrüchen überhaupt nennenswerte Wähleranteile gewinnen kann. Und da das so ist, und es in unserem Politiksystem für Parteien einzig und allein um die Maximierung ihres Anteils am Wahlabend-Stimmkuchen geht, wird auch immer irgendeine Partei da sein, die diese Tabubrüche für sich benutzt. Heutzutage wird immer irgendwer in Trump-Manier eine Kampagne fahren. Ganz einfach, weil es sich gezeigt hat, dass man auf diese Weise Wahlen gewinnen und nennenswerte Stimmenanteile auf seine Seite ziehen kann. Auch die Zahl der Macrons wird zunehmen, also Menschen, die mit Geld und Charisma, aber ohne eigene langjährig aufgebaute Parteibasis nach Wählerstimmen fischen. Aber auch diese neuen Akteure haben nur die Wahl zwischen „Inszenierung von Tabubruch“ und „Staatstragender Inszenierung“. Auch sie entkommen dem Parteiendilemma nicht:

Entweder vergrault man die Wählermassen dadurch, dass man zu pointiert, zu polemisch auftritt. Oder man vergrault sie dadurch, dass man zu wenig pointiert, zu versöhnlerisch auftritt. Möglichkeiten, Massen an Wählerstimmen zu gewinnen, „Mehrheiten“, gibt es nicht mehr. Auf diese Weise bekommt man systematisch ein zerstückeltes Parteienspektrum, das nach heftigen, polemischen Auseinandersetzungen („Bekämpfung des politischen Feinds“) wieder zu einer schiedlich-friedlichen Regierung zusammenfinden soll, in der nicht eine jede Partei der anderen das politische Messer in den Rücken zu bohren versucht. So wie früher. Falls es diese parteipolitik-ideale „Früher“ denn wirklich einmal gab.

Heute jedenfalls endet der Wahlkampf gar nicht mehr. Auch nicht, wenn die Wahl gelaufen ist. Und auch nicht, wenn man es selbst als Partei an die Regierung geschafft hat. Wer als Partei nicht immer schon auf die nächste Wahl schielt, verliert. Genauer: Wer seriöse Politik macht, verliert mehr. Wer wahlfixiert agiert, verliert auch, aber wahrscheinlich weniger als diejenigen die „brav bleiben“, weil sie noch nach den alten Regeln spielen.

Wir beobachten diese Entwicklung heute weltweit in Ländern mit fest etablierten Parteiwahlen, die davor jahrzehntelang recht gut funktioniert haben. Ich halte das Parteiendilemma daher für einen Systemeffekt, mit dem mittlerweile fest zu rechnen ist. Mit dem also auch vormalige „Volksparteien“ fest zu rechnen haben. – Nur hilft ihnen diese Einsicht in die neuen Spielregeln nicht viel, denn sie haben einfach keine guten Optionen mehr in diesem neuen Spiel.

Egal, was Parteien heute tun: Ob sie sich staatstragend geben oder ob sie vorspielen, sie seien „gegen das Establishment“ (um selbst ein Stückchen Establishment zu werden, aber eben nur ein Stückchen), sie können unter heutigen Bedingungen nur noch ein Stückchen vom Wahlkuchen gewinnen.

Dass wir daher „italienische Verhältnisse“ bekommen: Ein Parteiensystem mit immer noch mehr Parteien und keinerlei „Staatsparteien“ mehr „in der Mitte“, erscheint mir daher ausgemacht.

Nun könnte man sagen: Was ist denn so schlimm daran? Vielleicht ist das ja auch eine gute Entwicklung? Eine Belebung unserer Demokratie?

Schaut man aber heute nach Italien, wo es eine solche Situation schon etwas länger gab, sieht man, dass es unter heutigen Bedingungen nicht gerade eine wünschenswerte Situation ist, in einer Demokratie zu leben, die die gesellschaftliche Vermittlungslast Parteien aufbürdet. Also politischen Größen, die vom System dazu vorgesehen sind, gegen einander anzutreten und miteinander um Wählerstimmen zu konkurrieren – und die dann doch irgendwie, man weiß nicht wie zu einer stabilen Regierung zusammenfinden sollen.

Parteien können die fortgeschrittene gesellschaftliche Dynamik heute nicht mehr auffangen. Egal wie sie sich drehen und wie sie sich wenden: Sie sind gefangen in einem System, in dem Konkurrenz und Kooperation in einer Weise aufeinanderprallen, die handlungsfähige, stabile Regierungen sehr unwahrscheinlich machen.

Und das ist niemandes schuld. Alle schlauen „Partei X sollte vielleicht mal Y tun“-Empfehlungen laufen heutzutage ins Leere. Kein Parteistratege macht heutzutage irgendetwas falsch, wenn er die tolle Masterstrategie nicht finden kann, mit der man bedeutsamer Teil einer stabilen Regierung wird. Es gibt diese Strategie einfach nicht. Nicht mehr.

Die neue Situation erfordert vielmehr eine tiefgreifendere Weiterentwicklung unseres Polit-Systems, unserer politischen Verfahren und Institutionen. Es ist vielleicht an der Zeit, sich auch einmal klar zumachen, dass es in den ursprünglichen Formen der Demokratie gar keine Parteien gab.

Wir müssen möglicherweise nicht soweit gehen, ganz auf Parteien zu verzichten oder sie gar zu verbieten, aber es ist sicher an der Zeit, Parteien von dem zu entlasten, was sie heute nicht mehr leisten können: Die gesellschaftliche Vermittlungsarbeit zwischen Menschen, die sich in völlig verschiedenen privaten Situationen befinden und die dabei doch in einer Gesellschaft zusammenleben. Die sich also in ihren Lebensvollzügen wechselseitig berühren und beeinflussen und sich daher miteinander bewusst abstimmen müssen, soll es nicht ständigen Unfrieden, Streit und Krieg geben in einer Gesellschaft.

Diese gesellschaftliche Vermittlungsarbeit der Politik kann heute von den Bürgern selbst viel besser geleistet werden als von Parteien und Parteipolitikern.

Alles, was es dafür braucht, sind geeignete Formate bürgerschaftlicher Zusammenkunft. Doch dafür steht glücklicherweise mittlerweile ein großer Reichtum an vielversprechenden Formaten bereit.

Alles, was wir brauchen, um beherzt nach dieser Entlastung von Parteien zu greifen, ist zu realisieren, dass wir von Parteien etwas erwarten, was diese unter heutigen Bedingungen nicht mehr können. Dass also unsere Erwartungen an Parteien veraltet und von der gesellschaftlichen Entwicklung überholt sind.

Und vielleicht müssen wir uns auch eingestehen, dass wir es uns selbst mit unserer Präferenz, Demokratie ausschließlich vermittelt über Parteien zu organisieren, ein wenig zu einfach gemacht haben. Denn das ist möglicherweise schon immer ein bisschen all zu bequem für uns Bürger gewesen: Sich zurückzulehnen und wie ein reiner Konsument und Politik-Couch-Potato zuzuschauen, was Parteipolitiker jeweils für eine Show abziehen.

Wenn Parteien aus strukturellen Gründen und Systemeffekten heraus nicht mehr leisten können, was wir von ihnen erwarten, müssen wir Bürger aus unseren bequemen politik-verantwortungslosen Ecken kommen und selbst zu Politikern werden. Nicht zu Parteipolitikern selbstverständlich. Und ich rede auch nicht von einem Protestmarsch nach dem anderen (auch hier gibt es Abnutzungseffekte, außerdem ist der Aufwand für uns alle auf diese Weise viel zu hoch). Wir brauchen vielmehr jene Institutionen und Verfahren, die uns Bürger auf eine neue, andere Weise Politiker sein lassen, die aktiv mitreden, mitberaten und mitbestimmen und die dabei die Last für uns alle gerecht verteilen und in einem vertretbaren Aufwand halten. Wir brauchen heute eine verfassungsmäßige, reguläre Bürgerbeteiligung durch den gezielten Einsatz des Losverfahrens. Solche gelosten Bürgerversammlungen entlasten die Parteipolitik, vereindeutigen den Bürgerwillen und machen auf diese Weise konstruktive, lösungsorientierte Politik wieder möglich.

Denn was uns auch klar sein sollte: Es ist in unserer derzeitigen Situation ein Fehler, wenn wir es dem Bürger, also uns allen all zu bequem und einfach machen „an Politik teilzunehmen“. Online-Votings, Demokratie-Apps und Volksabstimmungen allein entlasten uns all zu sehr von der Informations- und Austauschpflicht, entlasten uns von all der Vermittlungsarbeit, die vernünftigerweise dem politisch-demokratischen Entscheiden vorausgeht.

Wir Bürger können diese notwendige Vermittlungsarbeit leisten. Parteien und Parteipolitiker können das heute nicht mehr. Wir leben im Zeitalter einer fortgeschrittenen gesellschaftlichen Differenzierung, die sich nicht mehr in Parteien stabil abbilden kann und die daher eine verfassungsmäßige Weiterentwicklung unserer Demokratie erfordert.

 

 

Glaubensbekenntnis des überzeugten Demokraten

Ich glaube an die Möglichkeit des Guten in allen Menschen als Bürgern.

Natürlich nicht an die aktuelle Wirklichkeit dieser Güte an jedem Ort zu jedem Zeitpunkt in der Geschichte der Menschheit, nein. Aber ich glaube sehr wohl daran, dass die menschliche Fähigkeit zu Kooperation, empathischer Aufmerksamkeit, tieferem Verständnis und der Bereitschaft, auf den anderen einzugehen und ihn zu unterstützen, uns allen angeboren und damit allgemein ist.

Und ich glaube auch an die Macht der Demokratie: Daran, dass sich diese menschlich-universellen Anlagen unter geeigneten Bedingungen zuverlässig aktivieren und nutzen lassen.

Ich glaube genauso daran, dass diese grundsätzliche und allgemeine Fähigkeit und Bereitschaft zur Kooperation sehr schnell verfällt, dass sie gestört, wirksam blockiert und beinahe unsichtbar wird, wenn diese geeigneten Bedingungen fehlen oder wenn sie für uns nicht sicher erwartbar sind.

Diese Bedingungen, von denen ich glaube, dass sie das Kooperative und Empathische in uns zuverlässig zum Vorschein bringen, sind:

1) Anerkennung als Bürger

Die Sicherheit für alle beteiligten Bürger, dass sie gehört, verstanden und berücksichtigt werden.

2) Raum für Relevantes

Zeit, Raum, Ruhe zu sagen, was wirklich wichtig für einen ist.

3) Sicherheit der Zugehörigkeit

Für die eigenen Gefühle und Bedürfnisse nicht verurteilt oder aus der Gruppe ausgeschlossen zu werden.

4) Körperliche Unmittelbarkeit des Austauschs und der Beratung

In einem physischen Raum unmittelbar zusammen zu sein, die anderen bei ihrer Rede mit allen Sinnen wahrnehmen zu können und genaus wahrgenommen zu werden. (Keine Reduktion der Kommunikation auf Text und Bilder, keine Zeitverzögerung, keine strukturelle Entkörperlichung der Kommunikation)

5) Zahlenmäßige Überschaubarkeit der unmittelbaren Gruppe

Nicht mehr als 150 Personen in einem Austausch, die direkten Gespräche in Kleingruppen, die nicht größer sind als 5 Bürger, so dass jeder regelmäßig zu Wort kommt.

6) Bewusste Vermeidung von Lager- und Frontenbildung

Ständig wechselnde Kleingruppen-Konstellationen innerhalb der größeren Gruppe, bewusste Vermeidung der Entstehung von fixierten Parteien und Interessengruppen. (Jeder-spricht-für-sich-Prinzip)

7) Regelmäßigkeit der Aussprache über Wichtiges, das alle oder doch viele betrifft

Vermeidung der Entstehung von „Politikstaus“, die gemeinsame Themen unnötig emotional aufladen. Sicherheit, dass über Politisches zeitnah geredet, beraten und entschieden wird; Sicherheit, dass nichts vertagt, bagatellisiert oder sonstwie unter den Teppich gekehrt wird, was für einen wichtig ist. Dass den eigenen Problemen also politische, gemeinsame Aufmerksamkeit und Lösungsbereitschaft sicher ist.

Unter diesen 7 Bedingungen, so glaube ich, erleben wir mit absoluter Sicherheit und Zuverlässigkeit „kooperative Menschen“, die gemeinsam neue Lösungen finden, die allen gerecht werden. Wir erleben uns selbst und unsere Mitbürger dann sehr anders, als wenn diese Bedingungen nicht gegeben sind. Wir erleben dann ein gänzlich anderes Miteinander.

 

Gesellschaft ohne Politik

Ich möchte an dieser Stelle die Sichtweise erläutern, dass wir derzeit – entgegen dem äußeren Anschein – in einer „Gesellschaft ohne Politik“ leben.

Diese Aussage setzt ein ganz bestimmtes Politikverständnis voraus, das man z.B. bei Hannah Arendt findet, und das man heute noch weiter entwickeln kann.

Dieses strengere und genauere Verständnis von „Politik“ setzt vor allem zwei Elemente voraus. Und beide sind in unserer derzeitigen Gesellschaft bisher nicht gegeben, wodurch wir sie zu einer politiklosen Gesellschaft machen:

1.) Politik braucht einen gemeinsamen Bezugspunkt. Naheliegenderweise kann man hier von einer „Polis“ sprechen. Aus sehr guten Gründen tun wir uns heute schwer, diesen gemeinsamen, alle Bürger einenden Bezugspunkt zu finden. Ohne einen solchen Bezugspunkt ist Politik aber gar nicht möglich. Das, was wir ohne einen solchen gemeinsamen Bezugspunkt „Politik“ nennen hat mit Politik im strengeren Sinne des Wortes nichts zu tun, sondern ist nur ein Ringen von privaten Interessen miteinander. Und ein solches ständiges Ringen ist eben der gerade Gegensatz von Politik. Auch wenn wir uns heute aus fehlender politischer Praxis heraus schwer tun, genau das zu verstehen. Gemeinwohlorientierung ist so schlicht gar nicht möglich und kann auch von niemandem erwartet werden. Von keinem von uns. Unter derzeitigen, unpolitischen Bedingungen überfordern wir uns völlig, wenn wir Gemeinwohlorientierung voneinander erwarten oder gar fordern.

2.) Politik braucht ständige aktive Beteiligung aller Bürger an der Politik. Gerade unter modernen Bedingungen mit einer Bürgerschaft voller gut entwickelter privater Unterschiede ist „Wegdelegation“ des Politischen an Berufspolitiker keine Lösung, die das Politische intakt lässt. Eine Polis, die nicht aus ihren Polítais besteht, ein Staat, der seine Bürger aus sich ausgrenzt und ihnen als rein äußerliche Größe entgegentritt, ist schlicht und einfach ein unpolitischer Staat. In einer Polis gehen die Bürger selbst im Allerheiligsten des Staates täglich ein und aus, und eben nicht ausschließlich Berufspolitiker und Lobbyisten.

Dass diese Misskonzeption des Staates in unserer derzeitigen, vorübergehenden weltgeschichtlichen Phase verbreitet ist, ändert nichts daran, dass sie ein völliges Unding ist. Im Grunde haben wir in der Moderne bisher nur „failed states“, weil nirgendwo auf der Welt die Bürger den Staat auch wirklich als „ihren“ empfinden und erleben. Und das ist ganz sicher kein privates Versagen der Bürger, sondern ein Versagen der politischen Institutionen, die wir in unserer Verfassung festgelegt haben, und die all zu gut dazu geeignet sind, uns als Bürger außen vor zu lassen und uns von unserem eigenen Staat zu entfremden. (Ob die Schweiz zu all dem eine Ausnahme ist, überlasse ich sehr gern dem Urteil von Bürgern der Schweiz).

Die einzige Art, wie wir die bisher fehlende, aber absolut notwendige, ständige, gleiche und aktive Beteiligung aller Bürger unter modernen Bedingungen einigermaßen gewährleisten können, ist das demokratische Losverfahren.

Es ist die heute unhintergehbar gewordene Modernität der Gesellschaft selbst, die dafür sorgt, dass in unseren Tagen „Existenz einer vollständigen Demokratie“ und „Existenz von Politik im strengen Sinne des Wortes“ identisch sind.

Ohne eine Vervollständigung unserer Demokratie um ihr Kernelement: um die absolute POLITISCHE Gleichheit der Bürger, wie sie nur durch das Losverfahren geleistet werden kann, werden wir keine politische Gesellschaft mehr erleben. Weil wir keinen Begriff von Politik haben, haben wir auch keinen Begriff von politischer Gleichheit und davon, dass sie etwas ganz und gar anderes ist als private Gleichheit. Ständig wird von uns daher um private Gleichheit gerungen. Dass es auch eine politische Gleichheit gibt, die dieses Ringen beendet, weil sie es erübrigt, kommt uns dabei keine Sekunde lang in den Sinn.

Wir erleben so keine Politik, sondern wir erleben nur ständiges Misstrauen, ständigen Streit und einen ständigen heimlichen Bürgerkrieg zwischen den Bürgern. Und all das nennen wir dann in unserer politischen Ahnungslosigkeit „Politik“. Wir wissen heute nicht, dass es auch eine geeinte Bürgerschaft geben kann und wie man diese Einigung dauerhaft herstellt. Aber mit Blick auf die Geschichte könnten wir das durchaus wissen: Eine geeinte Bürgerschaft, in der die Bürger sich wechselseitig vertrauen und sich das Beste zutrauen, ist nur über regelmäßige geloste Zusammenkünfte erreichbar. Durch diese regelmäßigen Zusammenkünfte der Bürger als Bürger entsteht das Gemeinwesen, die „Polis“ überhaupt erst. Das Gemeinwesen ist nicht vorgängig oder nachträglich zu diesen Zusammenkünften. Es ist gleichzeitig mit diesen Zusammenkünften. Es konstituiert sich in diesen Zusammenkünften der Bürger. Wir können sagen: Es ist zugleich der Prozess dieser Zusammenkunft, ihre Grundlage und ihr Zielpunkt. Hören diese Zusammenkünfte auf, hört das Gemeinwesen auf. Beginnen diese Zusammenkünfte im Losverfahren und werden sie verfassungsmäßig und dadurch regelmäßig, dann beginnt das Gemeinwesen.

Seit dem antiken Vorbild der attischen Demokratie hat sich freilich viel getan. Die wichtigsten Punkte sind dabei: Die Unterschiede in der Bürgerschaft haben zugenommen, sie sind tiefer und vielfältiger geworden. Und zugleich haben unsere Ansprüche an die Zugehörigkeit zur Bürgerschaft und an aktive Mitbestimmung zugenommen. Wir können keine Sklaverei mehr dulden. Wir können nicht mehr mit dem Ausschluss von Frauen, jungen Menschen, Besitzlosen, usw. aus dem Bereich des Politischen leben. Beide Entwicklungen sind das Eigenrecht der Moderne: Sie machen die Moderne Gesellschaft zu dem, was sie ist. Und sie machen unsere Gesellschaft zugleich zu einer ganz einmaligen, neuartigen Sache in der menschlichen Weltgeschichte. Die deutliche, klare und unübersehbare Unterscheidung von Politischer Gleichheit von Privater Gleichheit ist daher gerade heute zentral für die Konstitution des Politischen Raums. Wir können private Ungleichheit als Menschen sehr gut aushalten und sogar genießen, wenn wir politische Gleichheit haben. Die gleichmäßige politische Mitbestimmung aller ist das, was die tiefen und vielfältigen Unterschiede zwischen uns tragen kann.

Und diese politische Gleichheit: eine wirkliche, spürbare Demokratie, bekommen wir nur über die verfassungsmäßige Institutionalisierung des Losverfahrens im Herzen der Demokratie, im Herzen des Politischen.

Die verfassungsmäßige Verankerung des Losverfahrens ist die Lösung für beide Mankos, unter denen die Moderne Gesellschaft bisher leidet, unter denen wir bisher alle miteinander leiden:

1.) Das Fehlen der Möglichkeit eines gemeinwohlorientierten Gemeinschaftshandelns

2.) Das Fehlen einer gleichen und gleichmäßigen Inklusion aller Bürger in die aktive Bestimmung des Schicksals dieser Gemeinschaft

Politische Selbstbestimmung

Anhand der derzeit diskutierten Frage nach den Kita-Gebühren (wir berichteten hier bereits 😉 ) kann man schön zeigen, was politische Selbstbestimmung ist und warum sie jenseits der politischen Lagerbildungen aka „Parteien“ liegt:

Wie läuft es derzeit? Bestimmte Parteien in bestimmen Bundesländern haben bestimme Vorstellungen, „was für die Eltern und den Staat (i.e. wir alle) gut ist“, setzen diese um – und erklären uns dann hinterher in der Öffentlichkeit, warum genau das Beste für uns alle ist. – So geschehen z.B. heute Morgen in einer Radiosendung mit der bayerischen Familienministerin.

Für Eltern mit Kindern genauso wie für alle anderen Mitbürger heißt das, dass sie nur die Wahl haben, auf unterschiedliche Weise politisch fremdbestimmt zu werden. Wir können also nur die „Fürsten“ wählen, die uns „regieren“. Insofern ist die Bezeichnung „Wahl-Aristokratie“ für unser derzeitiges Politsystem tatsächlich nicht ganz falsch.

Wie sähe im Unterschied dazu politische Selbstbestimmung aus?

In einer wirklichen Demokratie wären wir alle in jede politische Entscheidung von Anfang an eingebunden. Das Losverfahren würde eingesetzt, um Gremien zu schaffen, in denen die Bürger selbst zunächst einander beraten, sowie verschiedenste Experten und gerne auch Berufspolitiker zu dem fraglichen Thema hören, bevor dann sie selbst entscheiden, was sie jeweils für das Beste für sich halten. Das, und nichts anderes, wäre politische Selbstbestimmung.

Die „Vermittlungsarbeit“ der Politik verlagerte sich von einem top-down-Prozess der Parteipolitiker, die glauben, dass sie für das politische Agenda-Setting zuständig seien, hinein in die Bürgerschaft. Mit anderen Worten: Die Bürger würden sich hauptsächlich selbst ihre Bedürfnisse, Wünsche, Sorgen und Ängste vermitteln. Die politische Vermittlungsarbeit liefe nicht über die Bande von Parteien. – Berufpolitiker könnten diesen auf diese Weise seriös ermittelten „Willen der Bürger“ aufnehmen und wären befreit von der Unsicherheit, wissen zu müssen, „was den die Bürger eigentlich wollen“, aber das im Grunde gar nicht wissen zu können, sondern hinterher uns einreden zu müssen, was gut für uns sei. Nachdem die politische Entscheidung bereits gefallen ist.

Politische Selbstbestimmung fällt also damit zusammen, dass wir die Souveränität der Bürger nicht nur theoretisch behaupten, sondern dass wir diese Souveränität der Bürger operationalisieren, die wir auf dem Papier schon längst alle anerkennen. Politische Selbstbestimmung erfordert politische Verfahren und Institutionen, in denen erkennbar und spürbar wird, was von den Bürgern gemeinsam im Moment gewollt wird.

Die politische Agenda unserer Gesellschaft wird durch solche demokratische Institutionen unmittelbar rückgekoppelt an das, was uns gemeinsam als Bürgerschaft im Moment sowohl dringlich als auch wichtig erscheint. Alle menschlich relevanten Aspekte werden dabei systematisch berücksichtigt: Langfristige und kurzfristige Bedürfnisse, die Bedürfnisse aller gesellschaftlicher Akteure.

Dass das nicht möglich sei, erscheint uns nur von unseren bisherigen Institutionen und Verfahren her so, an die wir uns gewöhnt haben. Wir haben uns also daran gewöhnt, dass diese Vermittlungsarbeit nicht stattfindet, weil wir sie an Instanzen ausgelagert haben, die diese Arbeit gar nicht leisten können, sondern nur behaupten, sie zu leisten. Von dieser unserer Gewöhnung an politische Fremdbestimmtheit her haben wir tausend Zweifel an im Losverfahren bestellte Bürgerversammlungen. – Diese Zweifel lösen sich aber unmittelbar auf, sobald man ihre Arbeit einmal in der Praxis beobachtet und erfahren hat. In ein geeignetes, ruhiges, konkurrenz-stilllegendes Setting gebracht, entscheiden wir Bürger weitaus vernünftiger, besonnener und weitsichtiger als wir uns das im Moment alle zutrauen. Offenbar muss man das aber einmal erlebt haben, um es auch wirklich fassen zu können, dass wir uns in gelosten Bürgerversammlungen wirklich so verhalten.

Wir erkennen dann: Wir haben es uns die ganze Zeit über sehr schwer gemacht in der Politik. Sowohl uns als Bürgern als auch den Berufspolitikern, die in unseren Diensten stehen. Und das völlig überflüssigerweise. Wir hätten es uns auch schon die ganze Zeit über sehr viel leichter machen können. Das ist vielleicht das Bitterste an der Einsicht in die ganz reale Möglichkeit vollkommener politischer Selbstbestimmung.

Was dann in der Kinderbetreuungsfrage rauskäme, wäre zunächst offen. Es wäre nicht dieses, es wäre nicht jenes, was uns unterschiedliche Parteien heute vorstellen. Es wäre genau das, was wir Bürger selbst entscheiden, nachdem wir alle gleiche Chancen hatten, mitzuhören, mitzusprechen, mitzuberaten und mitzuentscheiden. Und garantiert kämen wir in solchen Formaten noch auf ein paar weitere Ideen, auf die Parteipolitiker von Parteiräson wegen gar nicht kommen können, dass die Bürger das wollen könnten und sich darauf einigen können.

Wenn wir den Bürgerwillen in politischen Sachfragen auf diese Weise feststellen, könnten sich die armen Berufspolitiker die lästige Vermittlungsarbeit im Nachhinein gänzlich sparen und sich stattdessen voll und ganz um die Umsetzung des Bürgerwillens kümmern. Sie könnten sich auf’s Wesentliche konzentrieren, weil dann klar ist, was das für uns Wesentliche überhaupt ist.

Na, ist das nicht ein Angebot?

Die Stadt

„Nein, Herr Lipwig, du hast nur dein eigenes Todesurteil unterschrieben“, gab Vetinari zurück. Seine Stimme war plötzlich so kalt und tödlich wie ein fallender Eiszapfen. „Du hast unterschrieben, dass du am Galgen sterben wirst, weil du Verbrechen gegen die Stadt begangen hast, gegen das Gemeinwohl, gegen das Vertrauen zwischen Mitmenschen. Und du wurdest ins Leben zurückgeholt, weil die Stadt dich brauchte. Hier geht es um die Stadt, Herr Lipwig. Es geht immer nur um die Stadt. Dir ist natürlich bekannt, dass ich Pläne habe?“ (Terry Pratchett, „Schöne Scheine“)

Ja, es geht Vetinari um die Stadt. Und das, obwohl er der Tyrann von Ankh-Morpork ist. Und man versteht plötzlich, warum es einmal die Vorstellung gegeben hat, dass es eine Politik ohne Demokratie geben könne: Die ewige Fantasie „des guten Königs“ oder des „guten Diktators“ nährt diese Vorstellung von der Trennbarkeit von Politik und Demokratie.

Wir Heutige haben eher das Umgekehrte: Eine Demokratie (wenn man das so nennen will) ohne Politik. Gemeinwohlorientierung kennen wir nicht. Nicht die Gemeinwohlorientierung eines einzelnen „guten Herrschers“, und auch nicht eine Bezogenheit aller Bürger auf das Gemeinwohl, das ja eigentlich ihr eigenes Wohlergehen ist.

Freilich ist das im Grunde Unsinn: Eine Demokratie ohne Politik kann es genausowenig geben wie eine Politik ohne Demokratie, die von einem selbstlosen Individuum abhängen würde, das alle Bürger in ihrer Verschiedenheit versteht und den Bürgern in ihrer Verschiedenheit vollkommen gerecht wird. Ein übermenschliches Individuum, das all die Vermittlungsarbeit leistet, die geleistet werden muss, damit Bürgerkriege nicht die Regel sind. Ein solches Individuum gibt es nicht und kann es unter modernen Bedingungen auch gar nicht geben. – Außer natürlich in einem fantastischen Roman, dort ist so ein fantastisches Individuum möglich. Und ziemlich lustig.

Dennoch haben wir das Kunststück fertiggebracht, von „Demokratie“ zu sprechen, während wir die Politik soweit wie nur möglich von uns ferngehalten haben.

Dem Satz „Es geht um die Stadt. Es geht immer nur um die Stadt“ kann man daher heutzutage durchaus länger nachhören. Denn er könnte ein Angebot an uns sein. Ein Bezugspunkt. Und ein Grund für eine neue Art von Gemeinschaft, wie wir sie heute nicht mehr kennen.

„Neu“ und „nicht mehr“? Wie soll das zusammengehen?

Ich gehe davon aus, dass es eine heimliche, derzeit nur selten merkliche Sehnsucht nach einer Form von Zugehörigkeit in uns gibt, die unser privates Streben und unsere privaten Beziehungen übersteigt. Doch wir können den Bezugspunkt für diese Art von Zugehörigkeit nicht finden.

Und das nicht ohne Grund (wir sind ja alle nicht dumm): Denn alle Angebote, die man uns gibt oder die wir uns selbst erfinden könnten, sind Auslöschungen unserer Individualität und Verschiedenheit. Egal ob „Nation“, ob „Religion“, ob „Klasse“, ob „Beruf“, ob „Geschlecht“, ob „Wohnort“ oder „Familienstand“: Wir sind in diesen Formen von „Allgemeinheit“ nicht in unserer Besonderheit anerkannt. Immer nur in einem Aspekt, aber niemals in der Fülle unserer Besonderheiten, die wir eben manchmal „unsere Individualität“ nennen. Würden wir irgendeines dieser Konzepte politisch überhöhen und zum allgemeinen Prinzip erklären, aus dem in Zukunft unser Wohlergehen hervorzugehen hat, müssten wir uns sozusagen Teile aus uns herausschneiden, sie verleugnen oder für unerheblich erklären.

Alle Kandidaten für eine allgemeine Form, für „die Stadt“, die uns bisher einfallen, begründen daher immer nur unsere Unterordnung, Fremdbestimmung und Beherrscht-Werden.

Und weil wir eben nichts Allgemeines, keine Begründung von Gemeinwohl kennen, die nicht reine Unterdrückung wäre, meiden wir die Errichtung einer solchen Instanz überhaupt. Wir nennen es „den liberalen Staat“, aber das hat gerade nicht verhindert, dass wir ständig Fremdbesimmtheit durch diesen „unseren“ Staat erleben.

Man muss es in diesen Tagen immer dazu sagen: Das ist eine strukturelle Analyse, keine Verschwörungstheorie. Die Fremdbestimmtheit, mit der wir leben und die wir alle gemeinsam erzeugen, ist kein „Masterplan“ irgendeiner „herrschenden Klasse“, auch wenn das „von unten“ manchmal so aussehen kann. Wir leben vielmehr in einer Gesellschaft, in der alle, ohne Ausnahme, unfrei sind. Und der Grund dafür ist eben der: Es fehlt uns bislang eine Instanz, die allgemeine Freiheit überhaupt begründen und gewährleisten könnte.

Dort wo die Polis sein sollte, ist also eine Leerstelle in unserer Gesellschaft. Wir haben gute Gründe, diese Stelle leer zu halten und sie lieber mit Nichts zu füllen als mit irgendeiner Sache. Doch das rettet uns nicht. Vielmehr drängt immer wieder alles Mögliche hinein und „bewirbt“ sich darum, dieses Loch in der Gesellschaft zu füllen. Wir haben alle Hände voll damit zu tun, es zurückzudrängen und herauszuhalten. Wir sind in einem permanenten Abwehrkampf gegen alle Arten von „Tyrannis“ gefangen. Und immer ist die Gefahr gegeben, dass wir diesen Kampf gegen uns selbst auch mal wieder verlieren.

Mittlerweile, da das nun schon sehr lange so geht, haben wir uns an diesen ständigen Abwehrkampf gewöhnt. Wir halten ihn für „normal“ oder unabänderlich. Wir haben nicht nur die Hoffnung, sondern auch überhaupt die Vorstellung davon aufgegeben, dass es unter modernen Bedingungen eine Polis geben könnte.

Doch es scheint so zu sein, dass der Politikverzicht, für den wir uns damit entscheiden, keine dauerhafte Wahl für uns ist. Das Politische lässt sich nicht ausklammern oder wegerklären. Es lässt sich noch nicht einmal weginstitutionalisieren.

„Die Stadt“, so können wir sagen, ist ein unverlierbarer Teil von uns. Dieser Teil mag im Außen derzeit keine Entsprechung finden, keine verfassungsmäßigen Institutionen. Doch die Leerstelle verschwindet nicht, sie bleibt uns auch trotz all unserer Abwendung von ihr erhalten.

Freundlich gesprochen wartet die Stadt einfach auf uns. Bis wir soweit sind, uns wieder auf sie zu beziehen, sie uns zu eigen zu machen und zu verstehen, dass wir selbst die Stadt sind.

Die Möglichkeit der Stadt verschwindet nicht, wenn wir sie nicht zwischen uns errichten. Sie verschwindet auch nicht, wenn wir uns von ihr abwenden oder sie für unrealisierbar erklären. Sie verschwindet auch nicht davon, dass wir sie nicht kennen oder nicht verstehen, was überhaupt mit „Stadt“ gemeint sein könnte.

Die Stadt ist „ewig“ in dem Sinne, dass sie solange exisitiert, solange „Menschen“ existieren: Selbstreflexive Wesen, die sich empathisch miteinander verbinden und dadurch gemeinsam handeln können.

Die Vernunft in der Geschichte

Es ist entweder unglaublich schwer ein Hegelianer zu sein oder all zu leicht. Die allzu leichte Variante lautet: Alles ist gut, wird sich rückblickend als gut erwiesen haben. Vernunft in der Geschichte lässt sich immer finden. Diese Kalenderspruchweisheit hat mit der Arbeit der Philosophie, wie sie Hegel sich vorgestellt hat, wahrscheinlich nicht gar so viel zu tun. Ohne diese Arbeit ist vielleicht die Geschichte von Vernunft durchdrungen, aber nicht die Philosophie als Tätigkeit, sich dieses Vernunft nachdenkend und aussprechend anzueignen. „Objektive Wahrheit ohne instant Zugänglichkeit für das Subjekt“ könnte man das nennen.

Hegel hat das Prinzip, dass und wie die Philosophie die Vernunft in der Geschichte findet, bei Aristoteles mindestens vorgebildet gefunden, wie Joachim Ritter sehr deutlich gezeigt hat.

„Vernunft in der Geschichte“ ist daher eine Zumutung. Denn sie mutet der Philosophie zu, sich erarbeiten zu müssen, was in der Geschichte wesentlich ist und was unwesentlich. Diese „wesentliche Geschichte“ allein ist gemeint, wenn zumindest bei Hegel von „Weltgeschichte“ die Rede ist.

Die Geschichtswissenschaft hat sich von solcher Anmaßung von Urteilskraft über Wesentliches und Unwesentliches schon lange gelöst. Ich selber habe ihr vor nun ca. 20 Jahren direkt dabei zuschauen dürfen, also: wie sich die Arbeit von Historikern vollzieht und welchen Sinn für Details jenseits von „wichtiger und weniger wichtig“ sie entwickelt hat. Alles, worüber man mit Blick auf das, was wir manchmal „Fakten“ nennen, Geschichten erzählen kann, eignet sich als Gegenstand der Geschichtswissenschaften. Und dass es die Geschichten selbst sind (die „Frames“, wie heute manchmal gesagt wird), die uns Fakten überhaupt finden oder wichtig finden lässt, macht die ganze Geschichte zu einer überaus interessanten Angelegenheit.

Der Mensch als ein Wesen mit begrenzter Zeit und – noch wichtiger – begrenzter Aufmerksamkeit steht unter dem Gesetz, dass alles, dem er sich zuwendet, für ihn „wesentlich“ wird. Allein die Zuwendung selbst ist eine performative Wertung eines Gegenstands als „wesentlich“ – und eine Abwertung aller anderen Gegenstände, die diese Zuwendung nicht erfahren als zumindest „unwesentlicher“. Wertungsfreiheit ist uns als Menschen leider nicht gegeben. Wir müssen über das, dem sich unsere Aufmerksamkeit zuwendet, ständig Entscheidungen treffen. Und dieser Entscheidungszwang kann nicht suspendiert werden. Außer vielleicht durch extreme Not.

Auch die Philosophie kann mit der Vernunft in der Geschichte nicht mehr viel anfangen. Scheint sie sich doch durch den Massenmord, die Massenfolter und die tiefe Unmenschlichkeit im 20. Jahrhundert selbst als völlig amoralisch zu diskreditieren, wenn sie in all dem immer noch die Vernunft sucht – und, schlimmer noch!, vielleicht sogar findet. Alle Vernunft in der Geschichte erscheint uns wie eine Rechtfertigung unserer vergangenen Verbrechen und dann eben auch: unserer zukünftigen Verbrechen. Nach dem Prinzip: Der Zweck („die Vernunft in der Geschichte“) heiligt die Mittel (vollkommene Entmenschlichung von Opfern und Tätern dieser Geschichte).

Die großen Linien werden freilich immer noch gesucht und auch gefunden. Sie nennen sich nur nicht mehr „die Vernunft in der Geschichte“, sondern erscheinen pragmatisch geläutert.

Vor diesem Hintergrund erscheint es als durchaus problematische Forderung, wieder „große Geschichten zu erzählen“ oder gar „positive Visionen für unsere Gesellschaft“ zu entwickeln.

Denn diese Geschichten können nicht ohne Bezugnahme auf unsere Vergangenheit erzählt werden, bewerten diese und bewerten auch Details in dieser Vergangenheit als „wichtiger“ oder „unwichtiger“.

Jede emphatische Vision unserer Zukunft, so könnte man meinen, enthält zumindest implizit ihre kleine Philosophie der Weltgeschichte. Ob sie die ganze Geschichte, mit allem, was es da zu erwähnen gegeben hätte, nun „durchdrungen“ hat oder nicht. Denn wie wir spätestens seit Nietzsche wissen, kann auch das Vergessen als Tugend angesehen werden, die Menschen eine Zukunft überhaupt ermöglicht. Oder nüchterner: Die Frage ist nicht, ob vergessen wird oder nicht, sondern was vergessen wird und was nicht. Und was das jeweils für Folgen für uns hat. Konstruktion der Zukunft und Konstruktion der Vergangenheit gehen Hand in Hand. Und immer sind sie gespeist von den erfüllten und unerfüllten Bedürfnissen der Gegenwart, die ihr Recht fordert „und die Geschichte umschreibt“. – Scheinbar arbeitet sogar unser eigenes, individuelles Gehirn auf diese Weise.

Jeder Geschichte unserer Welt, jede Geschichte der Menschheit, der Politik, usw. erfindet sich daher eine Zukunft mit, die ihrer Logik folgt. Ob Verfallsgeschichte, dramatische Wendung, ewiger Kampf, dialektische Steigerung, etc. Die dramatischen Mittel und möglichen Strukturprinzipien eines solchen Geschichtenerzählens sind begrenzt und aufzählbar. Das „Material“ des Geschichtenerzählens ist unüberschaubar und unbegrenzt, aber die grundsätzlichen Arten, wie man Geschichten erzählen kann, sind endlich und überschaubar. Es gibt nicht gar so viele Erzähllogiken. Und das heißt für uns: Auch wenn wir „Weltgeschichten“ erzählen, müssen wir uns bei ihrer Struktur für eine aus wenigen Möglichkeiten entscheiden.

Diese unsere Erzählungen und die ihnen zugrunde liegende Eigenlogik bestimmen unsere „weitere Geschichte“ sicher nicht in der Form einer kausalistischen Determination. Aber sie bestimmt unsere Zukunft sicher mit, indem sie in spezifischer Weise unsere begrenzte Aufmerksamkeit fokussieren, unsere Energien bündeln und bestimmtes menschliches Verhalten wahrscheinlicher und anderes unwahrscheinlicher machen.

Man könnte also auch sagen: Vorsicht vor Geschichte! Vorsicht vor den Geschichten, die wir uns erzählen! – Denn eine „Vernunft“ findet sich in jeder einzelnen von ihr. Es fragt sich jeweils nur welche. Und was sie aus uns macht. Was wir mithilfe dieser Geschichte aus uns machen.

Ich z.B. wünschte mir, da ich einen recht speziellen Begriff von „Vernunft“ habe, ich wäre besser darin, Geschichten zu erzählen, in denen die Gefühle und Bedürfnisse von Menschen vorkommen und für uns greifbar werden. Doch ich vermute, dass die Filmemacher, Podcaster, Youtuber und Romanciers dieser Welt in dieser Hinsicht einen uneinholbaren Vorsprung haben. Ob das allerdings „gute Geschichten“ sind, also Geschichten, mit denen wir uns selbst zu einer Zukunft verhelfen, die wir auch haben wollen, weiß ich nicht. Manchmal zweifle ich als Geschichtensüchtiger doch sehr daran. Doch es gibt auch andere Geschichten, von denen ich finde, dass sie oft erzählt werden und möglichst viel Aufmerksamkeit bekommen sollten.

Eine handelt vom Klimawandel.

Und eine handelt ausschließlich von uns.

Es scheinen mir Geschichten zu sein, die Vernunft in die Geschichte bringen, indem sie vernünftigerweise unsere Bedürfnisnatur als Menschen würdigen: Nicht nur unser unersättliches Bedürfnis nach Geschichten. Sondern unser Bedürfnis nach Geschichten, in denen sowohl unsere menschlich-allzumenschlichen Bedürfnisse vorkommen als auch unsere Fähigkeiten, diesen unseren Bedürfnissen handelnd gerecht zu werden. Es sind Geschichten, die uns bewusst nicht zu „Helden“ machen, die aber durchaus einen Platz für uns in ihnen als Akteure vorsehen. Akteure, die im Zuge der Handlung vielleicht kein „happy end“ erleiden, aber doch hinterher etwas besser dastehen als vorher. Realistische „Erfolgsgeschichten“ oder „Entwicklungsgeschichten“ sozusagen. Von Heldengeschichten möchte zumindest ich in aller Entschiedenheit abraten, vor allem wenn es um die Weltgeschichte geht.

Solche heldenfreie Geschichten der Menschengemeinschaft sind weitaus anspruchsvoller als es sich vielleicht anhört.

Aber es hat ja auch nie jemand behauptet, dass „Vernunft in der Geschichte“ keine Arbeit sei.